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Sowjet-Union: »Wir töten die Erde«

Öl verseucht die sowjetischen Flüsse. Der Wasserspiegel des Kaspischen Meeres und des Aralsees sinkt. Die Moskauer können kaum noch Kaviar kaufen. Sie müssen eine Luft atmen, die durch schlecht verbrennende Automotoren vergiftet wird. Der Zwang zu industriellem Wachstum und Planerfüllung hat die Umwelt im größten Land der Erde schwer geschädigt -- auch ein sozialistischer Staat kann Umweltschmutz nicht erfolgreicher bekämpfen als ein kapitalistischer. Ein Sowjet-Wissenschaftler empfiehlt: Verzicht auf sieben Prozent Wirtschaftswachstum.
aus DER SPIEGEL 4/1972

Wolga, Wolga, liebes Mütterchen, Wolga, russischer Fluß.« So und ähnlich besingen die Russen seit Jahrhunderten ihren größten Strom. Heute ist das Mütterchen eine Kloake.

Noch ehe der Fluß ins Kaspische Meer mündet, wird jeder Liter Wolgawasser anderthalbmal durch Anrainer-Industrie gepumpt und von Abwässern verseucht. In dem einst fischreichen Gewässer wurde Angeln zur Glücksache.

Sieben »künstliche Meere« und deren Kraftwerke brachten Rußlands »heiligem Fluß« zwar den Titel einer »europäischen Energiekönigin« ein (so die Moskauer »Literaturzeitung"), aber der königliche Wasserspiegel sinkt.

Weil das Kaspische Meer 83 Prozent seines Wassers von der Wolga erhält, sinkt auch dessen Wasserspiegel -- in den letzten 20 Jahren um zweieinhalb Meter. Und das Kaspische Meer ist noch stärker verseucht als die Wolga: Bis 1965 hatten die großen Ölraffinerien von Baku keine Reinigungsanlagen; sie pumpten Ölrückstände und Altöl direkt ins Küstenwasser.

Öltanker konnten ungestraft ihren Abfall über Bord werfen. Ölbohrstellen im Meer hatten keine Drainage. Allein die Stadt Astrachan entleert täglich fast 80 000 Kubikmeter Abwässer in die Wolga und damit ins Kaspische Meer.

Folge: Seit 1945 ging der Stör-Bestand im »Delikatessenladen der Welt« (so die Russen über das Kaspische Meer) um die Hälfte zurück. Kaviar ist in Moskauer Läden und Restaurants heute kaum zu haben. Was noch gewonnen wird, geht in den Export.

Aus dem Asowschen Meer mußten -- obwohl auch dort der Fischbestand um 90 Prozent gesunken ist -- Würmer und Mollusken ins Kaspische Meer geschafft werden, damit die Fische etwas zu fressen haben.

In anderen Sowjet-Wassern finden sie kaum Besseres. In Newa, Moskwa und Wolga entleeren allein die Fleischfabriken von Leningrad, Moskau und Kasan soviel Fett, daß davon ein Viertel der Seifenproduktion dieser Städte sichergestellt werden könnte.

Im südsibirischen Baikal-See (636 Kilometer lang, bis zu 79 Kilometer breit und bis zu 1620 Meter tief), der fast ein Fünftel des Weltsüßwasservorrats ent-

* Links: Erdölgewinnung am Kaspischen Meer: rechts: Zementfabrik »Proletarij« in Noworossijsk.

hält, ist das ökologische Gleichgewicht bedroht. Auch der Wasserspiegel dieser »lebenden Perle« ("Literaturzeitung") sinkt. Die Gründe: Bodenerosion an den Ufern infolge starker Abholzung. Fabrikabwässer aus der Zelluloseproduktion zweier Papiermühlen am See und am Baikal-Zufluß Selenga.

Wo die beiden Mühlen und die Viertelmillionenstadt Ulan-Ude ihre Abwässer in den See lassen, verringerte sich der Pflanzenbestand um die Hälfte, der Tierbestand um ein Drittel. Dabei gibt es 1300 der 1800 im Baikal lebenden Pflanzen- und Tierarten nur einmal auf der Erde -- im Baikal.

