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Schnittstellen SPIEGEL-GESPRÄCH - »Programmierer in den Knast«

Der Computervisionär Jaron Lanier, Mitbegründer der »Virtual Reality«, kritisiert die Kluft zwischen Euphorie und realem Problemstau bei Rechnern: Die richtig guten Programme müssen erst noch geschrieben werden.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Lanier, 40, Computerwissenschaftler, Komponist, bildender Künstler und Buchautor in einem, ist der Erfinder des Begriffs »Virtual Reality« (VR). Zusammen mit anderen entwickelte er den ersten Datenhandschuh, den ersten Datenhelm sowie die ersten VR-Anwendungen in der Chirurgie und im Automobilbau. Gegenwärtig arbeitet er als wissenschaftlicher Leiter der Nationalen Tele-Immersions-Initiative zur Erforschung von Anwendungen für das Internet 2. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Lanier, Sie gelten als einer der wichtigsten Vordenker der Computerwelt. Ärgern Sie sich manchmal über Ihren Rechner?

Lanier: Klar. Gerade heute Morgen. Ich habe mit Microsoft Word gearbeitet. Schrecklich. Das Programm ist schlecht geschrieben, unelegant, unzuverlässig.

SPIEGEL: Warum haben Sie es dann benutzt?

Lanier: Ich habe eine starke Abneigung gegen Word. Aber ich benutze es, damit meine Texte kompatibel sind mit den Rechnern meiner Kollegen. Bei der Kaufentscheidung geht es heute nicht mehr darum, wie gut eine Software gemacht ist, sondern hauptsächlich um Kompatibilität. Irgendwann gibt es zu dem, was sich durchgesetzt hat, keine Alternative mehr.

SPIEGEL: Was stört Sie denn an Word?

Lanier: Vor allem die automatische Rechtschreibkorrektur. Ich arbeite an einem Projekt, das sich »Tele-Immersion« nennt. Ich kürze das gern als »tele-i« ab. Aber das Word-Programm macht immer aus dem kleinen »i« ein großes »I«.

SPIEGEL: Und wer hat diesen Kleinkrieg gewonnen, der Rechner oder Sie?

Lanier: Ich musste klein beigeben und das »i« großschreiben. Ich hatte keine Wahl. Der Aufwand wurde einfach zu groß.

SPIEGEL: Aber man kann die Autokorrektur doch abschalten ...

Lanier: Genau das sagen mir auch die Leute von Microsoft jedes Mal, wenn ich diese Story erzähle. Aber bislang ist es noch niemandem von ihnen gelungen, das auf meinem Gerät hinzubekommen.

SPIEGEL: Was wäre denn ein Beispiel für gelungene Software?

Lanier: Das TCP/IP-Programm, welches das Internet zum Laufen bringt! Es funktioniert fabelhaft, ist zuverlässig, und obendrein spiegelt es noch die höchsten Ideale der Menschheit wider. Die Struktur des Internet ist mehr als nur Technik, das ist ein Stück Lebensphilosophie, denn es regelt, wie Menschen miteinander umgehen.

SPIEGEL: Demnach müssten Musiktauschbörsen wie Napster Ihnen auch gefallen, die den Umgang zwischen Musikern, Plattenfirmen und Publikum auf den Kopf stellen.

Lanier: Ja, ich bin Napster-Fan. Aber es stimmt nicht, dass die Musikindustrie früher eine ganz normale Branche war wie, sagen wir, die Holzindustrie. Die Musikindustrie war schon immer ein eigenartiger Verein, ich weiß das, weil ich selber Musiker bin. Der Markt ist gar nicht richtig frei und wird von wenigen Großen kontrolliert - das erinnert fast schon an organisiertes Verbrechen. Ein erfolgreicher Musiker wird doch heute nicht danach bezahlt, wie viele Alben er verkauft, sondern danach, was irgendwelche Rechtsanwälte untereinander ausgekungelt haben.

SPIEGEL: Wie lässt sich das ändern?

