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»Spiegel der eigenen Wünsche«

aus DER SPIEGEL 1/1996

Im Jahre 1910 sah die Welt von morgen für Propheten so aus: Die Zahl der Wahnsinnigen wird irre steigen; das Verbrechen, zur Domäne der Frauen geworden, gewinnt an gräßlicher Tücke; und jedermann läuft mit einem schnurlosen Telefon herum.

Andererseits: Ein »froher, komfortabler Kommunismus« steht bevor, Äpfel werden »so groß sein wie Melonen«, und den »einzig bedeutenden Weltkrieg« führen die »Vereinigten Staaten Europas« gegen die »gelbe Rasse«, siegreich dank »riesenhafter Vakuumluftschiffe«.

Noch schöner: Angesichts »gewaltiger Vernichtungskräfte« wird Krieg zur »Unmöglichkeit«; Wetterprognosen können »bis auf halbe Monate voraus« mit »voller Genauigkeit« gestellt werden; und die Geselligkeit blüht auf, »weil dann gute Manieren so selbstverständlich sind wie frische Wäsche«.

So sah einmal die Zukunft aus, »so großer Verheißungen voll« - auf dem Papier. Im Jahre 1910 erschien in der Berliner Verlagsanstalt Buntdruck ein Buch mit zwei Dutzend Aufsätzen, die alle um dessen Titel kreisten: »Die Welt in hundert Jahren"*.

Die Creme der Jahrhundertwende legt da los, darunter Präfigurationen heutiger Wort-Führer. Etwa der Sozialdemokrat Eduard Bernstein (vergleichbar mit P. Glotz), der Kritiker Hermann Bahr (M. Reich-Ranicki) und die Ditfurth ihrer Zeit, die Pazifistin Bertha von Suttner.

Es war zwei Jahre vor dem Untergang der »Titanic«, also alles noch ahoi. Lilienthal hatte abgehoben, die »drahtlose Telephonie« läßt alle Menschen Brüder werden, Röntgen und Curie verheißen eine strahlende Zukunft. Euphorie, bekanntlich das subjektive Wohlbefinden Schwerstkranker, regiert die Stunde.

Hoch hinaus wollen die Propheten des alten Buches. »Über den Tropengebieten von Amerika« legt man sich, in 3000 Meter Höhe, in »Schlafballons« zur Ruhe. Morgenlektüre entfällt, denn »Zeitungen gibt es 2009 _(* Als Nachdruck erschienen im Verlag ) _(Olms Presse, Hildesheim; 320 Seiten; ) _(39,80 Mark. )

nicht mehr«; alles geht, »auch vom Mars herüber«, drahtlos. »Luftjachten« führen Alpinisten »zu Bergbesteigungen auf den Mond«. Zur »Sommerfrische« hingegen reist man in »submarine Villenstädte«, denn die »Landschaftsschönheiten sind alle zerstört«. Höchster Gedankenflug: Ein »Jahrhundert der Moralität« stehe bevor.

Einig sind sich die Frauenrechtlerin Ellen Key und der Sozialdemokrat Bernstein: Ums Jahr 2000 haben die »beiden großen Bewegungen« der Neuzeit, die Frauen- und die Arbeiterbewegung, »ihre Ziele erreicht«. Unter anderem durch ein Mittel, »die Menschheit ohne Elternschaft fortzupflanzen«.

Manches kam wirklich wie vorgesehen. Das avisierte »Konzentrationsverfahren«, das Sonnenlicht in »Motorkraft umwandelt«, ist da. »Mindestlöhne« und die »Länge des Arbeitstages« sind geregelt. »Masculinfreie Männer« und »femininfreie Frauen« reichen sich gelegentlich die Hände.

Gebahnt ist nun auch der »drahtlose Weg«, der den »Anblick von Sensationen furchtbarster Art« in aller Welt gewährt, per Glotze. Mediziner-Utopien, »nahezu alle Organe« werden transplantiert, sind Weißkittelalltag geworden. Apokalyptisch richtig: »Wasser wird seltener und kostbarer sein als Gold«.

Und es kam das »Jahrhundert des Radiums«, der Atomenergie, der »zerstörendsten Kraft, die jemals in eines Menschen Hände gelegt worden war«. Kinderglaube damals: Sie werde auch »Blinde sehend machen« und ein »Zeitalter völliger Krankheitslosigkeit« heraufführen.

Verblüffend oft wird im Jahre 1910 das »Tausendjährige Reich« beschworen: eines der Mutter, eines der Maschinen, auch eines des »vollkommenen Gemeinwesens«; das wird kommen, wenn das »Unkraut aus dem großen Garten der Menschheit ausgejätet«, das »Blut« rein ist.

Die Zukunft, schreibt einer, sei ein »Spiegel, in dem nichts anderes erscheint als die Erfüllung der eigenen Wünsche«, auch skurriler. In hundert Jahren etwa werde Literatur »unnötig« sein, prophezeit der Kritiker Hermann Bahr. Denn in den rosa Zeiten, die da heraufziehen, entfalle das Grundmotiv des Dichtens, der Gelderwerb. Allerdings könne ein »heute durchaus unbekanntes Motiv« auftauchen und einer dichte, »weil er etwas zu sagen hat«.

Kein Zukunftsszenario ohne Weltuntergangsvision. Ein Komet kann kommen und die Erde platt machen, auch eine »Revolution« steht in den Sternen, eine »über den ganzen Planeten verzweigte Verschwörung der Schuljugend«; die Erhebung erfolgt am Neujahrstag des Jahres 2009, und die »erste Gewalttat« ist offenbar die Erfüllung eines alten Menschheitstraums: »In gewaltigen Emigranten-Zeppelins werden alle Journalisten auf den Mars verschickt.«

* Als Nachdruck erschienen im Verlag Olms Presse, Hildesheim; 320Seiten; 39,80 Mark.

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