Anfang 1970 barst ein Fabrikventil. und fast 15 000 Kubikmeter reines Alkali verseuchten das Naturwunder Baikal. Dazu die »Komsomolskaja prawda": »Der Geist wurde aus der Flasche gelassen.«

Nun soll die Bodenerosion durch Aufforstung gestoppt werden. Die Mühle am Baikal muß bis 1972 ihre Reinigungsanlagen fertigbauen; das Zellstoff- und Kartonagenwerk an der Selenga darf überhaupt erst arbeiten. wenn es Filter installiert hat. Ulan-Ude soll bis 1973 seine Abwässer klären. Die Produzenten des Baikal-Films »Am See«, der für Umweltschutz wirbt, erhielten im November einen Staatspreis. Aktive Umweitschützer erhalten Prämien und Orden.

Doch alle Anreize halfen bislang nicht viel. Allein die Wasserverschmutzung durch 25 Kubikkilometer Abwässer kostet den Staatshaushalt der Sowjet-Union jährlich sechs Milliarden Rubel (über 24 Milliarden Mark).

Ähnlich wie westliche Industriestaaten hat auch die UdSSR -- die ein Sechstel der Erdoberfläche umfaßt -- gegen Umweltverschmutzung zu kämpfen, und der Kampf trifft sie ähnlich unvorbereitet.

Offenbar kann Umweltschmutz nicht einmal mit der Allmacht eines zentralisierten Staatsapparats wirkungsvoll bekämpft werden. Er ist ein Ergebnis der Industrialisierung -- und die vollzog sich gerade in der Sowjet-Union schneller als in Westeuropa.

Der Zwang zu industriellem Wachstum und Planerfüllung rückte die Vorsorge für eine gesunde Umwelt in den Hintergrund, der Glaube an Rußlands natürlichen Reichtum verführte zur Nachlässigkeit. »Wegen seines Reichtums war das russische Volk nicht behutsam genug bei der Erhaltung der Wälder, Meere und Flüsse«, klagte der Schriftsteller Michail Scholochow ("Der stille Don").

Für den Investitionsfonds eines sowjetischen Industriekombinats sind Reinigungs- und Kläranlagen kurzfristig unproduktiv, folglich unrentabel. So wurden von 1963 bis 1967 in der ganzen Sowjet-Union nur 2000 Kläranlagen gebaut. Auch der Sowjet-Staat ist knauserig: 1967 sah das sowjetische Staatsbudget nur zwei Millionen Mark für den Bau von Kläranlagen vor.

Zwar wird Sowjet-Luft nur von vergleichsweise wenigen Autos mit Kohlenmonoxid angereichert. Aber auch über sowjetischen Großstädten und Industriezentren wabern Smogwolken.

Zwar sind die Schlote sowjetischer Wärmekraftwerke heute bereits 180 bis 250 Meter hoch, aber sie müssen noch um 70 bis 140 Meter höher werden, damit sich die Konzentration der beim Verbrennen von Holz entstehenden toxischen Gase in erdnahen Luftschichten entsprechend verringert. Rund 300 geräuschintensive und qualmende Großbetriebe wurden in den letzten Jahren aus Moskau in die Umgebung der Sowjet- Metropole verlagert.

Im Juni 1971 beschlossen Ministerrat und ZK der KPdSU einen »Generalplan«. nach dem die Stadt »eine der saubersten Hauptstädte der Welt« werden soll. Ein 30 Kilometer breiter und 100 Kilometer langer grüner »Luftfilter« aus Wäldern und Parks entlang der Moskauer Ringautobahn soll die Moskauer in 15 Jahren vor der Luftverpestung schützen und den Bewohnern von 14 neuen Satellitenstädten eine schönere Aussicht garantieren.

Hupkonzert um fünf Uhr morgens auf dem Sieges-Platz.

Aber an die Wurzel des Übels wird dieser »Generalplan« vermutlich nicht greifen: Es sind die technisch mangelhaften Auto-Motoren und die niedrige Oktanzahl des Treibstoffs. Und Gestank ist nicht das einzige, was sowjetische Motoren verbreiten -- sie machen auch mehr Lärm als West-Motoren.

Zwar gibt es seit Jahren Verordnungen, die den Lärm auf Straßen und Plätzen. in Wohnungen und Fabriken leiser machen sollen. Aber Einzelpersonen und Unternehmen kümmern sich nicht darum, sie einzuhalten, klagte Vize-Gesundheitsminister Burgassow im Regierungsblatt »Iswestija«.

Sowjetische Autokonstrukteure »verwenden auf die Verminderung von Lärm. besonders bei Bussen und Lastern, wenig Aufmerksamkeit« (Burgassow). Die sowjetische Straßenverkehrsordnung schreibt der Automobilindustrie ·keine Normen für die Begrenzung von Motorenlärm vor.

