Zur Ausgabe
Artikel 1 / 68
Nächster Artikel

Banken / LENZ & CO. Spielbanken zu verkaufen

aus DER SPIEGEL 1/1960

Das Spiel an sich liegt außerhalb der sittlichen Normen.

Kulturhistoriker Johan Huizinga in »Homo Ludens«

Eine Limousine fuhr vor das eiserne Tor der Münchner Haftanstalt Stadelheim, die von den Ortskundigen St. Adelheim genannt wird. Wenig später klappte eine Pforte. Ein mittelgroßer Arrestant in bürgerlicher Kleidung wankte über die Straße und ließ sich in den Fond des Wagens fallen, der schnell stadteinwärts rollte.

Bayerns ehemaliger stellvertretender Ministerpräsident Joseph Baumgartner, der im August in Stadelheim Quartier bezogen hatte, wurde vor Weihnachten mit Rücksicht auf seine angeschlagene Gesundheit vorübergehend in die Freiheit entlassen. Er war wegen schwerer Zuckerkrankheit haftunfähig geworden.

Aber nicht nur den früher so urigen Stammespolitiker Joseph ("Pepperl") Baumgartner haben der Verurteilungsschock und die Nachwirkungen des Spielbankprozesses physisch und seelisch geschwächt. Auch zwei kräftige Münchner Staatsanwälte sanken plötzlich wegen Herzschäden ins Krankenbett; sie hatten sich während des Prozesses zu stark strapaziert. Die bayrische Justiz will aber die Spielbankprozeß-Akten noch längst nicht schließen.

Nachdem außer dem Pepperl Baumgartner noch vier Bajuwaren wegen Meineids abgeurteilt und in St. Adelheim einquartiert worden waren, hetzte die Kriminalpolizei hinter zwei weiteren Spielbank-Experten her, dem Konzessionär der Spielbank Garmisch-Partenkirchen, Carl Theodor Stöpel, und seinem Justitiar Dr. Fritz Berthold. Sie wurden wegen Meineidsverdachts in Untersuchungshaft genommen. Durch eine Serie von Ermittlungsverfahren will die Münchner Staatsanwaltschaft jetzt noch andere vermeintliche Spielbank-Meineidige entlarven und in den Knast bringen.

Aber nicht nur in Süddeutschland, sondern auch in der norddeutschen Spielcasino-Tiefebene um Travemünde und Westerland stellten Staatsanwälte und Parlamentarier wegen ähnlicher Verdachtsmomente Recherchen an. In Kiel mußte ein Untersuchungsausschuß des Landtags in Aktion treten, um Vorwürfe zu klären, die höchste Landespolitiker gegeneinander erheben. Dabei wurde sogar der Name des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Kai-Uwe von Hassel (CDU) genannt, der sich für die Gründung eines Spielcasinos in Glücksburg einsetzte.

Bisher blieb nur der ehemalige Landtagspräsident und Lübecker Erste Bürgermeister Dr. Böttcher, (CDU) auf der Strecke. Er wurde disqualifiziert, weil er sich zu intensiv mit den Profitmöglichkeiten des Casinos Travemünde befaßt hatte. Böttcher will kontern und sortiert Belastungsmaterial, mit dem er seine Widersacher ausmanövrieren will. Sagt Böttchers Intimus Dr. Timm, ehemals Senator für den Casinobezirk Travemünde: »Gemuschelt haben sie alle.« Timm will demnächst mit einer Anzeige auch in Norddeutschland einen Spielbank-Meineidsprozeß in Gang setzen.

Die Motive der Muschelei in Nord und Süd gleichen einander: Labile Demokraten wurden von der Zentrifugalkraft einer Maschine erfaßt, die der französische Mathematiker Blaise Pascal vor 300 Jahren für die Berechnung von Kurven ersann. Geschäftsleute verwandelten die Maschine in ein Glücksinstrument, das Roulette, dessen kreisende Fächerscheibe täglich vom Nachmittag bis in die Nacht etwa 5000 Spielamateure und -routiniers in den 13 Spielcasinos der Bundesrepublik amüsiert oder fasziniert

Aufpasser in Livree, Smoking oder Stresemann bewachen die Glücksmaschinerie, die Manager des Handels mit dem Phantom Fortuna aber - die Spielbank-Gesellschafter - sieht man nicht. Ihre Karriere ist abhängig von einem Amtspapier mit Dienstsiegel und Unterschrift: der Konzessionsurkunde. Sie sichert ihnen die Fortdauer hoher Gewinne. Wegen dieser Konzessionen wurde in Nord und Süd gefeilscht, intrigiert und politisiert. Und fast

jedesmal, wenn CasinoKonzessionsaffären Kreise zogen, hatten diese Kreise auch eine Tangente, die man bis nach München verlängern konnte.

Dort steht nicht nur ein Hofbräuhaus, sondern auch ein Bankhaus, an dessen Fassade gleich zwei Firmenschilder hängen: - August Lenz & Co. - Maffei & Co.

Beide Banken werden von der gleichen Hand regiert, die seit dem Jahre 1948 im westdeutschen Spielbankgeschäft mitmischt. Sie ist nicht sehr kräftig ausgeprägt, obwohl sie früher oft den Hockeyschläger schwang. Auch der Habitus des Münchner Bankiers läßt nicht sofort ahnen, daß er ein Sports- und Geschäftsmann mit überdurchschnittlicher Initiative ist. Das bürgerliche Gesellschaftsmagazin »Film und Frau« bildete ihn vor Weihnachten als Gutsherrn und eine Art Provinz-Onassis in Salonlöwenhaltung ab. Den Bankier kostet es aber jedesmal Überwindung, sich auf einer Party zu zeigen. Erst recht vermeidet er es, die fünf Spielcasinos zu betreten, an denen er beteiligt ist. Nur während der Baden-Badener Woche - jedes Jahr Ende August - mustert er mit scharfen braunen Augen, die ihm in München den Beinamen »Rosinen-August« eingebracht haben, das Volk der Spieler, das sich zwischen den Roulette-Tischen bewegt.

Der Ignorant des Glücksspiels, der - wie der junge Frühling - Lenz heißt, mit dem römischen Vornamen August (bayrisch: Gustl), sorgte nach dem Zweiten Weltkrieg dafür, daß der Glücksspieltrieb im deutschen Menschen ungehemmt Erfüllung finden kann - in staatlich konzessionierten Spielcasinos und mit beträchtlichem Gewinn für die Spielbank-Gesellschafter, besonders für die des sogenannten Münchner Konsortiums, das sich um den 54jährigen Bankier Lenz scharte.

Dazu gehören noch Lenzens Kompagnons Dr. Otto Schmitz, wie Lenz persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses August Lenz & Co., gelernter Rechtsanwalt, Hockey- aber nicht Glücksspieler, und

Dr. Hubert Thelen, früherer Landgerichtsrat, der schon 1941 ins Bankfach und ab 1948 auch noch in die Glücksspielbranche überwechselte; ferner

Erika Spitz, ehemalige Kleidervorführerin, die in dem Münchner Spielbankkonsortium ihren vielfach engagierten Gatten Georg Spencer Spitz vertritt, der den prominentesten bayrischen Rennstall, das Gestüt Aschau, besitzt. Lenz und seine Spielgefährten verschafften sich 1948 die Konzession der ersten deutschen Nachkriegsspielbank in Bad Neuenahr, die sich in wenigen Jahren zur zweitgrößten Spielbank Europas nach Monte-Carlo entwickelte. Seit ihrer Eröffnung 1948 schleuste der Empfangstresen mehr als zwei Millionen Spieler - nach diskreter Sondierung ihrer Identität und ihrer Vermögenslage - durch die Spielsaaltüren an die Roulette- und Baccara-Tische.

In Lenzens Spielbank verkehrten nicht nur Fleischermeister wie der unlängst wegen Viehdiebstahls zu sechseinhalb Jahren Zuchthaus verurteilte Düsseldorfer Cowboy Roden und fallsüchtige Agentengestalten wie der polnische Strauß-Spion Kosch (SPIEGEL 50/1959), sondern auch honorige Geldaristokraten und prominente Wirtschaftskapitäne. Das ökonomische Kraftzentrum Rhein und Ruhr gehört zum Einzugsgebiet dieser Glücksfabrik, in der sich auch reiche Belgier, Holländer und Luxemburger gern betätigen.

