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Briefe

SPIEGEL-PECH?
aus DER SPIEGEL 43/1968

SPIEGEL-PECH?

(Nr. 41/1968, Otto Köhler)

1. Gelobt wird eine amerikanische Agentur, die am 19. September um 11.20 Uhr über die Verweigerung eines deutschen Visums für den tschechoslowakischen Autor Liehm berichtete, während dpa erst um 17.55 Uhr eine Meldung verbreitete.

Es wäre nur fair gewesen, wenn der SPIEGEL auch erwähnt hätte, daß dpa schon am Tage vorher, am 18. 9., über die Verweigerung des Visums berichtet und am 19. 9. in ihrer Meldung um 17.55 Uhr nach langwierigen Recherchen in mehreren europäischen Hauptstädten den neuen Tatbestand ermittelt hatte, daß inzwischen ein Visum bewilligt worden sei.

2. Der Satz aus der dpa-Berichterstattung »die Polizei erfüllte zurückhaltend ihre Aufgabe« hatte mit der Festnahme Cohn-Bendits nicht das geringste zu tun, sondern bezog sich auf das Geschehen vor dem »Frankfurter Hof«

3. Die beiden beanstandeten Bücher des »Staatsverlags der DDR« wurden nicht etwa in Frankfurt »verboten«. Verboten wurden sie durch Gerichtsbeschlüsse vom 15. 8. 1967 und vom 29. 7. 1968 und aufgrund dieser Gerichtsbeschlüsse eingezogen. dpa berichtete darüber unter Zitat des Ost-Berliner Verlagsdirektors Tomuschat. Wir versuchen, auch in den Details korrekt zu sein.

4. Über die Proteste mehrerer Verleger fand dpa nicht nur »wenige pauschale Zeilen«. sondern verbreitete eine Serie von Meldungen.

5. Und um das Maß des SPIEGEL-Pechs vollzumachen: Der 65jährige Pförtner der Buchmesse wurde tatsächlich, so wie wir es berichtet hatten, am Tor verletzt, das er vor anstürmenden Demonstranten schließen wollte. Er kam keineswegs unter die Räder eines Polizeiwagens. Ein Besuch oder Anruf bei dem Pförtner, der immer noch im Krankenhaus liegt, hätte dem SPIEGEL rasch diese »dpa-Wahrheit« bestätigt.

Hamburg DEUTSCHE PRESSE-AGENTUR Otto Köhlers Erwiderung:

1. Soweit hat dpa recht: Ich setzte zu Unrecht voraus, daß vor dem 19. September keine Meldung über die Visumsverweigerung vorliegen könne, weit Liehm-Verleger Molden seine Pressekonferenz erst an diesem Tag gab. Richtig ist, daß dpa bereits am 18. September meldete, der Molden-Verlag habe auf Anfrage mitgeteilt, daß Liehm kein Einreise-Visum erhalten habe. Trotz der »langwierigen Recherchen« meldete dpa (insgesamt 32 Zellen) Im Gegensatz zu upi (Insgesamt 142 Zellen) nicht

* daß Liehm ein bereits ausgestelltes Visum annulliert wurde, weil

* die erforderliche Zustimmung des Verfassungsschutzes fehlte.

Statt dieser entscheidenden Begleitumstände erfuhren dpa-Bezieher nur ganz allgemein, Liehm habe »wegen einer verzoegerung auf dem behoerdenweg« sein Visum nicht rechtzeitig erhalten.

2. Die dpa-Meldung, deren Schlußsatz der Polizei Zurückhaltung zuerkennt, trägt den Titel »cohn-bendit festgenommen«. Im übrigen hielt die Polizei auch vor dem Frankfurter Hof ganz und gar nicht mit Gummiknüppeln, Wasserwerfern und in die Demonstranten drängenden Pferden zurück.

3. Die beiden DDR-Bücher durften nicht länger auf der Buchmesse ausgestellt werden. Ob man so etwas »Verbat« nennen darf oder nicht, war nicht der Gegenstand der Kritik. Einer Agentur, die zur Objektivität verpflichtet ist, steht es indes nicht frei, ihre Meldungen im Stil eines Wehrmachtsberichtes abzufassen: ("der versuch des »staatsverlags der ddr ... gegen die bundesrepublik gerichtete buecher auszustellen, ist fehlgeschlagen"). Daß Bücher, die von der NS-Vergangenheit handeln, gegen die Bundesrepublik gerichtet seien, Ist zwar eine vertretbare Meinung, hat aber als Meinungsäußerung in einer Nachricht nichts zu suchen.

4. upi zitierte ausführlich den Wortlaut der Proteste und nannte die zum Teil sehr bedeutenden Verlage beim Namen. dpa zitierte den Wortlaut nicht, nannte die protestierenden Verleger nicht beim Namen, hielt es jedoch am Messesonntag um 19.04 Uhr für besonders mitteilenswert, daß eine offizielle Stellungnahme der Messeleitung zu den Protesten nicht vorliege.

5. Sowohl der noch im Krankenhaus befindliche Pförtner Franz Modick selbst wie auch der Augenzeuge Walter Junginger von der »Frankfurter Rundschau« bestätigten dem SPIEGEL: Modick wollte, bevor noch die Demonstranten den Eingang erreicht hatten, das Tor hinter mehreren einfahrenden Polizeiwagen schließen. Dabei wurde er vom letzten Polizeiwagen erfaßt und zu Boden geschleudert.

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