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Krankenhäuser Spezielles Töpfchen

Gegen Geld und Geschenke liefern Kliniken Krampfadern an ein Medizin-Unternehmen. Die Patienten wissen meist nichts davon.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Die Operation dauert ein bis drei Stunden, zurück bleiben in der Regel blaue Flecken sowie Schnitte an Knöchel, Leiste, Unterschenkel und Knie. Danach fühlen sich Patienten wie die Gießenerin Ilse Keller, 72, meist erleichtert: »Ich bin froh, daß ich meine Krampfadern los bin.«

Daß ihre ausgeleierten Venen sogar noch Geld wert sind, ahnte die alte Dame ebensowenig wie die meisten anderen Krampfader-Geplagten in Deutschland. Die niederländische Medizinfirma Vascogref sammelt die Varizen bundesweit ein. Im Gegensatz zu den Patienten geht das Krankenhauspersonal nicht leer aus.

Das Unternehmen aus Hilversum stellt aus den blutigen Operationsüberbleibseln Gefäßprothesen her. Die Bioersatzteile (Handelsname Varivas) werden etwa bei Dialysepatienten als neuer Gefäßzugang für die Blutwäsche verwendet oder Arteriosklerose-Kranken in die Beine eingesetzt, damit das Blut wieder fließen kann.

In einem Aufklärungsblatt bittet die Firma Vascogref die Kranken darum, ihr die Blutgefäße für den guten Zweck »unentgeltlich zu überlassen«. Ansonsten würden die Venen im Müll landen.

Zwar sollen die Patienten, so will es das Unternehmen, schriftlich erklären, daß sie ihre alten Adern freiwillig abtreten. Doch der Papierkram ist vielen Medizinern zu lästig, und die Firma kontrolliert nicht, ob die Formulare unterschrieben werden.

Nur wenige Wochen lang, so ein Assistenzarzt an einer Klinik in der Nähe von Hannover, sei das Blatt den Patienten zur Unterschrift vorgelegt worden. Das habe aber einen solchen Wirbel verursacht, daß es schnell wieder eingezogen wurde. Jahrelang seien die Venen dann heimlich geliefert worden.

Bis zu 50 Kliniken beteiligen sich nach Angaben des Medizin-Vertreters Heinz Frieling, der das Biomaterial für Vascogref in Deutschland beschafft, bundesweit am Varizen-Sammeln. Im Operationssaal steht jeweils ein spezielles Sammeltöpfchen bereit, in das die gezogenen Venen nur gelegt werden müssen. Frieling sammelt die Töpfchen etwa einmal im Monat ein.

Eine »offizielle Entlohnung« des Krankenhauspersonals für die Gefälligkeit, beteuert Frieling, gebe es zwar nicht. Aber auch ein »kleines Dankeschön« aus Frielings Kasse kann sich sehen lassen: mal ein Scheck, mal eine Überweisung auf ein gesondertes Konto, mal auch nur eine Spende für die Kaffeekasse. Nach fleißigem Sammeln kommen da schon mal 1200 Mark zusammen, »zugunsten der gesamten OP-Besatzung«.

»In unregelmäßigen Abständen«, sagt ein nordrhein-westfälischer Arzt, »wurde ein Umschlag verteilt - das Varizengeld, hieß es.«

Mehr als zwei Mark pro Vene, versichert Frieling jedoch, gebe es nie. Überhaupt sei Honorar die »Ausnahme«. Häufiger seien Geschenke wie eine »Kaffeemaschine« oder sogar »ein Videorecorder«. Ärzte bekämen auch schon mal »das eine oder andere Fachbuch«.

Die Firmenleitung in Hilversum bestreitet gänzlich, an Kliniken zu zahlen. Schon aus »ethischen Gründen« werde den Ärzten nichts überwiesen.

Die Kranken in deutschen Kliniken haben von dem Sammelfleiß nichts. Die Varivas-Prothesen werden nur in Holland verkauft. In ausgewählten Kliniken Belgiens, Frankreichs und Italiens benutzen Mediziner sie für Studienzwecke.

Einige Krankenhäuser, darunter die Hautklinik im westfälischen Minden, sind aus dem Ader-Export inzwischen ausgestiegen. »Wegen der Diskussionen um den Organhandel«, sagt Chefarzt Rudolf Stadler, habe er das Sammeln »unterbunden, um jedes Mißverständnis zu vermeiden«.

Varivas-Vertreter Frieling erinnert sich anders: »Die wollten mehr Geld, aber das läuft mit mir nicht.« Stadler bestreitet das: »Die Klinik«, sagt er, habe »keinen Pfennig gesehen«. Y

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