Lanier: Wir brauchen eine Art Patentrecht für Musik. Wenn ich ein technisches Patent anmelde, darf auch jeder meine Patentschrift lesen und davon lernen. Aber Geld verdienen sollte erst einmal der Erfinder. So könnte man das auch mit Musik machen: Die Musiker verschenken die Bits per Internet, und jeder darf die Musik kostenlos hören als Privatperson. Aber jeder, der mit der Musik Geld verdienen will, muss für die Nutzung bezahlen. Wenn ein Clubbesitzer Musik benutzt, um Bier zu verkaufen, muss der Musiker etwas von dem Biergeld abbekommen.

SPIEGEL: MP3 dürfte bald überall sein. Derzeit kommt kaum noch ein neues Elektronikgerät auf den Markt ohne einen eingebauten MP3-Player. Ist diese Multifunktionalität sinnvoll?

Lanier: Ein Gerät, eine Funktion, das wäre das Einfachste. Im einen Gehäuse ist die Kamera, im anderen das Aufnahmegerät. Aber was, wenn Sie 30 Geräte von dieser Sorte haben? Dann sehen Sie aus wie ein geschmückter Weihnachtsbaum, das wollen Sie auch wieder nicht.

SPIEGEL: Wie lässt sich der Widerspruch lösen?

Lanier: Meine Hoffnung liegt in rein virtuellen Geräten, die nur aus Software bestehen. Man würde sie durch eine Datenbrille sehen und mit einem Datenhandschuh anfassen und bedienen. Aber eigentlich wären das nur Programme, die in einem kleinen tragbaren Universalgerät ablaufen.

SPIEGEL: Das klingt aber stark nach Science-Fiction von William Gibson.

Lanier: Internet und Napster sind eben nur ein erster Vorgeschmack darauf, was möglich ist. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis man gute Klaviere bauen konnte. Warum sollte das bei einem MP3-Player in nur zwei Jahren gehen? Gut möglich, dass die Menschheit über hundert Jahre braucht, bis das erste richtig gute Computerprogramm geschrieben wird.

SPIEGEL: Immerhin sind in den ersten 60 Jahren der Computerentwicklung doch ganz passable Programme herausgekommen - Spieleklassiker wie Civilization, Bildbearbeitungssoftware wie Photoshop ...

Lanier: Bildbearbeitung ist ein gutes Beispiel. Die Technik der Fotografie wurde Anfang des 19. Jahrhunderts erfunden. Aber bis die Fotografie wirklich zu einem ausdrucksstarken Medium geworden ist, hat es über 50 Jahre gedauert. Dabei sind Kameras viel leichter zu bedienen als Computer - man drückt einfach ab, und schon wird die Welt abgebildet. Beim Computer ist all das viel komplizierter. Das erste richtig gute Digitalwerkzeug werde ich selber vielleicht gar nicht mehr erleben.

SPIEGEL: Aber die Fortschritte sind doch gewaltig, zum Beispiel auf dem Gebiet der Spracherkennung. Man kann heute zu einem Telefon sagen: »Nach Hause telefonieren!«, und es wählt automatisch die entsprechende Nummer.

Lanier: Einzelne Aspekte haben sich wirklich sehr rasch verbessert, und die Spracherkennung zählt wohl dazu. Aber insgesamt ist die Welt der Software noch in einem erbärmlichen Zustand.

SPIEGEL: Gerade das Unfertige an der Computerwelt fasziniert einige Beobachter. »Lasst uns schlampige Programme loben und preisen wie Gott den Herrn«, schreibt zum Beispiel der Wissenschaftshistoriker George Dyson, denn gerade das Unvollkommene rege zu neuen Erfindungen an.

Lanier: George Dyson ist doch verrückt. Er hat eine religiöse Verehrung für Computer entwickelt. Es gibt solche Auffassungen bei einigen meiner Kollegen, sie sehen die Computer nicht als tote Werkzeuge, sondern gleichsam als Lebewesen, Partner und Konkurrenten von Menschen.

SPIEGEL: Seit ungefähr 30 Jahren, so besagt das »Mooresche Gesetz«, verdoppelt sich die Prozessorleistung alle anderthalb Jahre. Wäre es nicht denkbar, dass in ein paar Jahren die ersten Superrechner so schlau sind wie Menschen?

Lanier: Leute, die an dieses Märchen von der Künstlichen Intelligenz glauben wollen, machen sich selber dümmer, als sie sind, nur damit die Maschine schlauer erscheint.

SPIEGEL: Ein Beispiel?