Die wirtschaftliche Elite sorgt mit ihren Einsätzen dafür, daß die Casino-Gesellschafter Höchstprofite einkassieren können, die sich im Spielbankgeschäft immer dann akkumulieren, wenn die Spieler möglichst hohe Einsätze riskieren. In Neuenahr setzen die Roulettespieler öfter als in anderen Spielbanken die maximale Quote. Sie gewinnen und verlieren, aber die Spielbankgesellschafter haben bisher immer nur gewonnen.

Im vergangenen Jahr büßte jeder Casinobesucher in Neuenahr durchschnittlich 45 Mark ein. In anderen Casinos liegt der Durchschnittsverlust je Spieler bei etwa 36 Mark. Durch den Wagemut der Spielbankgäste

begünstigt, konnte die Gruppe Lenz in den Anfangsjahren 200 und mehr Prozent Dividenden abschöpfen, also Jahr für Jahr doppelt soviel Gewinn kassieren, wie die Konsorten als Gesellschaftskapital in die Casino-Kommanditgesellschaft eingebracht haben.

Sie bekommen diese Rendite auch noch steuerfrei. Die Spielbankiers brauchen nämlich nicht Einkommen-, Umsatz- und Gewerbesteuer zu zahlen, nachdem sie sich verpflichtet haben, pauschal 80 Prozent der Brutto-Spieleinnahmen* an die jeweilige Gemeinde, das zuständige Bundesland und den Bund abzuführen.

Die Gewinne werden durch Betriebsaufwendungen kaum geschmälert. Die Summe der Eintrittsgelder und der Garderobengebühren - in den größeren Casinos jährlich mehr als eine halbe Million Mark - reicht aus, um den äußeren Glanz der Spielsäle zu erhalten. Für die Gehälter der Angestellten kommen nicht die Spielunternehmer, sondern die Spieler auf. Vom Empfangschef bis zur Toilettenfrau werden nämlich alle Angestellten aus einem Fonds entlohnt, der in der Casinosprache »Tronc« genannt wird.

In diesen Topf, der an jedem Spieltisch hängt, lassen die Croupiers alle Jetons (Spielmarken) fallen, die ihnen die Gewinner als Trinkgeld zuschieben; die Jetons werden später an der Kasse in Bargeld umgewechselt. Nach einer Faustregel, die sich in der Spielbankpraxis immer wieder bestätigte, kommt im Tronc zusätzlich die Hälfte des Betrages zusammen, den die Bank auf den Spieltischen als Gewinn (Bruttospieleinnahmen) kassiert. Wenn die Spielbank Neuenahr im Jahr - wie beispielsweise 1958 - 9,3 Millionen Mark einnimmt, kann man damit rechnen, daß im Tronc auch noch 4,2 bis 4,6 Millionen Mark stecken.

Obwohl den leitenden Arrangeuren aus dem Topf Spitzengehälter gezahlt werden, zum Beispiel dem Saalchef 4000 Mark monatlich, den Croupiers durchschnittlich 2000 Mark, bleibt noch genug Trinkgeld übrig, um damit Unterstützungskassen zu füllen. Einen kleinen Teil (etwa fünf Prozent) führen manche Casinoleitungen einem Sonderfonds zu, den sie verschämt Kulturfonds nennen. Mit diesem Kulturgeld wurden in Bayern auch politische Parteien unterstützt.

Nachdem das Finanzgebaren der Spielbankiers schon 1953 im Bundestag heftige Debatten ausgelöst hatte, benutzten die Gesellschafter von Neuenahr einen Teil ihrer Gewinne zum Aufstocken des Gesellschaftskapitals (von ursprünglich 55 000 auf zwei Millionen Mark), so daß der krasse Unterschied zwischen ihren Einlagen und der Rendite nicht mehr so scharf ins Gewicht fällt. Immerhin werden auch jetzt noch Dividenden von annähernd 100 Prozent erzielt.

Bei diesen Gewinnchancen war es verständlich, daß sich die Gruppe Lenz nach den Geschäftserfolgen in Neuenahr auch anderweitig um Stellplätze für Roulettekessel und Baccara-Tische bemühte. Es gelang ihr, Konzessionen an vier weiteren Fremdenverkehrs - Knotenpunkten zu erhalten, nämlich - Baden-Baden,

- Konstanz,

- Bad Dürkhein und

- Westerland auf Sylt.

Das Casino Baden-Baden erreichte unter diesen Fortuna-Betrieben bald Spitzenrang. Es ist heute das bundesdeutsche Casino mit dein stärksten Besucherstrom. Seine Einnahmen - 1958 über sieben Millionen Mark - blieben aber hinter den Erträgen von Neuenahr zurück (siehe Graphik Seite 33).

Auch in der Konstanzer Roulettemühle herrscht seit Jahren Hochkonjunktur, die sie bisher den vielen Eidgenossen verdankt, die in schöner Regelmäßigkeit bis in die späte Nacht ihren Spieltrieb auf der deutschen Bodenseeseite abreagieren, wenn auf dem Schwyzer Ufer längst alle Lichter erloschen sind. In der Schweiz sind die klassischen Glücksspiele Roulette und Baccara verboten; erlaubt ist nur das Ersatzspiel Boule mit kleinen Einsätzen.

Seit das Münchner Konsortium mit dem Bankier Lenz als Rückgrat den Roulettekessel zum Fetisch vieler In- und Ausländer machte, zogen mehr als 7,5 Millionen Menschen durch die fünf Casinos. Freilich gab es neben der Lenz-Gruppe auch noch andere tüchtige Geschäftsleute, die sich im Profitstreben mit ihr messen konnten und auch Gelegenheit erhielten, sich ähnlich wie Lenz zu engagieren. So entstanden noch Casinos in

- Travemünde,

- Wiesbaden,

- Bad Homburg und

- Lindau.

Dazu kamen ab 1955 noch die umstrittenen bayrischen Casinos in

- Bad Reichenhall,

- Garmisch-Partenkirchen,

- Bad Wiessee und

- Bad Kissingen.

Während die Konkurrenz nachwuchs, versuchte die Gruppe Lenz Anteile fremder Unternehmen aufzukaufen oder die Position der Konkurrenten bei der Vergabe neuer Konzessionen durch Kulissengeplänkel zu schwächen.

Eine Weile gefiel sich Lenzens Generalbeauftragter für Spielbankfragen, der Landgerichtsrat außer Dienst Dr. Hubert Thelen, in der Rolle des Kiebitzes, der um zu verhindern, daß sich die Konkurrenz aufblähte - bei dem politischen Roulette um die bayrischen Spielbank-Konzessionen dem janusköpfigen Emissär Karl Freisehner zuflüsterte, auf welche Farben er setzen sollte.

Das Motiv für diese Konkurrenzmanöver liegt in der Eigenart des Glücksspielgeschäfts. Die Spieler aus Lust und Leidenschaft bilden einen begrenzten Kreis. Die Casino-Propagandisten können ihn auch kaum durch Suggestivwerbung vergrößern, denn zum Glücksspiel läßt sich niemand so leicht verleiten wie etwa zum Kauf einer neuen Zigarettensorte oder eines Aperitifs.

Freilich besuchen auch Mittelständler, die keine Spielernaturen sind, gelegentlich Spielcasinos, aber sie sind keine potentiellen Kunden, sondern wollen meist nur prickelnde Atmosphäre schnuppern oder später mit dem Besuch der »Spielhölle« renommieren, in der sie meist nur Kleingeld auf die aussichtsreichsten Chancen setzen, etwa auf eine der beiden Farben (Rot oder Schwarz).

Bei dem Geplänkel zwischen dem Lenz-Konsortium und den übrigen Spielbankiers legte sich vor allem der Manager der Spielcasinos von Bad Homburg und Bad Kissingen, Simon S. Gembicki, mit den Lenzleuten an. Er war während der Hitlerzeit nach den USA ausgewichen und begann sein Spiel in Westdeutschland 1945 zunächst als stellvertretender Stadtkommandant der amerikanischen Besatzungsmacht in Frankfurt. Später wurde der Roulettespezialist ("Ich war einmal der erfolgreichste Roulettespieler") wieder deutscher Staatsangehöriger und brachte das altmodische Homburger Casino so in Schwung, daß sogar der Großindustrielle Herbert Quandt, Stiefsohn des Dr. Joseph Goebbels, als stiller Gesellschafter in die Spielbank Bad Homburg KG eintrat. Er besitzt dort etwa 20 Prozent der Anteile.

