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Sowjet-Reform »auf Bolschewisten-Art«

Jurij Andropow hat erkannt, daß es mit der Sowjetwirtschaft nicht weitergehen kann wie bisher. Nun wird »äußerst vorsichtig« experimentiert - sieben Jahre lang: Einige Firmen dürfen Lohnzuschläge zahlen. Von einer Reform ist nicht die Rede, die Zentralplanung bleibt. Neue Strafen sollen zur Arbeit anhalten. *
aus DER SPIEGEL 34/1983

Neun Monate erst ist er im Amt, und schon spürt Generalsekretär Andropow den »Zwang, die Wirtschaft ernsthaft zu verbessern« und in einen »gut funktionierenden Wirtschaftsmechanismus umzuwandeln«.

Bei Lenin hatte er gelernt, das sei ganz einfach, wenn sich erst einmal alle Bürger in »entlohnte Angestellte eines umfassenden Staats-''Syndikats''« verwandelt hätten: Zur Registrierung und Kontrolle ihrer Arbeit, entschied Lenin, reichten »außergewöhnlich einfache, jedem Nichtanalphabeten zugängliche Operationen der Beaufsichtigung und Notierung, wozu das Beherrschen der vier Rechenarten und das Ausstellen entsprechender Quittungen genügt«.

Statt dessen kam der Staatsmonopolismus mit seiner lähmenden Bürokratie. Doch ein wahrer Kommunist dürfe sich nicht fürchten, alte Ideen und Gewohnheiten dem Neuen zu opfern: Derart beschwor der Parteichef vorigen Montag im Moskauer ZK-Gebäude am Alten Platz Nr. 4 die traditionell reformfeindlichen Veteranen der Staatspartei.

In einer Ansprache, die westliche Journalisten in Moskau - begierig auf Reformen in Rußland - schon als »sensationell« bejubelten, redete Andropow vor einer Hundertschaft älterer Parteimitglieder, die kurz vor ihrer Pensionierung oder bereits im Ruhestand stehen und als deren Sprecher ZK-Mitglied Borodin, 72, auftrat. Der war 20 Jahre lang Generaldirektor der Moskauer Autofabrik, die einst den Namen Stalins trug.

Andropow, 69, warb um das Vertrauen seiner Altersgenossen und um Verständnis für die junge Sowjetgeneration, die keine »Reproduktion« ihrer Vorgänger sei, keine »Kopie aus der Vervielfältigungsmaschine«.

Den jungen Leuten ist längst klar, daß sich etwas ändern muß mit der stagnierenden Staatswirtschaft, die ihnen trotz der riesigen Ressourcen des Reiches nur einen niedrigen Lebensstandard beschert; der durchschnittliche Monatslohn von 177 Rubel, nach offiziellem Kurs 562 Mark, ist so hoch wie der Sozialhilfesatz in der Bundesrepublik.

Auch Andropow hat nun bemerkt, daß die UdSSR weit davon entfernt ist, ihre wirtschaftlichen Ziele zu erreichen: »Wir waren nicht imstande, die angesammelte Trägheit rasch genug zu überwinden«, sagte er, nun müsse man das (von seinem Amtsvorgänger Breschnew) »Versäumte« nachholen und »Veränderungen« vornehmen: in Planung, Verwaltung, im »Wirtschaftsmechanismus«.

Dieser sowjetische Mechanismus orientiert sich noch immer am Muster der deutschen Kriegswirtschaft von 1917, als die Zentrale bestimmte, was für Schrauben zu welchem Preis mit welchem Lohn für welchen Abnehmer in einer Provinzfabrik gefertigt wurden. Doch was sich daran ändern muß, kann auch Andropow, der sich bislang mit Arbeit, Handel und Gewinn nicht zu beschäftigen hatte, genauer nicht sagen.

»Ich habe begreiflicherweise keine Rezepte«, offenbarte er bei seiner Antrittsrede vor neun Monaten dem ZK, und im Juni sagte er demselben Auditorium: »Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen, daß wir die Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft, in der wir leben und arbeiten, vor allem die ökonomischen, noch nicht vollständig aufgedeckt haben« - immerhin ein neuer Ton. Bislang galt, die Entwicklungsgesetze von Mensch, Industrie und Gesellschaft mit »naturwissenschaftlicher Genauigkeit« (Friedrich Engels) erfaßt zu haben.

