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»SONST SCHLAFEN UNS DIE FÜSSE EIN«

aus DER SPIEGEL 20/1968

SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein in SPIEGEL Nr. 17/1968:

Die zwei Toten der Ostertage gehen auf das Konto des SDS, daran gibt es keinen Zweifel.

Günter Graß in einem Interview der »Abendzeitung«, München. am 2. April 1968:

Die Studenten haben nach dem Attentat genau das gemacht, was die Springer-Presse von ihnen erwartet. Sie haben Kopf und Konzept verloren und bilden jetzt eine ungeheure Angriffsfläche. Stellen Sie sich vor, der SDS hätte nach dem Attentat auf Dutschke erklärt: »Wir verzichten zwei Tage auf jede Demonstration, weil wir genau wissen, daß Springer mitschuldig ist an dem Attentat auf Dutschke. Weil so viel Zorn aufgespeichert ist, daß wir mit unseren beschränkten Organisationsmöglichkeiten nicht in der Lage sind, gewalttätige Übergriffe zu verhindern.« Mit solch einem Verhalten hätten die Studenten Einsicht bewiesen, an der es dem von ihnen angegriffenen Establishment mangelt. Bundesjustizminister Gustav Heinemann am 14. April 1968:

Zu den Grundrechten gehört auch das Recht zum Demonstrieren, um öffentliche Meinung zu mobilisieren. Auch die junge Generation hat einen Anspruch darauf, mit ihren Wünschen und Vorschlägen gehört und ernst genommen zu werden. Gewalttat aber ist gemeines Unrecht und eine Dummheit obendrein. Es ist eine alte Erfahrung, daß Ausschreitungen und Gewalttaten genau die gegenteilige öffentliche Meinung schaffen, als ihre Urheber wünschen. Das sollten, so meine Ich, politisch bewegte Studenten begreifen und darum zur Selbstbeherrschung zurückfinden.

»Süddeutsche Zeitung«, München, am 20. April 1968:

Nach dem, was in der letzten Woche geschehen ist, gibt es keine Entschuldigung mehr für generalstabsähnlich vorgehende Aktionszentren, die revolutionäre Gewalt propagieren, selbst wenn sie sich hinter dem Kautschukbegriff der Notwehr verschanzen. Es hat auch wenig Sinn, die Gewaltanwendung gegen »Sachen« von der gegen Personen zu unterscheiden

Mit Mißbrauch der Sprache fängt es an; mit Gewalt hört es auf. Heinrich Böll am 19. April 1968:

Die Studenten sollten einen oder zwei Monate in Klausur gehen und sich andere, gewaltlose, aber wirksame Methoden überlegen. Gegen die offenbar zur Schärfe aufgeforderte Polizei sind sie machtlos.

Jens Litten, SHB Hamburg, in »Die Zeit« vom 26. April 1968:

Ich halte grundsätzlich nur gewaltfreie -- also friedliche Mittel für vertretbar, angesichts des nichtrevolutionären Charakters der politischen Situation in unserem Lande. Allerdings gibt es bestimmte Fälle, die man im einzelnen präzisieren müßte, wo den Demonstranten ein Widerstandsrecht eingeräumt werden muß ... Unter friedlichen Mitteln verstehe ich die gewaltlosen Aktionen, also Demonstrationen, Sitzstreiks, Kundgebungen und so fort, auf keinen Fall aber die Anwendung irgendwelcher physischer Gewalt in Form von Steinen, Knüppeln, Schlagstöcken und ähnlichem mehr.

SDS-Mitgliederversammlung am 22. April 1968 in der Mainzer Universität:

Es stellt sich vor die Studentin Ute Werntgen, ein Semester Biologie, drittes Semester Medizin.

FRAGE: Bist du in irgendeiner Partei oder Vereinigung?

ANTWORT: Ja, im Tierschutzverein (Gelächter).

FRAGE des SDS-Vorsitzenden Jens Peters: In Esslingen wurden Schäferhunde gegen Demonstranten eingesetzt, wie die Presse und wohl auch der SPIEGEL berichtet hat. Könntest du über den Tierschutzverein etwas dagegen unternehmen., beispielsweise protestieren gegen Tierquälerei? ANTWORT: Ja, schon. Man könnte auch mit den Pferden was machen. Wir haben ja bei der Sache in Frankfurt gesehen, daß jeder an die Polizeipferde »ran kann, man konnte sie tätscheln und streicheln. Man könnte sie einfach einschläfern, völlig human. Also nicht schlagen, sondern ihnen ein Stück Zucker geben, das mit einem Einschläferungsmittel getränkt ist. Das wäre kein Widerstand gegen die Staatsgewalt, denn Pferde sind keine Staatsgewalt ... Es wäre keine Quälerei ... Der Reklor der Mainzer Universität. Professor Dr. Adolf Adam, am 18. April 1968:

Wo Toleranz fehlt, droht jene unheilvolle Devise: Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag« ich dir den Schädel ein. Wer seinem politischen oder ideologischen Gegner die eigene Meinung mit Gewalt aufzwingen will, entbehrt dieser Toleranz und wird schuldig an Gewalttaten. Hier muß Gewissenserforschung einsetzen. Flugblatt von LSD, SDS, HSU Stuttgart:

Wir sind für gewaltlose Demonstrationen:

Wenn trotzdem in einigen Städten Steine geflogen sind, so verurteilen wir dies auf das schärfste.