Allerdings konnte die Homburger Spielbank, die in Reklametraktaten »Die Mutter von Monte-Carlo« genannt wird, nicht Lenzens Fortuna-Tempel in Baden-Baden überflügeln. Die jeweiligen Großkopfeten beider Casinos stritten sich schon vor hundert Jahren um das Renommee, die vornehmste, eleganteste und älteste Spielbank zu besitzen.

Das Homburger Unternehmen wurde 1840 von dem Pariser Börsenspekulanten Francois Blanc gegründet, der 1872 - als in Deutschland das Glücksspiel verboten wurde

- nach Monako emigrierte und Monte-Carlo

zum Dorado der internationalen Hasardspieler machte. Während der gerissene Blanc in Deutschland als »die Laus von Frankfurt« beschimpft wurde, sagten ihm die französischen Roulettespieler mit mehr Höflichkeit nach: »Manchmal gewinnt Rouge, manchmal Noir, aber immer gewinnt Blanc.«

In Baden-Baden, wo schon 1755 Hasard gespielt wurde, begann das Glücksgeschäft zu florieren, als der französische Casino-Unternehmer Bénazet den Schwarzwaldort ab 1838 in ein mondänes Babel verwandelte. »Durch die Anwesenheit der ,Classe dirigeante', die Europa damals beherrschte und an die sich anzuschließen das Ziel jedes ehrgeizigen Burschen war«, schreibt der Belletrist Kasimir Edschmid, »wurde Baden-Baden der Anziehungspunkt für alle Glücksritter. Die wertvollen Teppiche und die eingelegten Möbel in manchen Badener Bürgerhäusern stammen noch aus den Einrichtungen der Kokotten, die hier lebten. Dieses Leben, das sich so grell vermischte, besaß einen sehr freien Ton. Selbst Wilhelm I. erhielt von enthusiasmierten Russinnen Aktaufnahmen, wofür der alte, vornehme Mann freilich wenig Begeisterung zeigte.«

Die traditionelle Kontroverse zwischen den Homburger und den Baden-Badener Spielbankhaltern bekam neue Nahrung, als sich Gembicki 1955 die Spielbank-Konzession für Bad Kissingen angelte, die ihm allerdings vor kurzem auf Drängen der bayrischen Staatsregierung um vier Jahre beschnitten wurde. Am 30. September 1961 soll das Kissinger Casino endgültig schließen. Vielleicht ungewollt kam Bayerns CSU-Regierung den Bestrebungen des Lenz-Konsortiums entgegen, die Zahl der bundesdeutschen Casinos möglichst klein zu halten, um einem runden Dutzend Bankhaltern Höchsteinnahmen zu sichern.

Doch bevor Gembicki der Konzessionsverkürzung zustimmte, konnte er sich über die Verbreitung eines Dossiers freuen, in dem genau beschrieben ist, wie der Privatbankier August Lenz dazu kam, seine früher - und seit einiger Zeit auch heute wieder - auf ganz andere Objekte gerichteten Interessen auf Spielbanken auszudehnen. Das Traktat fand reißend Absatz in den Kreisen der Hoch- und Tieffinanz.

Obwohl manche Abschnitte in dieser Geschichte eines deutschen Bankhauses nicht ganz korrekt dargestellt worden sind, riet Lenzens Justitiar Dr. Eduard Oehl von gerichtlichen Auseinandersetzungen ab. In einem Prozeß Lenz kontra Dossier-Schreiber hätte das Gericht unter anderem auch Vorgänge prüfen müssen, deretwegen der Bankier - wie Dr. Oehl es ausdrückt - »mitunter etwas im Zwielicht stand«.

Bevor August Lenz vor 35 Jahren mit der Banklehre seine Berufslaufbahn begann, hatte er in seinen Knabenjahren oft einen Flaschenkarren durch die Münchner Straßen gezogen. Sein Vater, ein gelernter Bäcker, handelte mit Mineralwasser, das man in Bayern Kracherl oder Springerl nennt. Später stellte Lenz senior die Kracherl selbst her und konnte sich dann auch einen Pferdewagen für den Flaschentransport leisten.

Zu der Zeit tummelte sich der Junior schon an der Münchner Börse. Alte Münchner Finanzleute erinnern sich, daß der Lenz-Gustl in den zwanzigerJahren täglich für das Münchner Bankhaus Schwarzhaupt Effekten kaufte oder absetzte. »Er war ein Japaner« - so kennzeichnet der Münchner Privatbankier Adolf Fischer Lenzens Begabung, die Geschäfte der routinierten Börsenjobber auszukundschaften und nachzuahmen.

Wegen dieser Begabung stand Lenz bei dem Mitinhaber der Bank Schwarzhaupt, Siegmund Hirsch, bald so hoch im Kurs, daß der ihm die Startmöglichkeiten für einen schnellen Aufstieg verschaffte. Hirsch assoziierte sich 1931 mit dem Inhaber des altrenommierten Münchner Bankhauses Gebr. Marx, Siegfried Salomon Marx, in Bankkreisen S.S. Marx genannt, der heute in London lebt.

Durch ihre Witterung für politische Stürme gewarnt, präparierten sich Hirsch und Marx schon zwei Jahre vor der braunen Machtübernahme auf Abwehr des Rassenwahns: Sie engagierten Gustl Lenz als Prokuristen. Der damals 26jährige Börsen-Japaner mußte seine Chefs auf Geschäftsreisen begleiten und nach 1933 dafür sorgen, daß die nichtjüdische Kundschaft ihre Einlagen weiterhin der Marx-Bank anvertraute.

1935 wurde der Firmentitel offiziell in August Lenz & Co. geändert und Gustl Lenz als Teilhaber in das Konsortium seiner Protektoren aufgenommen, die daran glaubten, auf diese Weise ihre Position in München halten zu können. Während die meisten ihrer jüdischen Geschäftsfreunde emigrierten und ihren Besitz abstießen, bemühten sich die Bankherren, Industriebeteiligungen der Verfemten zu - wie es damals hieß - arisieren.

Die Bank Lenz & Co. übernahm eine Anzahl stattlicher Aktienpakete zu einem Kurs, den die Arisierungsopfer für kulant hielten, weil sie glaubten, von Marx und seinem arischen Schildknappen am wenigsten übervorteilt zu werden. Freilich war die Bank nicht so flüssig, daß sie alle angebotenen Beteiligungen als Eigenbesitz aufkaufen konnte. Aber Lenz hatte - wie S.S. Marx noch heute in London lobt - »immer kluge Einfälle«. Er setzte viele Industriepapiere bei Wertpapiersparern ab, die kaum ahnten, daß es sich um Notverkäufe handelte, an denen die Lenz-Bank als Zwischenhändler profitierte. Bekennt Lenz: »Ich gebe zu, ich bin kein Feind vom Geldverdienen.«

Da es auch damals Brauch war, die Aktien bei der Bank zu deponieren und sich von ihr auf den Hauptversammlungen vertreten zu lassen, behielt Lenz vielfach die Kontrolle über die ehemaligen Werte der abgefundenen jüdischen Aktionäre. Er wurde in mehrere Aufsichtsräte delegiert und verstand es als geschickter Aktienjongleur, später einen Teil dieser Aktien durch Rückkäufe in die eigene Hand zu bekommen.

Während sich Lenz forsch ins Spiel brachte, spürten Marx und Co., daß sie die Entwicklung des Hitler-Regimes falsch vorausgesehen hatten. Es blieb ihnen bald nichts übrig, als die Bank im Stich zu lassen und einen Fluchtweg ins Ausland zu suchen. Hirsch fand eine Möglichkeit, nach Südamerika zu entkommen; Marx emigrierte 1938 nach London, nachdem ihm eine mütterliche Freundin seines Teilhabers Gustl Lenz, Josephine Reichsgräfin von Wrbna-Kaunitz, mit Hilfe ihrer Beziehungen zu Hitlers Schatzmeister Schwarz einen Paß verschafft hatte. In seiner Zwangslage gab sich Siegfried Salomon Marx mit der Abfindung zufrieden, die Lenz herausrückte: knapp 100 000 Mark.

