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Briefe

Sozialistischer Realismus
aus DER SPIEGEL 48/1971

Sozialistischer Realismus

(Nr. 45/1971, Musik)

Zu Ihrem Artikel über Hanns Eisler möchte ich Ihnen vor allem gratulieren. Es ist erfreulich, daß endlich über diesen bedeutenden Komponisten in angemessener Weise geschrieben wird und die Verwalter des Musiklebens, Dirigenten und Interpreten an die Fülle seines OEuvre erinnert werden. Ich möchte darauf hinweisen, daß ich immerhin 21 Jahre mit Hanns Eisler verheiratet war und auch die ganzen Emigrationsjahre wie auch die Rückkehr mit ihm verbrachte. »1947 wurde Eisler« daher nicht, wie Sie schreiben, »mit seiner Frau Stephanie verhaftet«, sondern mit mir. Frau Stephanie Eisler war die Frau seiner letzten Lebensjahre. Ich habe Ernst Fischer geheiratet, er und ich waren bis zum Tod Hanns Eislers eng mit ihm befreundet.

Wien (Österreich) LOUISE EISLER-FISCHER

* Österreichischer Politiker und Schriftsteller: Kunst und Koexistenz -- Beiträge zu einer modernen marxistischen Ästhetik« (1966). Erinnerungen und Reflexionen« (1969); wurde 1969 aus der KPÖ ausgeschlossen.

Freiheitlich-westliches Sekretieren und engagiert-östliches Kritisieren gehen wie auf Verabredung Hand in Hand, wenn ein sozialistischer Künstler weder gemütlich Feierabendschnörkel noch die Fortsetzung der Regierungspropaganda mit anderen Mitteln liefert, Im Fall Eisler hat das niemand deutlicher formuliert als Ernst Fischer; in seinem neuen Essay »Hanns Eisler und die Literatur« heißt es: »Arnold Schönberg hat es seinem Meisterschüler übelgenommen, daß er seinen sozialen Standort in der revolutionären Arbeiterbewegung fand. Die Funktionäre der KPD haben ihm seine Herkunft von Schönberg übelgenommen, seinen »Modernismus. Nach seinem Tode jedoch haben dieselben Funktionäre ihn als Erfinder des 'sozialistischen Realismus' in der Musik gepriesen. Der Lebende war so wehrlos wie der Tote -- gegen die Dummheit in der Politik.«

Zürich (Schweiz) GERD HAFFMANS

Diogenes Verlag

Mit der DDR-Hymne »Auferstanden aus Ruinen« von Hanns Eisler hat es eine besondere Bewandtnis: Bald nach Bekanntwerden dieses Liedes warf Peter Kreuder dem Komponisten skrupellose Anleihen bei seinem eigenen, während der 30er Jahre geschriebenen Tonfilmschlager »Good bye Johnny« vor, übersah indessen, daß auch sein Primat auf überaus wackligen Füßen stand. Immerhin hatte bereits ein gewisser Johannes Brahms den gleichen thematischen Gedanken zu einem bedeutsamen Schwerpunkt seiner ersten Symphonie werden lassen. Partiturkundige Musiker mögen in solchem Sinne den Takten 291 bis 293 des besagten Satzes entsprechende Aufmerksamkeit zuwenden und sich fragen: »Wer hat wen ausgeraubt?«

Weiden (Bayern) EBERHARD OTTO Städtischer Musikschuldirektor

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