Andropows Bekenntnissen waren die kecken Hypothesen einer Soziologin aus der Denk-Fabrik Akademgorodok bei Nowosibirsk, weitab von Moskau, vorangegangen. Sie hatte einen Vorschlag unterbreitet, der zwar nicht neu, aber theoretisch richtig, jedoch in der UdSSR kaum zu verwirklichen ist: die zentrale Planung einfach abzuschaffen.

Die Autorin, fachfremd wie Andropow, zeichnete mit den Initialen T. S.; 28 ihrer 30 Schreibmaschinenseiten bekamen auch die West-Korrespondenten in Moskau in die Hand. Frau T. S. über die Sowjet-Ökonomie: »Die Kompliziertheit der volkswirtschaftlichen Strukturen hat längst die Schwelle überschritten, bis zu der sie noch von einem einheitlichen Zentrum aus geleitet werden konnten.«

Das Zentrum sind das Staatliche Plankomitee (Gosplan) in Moskau und die 44 Industrie-Ministerien samt Mittel-, Neben- und Unterbau - insgesamt Hunderttausende Bürokraten, die (so die Soziologin) ihr »''warmes'' Plätzchen mit einem wenig durchschaubaren Aufgabenkreis und hohen Gehältern« verteidigen.

Dieser Planungsapparat verkörpert und garantiert die kommunistische Parteigewalt über das Sozialprodukt. Er entscheidet nicht nur über Mehrwert und Steuern, sondern auch über Rohmaterial und Investitionen, über die Löhne und

ihre Verwendung, über die angebotenen Waren. Er verfügt über sämtliche Produktionsmittel im Lande - und dieses Monopol, so die sibirische Autorin T. S., ist es auch, was die Entwicklung der wirtschaftlichen Kräfte fesselt.

Folgte Andropow der kühnen Idee, auf diesen Apparat zu verzichten, würde er das Schicksal des früheren Parteichefs Chruschtschow riskieren, der sich 1957 von der Schreibtisch-Pyramide hatte befreien wollen und darüber schließlich selbst sein Amt verlor. Der Apparat war mit sich selbst zufrieden und wünschte nicht, gestört zu werden.

An die Stelle der verdienten Parteileute aber, die heute zumeist die Betriebe leiten, sollen - ginge es nach T. S. - moderne Manager treten, rationalisierungsbewußt und absatzorientiert, die es in der UdSSR nicht gibt, es sei denn, man holte die einzigen kommerziellen Könner aus dem Untergrund: die Organisatoren der blühenden Schattenwirtschaft, die Spekulanten vom schwarzen Markt, der nach dem Urteil von Kennern ein Viertel des Privatkonsums beschafft.

Vor allem, riet die hoffnungsfrohe Gelehrte, müßten die Sowjetarbeiter motiviert werden zu arbeiten. Sie seien heute gut ausgebildet und selbstbewußt, wüßten ihre Interessen zu vertreten und die Tätigkeit der Funktionäre kritisch zu beurteilen. Doch mangels Lohnanreiz und Mitbestimmung hätten die sowjetischen Werktätigen die Lust am »schöpferischen Arbeitsprozeß« verloren.

Sie arbeiteten mit halber Kraft und wendeten sich lieber ihrer Freizeit zu, der Familie und der Schwarzarbeit. Auf ihrem Fachgebiet, der Gesellschaftslehre, trifft die Soziologin zweifellos die Realität.

Gegen die Arbeitsunlust übte bereits 1940, also unter Stalin, der Staat schlicht Repression: »fast Militärmaßnahmen« (T. S.). Wer 21 Minuten zu spät zur Arbeit kam, mußte unter Kürzung des Lohns um ein Drittel bis zur Hälfte im eigenen Betrieb bis zu einem halben Jahr Zwangsarbeit leisten.

Damals, so die T. S. aus Nowosibirsk, hätten die Menschen auch aus Not mit voller Kraft gearbeitet - weil sie nicht einmal eine Kranken- oder Altersversicherung gehabt hätten (was nicht stimmt), und sie hätten geschuftet, obwohl sie als »Schräubchen« im System angesehen worden seien, gehorsam und passiv wie »Maschinen oder Material«.