Lanier: In den USA verwenden viele Banken angeblich intelligente Computerprogramme, um festzustellen, ob ein Kunde einen Kredit bekommen soll oder nicht. Aber diese Software lässt sich leicht betrügen. Der eigenartige Effekt: In den letzten vier Jahren, als die Wirtschaft einen permanenten Boom erlebte, gab es gleichzeitig einen Rekord an privaten Bankrotten. Das kann nur bedeuten: Die computerisierte Kreditvergabe funktionierte nicht so recht. Dennoch geben sich viele Leute richtig Mühe, diese Software klug erscheinen zu lassen. Wer versucht, Künstliche Intelligenz zu erschaffen, landet nur bei natürlicher Dummheit. Künstliche Intelligenz ist nur ein anderes Wort für schlechtes Design. Und das ärgert mich ...

SPIEGEL: ... so wie das Schreibprogramm Microsoft Word.

Lanier: Wann immer eine Maschine so tut, als sei sie autonom, stecken Leute dahinter, die sie programmiert haben, aber dafür nicht die Verantwortung übernehmen wollen. Dabei kommen dann Programme wie Word heraus, die ungefragt in meinen Texten herumpfuschen. Der Film »2001: Odyssee im Weltraum« ist ein gutes Beispiel für diesen Irrglauben an schlaue Rechner. Im Film hat der Bordrechner Hal eine Fehlfunktion und tötet einfach Astronauten. Das ist natürlich Bullshit, weil ein Rechner nicht selbständig handeln kann. Eigentlich müsste der Film so weitergehen: Schnitt zur Bodenkontrollstation. »Ihr habt miese Software geschrieben«, werden die Programmierer vom Chef angebrüllt, »ihr kommt jetzt in den Knast.« Oder noch besser, schließlich liegt zum Beispiel die Bodenstation Houston in Texas, wo es die Todesstrafe gibt: »Ihr werdet hingerichtet!«

SPIEGEL: Aber was wird die Zukunft bringen? Bill Joy, der Chefentwickler beim Netzwerkgiganten Sun, hat davor gewarnt, dass intelligente Maschinen in nur 30 Jahren so intelligent wie der Mensch sein könnten. »Eine Technologie«, warnt Joy, »die unsere Spezies verdrängen könnte.«

Lanier: Alles Unsinn. Wenn die Computer weiter so unzuverlässig laufen, wie wir es heute kennen, dann wird das Jahr 2030 ein gutes. Denn die permanenten Computerabstürze werden uns Vollbeschäftigung garantieren: Hunderttausende von Menschen werden in Callcentern arbeiten und in Telefon-Hotlines und Helpdesks verzweifelte Kunden trösten.

SPIEGEL: Bislang haben Computer die Effizienz eher erhöht.

Lanier: Bislang vielleicht. Aber während sich die Prozessoren gemäß dem Mooreschen Gesetz verbessern, wird die Software immer schlechter und unübersichtlicher. Das Verhältnis zwischen der Computerleistung und unseren Möglichkeiten, sie am Laufen zu halten, verschlechtert sich ständig.

SPIEGEL: Früher haben Sie sich euphorischer geäußert. Was würden Sie heute einem jungen Mann Mitte zwanzig erwidern, wenn er sagt: »Die virtuelle Realität wird ein gemeinsames, mystisches Gefühl zurückbringen, das bislang jede Zivilisation geprägt hat, die vor dem Patriarchat existierte ...«

Lanier: Dieses Zitat stammt von mir, das ist viele Jahre her. Ich war ein Hippie-Kid in Kalifornien, und diese Art zu reden war sozusagen meine Muttersprache.

SPIEGEL: Würden Sie auch heute noch sagen: Wahrlich, die virtuelle Realität wird uns erlösen vom bösen Patriarchat?

Lanier: Nein, das Patriarchat ist gar nicht das wichtigste Problem. Ich halte es da eher mit meiner Ex-Frau, die gern sagte: »Wenn Frauen die Welt regieren würden, gäbe es weniger Kriege. Dafür aber mehr Giftmischerei.« Aber zurück zu Ihrer Frage: Ich würde den jungen Mann sicher ermutigen, weiterzuforschen.

