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Spanien:

aus DER SPIEGEL 43/1976

Solange der Caudillo Francisco Franco lebte, waren in Spanien »nackte Brüste fast strafbarer als Devisenschmuggel in die Schweiz« (so der Direktor der Zeitschrift »Interviú"). Wenige Monate nach dem Tode des Generalissimus jedoch wurde sein Land plötzlich von blanken Busen und properen Pos überrollt:

Die Regierung des jungen Premierministers Adolfo Suárez, bemüht um ein freiheitliches Image, gab den Zeitschriftenmarkt für den Sex frei. Denn, so ein Staatszensor, »wir waren es leid, unter der Lupe nachzumessen, ob die hübschen Mädchen genügend bekleidet waren«. Auf dem Papier, in Kinos, Kabaretts und im Theater wurde Nacktheit Trumpf. »Espana se pone cachonda« -- »Spanien wird läufig« -- amüsierte sich der Schriftsteller Camilo José Cela.

Über Nacht schossen mehr als 20 Sex-Postillen aus dem Boden, fast 100 weitere ließen sich zusätzlich ins Register des Informationsministeriums eintragen. Eine Fernsehsprecherin ließ sich im Sexblatt »Portada«, mit einer winzigen spanischen Flagge nur notdürftig bekleidet, abbilden und offenbarte üir Spanien bisher Unerhörtes: »Ich mag keine Büstenhalter, schlafe am liebsten nackt und je nach Laune in Begleitung.«

»Ein katholischer Staat und eine katholische Regierung können solch eine Schande nicht hinnehmen«, empörte sich daraufhin das Sprachrohr der Ultrarechten, die Zeitschrift »Fuerza Nueva«, und erwog eine Anzeige gegen den Ministerpräsidenten und den Informationsminister, beides gläubige Katholiken.

Im Kloster des Valle de los Caidos, der Grabstätte Francos, wurde ein Seminar über »Recht, Erotik und Pornographie« abgehalten, wobei letztere als. »gefährliche gesellschaftliche Gebrechen« gebrandmarkt wurden. Sogar die Königliche Akademie der Sprache beschäftigte sich mit dem Thema. So rasch ereilte die Sexwelle das Land, daß auch der SPIEGEL überrollt wurde: Um der Pressezensur, der auch alle ausländischen Zeitungen unterliegen, zu entgehen, überdruckte er nackte Pos noch mit schwarzen Balken, als sie in Spanien schon kein Tabu mehr waren.

Doch die Freiheit währte nur einen Sommer lang. Unter dem Druck der rechten Ultras -- die nach dem Attentat auf -ein Mitglied des Rates des Königreiches Anfang dieses Monats wieder Oberwasser haben -- traten aufs neue die Zensoren mit der Lupe in Aktion. Seit Anfang dieser Woche wird gedruckter Sex wieder nur unter der Ladentheke verkauft.

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