»Iswestija«-Leser aus Schitomir beklagten sich über das Hupkonzert, das Autobusse auf dem örtlichen »Platz des Sieges« von fünf Uhr morgens bis ein [ihr nachts veranstalten. Manche Autobusfahrer benutzen ihre Hupen als Erkennungszeichen, rufen damit den Schaffner nach vorn, grüßen Bekannte

* Lachsfang, Kaviar.

und unterhalten sich mittels eines Morse-Alphabets.

In Kiew konnten die Einwohner dreier Häuser nachts nicht mehr schlafen. weil 25 Meter entfernt Baumaschinen lärmten. »Sehr lange«, so beschwerten sich die übernächtigten Hausbewohner bei Burgassow« »war überhaupt keine Menschenseele auf dem Bau, aber dann ging die Arbeit Tag und Nacht los, begleitet von einem unglaublichen Lärm und Gepolter.« Der 24stündige Lärm, so mahnte Burgassow, erhöhe die nervliche Anspannung. senke die Arbeitskraft und fördere Krankheiten. besonders von Herz und Gefäßen.

Das Verhalten der Kiewer Bauleute werde zwar durch ihr »Streben, den Plan zu erfüllen«, gerechtfertigt, aber, so fragte der Vizeminister, »zu welchem Preis? Zum Preis der Gesundheit und Ruhe vieler hundert Menschen.« Sowjetische Straßen werden zwischen vier und fünf Uhr morgens gereinigt -- unter Krach. Die großen Kaufhäuser lassen sich mit Vorliebe nachts beliefern -- mit Krach. Burgassow: »Es ist an der Zeit, sich über den zulässigen Lärm von Staubsaugern, Bohnern und Kühlschränken, über die Begrenzung der Lautstärke von Radios und Tonbändern Gedanken zu machen.«

Jurij Iljaschtschuk, Leiter der Labors für Lärmdämpfung am Leningrader Institut für Arbeitsschutz, folgerte: »Menschen, die sich den Beruf der Lärmbekämpfung gewählt haben, brauchen keine Arbeitslosigkeit zu befürchten.«

Zwar liegt in sowjetischen Städten und Wäldern weit weniger Papier und Plastikmaterial herum als im Westen, weil die Konsumgüterindustrie mit der Verpackung keine Verkaufserfolge erzielt. Aber die »Prawda« warnte, »daß wir die Atmosphäre unserer größeren Industrieregionen und Großstädte in einen Schutthaufen für vergiftete Industrieabfälle verwandeln«.

»Die industrielle und hydrotechnische Entwicklung, Abholzung, Nutzbarmachung von Neuland, Anwendung giftiger Chemikalien«, so schrieb der Atomphysiker Andrej Sacharow, »all dies ändert auf unkontrollierbare Weise das Gesicht der Welt, unseren Lebensbereich.«

Veränderungen im Wasserhaushalt der Sowjet-Union nehmen andere Ausmaße an als etwa in Westeuropa, zumal Im europäischen Teil Rußlands, der nur zwölf Prozent der sowjetischen Wasserreserven hat, aber 70 Prozent der Bevölkerung beherbergt (88 Prozent des Wassers liegen im schwach besiedelten Norden und Osten der Sowjet-Union). Wasser- und Wind-Erosion bedrohen fast die Hälfte aller Ackerflächen.

In der Ukraine, deren Wasservorrat pro Einwohner zehnmal so gering ist wie der in der übrigen Sowjet-Union, werden entlang des Dnjepr Reservoirs angelegt, deren Unterhalt für einen Teil der Dnjepr-Zuflüsse Austrocknung und für ihr Einzugsgebiet Versandung und Versteppung bedeutet. Schon 1959 mußte deshalb auf der Desna, der zudem allein im Brjansker Gebiet täglich rund 60 000 Kubikmeter Wasser entnommen wurden, die Personen- und Lastschifffahrt eingestellt werden. Die Erosion machte rund 12,5 Millionen Hektar fruchtbare Schwarzerde unbrauchbar.

1968/69 fegten über das Kuban-Gebiet verheerende Sandstürme. in Kasachstan sind sie -- als Folge der Neulandkampagne Chruschtschows -- die Regel. Sie bedrohen den Aralsee. dessen Wasserspiegel von 1961 bis 1969 um anderthalb Meter sank. Denn aus seinen Zuflüssen wird zuviel Wasser zur Bewässerung abgeleitet, sein Fischbestand ist auf ein Drittel zusammengeschmolzen, um 2030 wird er nur mehr ein Salzsumpf sein. Wissenschaftler warnen vor den klimatischen Folgen der Umleitung ganzer Flußläufe in Sibirien.

