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AFFÄREN Spannendes Thema

Mit einer Razzia im Hause Strauß hofften bayerische Ermittler vorige Woche einen gigantischen Multi-Millionen-Betrug weiter aufklären zu können.
Von Georg Mascolo und Conny Neumann
aus DER SPIEGEL 22/2000

Sein Verhältnis zur Justiz erklärt der Rechtsanwalt aus gutem Hause gern so: Ob gegen ihn ermittelt werde, sei ihm »wurscht«. Vergangenen Mittwoch verlor Max Josef Strauß, 41, Sohn der verstorbenen Bayern-Ikone Franz Josef, dann aber doch kurzfristig die Gelassenheit.

Im Bademantel, mit wirren Haaren und nackten Füßen stürmte der Jurist aus seinem Haus im Perlacher Forst in München und umkreiste misstrauisch einen parkenden Mercedes. Strauß presste die Nase ans Fenster, dann bückte er sich zur Inspektion des Nummernschilds.

Für die erhöhte Wachsamkeit gab es einen guten Grund. Tags zuvor hatte die Münchner Staatsanwaltschaft sein Anwesen sowie die noble Kanzlei in der Innenstadt durchsuchen lassen. Es war zwar nicht der erste Besuch der Justiz (gegen Strauß wird auch wegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche ermittelt), aber diesmal könnte es ernst werden.

Strauß steht im Verdacht, Beihilfe zu einer gigantischen Abzocke geleistet zu haben: Der CSU-Kreisvorsitzende verdiente gut als Rechtsberater der »Wirtschaftsanalyse und Beratung AG« (Wabag), eines Firmengeflechts, das Anlegern den Bau von umweltfreundlichen Recycling-Anlagen und Kraftwerken versprach. Mit so schönen Namen wie »Bio-Kraftwerk Zittau AG«, »Zenit Zentrum für Industrie-Recycling Teileverarbeitung AG« oder »Kompact Bioorganische Energie Systeme AG« sollen die vermeintlichen Öko-Investoren private Anleger und öffentliche Kassen um rund 300 Millionen Mark geprellt haben. Die Firmen seien, so die Staatsanwaltschaft, gezielt »ausgeplündert« worden.

Als Rechtsberater, der in seiner Kanzlei die komplizierten Vertragswerke der Firmengruppe aufsetzen ließ, habe Strauß wissen müssen, dass die Wabag nicht hielt, was sie versprach, argumentiert die Staatsanwaltschaft. Anwalt Max war freilich nicht der Einzige aus dem Strauß-Clan, der der Wabag diente.

Auch Schwager Michael Hohlmeier, Gatte der bayerischen Kultusministerin und Strauß-Tochter Monika, arbeitete als Manager für die Firmengruppe. In zwei Tochtergesellschaften schaffte er es bis in den Aufsichtsrat. Nach einem Jahr allerdings stieg Hohlmeier wieder aus. So könnte er noch einmal davonkommen. »Herr Hohlmeier ist für uns ein Zeuge«, erklärt der Münchner Leitende Oberstaatsanwalt Manfred Wick.

Allzu schwer kann es nicht gewesen sein, die krummen Touren der Wabag zu erkennen. Schon Mitte der neunziger Jahre warnten Finanz-Fachblätter vor der windigen Wabag. Die versprochenen Renditen von bis zu 17 Prozent im Jahr klangen zu abenteuerlich.

Im Januar dieses Jahres war dann Schluss. 19 Staatsanwälte und 200 Polizisten durchsuchten die Büros der Aktiengesellschaft. Aufsichtsratschef Erich Dallinger, 50, sitzt seither in Haft. Der ehemalige Vorsteher einer Mormonen-Gemeinde hatte sein Personal besonders gern unter den Gläubigen der »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage« rekrutiert. Für den streng katholischen Strauß-Clan machte Dallinger gern eine Ausnahme.

