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»Sonst nehmen wir Ihre Kinder weg«

aus DER SPIEGEL 15/1992

Wenige Stunden nach der abenteuerlichen Flucht des Stasi-Oberleutnants Werner Stiller in den Westen klingeln zwei finster blickende Männer von Erich Mielkes Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Stillers Ehefrau Erzsebet aus der Badewanne.

Die Frau, damals 28, von Stiller nicht in die Fluchtpläne eingeweiht, erschrickt. Sie glaubt, ihr Mann »ist tot oder ihm ist irgend etwas anderes Schlimmes passiert«.

Doch auf ihre angstvollen Fragen erhält sie keine Antwort; dafür wird sie stundenlang ins Kreuzverhör genommen. Die Männer wollen alles wissen über Stillers Freunde, Verwandte, das gemeinsame Privatleben und vor allem über den Aufenthaltsort des verschwundenen Kollegen.

Auch in der folgenden Nacht geht die Ausfragerei weiter. Und jedes Mal, wenn an der Wohnung im Ost-Berliner Stadtteil Johannisthal, Sterndamm 34, geschellt wird, stellt sich einer der Stasi-Offiziere mit gezogener Pistole hinter die Tür.

Erst am nächsten Morgen, am 19. Januar 1979, »so um sechs Uhr«, erfährt die Mutter zweier Kinder, die damals elf Monate und sieben Jahre alt sind, was los ist. Ein MfS-Offizier ("er nannte sich Klaus") erscheint und eröffnet ihr: »Frau Stiller, Ihr Mann hat Republikflucht begangen.«

»Das Wort, das war für mich das Aus«, erinnert sich die Frau heute, »mein erster Gedanke war, jetzt nehmen die mir die Kinder weg.« Sie bricht zusammen, wird ohnmächtig, »weiß nur noch, daß ich irgendwo lag und ein Arzt kam«.

Kurz darauf werden sie und ihre Kinder weggebracht und bei einem älteren Ehepaar in der Nähe von Wandlitz nördlich von Berlin einquartiert. »Da haben sie mir Fingerabdrücke abgenommen«, berichtet die Frau, und es gibt immer wieder Verhöre; sie darf nicht telefonieren und »weder fernsehen noch Radio hören«. Etwa zehn Tage ist sie dort »regelrecht eingesperrt, ich habe nächtelang nicht geschlafen und nur geheult«.

Anschließend werden Frau Stiller und die Kinder bei einer anderen Familie in einer Bungalowsiedlung, ebenfalls in der Nähe von Wandlitz, untergebracht, doch die Verhöre und Schikanen der Stasi-Ermittler gehen weiter. Einmal kommen sie mit einer Kiste voller Schmuck, die angeblich aus dem zurückgelassenen Wagen Stillers stammt; sie soll sagen, was ihr davon gehört. Frau Stiller heute: »Ich hatte so etwas überhaupt nicht.«

Ein anderes Mal zeigen sie ihr ein Foto, auf dem ein Mann und »eine mir sehr ähnlich sehende Frau« in eindeutiger Aktion sind - »ein richtiges Pornobild«. Die MfSler behaupten, das Foto zeige Frau Stiller mit ihrem Liebhaber - »alles gelogen«, sagt sie heute, »die haben mich hingestellt wie den letzten Dreck«.

Wochenlang ist es Frau Stiller untersagt, Verbindung zu ihren ungarischen Eltern aufzunehmen; als sie denen einen ersten Brief schicken darf, diktiert die Stasi das Schreiben.

Zu ihrer Schwiegermutter und zu Stillers Schwester ist ihr sogar bis zur Wende jeglicher Kontakt strengstens verboten. Briefe und Päckchen, die von der Oma und der Tante etwa zu Weihnachten an die Stiller-Kinder geschickt werden, beschlagnahmt die Stasi schon im Postamt.