Heute freilich, räumt die Soziologin ein, wünschten sich viele Arbeiter gar keine Ausweitung ihrer Rechte und Pflichten, keinen Leistungsansporn; sie seien mit dem Status quo staatlich subsidierter Faulheit voll zufrieden.

Die Bewußtseinslage des sowjetischen Proletariats ist auch Andropow, ehedem Chef des allgegenwärtigen Geheimdienstes KGB, bekannt. Er hat soeben eine Verordnung über die Arbeitsdisziplin erlassen, die vom nächsten Monat an die alten Zustände restauriert: Wer schlecht arbeitet, dem kann der Lohn um ein Drittel gekürzt werden; wer schwänzt, dem wird der Urlaub (meist 15 Tage) gekappt. Diese Maßregel geht auf einen Vorschlag zurück, den der Auto-Generaldirektor Borodin dem ZK zugeleitet hatte - der Sprecher der alten Garde.

Drückeberger und Trinker werden bis zu einem Vierteljahr auf einen geringer bezahlten Arbeitsplatz versetzt. Erschossen, wie in den wilden Jahren des Systems, wird nur in schweren Fällen, so in letzter Zeit zwei illegale Orangensaft-Großhändler und ein Vizeminister, der Kaviar en gros verschob.

Freilich, sinnierte Andropow vor den Veteranen, reiche Strafe allein nicht aus, man müsse auch überdenken, ob den Arbeitern »die notwendigen Bedingungen für produktive Arbeit gegeben sind«. Das klang fast wie »Reform« - wenn Andropow das Wort auch strikt mied und Gosplan-Chef Baibakow, 72, von Chruschtschow gefeuert, von Breschnew zurückgeholt, am Mittwoch die West-Korrespondenten belehrte: »Es wird keinesfalls daran gedacht, das Prinzip des Zentralismus in der Wirtschaft aufzugeben.«

Memoranden zur Änderung des Wirtschaftssystems zwecks höherer Produktivität sind im Sowjetstaat oftmals vorgetragen und stets ad acta gelegt worden. Manchmal gelangten sie auch auf den grünen Filz, der den Konferenzsaal im Kreml deckt.

Sogar Stalins Wirtschaftsberater Wosnessenski riet zur Dezentralisierung. Das war falsch; er wurde 1950 erschossen. Unter Chruschtschow durfte der Ökonom Jewsej Liberman sogar in der »Prawda« seine Rezepte für »Plan, Gewinn, Prämie« vorlegen. Er überlebte das, wurde freilich, wie seine Thesen, selbst vergessen. Später widerrief er. Er starb unbeachtet vor einem Jahr.

Eine bescheidene »Reform«, auch so genannt, mit mehr Selbständigkeit der Betriebe gegenüber der Plangewalt, setzte 1965 Premier Kossygin für 336 Betriebe durch, nachdem sich Experimente mit

der Textilfabrik »Bolschewitschka« (Die Bolschewikin) und der Schuhfabrik »Majak« (Der Leuchtturm) sehr gut angelassen hatten. Die Reform wurde von den Planern, ihre eigene Arbeitslosigkeit vor Augen, alsbald sabotiert.

1973 schlug Leonid Breschnew vor, die allmächtigen »Glawki«, die Hauptabteilungen der Ministerien, abzuschaffen. Die Glawki bei Gosplan blieben. Die Soziologin T. S. behauptet in ihrem Dossier, die Partei habe zwar in den letzten zehn Jahren die Umstrukturierung der Wirtschaft entschieden, »aber das Problem ist noch nicht gelöst«.

Die Partei selbst scheint das Problem zu sein: Sie kann nie und nimmer zulassen, daß Markt und Manager, gar freie Unternehmer ihr die ökonomische Macht rauben und Millionen Unterbeschäftigter freigesetzt werden. Andropows Rede vor den Altgenossen diente denn auch weniger der Verkündung neuer Zeiten als vielmehr der parteiinternen Abwiegelung von Existenzsorgen angesichts der »großangelegten Experimente«, die 1984 beginnen sollen:

In einigen Musterbetrieben des Schwer- und Transportmaschinenbaus, der Fabrikation von Elektromotoren, der ukrainischen Lebensmittelindustrie, der belorussischen Konsumgüterindustrie und in Kommunalbetrieben Litauens erhält die Direktion vom nächsten Jahr an ein Stückchen Selbständigkeit.