Denn: Es werden Personen gefährdet. Denn: Steine sind kein Ersatz für Argumente.

Denn: Steine dienen als willkommener Vorwand, Sachdiskussionen zu unterdrücken.

Professor Helmut Gollwitzer, evangelischer Theologe an der FU Berlin, am 21. April 1968:

Diese studentische Jugend lebt heute in einer Welt ungeheuerlicher Gewaltanwendung gegen Sachen und Menschen; mehr als viele der Älteren haben sie sich über die schauerlichen Verbrechen gegen das Menschenleben in Algerien, im Kongo und vor allem in Vietnam informiert. Sie sehen, wie Zeitgenossen und Zeitungen sich über eingeworfene Fensterscheiben empören, aber über Napalmabwürfe auf vietnamesische Bauernhütten und über Reisfeldvergiftungen hinweggehen, und viele von ihnen sind selbst Opfer von unverhältnismäßiger und ungerechtfertigter Brutalität bei Polizeieinsätzen geworden. Für sie klingt deshalb die Entrüstung über ihre Ausschreitungen als Heuchelei.

Der Tübinger Theologie-Professor Ernst Käsemonn:

Auch ich bin für wahre Autorität und Ordnung. Auch ich bin für die Gewaltlosigkeit und gegen die Ausschreitungen. Doch halfen die Schlagworte »Autorität und Ordnung« in meiner Generation schon einmal, den Terror zu begründen. Sie haben während des vorigen Jahrhunderts überall in Deutschland die Demokratie verhindert ...

Gewaltlosigkeit als Zusammenspiel aller Bürger ist eine gute Sache. Ihre Proklamation wirkt jedoch verlogen, wenn sie den Regierten das Recht aufzumucken nimmt, damit der Status quo mit seiner Unbußfertigkeit der Mächtigen und Interessentengruppen erhalten bleibe ...

Wer heute »jugendlichen Terror« auf der Straße beklagt, sollte darin zunächst die Frucht der eigenen Unterlassungen, Mißgriffe, Dummheiten erkennen ...

Die Jugend, unwiderruflich dem 20. Jahrhundert ausgeliefert, sieht ihre Väter den Leitbildern des 19. Jahrhunderts verhaftet und dessen Methoden treu. Ihr Aufstand ist berechtigt.

Franz-Josef Strauß, CSU, Bundesfinanzminister, In einem Interview des »Südkurier« vom 27. April 1968:

Wer Revolution machen will, hat bei uns keinen Platz. Er kann weder den Schutz des Staates für sich in Anspruch nehmen noch mit Verständnis rechnen, geschweige denn erwarten, daß man ihn ernst nimmt.

Bundeskanzler Kiesinger am 13. April 1968: ... Unsere Bevölkerung erwartet, daß der Staat die öffentliche Ordnung sichert. Dies aber ist ohne Verschärfung der staatlichen Abwehrmittel nur möglich, wenn die radikale studentische Minderheit sich auf den Boden des Rechts zurückbegibt. Ich weiß, daß manche von ihnen härtere Zusammenstöße bewußt provozieren wollen. Ich warne sie vor den dann unvermeidlichen Folgen, für die sie die Verantwortung tragen müßten.

SPD-Vorsitzender Willy Brandt, 20. April: Ich weiß, daß man den Studenten bitter unrecht tut, auch den Radikalen unter ihnen, wenn man sie jetzt als Terroristen und Gewalttäter abstempelt. Wir müssen offen bleiben für alles, was sich an ehrlicher Unruhe und echter Sorge rührt ...

Wir brauchen die Herausforderung der jungen Generation, sonst würden uns die Füße einschlafen.

Protessor Alexander Mitscherlich, In der Südwestfunk-Sendung »Report« vom 19. April 1968:

Nach all diesen Gewaltanwendungen auch von seiten der Studenten, die ich für eine taktische Dummheit halte, hat mich betroffen, daß sich das deutsche Bürgertum nicht die geringste Mühe gemacht hat, diese jungen Leute, die doch zu den Intelligentesten der Nation gehören, zu bitten, sich verständlicher zu machen. Man hat sie nur, von oben herunter, wie Feinde behandelt ...

Ende

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