Sämtliche Fotos, auf denen Stiller zu sehen ist, werden der Frau abgenommen - vom Hochzeitsbild bis zu den Urlaubsdias an der Ostsee, »wo wir immer FKK gemacht haben«. Und immer wieder wird der Frau gesagt, daß ihr Mann »zum Tode verurteilt« worden sei: »Wir kriegen ihn, und wenn an Ort und Stelle die Todesstrafe vollstreckt wird.«

Die Stasi zwingt Frau Stiller, sich scheiden zu lassen und ihren Mädchennamen wieder anzunehmen. »Ich wollte nicht«, sagt sie heute, obwohl sie zeitweilig ihren Mann »richtig gehaßt« habe. Ihr wird verdeutlicht, daß sie keine Alternative hat - »sonst nehmen wir Ihre Kinder weg«.

Im März 1979 muß sie in eine andere Stadt umziehen, darf aber weder nach Leipzig noch nach Halle, weil dort Verwandte leben. Ihre Wohnungseinrichtung in Johannisthal wird von Angehörigen des MfS-Wachregiments abgeholt. »Das ging ratzpatz«, erinnert sich ein Nachbar, »und alles war weg.«

Der Chemikerin, die heute als Umweltingenieurin tätig ist, werden ein Arbeitsplatz und eine Wohnung zugewiesen. Sie wird vergattert, mit niemandem über ihre Vergangenheit zu reden - und wieder wird der Frau gedroht, daß sonst ihre Kinder in ein Heim gesteckt würden.

Auf der neuen Arbeitsstelle bekommen die Kollegen schnell mit, daß die Stasi sich intensiv um die Neue kümmert. Bald wird über »die rote Socke« gemunkelt, man vermutet eine Zusammenarbeit mit dem MfS.

»Ich bin sicher«, sagt die Frau, »daß manche meiner Arbeitskollegen noch heute glauben, ich sei ein Spitzel gewesen.« Damals hätte sie sich »am liebsten auf den Hof gestellt und geschrien, wer ich wirklich bin«.

Wenig verhohlen wird sie von der Stasi auch mal angegangen, doch mitzumachen bei der »Firma«, vielleicht auch gegen ihren Mann zu arbeiten. Doch sie wehrt ab: »Ich will niemals mehr mit dieser Sache zu tun haben.«

Jahrelang findet die Frau kein Vertrauen zu anderen Menschen, sie denkt an Selbstmord, erkrankt schwer. Stets weiß sie sich überwacht, denn die Stasi hofft bis zuletzt, daß Stiller sich mal meldet und der Verräter so vielleicht gefunden werden kann.

Später heiratet sie erneut, studiert im Fernkurs Ingenieur und wohnt auch heute noch in der ehemaligen DDR. Daß ihr Ex-Mann lebt, erfährt sie erst kurz vor der Wende, bei einem Ungarn-Aufenthalt via Westfernsehen, das sie dort empfangen kann.

Nach der Wende erst bekommt sie eine Abschrift des Abschiedsbriefes von Stiller ("Wenn Du diesen Brief erhältst, ist alles längst entschieden"); den Brief und darin verpackt 10 000 DDR-Mark hatte der Doppelagent kurz vor seiner Flucht an einen Verwandten adressiert - beides konfiszierte die Stasi.

Im April 1989, sieben Monate vor der Maueröffnung, fährt Stiller erstmals wieder ins sozialistische Ungarn zu Verwandten seiner Ex-Frau. Die aber muß einen geplanten Besuch dort absagen und weiß auch gar nichts von dem heimlichen Trip Stillers.

So sehen sich die Ex-Eheleute erst im Sommer 1990 in Frankfurt wieder, »da haben wir zunächst mal allein miteinander gesprochen«, sagt die Frau ohne Groll. Am 3. Oktober, beim Geburtstag von Stillers Mutter am Tag der deutschen Einheit, treffen auch die heute 20jährige Tochter Edina und der 14jährige Sohn Andreas den Vater wieder.

»Die Kinder«, sagt die Mutter, »lieben den Vater über alles - sie sind jetzt sogar ein bißchen stolz auf ihn.«

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