Sie darf von sich aus Lohnprämien festsetzen, über die Verwendung der vom Staat zugeteilten Investitionsmittel allein bestimmen und ihren Gewinn - nach den »garantierten Abführungen«, etwa: Körperschaftssteuer - wieder in die Firma stecken.

Das alles entscheidet bislang Gosplan in Moskau. Von 1984 an können die Test-Unternehmen auch an der Planung teilnehmen; offensichtlich hatte Moskau sie bisher nicht einmal nach ihren eigenen Planvorstellungen gefragt. Rationalisieren dürfen die Fabriken nach eigenem Gusto, aber auch nur »mit Zustimmung der übergeordneten Instanzen«.

Um den Zentralplan überhaupt erfüllen zu können, betreiben die meisten Fabrikdirektoren der Sowjet-Union längst - außerhalb der Plan-Legalität - allerlei Geschäfte auf eigene Rechnung. Ohne Genehmigung von oben zahlen sie Lohnzuschläge und tauschen unter der Hand Produkte ihrer Firma gegen Materialzulieferungen, die ausgeblieben waren, sie »betteln, pumpen und schwindeln« (so das Gewerkschaftsblatt »Trud"). Nur ein ganz kleiner Anteil dieser verzweifelt sinnvollen Aktivitäten im Produktions-Untergrund wird jetzt legalisiert.

Das Andropow-Experiment soll zwei Jahre laufen, dann wird überlegt, ob es sich verallgemeinern läßt. Für die Ausarbeitung des nächsten Fünfjahresplans, der 1986 beginnt, käme solche Manöverkritik zu spät, so daß sich das neue System erst von 1991 an einführen ließe - wenn es sich bewährt. Die Ergebnisse des Versuches, erklärte Andropow vorige Woche, müßten »ruhig und ohne Eile« geprüft werden, ehe sie auf die gesamte Volkswirtschaft übertragen werden könnten.

Eile ist auch ohne Mahnung von höchster Stelle nicht zu erwarten. Denn es gibt einschlägige Erfahrungen mit der Innovationsfähigkeit des sowjetischen Wirtschaftssystems. Da liegt südlich Moskaus, gleich neben dem früheren Gut (heute: Museum) Jasnaja Poljana des Dichters Leo Tolstoi die Stickstofffabrik Schtschokino. Sie wurde 1966 für ein großangelegtes Experiment ausgesucht.

Es sollte herausgefunden werden, wie sich Lohnkosten einsparen lassen: Wer einem Kollegen den Arbeitsplatz wegnahm, indem er mehr rackerte, etwa gleichzeitig mehrere Maschinen bediente, bekam mehr Lohn, aber nicht so viel, wie der Betrieb dabei einsparte.

Das Experiment gelang. In den folgenden 14 Jahren verdreifachte die Firma ihre Produktion, erhöhte den Durchschnittslohn um zwei Drittel und feuerte ein Viertel der Belegschaft.

Die Parteipropaganda trommelte landesweit für die Übernahme der Manchester-kapitalistischen »Schtschokino-Methode«. Abteilungsleiter Filew vom Ministerium für Kunstdünger empfahl sie noch zu Jahresanfang im Fachblatt »Woprossy ekonomiki«, weil sie die Arbeitsproduktivität steigere sowie die Arbeits- und Produktionsdisziplin fördere.

Filew berichtete, daß 2003 andere sowjetische Betriebe die Methode übernommen hätten, so daß fast eine Million Beschäftigter freigestellt werden konnte (wovon freilich weniger als die Hälfte »in neue Abteilungen und an unbesetzte Arbeitsplätze umgelenkt« wurden).

Von einer landesweiten Einführung der Schtschokino-Methode in die Volkswirtschaft ist jetzt aber nicht mehr die Rede. Experte Filew ließ die Gründe durchblicken: Schon die Betriebsdirektoren sind daran gar nicht interessiert.