SPIEGEL: Offenbar sind Sie immer noch von der weltverbessernden Kraft der virtuellen Realität überzeugt. Was genau erforschen Sie denn als Leiter der »Nationalen Tele-Immersions-Initiative«?

Lanier: In diesem Projekt sind ein Dutzend amerikanische Unis über superschnelle Datenleitungen miteinander vernetzt. Die Tele-Immersion ist eine Art Mischung aus Videokonferenz und virtueller Realität in 3D. Ich sitze zum Beispiel hier in New York und rede per Tele-Immersion mit einem Kollegen in Los Angeles. Ich sehe aber nicht nur ein flaches Bild, sondern ich sehe mein Gegenüber richtig plastisch, selbst wenn ich mich im Raum umherbewege.

SPIEGEL: Klingt wie eine Lösung auf der Suche nach einem Problem.

Lanier: Genau dasselbe könnte man über jede Kulturleistung sagen. Heute setzen wir zum Beispiel 7 Kameras für die Übertragung ein, in ein paar Jahren sollen es 60 sein. Das ist die bislang aufwendigste Internet-Anwendung, die es je gegeben hat. Aber der Aufwand lohnt sich. Ein Symphonieorchester zusammenzutrommeln für ein Konzert ist schließlich auch aufwendig.

SPIEGEL: Mit Bildtelefonen konnten die Nutzer bisher wenig anfangen.

Lanier: Das hängt von den Nutzern ab. Stellen Sie sich vor, ein Archäologe hat einen uralten Tempel ausgegraben. Durch Tele-Immersion könnten seine Kollegen aus aller Welt die Grabungsstätte virtuell besuchen und vielleicht sogar Schulkinder, ohne dass die wertvollen Schätze vor Ort gefährdet werden.

SPIEGEL: So ähnlich klang einst die Vision vom papierlosen Büro.

Lanier: Nein, der Nutzen bei der Tele-Immersion ist viel größer. In etwa zehn Jahren könnte das Verfahren so billig sein, dass viele Leute es sich leisten können.

SPIEGEL: Sie könnten also in New York sitzen und sich Ihre Rastalocken von einem Friseur in San Francisco pflegen lassen?

Lanier: Allein schon deshalb nicht, weil ich nicht zum Friseur gehe. Meine Locken sind ganz von allein gekommen, noch bevor ich überhaupt wusste, was ein Rastafari ist. Abgesehen davon sind mir Ferneingriffe nicht geheuer.

SPIEGEL: Sie trauen Ihrer eigenen Technik nicht?

Lanier: Für Lehre und Forschung ist das Netz stabil genug. Aber nicht, um ein Skal-

pell zu führen. Stellen Sie sich vor, inmitten einer chirurgischen Fernoperation bricht das Netz zusammen. Es wäre besser, den Patienten einzufliegen, als ihn diesem Risiko auszusetzen.

SPIEGEL: Wenn man sich in Ihrem Studio umsieht, fällt ein ähnlicher Widerspruch zwischen Hightech und Beharren auf - zwischen Ihren Rechnern stehen und hängen Hunderte von alten Flöten, Gitarren und Drehorgeln.

Lanier: Das ist kein Widerspruch. Die Musikinstrumente sind für mich die perfekten Maschinen - Geräte, die mir erlauben, mich unendlich vielseitig auszudrücken, aber mit geringstem technischem Aufwand. Ich könnte mein ganzes Leben lang Klarinette spielen und dabei mein Spiel immer weiter verändern und verbessern. Das Herumspielen mit heutigen Rechnerprogrammen ist so, als wollte man sich ernähren, indem man einen Infusionsschlauch vom Hintern zum Mund legt: Man verliert leicht den Kontakt zur physischen Außenwelt. Und die Realität ist gewissermaßen der leistungsfähigste Quantenrechner überhaupt.

SPIEGEL: Könnten Klavier und Klarinette Modell stehen für bessere Digitalgeräte?

Lanier: Musikinstrumente sind die besten Benutzer-Interfaces, die die Menschheit je geschaffen hat. Durch eine Flöte kann ich tiefe Gefühle schnell und genau ausdrücken. Genau das macht eine gute Maschine aus.

SPIEGEL: Herr Lanier, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Gerald Traufetter und Hilmar Schmundt.Kompositionen von Lanier sind exklusiv abrufbar unterwww.spiegel.de/cebit.

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