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SPECTRUM »Banale Ruine« in West-Berlin

aus DER SPIEGEL 46/1980

Ein halbes Jahr nach ihrem Teileinsturz ist das Schicksal der West-Berliner Kongreßhalle weiterhin ungewiß. Auch die mehr satirischen als ernstgemeinten rund 100 Verwendungsvorschläge von drei Dutzend in- und ausländischen Architekten, die jetzt in der West-Berliner Galerie »Aedes« ausgestellt sind, werden dem Senat kaum als Entscheidungshilfe dienen: Die Kollegen häuften Spott auf das lädierte Werk des prominenten US-Architekten Hugh Stubbins, schickten skizzierte Happenings, empfahlen, das geborstene Souvenir weiter verfallen zu lassen, es einzugrünen, einzugraben oder in die Spree zu versenken. Daß keiner einen originalgetreuen Wiederaufbau anraten mag, hat freilich auch einen handfesten technischen Grund: Das Symbol deutsch-amerikanischer Freundschaft war eine Schummelkonstruktion. Was der Feuilletonist Thilo Koch nach der Fertigstellung vor 23 Jahren als »Tokkata und Fuge in C-Dur« feierte, rügte der italienische Baupionier Pier Luigi Nervi schon damals als »Verstoß gegen die Prinzipien der Statik und Konstruktion, die man nicht ungestraft verletzen darf": Ein Dach, das (scheinbar) auf nur zwei Punkten aufliegt, sei eine statische »Absurdität«. Urteil des Mailänder Designers Adolfo Natalini: »Banale Architektur« sei zur »banalen Ruine« geworden.

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