Sie wollen keine Arbeitskräfte einsparen, sondern den Personalbestand im Gegenteil vergrößern, weil ihr eigenes Gehalt von der Zahl der Beschäftigten abhängt. Und sie widersetzen sich der neuen Methode, »weil sie eine Arbeitskräftereserve brauchen": Bis zu zwölf Prozent ihrer Arbeiter werden ständig betriebsfremd (und planwidrig) eingesetzt, zur Landarbeit und auf dem Bau, zur Aushilfe in »Patenschaftsbetrieben«.

Filew gab auch einen raren Einblick in die Taktiken der Ministerialbürokratie. 16 Änderungen durch Gosplan, das Staatskomitee für Arbeit und Soziales sowie das Finanzministerium reduzierten die Schtschokino-Methode darauf, »den Direktoren das Recht einzuräumen, zusätzliche Vergütungen für die Ausübung mehrerer Berufe zu zahlen«.

Dann wurden die Zuschläge für die zusätzlichen Arbeitsleistungen beschnitten, schließlich ganz abgeschafft - ein Exempel der Zentralverwaltungswirtschaft: Die Regierung hatte 1975 die Tariflöhne bis zu 28 Prozent erhöht, die planmäßigen Lohnfonds aber nur bis zu zwölf Prozent. Irgendwo mußten die Direktoren die fehlenden Lohngelder herholen, da fielen als erstes die Schtschokino-Prämien.

Nach zwei Jahren sah sich das Ministerium »genötigt«, die Schtschokino-Zuschläge wieder einzuführen. Für diesen Zweck bekam das Stickstoffwerk 285 000 Rubel. Im nächsten Jahr wurde diese Summe schon wieder halbiert.

Andropow hat aus dem prominenten Schtschokino-Experiment gelernt. Bei _(Vorigen Montag: Ausriß aus der ) _("Iswestija«. )

Änderungen in der Volkswirtschaft, befand er in seiner Rede am vorigen Montag, müsse man »äußerst vorsichtig« sein.

Vorsichtig und äußerst konservativ reagierten denn auch Andropows Zuhörer. Sie riefen nach Disziplin und suchten im alten Stil nach Sündenböcken. Ein »Held der Sozialistischen Arbeit«, Fachmann für Pflanzen-Selektion, verlangte, die Verantwortlichen für die Nichterfüllung der Pläne abzuberufen. Eine Ingenieurin verwies auf die Demographie - den Bevölkerungsrückgang in Rußland -, und die möge sich doch bitte »in erster Linie in den Kanzleien widerspiegeln«.

Ein »Stoßarbeiter«, 80, teilte mit, daß es auch unter Kommunisten unordentliche Leute gäbe; Ursache vieler Mängel seien Trunksucht und Schleichhandel. Ein Generalmajor a. D. aus Mittelasien wünschte sich mehr militärpatriotische Erziehung für die Jugend.

Nur der ideenreiche Auto-Generaldirektor Borodin schlug vor, die Betriebe sollten ihre Investitionen künftig selbst verdienen, statt sie »bei den übergeordneten Organen zu erflehen«. Dann würde das Geld endlich mit höchster Effektivität ausgegeben.

In Andropows Experimenten ist das aber nicht vorgesehen. Der Chef schätzte vielmehr einen Uraltgenossen, der Lenin noch gesehen hatte, zweimal, und an dessen Unerbittlichkeit gegenüber Parteifeinden erinnerte. Das Parteimitglied von 1917 lobte die neue Führung, die »auf Bolschewisten-Art« an die Sache gehe.

Sein Vorschlag: »Spielt euch nicht als faule Liberale dem gegenüber auf, der nicht an das Gemeinwohl und an die Arbeit denkt, sondern an seinen persönlichen Wohlstand.«

Zwischenruf Andropows, feierlich: »Das versprechen wir Ihnen.« Das in der gesamten Sowjetpresse veröffentlichte Protokoll verzeichnet »anhaltende Beifallskundgebungen«.

Vorigen Montag: Ausriß aus der »Iswestija«.

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