Bald darauf mußte Lenz auch in eigener Sache die beziehungsreiche ehemalige Ofensetzerstochter Josephine Kellnberger in Anspruch nehmen, die in zweiter Ehe den Reichsgrafen von Wrbna-Kaunitz geheiratet hatte und bis 1955 mehrere Wittelsbacher Vermögen verwaltete. Sie sorgte dafür, daß sich der Bankier nicht in den Schlingen der Gestapo verfing, die argwöhnte, Lenz sei nur Strohmann der Emigrierten. Er verschleiere stille jüdische Beteiligungen. Die Reichsgräfin Josephine behauptet heute: »Ich war Gustls vielmalige Retterin und Fürsprecherin; er nannte mich damals Ninifee.«

Daß Lenz eine gütige Fee oder einen Schutzengel brauchte, zeigte sich auch in einem exponierten Fall, der typisch für die Neigung des Münchner Bankherren ist, sich in ungewöhnliche Transaktionen einzuschalten. Lenz trat etwa um dieselbe Zeit, in der er jüdische Firmen arisierte, auch in Geschäftsbeziehungen zur katholischen Kirche. Sein Geschäftsfreund war der Pfarrer von St. Anna, einem Pfarrbezirk im Münchner Wäschereiviertel, in dem Lenz streng katholisch erzogen worden war.

Als Knabe hatte er in St. Anna, bei der Messe ministrierend, das Weihrauchfaß geschwenkt, als Bankier half er mit seinem kommerziellen Sachverstand, indem er dem Pfarrer Aribert, der eine wohlfundierte Kirchenstiftung verwaltete, Anlagemöglichkeiten vermittelte oder Börsentips gab. Lenz: »Ich habe den Leuten viel Geld verdient.«

Einmal geriet Lenz jedoch wegen eines Pakets Aktien der AG für Kohledestillation, das er mit St.-Anna-Geld erworben hatte, in Verlegenheit. Der bischöflichen Finanzkammer mißfielen die Papiere; der Bankier mußte sie zurücknehmen, konnte die Kaufsumme aber nur in Raten zahlen. Er hatte sich vorher zu stark verausgabt; außerdem waren seine Barreserven durch den Abzug jüdischer Konten stark zusammengeschmolzen. Als der Reichskommissar für das Kreditwesen im Oktober 1938 die Lenz-Bank überprüfen ließ, stellte einer der Kontrolleure lakonisch fest: »Arisch ist die Bank wohl, aber praktisch pleite.«

In dieser Situation trat ein prominenter Münchner Finanzmann als Kommanditist in das Bankhaus ein: der Vermögensverwalter der bayrischen Industriellenfamilie von Maffei, Hans Noris. Ihm schien Lenzens Taktik, mit Juden und Christenmenschen umzugehen, zu arisieren und Klingelbeutelspenden zu verwerten, imponiert zu haben.

»Noris schleuste Geld durch die Bank«, so beschreibt Lenzens Vetter und vertrauter Mitarbeiter Konrad Bayer die Sanierung der Bank. Der einflußreiche Finanzmann bewog auch die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank, in deren Aufsichtsrat er präsidierte, sich mit eineinviertel Millionen Mark an der Lenz-Bank zu beteiligen. Außerdem führte er der Bank neue Großkunden zu.

Bald konnte sich Lenz wieder in der alten Richtung fortbewegen. Er nutzte die politische Wetterlage nach dem Anschluß Österreichs aus, arisierte Wäschereien in Wien, organisierte ein großes Holzverarbeitungsunternehmen und knüpfte Geschäftsbeziehungen zu den Fürsten von Liechtenstein an, die in der Steiermark große Waldungen besaßen. Der Münchner Bankier wurde hoffähig und spielte im Kreis der Duodezfürsten, die bis 1945 in den ehemaligen Kronländern der verflossenen Donaumonarchie von den Erträgen ihres Land-, Forst- und Industriebesitzes lebten, bald eine ähnliche, Rolle wie einst beim Pfarrer von St. Anna.

Etwa um dieselbe Zeit brachte Lenz Ordnung irr seine Aktien-Puzzlespiele, indem er fleißig Aktienpakete sortierte, konzentrierte, Firmenzusammenschlüsse veranlaßte und die Wertpapiere abstieß, die nicht in seine Palette paßten. Dabei halfen ihm viele Depotkunden, mit deren Aktien er nach seinem Plan jonglierte.

Als Rosinen in dem Arisierungskuchen entpuppten sich die Aktienpakete der Ada-Ada-Schuh AG Hoechst und der Hanauer Gummischuh-Fabrik AG. Jahrelang stapelte Lenz in seinem Portefeuille auch Aktien mehrerer Brauereigesellschaften, und es verschaffte ihm Genugtuung, eine Brotfabrik zu besitzen, in der sein Vater als Bäckergeselle Brötchen geformt hatte.

Gustl Lenz buk bald härtere Sachen: Bauziegel, Wandplatten und keramische Mosaiksteine, die in den Spezialbetrieben der Agrob Aktiengesellschaft für Grob- und Feinkeramik hergestellt werden, an der die Lenz-Bank zu etwa 75 Prozent beteiligt, ist. Der Agrob-Konzern, den Lenz als Vorstandsvorsitzender leitet, besitzt Zweigunternehmen in Spanien, Belgien und Kanada und nahm im vergangenen Jahr mehr als 100 Millionen Mark ein.

»Ich habe stets wie ein Vieh gearbeitet«, so kommentierte Lenz seinen Aufstieg zum Konzernchef. Schon »als junger Fant« habe er die Aufsichtsräte der Agrob-Urzelle - der Münchner Aktienziegelei AG - »kräftig aufgemöbelt«, indem er ihnen vorhielt: »Man muß das Geld nicht mit dem Hintern verdienen, sondern mit dem Kopf.«

Zur Kopfarbeit des Industriebankiers gehörte beispielsweise der Erwerb der Brauereimaschinen-Fabrik Anton Steinecker AG in Freising, die Lenz preisgünstig aus einem Konkursverfahren aufkaufte und anschließend zu einem rentablen Unternehmen machte. Nach dem gleichen Modell verschaffte sich das Bankhaus Lenz & Co. vor zwei Jahren aus dem Konkurs der Siemens Glas AG 74 Prozent Anteile dieser Gesellschaft, die mit ihrer Bauglasproduktion das Agrob-Baustoffsortiment bereichert.

In seinen Bemühungen um den seriösen Rang des Industriebankiers, der auf möglichst vielen Hauptversammlungen mitmischt und seine Vertrauensleute in die Spitzen der Konzerne delegiert, wurde Lenz durch den Kriegsausgang erheblich zurückgeworfen. Amerikanische Militärpolizisten holten ihn gleich nach dem Zusammenbruch aus seiner Wohnung und nahmen keine Rücksicht darauf, daß Lenz gerade mit dem Eishockey-Champion Dr. Philipp Schenk zu einer netten Sportfreundin fahren wollte.

Statt mit der Dame zu plaudern, mußte er mit den Amerikanern palavern. Die Ausfrager brachten ihn schließlich dorthin, wo heute der Pepperl Baumgartner hingehört: ins Gefängnis Stadelheim. Lenz war darüber sehr deprimiert und hegte Selbstmordpläne, die er erst verwarf, als sein Hockeyfreund Schenk eine Befreiungsaktion in Aussicht stellte. Schenk zählte zu seinen intimsten Freunden einen Amateurgaukler, der in jedem magischen Zirkel Aufsehen erregte und in seinem bewegten Leben Frauen, Finanziers, hohe Politiker und Geheimagenten verzaubert und für sich eingenommen hat.

Der Lebenskünstler, der sich auch Bankmann nennt und Georg Spencer Spitz heißt, begann ab Mai 1945 eine entscheidende Rolle in Lenzens Leben zu spielen. Er gab ihm schließlich den Drall, der Lenz von der Industrie zu den Spielbanken trieb.