Dem kasachischen Balchasch-See soll am Ili-Fluß ein Staubecken mit einem Großkraftwerk in Kaptschagai vorgelagert werden. Die Auffüllung des Sees wird sechs bis acht Jahre dauern und allen Balchasch-Zuflüssen 56 Prozent ihres Wassers nehmen. Folge: Der Wasserspiegel auch des Balchaschs kann um mehr als zwei Meter sinken, einige Flußdelten werden austrocknen.

Planlose Abholzung in waldarmen Gebieten, so in Südrußland, beschleunigt die Wind- und Wassererosion. Selbst holzreiche Gebiete wie die Wälder von Brjansk. in denen die Russen im Zweiten Weltkrieg Partisanenkrieg führten, werden gelichtet -- man braucht Baumaterial.

In Breschnews Geburtsort ist die Luft verseucht.

In den vergangenen 25 Jahren wurden insgesamt 18 Millionen Hektar geschlagenen und verbrannten Waldes nicht wieder aufgeforstet. Parteichef Breschnew rief zum Kreuzzug gegen die Verwahrlosung des Bodens: »Die Bewahrung des Bodens ist eine Mission für die ganze Gesellschaft.«

Aber die Boden-Mission findet nicht nur Beifall: Ober die Frage, ob große Flußtäler und damit fruchtbare Ackerböden für Stauseen geflutet werden sollen, zerstritten sich auf dem 24. Parteitag der KPdSU im April 1971 sogar zwei Minister.

Landwirtschaftsminister Wladimir Mazkewitsch zürnte, daß trotz des Mangels an gutem Ackerland Tausende Hektar geflutet würden, wenn auch »mit der guten Absicht, die Energiequellen zu vermehren«. Und er sprach -- unter dem Beifall der 4949 Partei tagsdelegierten -- die Worte seines Parteichefs nach: »Es ist die heilige Pflicht eines jeden sowjetischen Bürgers, Land zu bewahren.« Mazkewitsch empfahl andere Energieträger, die »nicht die Grundlagen der Lebensmittelproduktion vermindern": Gas, öl und Atomenergie.

Zwei Tage später meldete Energie- und Elektrifizierungsminister Pjotr Neporoschny Protest an: »Wir Energieleute treffen Maßnahmen, um den Boden zu schützen ... Genossen aus der Landwirtschaft.« Er erhielt keinen Applaus. Wissenschaftler beschweren sich schon seit Jahren, daß in der Sowjet-Union Stauseen und Kraftwerke als Paradestücke technischen Fortschritts glorifiziert werden.

»Wo bleiben die Vögel? Warum sehen wir im April fast keine Schwärme von Gänsen und Kranichen mehr? Warum sind im Juni auf den Feldern keine Wachteln mehr zu hören? Rebhühner gibt es fast überhaupt nicht mehr. Unsere Wälder, Gärten und Felder werden immer stiller«, klagte in der »Komsomolskaja prawda« der Journalist und Leninpreisträger Wassilij Peskow. Die chemische Bearbeitung des Bodens in landwirtschaftlichen Gebieten sei schuld daran.

Tatsächlich warfen im Gebiet Rostow am Don Flugzeuge mit Chemikalien durchsetzten Hafer ab, um Feldmäuse zu vernichten. Die Feldmäuse überlebten, aber 50 Kraniche, fünf Wildenten und elf Graugänse blieben auf der Strecke. In der Kolchose »1. Mai« im Bezirk Grosny überlebten 200 Trappen und einige Dutzend Füchse den Kampf gegen die Mäuse nicht.

Peskow beschrieb auch die Praxis von Schutzaktionen: Im Moskauer Landwirtschaftsministerium führen zwei Ämter einen regen Briefwechsel miteinander -- die »Hauptverwaltung Natur« und die »Hauptverwaltung für Pflanzenschutz«. Beide Büros liegen an den Enden eines gemeinsamen Korridors. Sobald das Amt für die Natur eine Klage über das Sterben von Vögeln und Wild erhalten hat, schickt es ein Papier mit der Forderung, den Gebrauch von Chemikalien auf den Feldern zu verbieten, ans andere Ende des Korridors und erhält meist eine bedauernde Antwort mit dem stereotypen Schlußsatz: »Wir kämpfen für die Ernte.«

