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FRANKREICH Sozialistischer Sommer

Trotz aller Devisenbeschränkungen - die Franzosen fuhren ins Ausland. Trotz Angst vor dem überfüllten Frankreich - die Ausländer kamen zu den Franzosen. *
aus DER SPIEGEL 35/1983

Laut klagte der französische Reisebüro-Verband sein Leid: »Wir beschäftigen 18 000 Mitarbeiter. Über die Hälfte dieser Arbeitsplätze ist bedroht.« Das war im März, als die Pariser Regierung Auslandsreisen drastisch erschwerte.

Heute erklärt eine Sprecherin des gleichen Verbandes: »Ich kenne immerhin ein Reisebüro, das Entlassungen vorgenommen hat.«

Schreckensnachrichten über die angeblich verdorbene Saison gingen Anfang Juli wieder durch die Presse. »France-Soir« druckte die Schlagzeile: »Hoteliers und Gastwirte sind unzufrieden.« Heute versichert Tourismus-Staatssekretär

Roland Carraz: »Die Sommersaison 1983 wird sehr ordentlich ausfallen.«

Die ganze Aufregung um den französischen Sommer war im Frühjahr vom Bemühen der linken Regierung ausgelöst worden, um jeden Preis Devisen einzusparen: Die Franzosen sollten Urlaub im eigenen Land machen, statt ihre Ferienbudgets jenseits der Grenzen auszugeben. Zur Abstützung des unpopulären Appells wurden die Devisen rationiert. Maximale Umtauschquote pro Kopf und Jahr: 2000 Franc, rund 660 Mark.

Doch in der Zwischenzeit hat sich herausgestellt, daß die Verordnung vom März kaum den von den sozialistischen Planern erhofften Erfolg zeitigte. Die Franzosen sind in diesem Sommer nur um schätzungsweise zehn Prozent weniger ins Ausland gereist als früher.

Die Devisenbeschränkung war mithin überflüssig, hat die Regierung nur unnötig Sympathien gekostet und kaum Devisen gespart: Erfahrungsgemäß fahren ohnehin nur acht Prozent der Franzosen während des Urlaubs ins Ausland.

Die Furcht vieler Franzosen, sie würden durch die Devisen-Verordnung zum »Hausarrest« ("Le Monde") verdammt, war unbegründet. Denn als die Regierung merkte, welch unpopuläre Maßnahmen sie da verordnet hatte, erließ sie eine Ausnahmeregelung nach der anderen. Letztlich konnten Franzosen durchaus noch Weltreisen machen, einen China-Aufenthalt für 20 000 Franc buchen oder sich an Spaniens Costa Brava bräunen.

Denn sogar die Devisenkontrollen wurden (außer an der Schweizer Grenze) von den Zöllnern in der Regel sehr lasch gehandhabt.

Als falsch erwies sich deshalb auch die Voraussage, heimische Strände und Bergpfade, Hotels und Restaurants würden heillos überfüllt, weil sich niemand mehr ins Ausland traue. Weder Militärgelände noch Schulen mußten, wie Staatssekretär Carraz erwogen hatte, in Feriencamps umfunktioniert werden. Und die Ausländer ließen sich keineswegs von dem Alptraum abschrecken, die Franzosen blieben nun alle in Frankreich, sondern strömten wie eh und jeh ins französische Land.

Im Grunde bestätigte sich auch im Krisen- und Kontrollsommer 1983 eine alte Erfahrung: In kaum einem anderen Bereich halten die Franzosen so an ihren Gewohnheiten fest wie bei den Ferien.

Das fängt schon über ein Jahr vorher bei der Festlegung der Schulferien an. Seit Jahrzehnten wird erbittert über das »etalement«, die Entzerrung des Ferienbeginns, diskutiert, doch geändert hat sich nichts.

In diesem Sommer schlossen die Schulen in Paris und Umgebung immerhin noch 48 Stunden später als in der Provinz. Auch nächstes Jahr beträgt der Abstand wieder nur zwei Tage, und Schulbeginn wird im ganzen Lande am selben Tag zur selben Stunde sein.

Ähnlich unverrückbar scheint auch die Besessenheit der Franzosen, Urlaub partout im Monat August machen zu müssen. Diesem ungeschriebenen Gesetz französischen Freizeitverhaltens gehorcht jeder zweite französische Urlauber - obwohl die Schulferien zehn Wochen dauern.

So waren am Wochenende vor dem ersten August etwa neun Millionen Autofahrer auf Frankreichs Straßen unterwegs. Die Aussicht, daß sich die Großfamilie zur gleichen Stunde am gewohnten Strand versammeln kann, lockt offenbar stärker, als Verkehrsstaus, überfüllte Restaurants und ausgebuchte Campingplätze schrecken.

Auch mit wirtschaftlichen Argumenten ist diesen altüberlieferten Gewohnheiten nicht beizukommen. Im August geht in Frankreich die Industrieproduktion alljährlich um fast 40 Prozent zurück, die Exporte sinken um 25 Prozent. Übers Jahr gerechnet verliert die Industrie damit fast 40 Milliarden Franc. Kein Land der Welt außer Frankreich leistet sich diesen Luxus.

Rund die Hälfte aller Betriebe im Land machen im August dicht, vorneweg das Staats- und Paradeunternehmen Renault. Es schloß auch dieses Jahr exakt vom 1. bis zum 31. August.

Im »sozialistischen Sommer« ("Le Figaro") ist also fast alles beim alten geblieben, trotz aller Proteste gegen die Devisenbeschränkung des Frühjahrs. Nicht mal die Amerikaner ließen sich abschrecken: Die Zahl der Paris-Besucher aus den USA wird 1983 voraussichtlich doppelt so hoch sein wie im Vorjahr. Schließlich ist der Dollar heute für den Frankreichurlauber doppelt so viel wert wie vor drei Jahren.

Die Gäste aus Übersee leisteten sich deshalb bevorzugt Luxushotels der Vier-Sterne-Klasse - die als die großen Gewinner der Saison gelten. Das war, fand die linke »Liberation«, die überraschende Bilanz der »ersten großen Ferien im Zeichen der Austerität«.

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