Im Juni 1945 kam es jedoch vorerst darauf an, den eingesperrten Gustl aus dem Gefängnis zu holen. Spitz hatte dazu die Möglichkeit, denn er konnte damals mit vollem Recht vor seinen Freunden prahlen: »Wenn ihr Ärger mit den Amis habt, sagt mir Bescheid. Ich habe den stärksten Amerikaner am Wickel.« Zum Beweis zeigte Spitz seinen neuen Freund bei munteren Damen und alten Bekannten vor. Wenn sie dann erfuhren, daß dieser Mister Charles Michaelis nicht nur prominenter Hockeyspieler, sondern auch Häuptling des amerikanischen Geheimdienstes in Bayern war, zweifelte niemand mehr an Spitzens Behauptung.

Diesen »stärksten Amerikaner« setzte Georg Spencer Spitz in Richtung Stadelheim in Bewegung, um den Bankierskollegen Lenz vom Arrest zu erlösen. Überschwenglich dankte Lenz seinem Befreier. Was machte es schon, daß die Firma am Promenadeplatz dem Amerikaner als Prämie einen Achtzylinder-Ford alter Bauart verschaffen mußte. Der Wagen wurde bei einem nazistisch belasteten Bankkunden aufgestöbert, der das Vehikel in einer Scheune versteckt hatte und froh sein mußte, daß ihm Lenzens Prokurist Beichel nach langem Feilschen 4300 Reichsmark zahlte.

Damit war aber nicht Spitzens Mithilfe abgegolten. Der Lotse des Geheimdienstmannes, der bald darauf noch 15 Lenz-Geschäftsfreunde aus Stadelheim losbrachte, wollte keine einmalige Prämie. Er sehnt sich nach einer ruhigen Existenz und der Reputation, auf die ein Mann in den Fünfzigern Wert legt. Beides erwartete er hinter der Fassade des Bankhauses am Promenadeplatz. Lenz gab ihm dort ein Zimmer, in dem sich Spitz als Bankier fühlen konnte.

Seinen Wohnsitz hatte Lenzens Nothelfer in der beschlagnahmten Villa des saarländischen Keramik-Aristokraten Luitwin von Boch, einem Konkurrenten der Lenzschen Agrob, aufgeschlagen. Dort hatte sich auch Spitzens ehemaliger militärischer Vorgesetzter Fritz Schwend einquartiert, der sich bis zur Kapitulation Kommandeur des Sonderstabes Generalkommando 3, Germanisches SS-Panzerkorps, nennen durfte.

Die Mannschaft dieses sagenhaften Korps bestand aus KZ-Häftlingen: geschickten Graveuren, Graphikern und raffiniertesten Banknotenfälschern. Dieser kriminellen Elite bediente sich das Reichssicherheits-Hauptamt, das die Idee ausgeheckt hatte, die Währung der Alliierten, besonders der Briten, durch Einschmuggeln von Falschgeld zu ruinieren. Insgesamt wurden etwa 300 Millionen falsche Pfunde hergestellt und größtenteils in den von den deutschen Truppen besetzten Ländern verbreitet.

Die Auftraggeber rechneten damit, daß die Blüten im Schwarzhandelsverkehr in die neutralen Nachbarländer gelangen und schließlich nach England einsickern würden. Auf Schmugglerschiffen wurde das Falschgeld sogar nach Nordafrika gebracht und im Hinterland der alliierten Truppen in Umlauf gesetzt.

Der beabsichtigte ruinöse Effekt der Falschgeldaktion, die unter der Tarnbezeichnung »Unternehmen Bernhard« lief, wurde nicht erreicht, aber je länger der Krieg dauerte, desto interessanter wurde das Unternehmen für die Rüstungsfinanzierung und die Beschaffung von Wertgegenständen wie Gold, Diamanten und Gemälden. Die Vertriebsagenten waren in erster Linie Einkäufer, die heranschaffen mußten, was das Reichssicherheits-Hauptamt befahl, gegen Bezahlung in falschen Pfunden.

Einer dieser Vertriebsagenten hieß Georg Spencer Spitz. Er hatte sich der Fälscherbande zur Verfügung gestellt, um seinen Kopf aus der Gestapo-Schlinge zu ziehen. Spitz ist Jude, gebürtig aus Wien, aufgewachsen in Amerika, geschult auf vielen Reisen und internationalen Börsenplätzen.

Mit Fern Andra, dem Star des Stummfilms, war er in den zwanziger Jahren nach Europa gekommen. Dann hatte er sich mit Finanzierungen befaßt und mit vielem gehandelt, was Geld kaufen kann. Nach 1933 irrte er zwischen Prag, Zürich, Wien und München umher, bis er in Bayern einflußreiche Freunde fand, beispielsweise Hitlers Leibphotographen Heinrich Hoffmann, der oft eine Tafelrunde spaßiger und nicht gerade 150 prozentiger Parteianhänger um sich versammelte, die sich schlicht »Zunft« nannte.

Auch Spitz und seine Lebensgefährtin Erika - ein reifes Mannequin - wurden Zunftmitglieder, und der Charmeur Spitz durfte sich sogar als »Altmeister der Zunft« bezeichnen. Seine Dame verbreitete soviel Charme, daß hohe Parteifunktionäre und SS-Dienstgrade freundschaftliche Beziehungen zu Spitzens anknüpften. Sie vermittelten dem galanten Weltmann eine Planstelle beim Kommandeur des Sonderstabes 3. Germanisches SS-Panzerkorps, Fritz Schwend, die ihn vor den Gaskammern bewahrte. Spitz mußte speziell hinter der Westfront Falschgeld in echte Werte umsetzen. Dafür bekam er hohe Provisionen und konnte wie ein Grandseigneur leben.

Nach dem Zusammenbruch reinigte er sich sofort von dem Verdacht, Nazi-Kollaborateur gewesen zu sein, indem er exponierten Mitgliedern der »Zunft«, zum Beispiel einem bayrischen Grafen, mitteilte: »Wir müssen uns jetzt trennen. Ich muß wieder zurück zu meiner Mischpoke.«

Nachdem Spitz Anschluß bei den amerikanischen Geheimdienst-Chefs Charles Michaelis und Eric Timm gefunden hatte, denen er sich in vieler Hinsicht nützlich erwies, war er nicht mehr so zimperlich. Er verschaffte auch seinem damals verhafteten früheren Kommandeur Schwend Gelegenheit, sich bei den Amerikanern freizukaufen. Der ehemalige Notenfälscher-Boß mußte allerdings einen versteckten Goldschatz - 80 Kilogramm englische Goldpfunde und Napoleons - an Michaelis und Timm abliefern, bekam aber durch Spitz die Chance, schnell wieder Geld zu machen; freilich nicht durch Fortsetzung des »Unternehmens Bernhard«, sondern im Zusammenwirken mit dem Bankier August Lenz und einigen intimen Sports- und Geschäftsfreunden.

»Es war eine gemischte Gesellschaft, die sich damals oft in Lenzens Privatwohnung traf«, berichtet der Kaufmann Günther Wischmann, ein Kollege von Spitz aus der Banknotenfälscherzeit, der ebenfalls in die Nachkriegs-Transaktionen der Lenz-Spitz-Gruppe eingeschaltet wurde. Wischmann: »Spitz war damals der mächtigste Mann in München. Er hat Lenz erst wieder gemacht.«

Das normale Bankgeschäft stagnierte. Strenge Devisenbeschränkungen, hohe Zölle und Ausfuhrverbote riegelten Westdeutschland vom freien Welthandel ab. Wenige hundert Kilometer vom Münchner Promenadeplatz entfernt aber lag eine Drehscheibe, auf der damals - 1945 bis 1947 - Devisen und knappe Waren zwischen der Schweiz, Österreich, Deutschland und der Tschechoslowakei bewegt wurden: das kleine Fürstentum Liechtenstein.

Es traf sich gut, daß Lenz während seiner Industriebankiers-Tätigkeit in den steiermärkischen Wäldern mit der Liechtensteiner Fürstenfamilie bekannt geworden war.

