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POLEN Späte Renaissance

Gut 60 Jahre nach dem Holocaust besinnen sich junge Leute auf ihre jüdische Herkunft. Auch die katholische Mehrheit entdeckt das Erbe der fast vollständig ausgelöschten Kultur.
aus DER SPIEGEL 12/2006

Auf dem Spielplatz rodeln Kinder einen kleinen Hügel hinunter, der sich in dem ansonsten völlig ebenen Warschauer Stadtteil Alt Praga erhebt. Es ist ein Trümmerberg, der die Fundamente einer Synagoge unter sich begrub. Hier befand sich mehr als hundert Jahre lang eines der Zentren des jüdischen Lebens in Polens Hauptstadt, ehe die Nazis es auslöschten.

Es gibt nur wenige, die wissen, worauf dieser Berg steht. Michal Wizor, 24, ist einer von ihnen: »Ich bin wohl der einzige bekennende Jude, der heute in diesem Stadtteil wohnt«, sagt Wizor, »und meine Freundin natürlich.«

Seit drei Jahren verschlingt der Politologiestudent alles, was über das jüdische Leben in Praga erschienen ist. Seine Großeltern waren vor den Deutschen in die Sowjetunion geflüchtet. Die Eltern feierten weder Pessach noch Chanukka. Er aber entdeckt seine Religion langsam wieder und geht deshalb zwei- bis dreimal pro Monat in die Synagoge. Das hat Konsequenzen fürs Leben, denn am Sabbat mag Wizor nicht fürs Studium lernen.

Ganz allein ist er nicht mehr. In Warschau, so glaubt er, gibt es mindestens hundert junge Leute wie ihn. Allein im Verein Beit Warszawa treffen sich seit vier Jahren rund 300 Juden zum gemeinsamen Gebet am Freitag und dem anschließenden Sabbat-Mahl. In Krakau stellte die jüdische Gemeinde jetzt den ersten Vollzeit-Rabbiner nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Der Studentenclub »Czulent« bietet jungen Juden die Chance, sich ihrer verschütteten Identität zu nähern. Und die Union jüdischer Studenten in Polen verzeichnet steigende Mitgliederzahlen. Es gibt wieder jüdisches Leben zwischen Oder und Bug.

Fast 3,5 Millionen Juden lebten vor dem Holocaust auf polnischem Territorium, heute gehen vorsichtige Schätzungen von etwa 5000 aus. Jahrzehntelang lebten sie unsichtbar in der übergroßen Mehrheit von Katholiken, die etwa 95 Prozent der Gesellschaft ausmachen. Jetzt bricht sich eine kleine Renaissance Bahn, junge Leute besinnen sich auf ihre jüdische Herkunft, lesen die Tora und entzünden freitags abends die sieben Kerzen der Menora.

»Das Interesse am Judentum steigt - nicht nur bei Menschen jüdischer Herkunft, sondern auch bei anderen Polen«, sagt Krzysztof Izdebski, 25. Der Warschauer Jurastudent verbringt einen Großteil seiner Freizeit in der Synagoge an der Twarda-Straße. Er gehört zu den etwa 200 Kommilitonen der jüdischen Studentenunion. »Wir sind nicht alle religiös«, sagt er: »Wir definieren uns aber auch nicht allein als Holocaust-Überlebende oder deren Nachkommen.«

Kein Student spricht mehr als ein paar Brocken Jiddisch. Mit den Menschen haben die Nazis in Polen auch diesen Sprachenmix aus Deutsch, Hebräisch, semitischen und slawischen Elementen fast restlos ausgelöscht.

Adam Szyc betreibt im Souterrain der Synagoge Polens einzigen koscheren Laden. Den nächsten gibt es 560 Kilometer westlich, in Berlin. Szyc, ein gemütlicher Mann, schiebt sich schnell noch die Kippa auf den Hinterkopf, wenn Kunden das Geschäft betreten. Vielleicht 20 oder 30 Familien in der Millionenstadt Warschau leben streng nach religiösen Vorschriften und kaufen koschere Kost bei ihm.

Der Kaufmann bietet neben Andenken Milchprodukte und Aufschnitt feil. »In Europa haben wir seit der Schoah einen chronischen Mangel an Schächtungsspezialisten, bei uns gibt es keinen einzigen«, erläutert Szyc. Die jüdische Gemeinde im südafrikanischen Johannesburg hilft den polnischen Glaubensbrüdern aus. Alle sechs Wochen lässt sie einen Schächter für ein paar Tage zu Schlachtungen nach jüdischem Ritus einfliegen.

Dabei war Polen einst jüdisches Kernland. Als im Mittelalter entlang dem Rhein Christen über die jüdischen Gemeinden herfielen, hieß König Kasimir der Große jüdische Zuwanderer willkommen. Aus dem 16. Jahrhundert stammt die Redensart: »Die Republik Polen ist des Bauern Hölle, des Städters Fegefeuer, des Edelmanns Himmel und des Juden Paradies.«

Schon damals existierte allerdings auch ein katholischer Antisemitismus. Vielen frommen Katholiken galten die Juden als Christusmörder. Und auch von außen drohte Gefahr, als um 1648 Kosaken vom Unterlauf des Dnjepr mit ihren Verbündeten Polen überfielen und Massaker unter den Juden anrichteten. Mindestens 100 000 fielen den Reiterkriegern zum Opfer.