»Es gibt keinen anderen Weg, die Umwelt ist in Gefahr, wir töten die Erde«, warnte der Wirtschaftsprofessor Oldak und rief zu einer Kampagne gegen die Zerstörung der Natur auf. Oldak schätzte, die Sowjet-Union müsse für die Erhaltung einer gesunden Umwelt auf sieben bis zehn Prozent Wirtschaftswachstum verzichten: »Doch wenn wir bedenken, daß eine Verlangsamung des Wachstums des produzierbaren Reichtums es erlaubt, den nicht produzierbaren Reichtum, nämlich das Gleichgewicht der biologischen Umwelt, zu erhalten, dann stellt sich die Entscheidung schon nicht mehr so unpopulär.«

Für die meisten Umweltbereiche gibt es bisher noch keine Schutzgesetze der Union. Und wenn es sie gibt, erweisen sie sich oft als unwirksam. So beschlossen die Sowjet-Gewerkschaften 1968 eine Resolution gegen die Luftverschmutzung in der ukrainischen Stahlstadt Dnjeprodserschinsk -- dem Geburtsort Breschnews. Drei Jahre später klagte die »Iswestija«, die Luft von Dnjeprodserschinsk sei noch immer so verseucht wie vor der Resolution; neu errichtete Stahlöfen spuckten mit ihrem Rauch sogar die fünffache Menge an Asche und schädlichen Gasen aus wie die alten Schlote.

Zwar verbietet das im September 1971 in Kraft getretene Wasserschutzgesetz den industriebetrieben und Kommunen, Abwässer in Flüsse und Seen zu leiten. Zwar dürfen keine Fabriken mehr ohne Reinigungsanlagen gebaut werden -- aber die Wasserentnahme ist immer noch nicht kostenpflichtig, und die örtlichen Sowjets (Räte) und Gesundheitsbehörden kontrollieren die Wassernutzung nur nachlässig.

Wer das Gesetz überschreitet, braucht nur mit geringen Geldstrafen zu rechnen -- ein Fabrikdirektor zahlt sie nicht aus seiner Privatschatulle, sondern aus der Betriebskasse.

Viele Sowjetstädte haben keine ausreichende Kanalisation.

»Warum«, so entrüstete sich die Zeitschrift »Selskaja schisn«, »wird in einem sozialistischen Land, dessen Verfassung ausdrücklich betont, das öffentliche Interesse dürfe nicht vernachlässigt werden, den Industriebehörden gestattet, Gesetze zu brechen, die dem Schutz der Natur dienen?«

Die Papierfabrik »Spartak« in Schklow entleert immer noch ihren gifthaltigen Abfall in den Dnjepr, weil die Filter -- seit fünf Jahren im Bau -- nicht fertig werden und sich die zuständigen Behörden noch immer um die Zuständigkeit streiten. Viele sowjetische Städte haben noch keine ausreichende Kanalisation, weil den zuständigen Baubehörden -- so klagte die »Prawda« -- qualifizierte Kräfte fehlen.

Gleichwohl behauptete Professor Semjonow vom Moskauer Institut für Philosophie voriges Jahr auf einem Umwelt-Symposion in Tokio, ein sozialistischer Staat könne alle sozialen Kräfte und Quellen in Übereinstimmung mit den Prioritäten einsetzen, die von der wissenschaftlichen Planung gesetzt werden: »Neue unschädliche Produktionsmethoden und Produkte können im Sozialismus sehr viel leichter entwickelt werden.«

Und in der letzten November-Ausgabe der »Literaturzeitung« lobte Akademiemitglied Petrjanow-Sokolow zum Thema Umweltschutz die »Vorteile der sozialistischen Gesellschaft«, weil dort keine Privatpersonen die Produktionsmittel unkontrolliert benutzen können.

Freilich darf auch nicht unkontrolliert aufgeklärt werden: Moskaus Umweltschützer zensierten die Juli-Nummer 1971 des in 13 Sprachen erscheinenden »Unesco-Kuriers«. In dem Heft wurde über die Tokioter Tagung berichtet, besonders detailliert über die Umweltprobleme der Ukraine.

Am internationalen Kampf gegen Umweltschmutz wollen die Sowjets offenbar nur teilnehmen, wenn sich dabei auch politisch etwas gewinnen läßt. So wollen sie die für den Herbst geplante Uno-Konferenz über Umweltschutz boykottieren -- weil die DDR nicht eingeladen wird.

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