Nach dem Krieg wurde die Bekanntschaft im Kreis der gemischten Gesellschaft erneuert; vor allem nahm Prinz Hans von Liechtenstein - ein Vetter des Regenten Franz Joseph II. - Geschäftsbeziehungen zu den Münchner Konsorten auf.

Dabei wurde in Rechnung gestellt, daß der Prinz einen Diplomatenpaß besaß und am Heck seines Wagens das CD des Diplomatischen Korps führte. Oft schickte der Prinz nur seinen Sekretär, den Schweizer Hans Mächler, zu Schorsch und Gustl, wie Spitz und Lenz von den Mitgliedern der gemischten Gesellschaft genannt wurden, um einen Gruß an Jacky zu bestellen - so titulierte man Seine Durchlaucht im vertrauten Kreis - und einige Kleinigkeiten abzuholen; beispielsweise wertvolle Gemälde, Wertpapiere oder Juwelen, einmal sogar - behauptet Schwend - einen ehemaligen Fürstenschmuck mit eigroßem Smaragd, den ein Ostflüchtling für rund 600 000 Reichsmark versetzt hatte.

Eine Zeitlang ließ sich der Schmuck- und Devisentransporteur Mächler von einem Gehilfen nach München chauffieren und fuhr dann jedesmal mit einem anderen in Bayern erworbenen Kraftwagen nach Vaduz zurück. Er frisierte die Wagen durch ein mitgebrachtes FL (Fürstentum Liechtenstein)-Nummernschild als bereits im Ausland zugelassen, so daß die Zöllner an der österreichischen oder Schweizer Landesgrenze die Fahrzeuge nicht als unverzollte Exportware erkennen konnten. Triptiks- waren damals im Verkehr mit Westdeutschland noch nicht eingeführt. Die Kraftfahrzeuge wurden dann von Liechtenstein aus mit ungewöhnlich hohem Profit in die Schweiz verkauft.

Die meisten der etwa 200 Wagenkäufe wurden nämlich mit Dollar finanziert, die man in der Schweiz beschaffen konnte. Damals notierte der Dollar an der schwarzen Börse in München 100 Reichsmark. Ein gebrauchter Wagen kostete unterderhand rund 20 000 Reichsmark oder 200 Dollar. In der Schweiz, wo damals Autos sehr gefragt waren, brachte der Wagen 15 000 Franken oder 4ooo Dollar; das entsprach damals dem Dollar-Frank-Wechselkurs.

Wurden diese Dollars über die deutsche Grenze geschmuggelt, konnte man für sie an der schwarzen Börse in München - wenn man überhaupt Reichsmark wollte - 400 000 Reichsmark erhalten. So ließen sich -an einem Gebrauchtwagen 380 000 Mark verdienen. »Der Witz lag bei jedem Geschäft darin, den Schwarzkurs des Dollars in Deutschland auszunutzen«, resümiert Schwend.

Höchsten Profit sollte auch eine Transaktion einbringen, die Prinz Jacky und Mächler 1946 einfädelten. Sie meldeten nach München, daß in der Schweiz dringend Widia gebraucht werde, eine Hartmetall-Legierung der Essener Kruppwerke, die daraus gefertigte Verschleißteile an Maschinen vor Abnutzung schützt und damals wegen der Krupp-Demontage sehr knapp war. Der Schweizer Großindustrielle Bührle bot 300 bis 400 Franken je Kilo Widia.

In Erwartung einer hohen Gewinnbeteiligung erklärten sich die ehemaligen Bernhardiner Wischmann und Schwend bereit, den Widia-Ankauf mit rund zwei Millionen Mark vorzufinanzieren. Wischmann trieb die knappe Ware in Hamburg auf und ließ sie mit Lastwagen nach München in den Keller der Privatwohnung von Spitz verfrachten. Von dort sollte das Hartmetall in kleinen Partien via Österreich in die Schweiz gebracht werden. Doch kaum wurde mit dem Abtransport begonnen, da störte eine Alarmmeldung Spitz und Konsorten auf. Jackys Sekretär Mächler war französischen Besatzungszöllnern ins Garn gegangen und mußte ein halbes Jahr ins Gefängnis.

»Schlagartig ruhten alle Geschäfte«, erinnert sich Schwend. »Aus Sicherheitsgründen wurde die Ware in ein Depot gebracht, das sich der Fürst von Liechtenstein in München hatte einrichten lassen.« Nachdem der Widia-Hort noch mehrmals umgeschlagen worden war, bröckelte von dem Hartmetall so viel ab - große Partien verschwanden -, daß die Vorfinanzierer, vor allem Schwend, wegen der Endabrechnung mit Gustl Lenz in Streit gerieten.

Der Bankier erinnert sich höchst ungern dieser Affäre und des ganzen Liechtensteiner Zwischenspiels: »Mit was für Leuten mußte man damals verkehren, um existieren zu können.«

Wie stark Lenz damals in seinem Geschäfts- und Zahlungsverkehr beengt war, illustriert ein Bericht seines früheren Geschäftsfreunds Schwend: »Die Amis kontrollierten zu dieser Zeit die täglichen Ausgänge und Eingänge der Bank. Über die Bank Schwarzgeschäfte im großen Rahmen zu machen, war unmöglich. Große Geschäfte wurden im Schlafzimmer von Gustl Lenz abgewickelt; da war man wirklich ungestört. Wir waren die Bank außerhalb der Bank.«

Die Schlafzimmer-Privatbank wird auch in einem Geschäftsbrief des Lenz-Kompagnons Dr. Otto Schmitz erwähnt, der sich erinnern kann, daß beim Geldzählen außer der damaligen Lenz-Gattin Jutta auch der internationale Eishockeyspieler Karli Wild half, der lange unter Lenzens Dach lebte. Die Hausgemeinschaft wurde erst aufgehoben, als sich Frau Jutta von dem Bankier scheiden ließ, um den heute 42jährigen Sportsmann Karli zu heiraten. Lenz nahm die Trennung nicht tragisch und ehelichte 1952 die Witwe eines bayrischen Landadligen, Liselotte von Thirek. Die Versorgung von Jutta und Karli Wild stellte er dadurch sicher, daß er den Champion, dem 1956 bei einem Match auf dem Rießersee ein Auge ausgeschlagen wurde, zum Verkaufsdirektor einer seiner Industriefirmen machte.

Bald nach Mächlers Zoll-Unfall wurde auch Prinz Hans bei der Einreise nach Deutschland in Lindau festgenommen. Die Zollbehörde von Lörrach hatte einen Haftbefehl gegen ihn erlassen. Nachgewiesen wurde ihm allerdings nur das Einschmuggeln von neuen Schweizer Uhren, wobei er seine diplomatischen Privilegien mißbraucht hatte.

Noch bevor der Prinz in Lörrach 120 Tage Haft verbüßte*, heckte Georg Spencer Spitz eine neue Idee aus, wie man risikolos und schneller als durch Grenzgeschäfte zu Geld kommen konnte, das nach der Währungsreform auch in der Bank am Münchner Promenadeplatz knapp war.

Ehemalige Großaktionäre der arisierten Gesellschaften forderten Nachzahlungen für ihre in der Nazizeit unter Druck verkauften Aktien. Schließlich kam auch der ehemalige Bankinhaber S.S. Marx aus London nach München, um sich mit seinem früheren Schildknappen auseinanderzusetzen. Die Verhandlungen liefen zunächst zäh, so daß Gustl Lenz der Reichsgräfin Wrbna-Kaunitz klagte: »Jetzt habe ich acht Tage meine Hemden durchgeschwitzt.« Später einigte man sich; S.S. Marx bekam einen Kommanditanteil der Lenz-Bank, den er alsbald in bare Münze umsetzte.

Wagemutiger als Lenz, den die Schatten der Vergangenheit bedrückten, machte sich Georg Spencer Spitz damals auf, eine Goldader anzuzapfen. Er traf sich in Wiesbaden mit einem alten Bekannten, dem Spielunternehmer Julius Fritz, einem ähnlichen Lebensartisten wie Spitz. Beide sind begeisterte Anhänger des Pferdesports, des Wettens und des Roulettes.

Fritz hatte seine Spieltisch-Erfahrungen in den zwanziger Jahren kommerziell ausgewertet und eine neue Glücksmaschine konstruiert, die er »Troula« nannte und als Geschicklichkeits-Apparat tarnte. Mit diesem Instrument konnte er das offizielle Glücksspielverbot umgehen.