Nach der Katastrophe zogen sich die Juden aus der feindlichen Umgebung zurück. Sie gründeten mit ihren Glaubensbrüdern eigene Stadtteile oder eigene Städtchen,

die Schtetl. Als nach dem Ersten Weltkrieg die polnische Teilung überwunden und Polen wieder ein souveräner Staat war, waren rund elf Prozent der polnischen Bürger jüdischen Glaubens. Sie blieben zunächst unbehelligt. Marschall Józef Pilsudski, der Held der Unabhängigkeit und spätere Diktator, verlangte Toleranz gegenüber den religiösen und ethnischen Minderheiten.

Die Nazis machten das Land dann zum zentralen Schauplatz des Holocaust. 5941 Polen sind namentlich in der Gedenkstätte Jad Waschem aufgeführt, weil sie Juden vor der Mordmaschinerie der Nazis gerettet haben - keine andere Nation stellt mehr »Gerechte unter den Völkern«.

Im Windschatten der deutschen Invasion kam es aber auch zu mindestens 20 Massakern katholischer Polen an ihren jüdischen Mitbürgern. Mancherorts waren diese Pogrome von den Deutschen angezettelt, anderswo hatten Polen sie selbst ausgeheckt. Vor sechs Jahren löste das Buch »Nachbarn« des in New York lehrenden Soziologen Jan T. Gross eine Debatte aus, die das historische Selbstverständnis der Polen erschütterte. Gross beschrieb, wie die Bürger des ostpolnischen Jedwabne im Juli 1941 knapp 1600 jüdische Männer, Frauen und Kinder niedergemetzelt hatten. Polen konnte sich nicht mehr allein als eine Nation der Opfer sehen.

Eine offizielle Untersuchung des polnischen Instituts für Nationales Gedenken hat mittlerweile die Zahl der Toten in Jedwabne auf mindestens 340 nach unten korrigiert. Die Untersuchung ergab außerdem, dass die Deutschen auch dieses Gemetzel inspiriert und gebilligt hatten. Dennoch kamen die Historiker zu dem Ergebnis, Polen hätten freiwillig und ohne Befehlsnotstand ihre jüdischen Nachbarn ermordet.

Auch nach der Niederlage der NS-Diktatur hatte das Martyrium der polnischen Juden kein Ende. Unmittelbar nach Kriegsende zettelten polnische Antisemiten mehrere Pogrome an. Allein in Kielce fielen 1946 dem Mob 37 Juden zum Opfer. Rund 20 Jahre später entfachten Teile der kommunistischen Partei eine antisemitische Hetzkampagne gegen Gegner in den eigenen Reihen. Die große Mehrheit der damals noch etwa 30 000 in Polen lebenden Juden floh ins Ausland.

Nun aber regt sich wieder jüdisches Leben. Im Krakauer Stadtteil Kazimierz ist die große Synagoge renoviert, an der Breiten Straße reihen sich Cafés im nachempfundenen Stil der zwanziger Jahre aneinander. Neonreklame leuchtet in hebräischen Lettern, es sind Davidsterne zu sehen und siebenarmige Leuchter.

Rabbi Abraham Flaks, mit Vollbart und Kippa, nimmt auf einem Sofa im Café »Klezmer Hois« Platz. »Die Synagoge ist nur am Sabbat ein Gotteshaus und sonst ein Museum«, korrigiert er das traute Bild. Die ganze Krakauer Gemeinde zählt rund 200 Mitglieder, allerdings werden es ständig mehr. »Die polnischen Juden müssen erst wieder lernen, was Judentum überhaupt ist«, sagt der Rabbi

Das ist sein Auftrag, und deswegen lernt Rabbi Flaks seit vier Monaten fleißig Polnisch, er ist nämlich nicht von hier. In Russland geboren, wanderte er als junger Mann nach Israel aus. Es gibt in Polen noch keine jüdische Gemeinde, die in der Lage wäre, selbst einen Rabbi auszubilden. Jüdische Stiftungen aus Amerika mühen sich seit Jahren, ihren Glaubensbrüdern in Polen beizustehen. Sie haben Flaks nach Krakau entsandt und dazu Oberrabbiner Michael Schudrich, einen amerikanischen Juden, nach Warschau.

Antisemitismus hat Rabbi Flaks im heutigen Polen noch nicht erlebt, aber Berichte über antisemitische Pöbeleien irgendwo in Polen sind keine Seltenheit. Der Warschauer Soziologe Ireneusz Krzemin'ski gibt nationalkatholischen Kreisen die Schuld. So agitiere der Sender Radio Maryja immer wieder mit judenfeindlichen Klischees gegen politische Gegner. Im Gegensatz zum Vatikan sind die polnischen Bischöfe bisher nur sehr vorsichtig gegen den Sender vorgegangen, einige unterstützen ihn sogar offen.

Trotzdem, so hat Krzemin'ski festgestellt, haben Antisemiten heute einen schweren Stand in Polen. Vor allem unter jungen, gebildeten Leute sei die Zahl der »Anti-Antisemiten« erheblich gestiegen. »Wer sich heute judenfeindlich äußert, muss mit heftigem Widerspruch rechnen«, sagt er. »Gerade die jungen Leute empfinden das jüdische Erbe Polens als Bereicherung. Sie wollen - auch mit Blick auf ihre Altersgenossen in Europa - eine vielschichtige Kultur vorzeigen.« JAN PUHL

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