Zunächst galt auch Strauß junior den Ermittlern nur als Zeuge. Nach Auswertung von Aussagen ehemaliger Wabag-Manager und Sichtung tausender Seiten von Firmendokumenten ergab sich für die Staatsanwaltschaft ein ganz anderes Bild von der Rolle des Anwalts.

»Mein Eindruck war, dass sich Dallinger mit Geld in die Familie Strauß eingekauft hat«, gab ein ehemaliger Vertriebsleiter der Wabag bei der Staatsanwaltschaft zu Protokoll. Jede Projektgesellschaft, behauptete er, habe auf Anordnung von Dallinger einen »Beratervertrag« mit Max Strauß abschließen müssen.

Alle Proteste von Firmenmanagern, Strauß sei »überbezahlt«, habe Dallinger abgetan. »Ich weiß, dass Strauß für ein Jahr Honorarforderungen von gut einer Million Mark beanspruchte und bekam«, gab der einstige Vertriebschef zu Protokoll.

Aus der Beziehung Anwalt/Mandant soll bald eine echte Freundschaft geworden sein. Dallinger und Strauß sollen oft und teuer gereist sein. Noch lange nach der Rückkehr von einem USA-Trip schwärmte Dallinger vom feinen Waldorf-Astoria-Hotel in New York: »Ich kann es Ihnen wärmstens empfehlen, es kostet allerdings 1100 Mark die Nacht.«

Auch in der Oberhachinger Firmenzentrale glaubte nicht jeder an die wundersame Symbiose von Geldvermehrung und Umweltschutz. »Wer immer Dallinger in Frage stellte, bekam es mit der geballten Macht von Max Josef Strauß zu tun«, gab ein Insider zu Protokoll. Einem Zweifler habe der Anwalt angeblich sogar gedroht, ihm »alle Knochen aus dem Leib zu klagen«.

Auch Hohlmeier verdankte seinen Job als »Director Controlling« seinem Schwager Max. Der hatte ihn heftig protegiert. »Herr Dallinger machte kein Hehl daraus, dass Herr Hohlmeier wegen seiner politischen Beziehungen angestellt wurde«, erinnert sich der Ex-Vertriebsleiter.

Aber schon im Mai 1999, nach gerade mal einem Jahr, war für Hohlmeier Schluss. Er kündigte. Nur »interne Querelen« seien für den schnellen Abschied ausschlaggebend gewesen, sagt Hohlmeier. »Ich habe Kritik geäußert, die aber nicht auf fruchtbaren Boden fiel.« Von irgendwelchen krummen Machenschaften habe er nichts erfahren und auch nichts geahnt.

Es gibt auch eine andere Version, die ein ehemaliger Hohlmeier-Kollege der Staatsanwaltschaft gegenüber preisgab. Hohlmeier habe »schnell durchgeblickt« und die Geldschiebereien zumindest geahnt.

Schwager Max hat inzwischen der Staatsanwaltschaft »Kooperationsbereitschaft« signalisiert. Noch im Laufe dieser Woche will er sich vernehmen lassen, um zu einer raschen Aufklärung beizutragen. Wenn es bei der Wabag zu »strafrechtlich relevanten Unregelmäßigkeiten« gekommen sei, so Strauß, »geschah dies ohne Beteiligung meiner Person«. Eine weitergehende Stellungnahme lehnte der Rechtsanwalt ab.

Wenn es anders gewesen ist, als er behauptet, könnte es teuer für ihn werden. Geschädigte haben sich zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, um wenigstens einen Teil ihres Geldes einzutreiben.

Medard Fuchsgruber, dessen Detektei für rund 100 Opfer des Öko-Schwindels nach den verschwundenen Millionen sucht, hört die Nachricht von den Ermittlungen gegen Strauß gern: »Wir interessieren uns sehr für Personen, wo etwas zu holen ist. Da ist Max Strauß ein ganz spannendes Thema.« GEORG MASCOLO, CONNY NEUMANN

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