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PRIESTER / ZÖLIBAT Späte Liebe

aus DER SPIEGEL 43/1968

Die einen verschwiegen ihren Namen und setzten drei Sterne über ihre Aufsätze. Die anderen kehrten ihr hohes Alter hervor. Die dritten schrieben offen ihre Meinung zu einem delikaten Priester-Problem.

23 katholische Geistliche arbeiteten an einem Buch mit, das dieser Tage erschien und bislang ohne Beispiel ist: an einem Sammelband gegen den Zölibat, die Ehelosigkeit katholischer Priester. Das Buch erschien in einem reputierlichen katholischen Verlag und wird von dem angesehenen katholischen Moraltheologen Professor Franz Böckle (Universität Bonn) herausgegeben**.

Zwar betont Böckle im Vorwort, daß es »nicht um ein Für oder Wider den Zölibat«, sondern nur um »einen sachlicheren Hintergrund der oft leidenschaftlichen Diskussion« gehe. Doch Argumente für das Kirchengesetz« das den Priestern die Ehelosigkeit vorschreibt, sind in dem Buch nicht zu finden. Einhellige Meinung aller Autoren: Den Priestern soll die Freiheit gewährt werden, zwischen der Ehe und der Ehelosigkeit zu wählen.

Das Konzil im Jahre 1965 und Papst Paul IV. im vergangenen Jahr haben anders entschieden: Sie haben bekräftigt, daß es beim Zölibat aller Priester (Paul VI.: »Ein kostbarer Edelstein") bleiben soll.

Doch die Autoren dürfen sich einig wissen mit der Mehrheit des deutschen katholischen Kirchenvolks (1967 waren in der Bundesrepublik 69 Prozent der Katholiken für die Aufhebung des Zölibats) und mit der Mehrheit des Priesternachwuchses. In Tübingen sprachen sich jüngst bei einer internen Umfrage 172 von 160 Priesteramtskandidaten für eine freie Entscheidung aus. Und auch in München lehnten bei einer ähnlichen Umfrage an der Katholisch-theologischen Fakultät 94,4 Prozent der Befragten das Gesetz der Ehelosigkeit ab.

Freimütig bekennen die Buch-Autoren, »daß die Zahl der am Zölibat Gescheiterten enorm ist«. In Italien sollen 15 000 Priester den Dienst quittiert haben -- etwa jeder fünfte. In Frankreich wird die Zahl der Ex-Priester auf 7000 geschätzt. Und überall »nimmt die Zahl der ehemaligen Priester, die heiraten, unaufhörlich zu«. In Deutschland suchen neuerdings Priester in Zeitungsannoncen nach Frauen und Stellen,

Vom Februar 1964 bis heute gingen im Vatikan -- wie in dem Böckle-Buch erstmalig publik gemacht wird -- rund 10 300 Anträge auf »Rückversetzung in den Laienstand« (so die kirchenrechtliche Formel) ein. Der Heilige Stuhl versucht, der Heiratswelle durch

Oberes Inserat aus der Münchner »Abendzeitung« vom 28.128. September 1968, unteres Inserat aus den »Stuttgarter Nachrichten« vom 12. Oktober 1968.

** Franz Böckle (Herausgeber): »Der Zölibat. Erfahrungen, Meinungen, Vorschläge«. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz: 192 Seiten: 12,80 Mark.

Schnellverfahren Herr zu werden. Über die meisten Anträge wird innerhalb von drei Wochen entschieden, meist positiv.

Wie groß die Bewegung im Klerus ist, zeigt eine Zahl aus einer westdeutschen Diözese: Dort wurden im vergangenen Jahr 28 Jungkatholiken zu Priestern geweiht, während sieben Priester ihren Beruf aufgaben.

Unter den vielen, die den Ehestand dem Priesterberuf vorziehen, fehlt es nicht an Prominenten: Der bekannteste deutsche Benediktiner, Thomas Sartory, ist heute ebenso verheiratet wie der Passauer Helmut Lebert, der als Spitzen-Ruderer an den Olympischen Spielen in Tokio teilnahm und als Olympia-Pfarrer für Mexiko auserwählt war. Der Ehe zuliebe verzichtete Lebert auf Mexikoreise und geistliches Amt.

Doch »viel schwerer« als die Zahl der Ex-Priester wiegt nach Ansicht eines Buch-Autors »die Zahl der Priester, die mit dem Zölibat nicht fertigwerden und die Grenze heimlich durchbrechen«. Und ein anderer Böckle-Mitarheiter bekennt: »Daß ein reichlich großer Prozentsatz den Zölibat faktisch nicht einhält, ergibt jede ehrliche Befragung.

Entschieden verwahren sich die Zölibats-Kritiker gegen die vielfältigen Versuche, die Wirklichkeit zu verschleiern und Widersprüche zu vertuschen. Die drei wichtigsten Widersprüche:

* Die Päpste fordern von den Priestern, was Jesus von den Aposteln nicht verlangt hat. Einige Apostel waren verheiratet, die Schwiegermutter Petri wird in der Bibel erwähnt.

* Katholische Priester, die heiraten wollen, müssen aus dem Amt scheiden. Evangelische Pfarrer, die verheiratet sind und konvertieren, werden zu Priestern geweiht.

* In den mit Rom unierten Ostkirchen überwiegen verheiratete Priester. nur die Bischöfe und Kardinäle müssen unverheiratet sein. In Deutschland widmen sich die bischöflichen Ordinariate dem Problem intern recht intensiv, wenn auch nicht immer mit lauteren Methoden. Ein geistlicher Autor -- Kaplan Wendelin Kellner -- berichtet; »Es gibt Ordinariate, die anonyme Briefe annehmen, Bespitzelung fördern, den Bruch des Briefgeheimnisses zulassen.«

Die Buch-Autoren wehren sich gegen die »Tabuisierung« des Themas durch Kirchenobere: Dadurch sei »der Klerus, zumal der leitende, in den Ruf gekommen, nicht aufrichtig, nicht ehrlich, nicht mutig, nicht offen, nicht wahrheitsliebend zu sein«. Und sie verwahren sich gegen Vorurteile im katholischen Kirchenvolk. Gerate ein Priester in Glaubensnot, so werde er häufig verspottet: Es sei wohl »ein langhaariger Glaubenszweifel«.

Eindringlich wird in mehreren Beiträgen des Buches auf durchaus denkbare späte Liebe hingewiesen. Viel zu früh -- im Alter von 23 bis 26 Jahren -- müsse sich der künftige Priester für den Zölibat entscheiden, obwohl er bis dahin zumeist im Konvikt von Frauen ferngehalten werde. »Erst in seiner ersten oder zweiten Kaplanstelle wird ihm die Frau näher begegnen, vielleicht auch die Frau, die er und die ihn lieben lernt und die er geheiratet hätte.«

Ein anderer Autor stellt fest, auf dem Wege zur Priesterweihe könne »das Erlebnis der Jugendliebe. welche verschiedene Gestalt haben kann und nicht unbedingt immer ein »Verhältnis« zu sein braucht, durchaus seinen Platz haben«.

Seien diese frühen Freuden vor der Weihe versäumt worden, so sei Großmut der Gemeinde geboten, wenn »diese Phase nachgeholt sein will«. Auch auf die Gefahr hin, daß sich ein Priester für eine Frau und gegen den Zölibat entscheidet solle »diesem Nachholverlangen Raum gewährt« werden -- »ohne Polizeimiene im Vertrauen und im Willen zum Wagnis, um zu gewinnen«.

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