»Im Kaiserreich«, sagt Fritz, »kam das Glücksspielen gleich nach dem Pferdestehlen.« Während der Weimarer Zeit war die Polizeiobrigkeit etwas toleranter. Sie duldete eine kleine Anzahl privater Klubs. In Berlin florierten besonders die »Big Five« - fünf Klubs, in denen Bühnen- und Filmstars sowie der Pferdesport-Adel Roulette, Baccarat und Ecarté spielten.

Der damalige Berliner Vizepolizeipräsident Weiß, selbst Klubmitglied, hielt seine Hand schützend über die Hautevolee der Spieler und untersagte seinem Glücksspieldezernenten, Kriminalrat Greiner, die Kontrolle der Klubs mit der Begründung: »Was geht es die Polizei an, wenn sich die reichen Leute gegenseitig ihr Geld abknöpfen.«

Die Hitlerregierung hob 1933 das Casinoverbotsgesetz auf, genehmigte jedoch nur die Wiedereröffnung der renommiertesten deutschen Spielbank Baden-Baden und tolerierte später das Casino Zoppot. Einziger Gesellschafter war der Staat. Die Regierung spekulierte damals auf die Devisen ausländischer Gäste, die das gepflegte Baden-Baden anlocken sollte. Außerdem wollte man den französischen Casinos die reichen Amerikaner abwerben. (In Frankreich sind etwa 150 Spielbanken zugelassen.)

Für das niedere Volk der Spieler durfte Julius Fritz seine Troula-Apparate in Bewegung setzen, »und brachten dieselben, obgleich nur mit einer Mark gespielt werden durfte, den Kurkassen ganz beachtliche Geldbeträge ein«, wie Fritz 1947 in einer Denkschrift schrieb, die er an die Bürgermeister mehrerer Kurorte schickte, nachdem er den Spitz wiedergetroffen hatte.

Das Schriftstück begann: »Ich erlaube mir, um die Genehmigung eines Spielcasinos nach dem Gesetz über die Zulassung öffentlicher Spielbanken vom 14. 7. 1933 nachzusuchen. Auf eine Finanzgruppe gestützt, erbiete ich mich, dieses Spielcasino zu errichten, zu finanzieren und zu leiten. Dabei gebe ich mich der Hoffnung hin, daß Sie mir im Hinblick auf die der Gemeinde und dem Staatshaushalt zufließenden beträchtlichen Einnahmen Ihre Unterstützung nicht versagen werden.«

Dann folgte ein Dutzend attraktiver Argumente, beispielsweise: Jeder Kriminalist begrüßt es, wenn eine unter Aufsicht der Öffentlichkeit stehende Spielbank errichtet wird, weil dadurch das auch heute noch verbreitete geheime und unkontrollierbare Glücksspiel sehr schnell ausgerottet und das spielfreudige Publikum den unter den Augen der Öffentlichkeit stehenden Spielbankenbetrieb bevorzugen würde und außerdem die Besucher vor unerwünschten Elementen geschützt sind.

»Die Märchen, wonach das Spiel zum Selbstmord, zu Leichtsinn und unweigerlich zum Ruin führe, stammen aus sensationshungrigen Romanen vergangener Zeiten. Im übrigen gibt es unzählige Trinkerheilstätten für unheilbare Alkoholiker, von Anstalten für verwahrloste Spieler hat man aber nie etwas gehört.

»Wenn man bedenkt, daß in allen Städten Deutschlands staatlich konzessionierte Wettbüros bestehen, in denen täglich jedermann, der Wohlhabende wie auch der Arbeitslose, ohne Ansehen des Geschlechts, Alters und der Person seiner Spiellust frönen und so dem Glücksspiel in primitivster Form huldigen kann, dann wäre nicht zu verstehen, warum nicht auch Ihr Kurort ein Spielcasino erhalten soll.«

Auf diese Bewerbung reagierte zunächst nur der Bürgermeister von Neuenahr positiv. Fritz und Spitz sorgten dafür, daß der französische Besatzungs-Landvogt in Koblenz ihrem Vorhaben zustimmte, bald darauf erteilte das rheinland-pfälzische Innenministerium die Konzession. Das Geld für die Einrichtung und den Betrieb der Spielbank mußte Lenz zur Verfügung stellen.

Beim nächsten Coup schalteten die Münchner Konsorten den Troula-Meister Fritz aus. Sie bewarben sich ohne ihn um die älteste deutsche Spielbank: das Casino Baden-Baden. Die Spiel- und Kursäle an der Oos ähnelten damals dem Requisitenspeicher einer Provinzbühne.

Im Kurhaus und in vielen Hotels hatten sich französische Besatzungsoffiziere einquartiert, deren damaliger Oberkommandierender, General Koenig, das idyllische Schwarzwaldrevier als eine französische Enklave betrachtete. Er stemmte sich gegen die Absichten der Baden-Badener Stadtväter, das Casino möglichst bald unter deutscher Regie wieder zu eröffnen, und erklärte: »Wenn schon, dann nur unter französischer Regie.«

Es zeigte sich jedoch kein finanzkräftiger französischer Spielbankier, der die Baden-Badener Casinotradition wiederbeleben wollte. Die branchekundigen Franzosen glaubten va banque zu spielen, wenn sie auf einen wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik spekulierten und das Casino in Baden-Baden mit eigenem Geld neu ausstaffierten.

In dieser Situation erwies sich der Baden-Badener Oberbürgermeister Dr. Ernst Schlapper als geschickter Diplomat. Er verbündete sich mit einem beziehungsreichen Kontaktmittler: dem Anwalt Dr. Hartmann Freiherr von Richthofen, der mit dem damaligen französischen Hochkommissar Andre Francois-Poncet seit langem befreundet war. Francois-Poncet ließ sich überzeugen, daß Baden-Baden nicht der Nabel der Spielbankwelt ist, den die Franzosen aus nationalen Prestigegründen annektieren müßten. Das casinopolitische Gespräch wurde schließlich in Paris fortgesetzt und die Entscheidung dadurch begünstigt, daß der Freiherr seinen italienischen Schwager Belloni, den Konzessionär der italienischen Spielbank Campione am Luganer See, als Mitbewerber vorschob.

Die Pariser Regierungsbeamten akzeptierten dann auch die deutsche Gruppe Lenz - als Anhängsel des Italieners, gegen den sie keine Ressentiments hegten - und genehmigten die Wiedereröffnung der Spielbank im Schwarzwald.

Dem Italiener wurde die Option erteilt, etwa 45 Prozent Anteile der neuzugründenden Casino-Gesellschaft erwerben zu können. Er nutzte sie aber nicht aus, sondern überließ seinen Part dem Hartmann Freiherr von Richthofen, der in seinem Verwandtenkreis etwa 250 000 Mark auftrieb und als Casino-Beteiligung zur Verfügung stellte.

Das meiste Geld mußte jedoch von den Lenzleuten kommen. Sie spendeten 1949 zu Weihnachten 10 000 Mark für die Stadtarmen, um ihre noble Gesinnung zu bekunden. Aber Baden-Badens Oberbürgermeister Dr. Ernst Schlapper erwartete viel mehr:

- Beteiligung der Stadt- und Kurverwaltung an der neuen Casino-Gesellschaft zu je fünf Prozent und

- eine Million Mark Darlehen für die Kurverwaltung zu gewöhnlichen Sparkassenzinssätzen.

Da die Lenzleute aber auch noch für den größten Teil der Kosten aufkommen mußten, die sich aus der Herrichtung der Casino-Räume und der Neubeschaffung des Inventars ergaben, wurde der Münchner Bankier etwas verlegen. Die Chance, das investierte Kapital in wenigen Jahren einzuspielen und dann nur noch steuerfrei zu verdienen, war sehr verlockend, aber die flüssigen Reserven des Bankhauses August Lenz & Co. waren schon anderweitig verplant.

Lenz kaufte damals wie einige andere Bankiers sogenannte Feststellungsbescheide ehemals rassisch verfolgter KZHäftlinge auf, die der bayrische Staat nicht sofort honorieren konnte. Die Bankiers zahlten den Wiedergutmachungsanwärtern, die damals in Scharen auswandern wollten, etwa 40 Prozent der festgesetzten Entschädigungssumme und erhielten dafür nach anderthalb oder zwei Jahren 60 bis 64 Prozent aus der Staatskasse. Den Rest - 36 bis 40 Prozent - behielt der Staat ein.

Bevor jedoch das Wiedergutmachungsgeld mit etwa 20 Prozent Profit an die Vorfinanzierer zurückfloß, brauchte Lenz dringend Finanzhilfe, um seine nächste Glücksspiel-Startbahn in Baden-Baden betonieren zu können. Die meisten Geschäftsfreunde, Makler und Bankiers, die er um Darlehen anging, winkten ab.

Der Münchner Finanzmakler Rudolf Münemann beispielsweise ließ Lenz mokant abfahren: »Spielcasinos und Freudenhäuser finanziere ich nicht.« Schließlich wandte sich Lenz an die damals noch hoch im Kurs stehende Geld-Maklerin der Familie des Prinzen Adalbert von Bayern, die Reichsgräfin von Wrbna-Kaunitz, die auf Bitten von Lenz zunächst auch 400 000 Mark hergab, aber schon nach wenigen Monaten das bei der Baden-Badener Sparkasse deponierte Darlehen kündigte. Seither wurden die Beziehungen zwischen »Ninifee« und Gustl Lenz merklich kühler.

Schließlich konnte Lenz nach Abtretung einiger Unterbeteiligungen mehrere stille Gesellschafter für die neugegründete Spielbank Baden-Baden GmbH finden, die ihm auch bei der Darlehensfinanzierung behilflich waren. Ihre Namen werden streng geheimgehalten. Dazu Lenz: Wenn man wüßte, was für prominente Leute ich mit Spielbankanteilen vertrete.«

Nachdem die Finanzierung endlich gesichert war, wurde das Casino am 1. April 1950 feierlich eröffnet. Die Ruhrindustriellen-Witwe Ursula Haniel von Rauch warf die erste Roulettekugel, der zum ersten Casinodirektor beförderte Freiherr von Richthofen machte die Honneurs. Ein Lokalreporter schrieb begeistert: »Die Vergangenheit ist heraufgestiegen mit märchenhaften Teppichen, goldenen Wänden, gemäldebedeckten Plafonds, mit Fracks und nackten Frauenschultern und jener Gelassenheit, deren Rhythmus so fern dem Tageslärm liegt.«

Bald war die Schwarzwaldstadt wieder ein Magnet für die Spitzen der alten und neuen »Classe dirigeante«, die sich dort vor allem Ende August jedes Jahres während der Baden-Badener Woche präsentiert. Dann trifft sich der im Internationalen Club organisierte Pferdeadel mit internationalen Playboys und höchsten Gesellschaftsdamen, wie der Begum, im Casino und auf der Rennbahn Iffezheim. Den Galaabend läßt sich das Casino rund 50 000 Mark kosten - eine Kleinigkeit für die Bankhalter, die genau wissen, daß die spiel- und sportfreudigen Gäste ein Vielfaches dieser Summe am Roulettetisch zurücklassen.

Unter die Rennsport-Aristokraten mit Gardemaß mischt sich auch immer ein kleiner, rundlicher Hippomane -Lenzens Stallgefährte Georg Spencer Spitz. Der Spielbankier ("Ich bin ein Pferdenarr") legte sich im vorgeschrittenen Alter - er ist jetzt 66 - außer

wertvollen Gemälden 37 Rennpferde zu: 16 starke Renntraber in Daglfing, vier Galopper in Riem, zehn edle Zuchtstuten, den Zuchthengst Foudji Volo und sechs junge Pferde, die auf seinem Gestüt Aschau in Kirchstockach bei München legieren.

Spitz investierte in seinen Renn- und Zuchtstall etwa 150 000 Mark und gab noch mehr für die Repräsentation seines Stalles und für prominente Trainer aus. Zu den Sportveranstaltungen rückt er meist mit vier Sektflaschen an, die ihm ein Butler im Eiskübel nachschleppt, In beschwingter Stimmung verriet Spitz einem Pferdesportjournalisten: »Junger Mann, wenn ich morgens aus dem Bett steige, habe ich schon 1000 Mark verdient.«

Mit dieser saloppen Einkommenserklärung hatte der Rennbahn-Fanatiker keineswegs übertrieben. Er gab die steuerfreien Erträge, die sein Konsortialanteil für ihn abwirft, eher zu niedrig als zu hoch an. Auf den Namen der Spitzgattin Erika, genannt Bill, sind bei den Lenz-Casino-Gesellschaften 450 780 Mark Stammanteile eingetragen (auf den Namen Lenz 489 140 Mark). Daraus ergibt sich nach der gängigen Gewinnrechnung der großen Casinos - etwa 100 Prozent des investierten Kapitals jährlicher Reinertrag - eine Tageseinnahme von über 1200 Mark steuerfrei.

Bei dieser Gewinnträchtigkeit war es verständlich, daß sich die Münchner Konsorten um weitere Konzessionen bemühten, wo immer sich eine Gelegenheit bot. In Bayern machten, ihnen jedoch einige Moralisten, wie der CSU-Patriarch Dr. Alois Hundhammer, große Schwierigkeiten. Hundhammer warnte 1950 seine Parlamentskollegen im Bayerischen Landtag eindringlich vor Casino-Projekten, indem er auf Neuenahr hinwies:

»Wo kommen im großen und ganzen bei den Großspielern die Summen her? Es ist doch eine ganz bekannte Tatsache, daß viele von denjenigen, die bei der Währungsumstellung und in anderen Fällen den Steuerbehörden gegenüber nicht ganz korrekt gehandelt haben, ihre Gewinne nun über die Spielbanken legalisieren. Neuenahr ist dafür oft genug genannt worden . . .«

In der Tat hatten sich viele Fabrikanten und Händler durch ihre Feierabendbeschäftigung am Roulette ein Alibi für schwarze Kassenbestände verschafft, die ihnen aus dem Verkauf von Warenvorräten zugeflossen waren, die sie in der R-Mark-Zeit gehortet hatten. Auch andere nicht ordnungsgemäß verbuchte Einnahmen wurden als Spielbankgewinne deklariert, die der Spieler - genauso wie der Spielbankier seine Rendite - nicht zu versteuern braucht. Als einziges Beweismittel legten die Steuersünder dem Finanzamt die Casino-Eintrittskarte von Neuenahr oder einer anderen staatlich konzessionierten Spielbank vor.

Hundhammer rügte ferner: »In den Spielbanken zeigt sich die luxuriöseste Lebensführung, die es überhaupt gibt.« Dennoch entwarf das bayrische Regierungskabinett 1951 ein Landesspielbankengesetz, das genau mit den Vorstellungen der Gruppe Lenz übereinstimmte: In Bad Reichenhall, Garmisch-Partenkirchen, Bad Wiessee und Bad Kissingen sollten Casinos errichtet und in einer zentralen Spielbank-Gesellschaft zusammengefaßt werden. Schon vorher hatten die Lenzleute die Hotel- und Sanatoriumsburg Kurhotel Wigger in Garmisch erworben, die zur Hochburg der geplanten bayrischen Casinogesellschaft umgebaut werden sollte.

Der Gesetzentwurf wurde indes von der Landtagsmehrheit abgelehnt, nachdem Bayernparteiführer Joseph Baumgartner hinter die Kulissen geleuchtet und laut protestiert hatte: »Die zentrale Lösung ist unmöglich.« Der Firma Lenz & Co. gehe es nur darum, den Fremdenverkehr nach ihren Wünschen zu lenken »und auch noch die Fremdenverkehrsgemeinden in ihre Hand zu bekommen«. Das Parlament ermächtigte die Staatsregierung, an die für Spielbankgründungen vorgesehenen Gemeinden Konzessionen zu erteilen, »mit der Maßgabe, daß diese Gemeinden berechtigt sind, diese Konzessionen zur Ausübung an juristische oder natürliche Personen zu übertragen«.

Danach mußte die Lenzgruppe mit jeder der vier Gemeinden separat verhandeln, wenn sie ihren Plan einer zentralen Spielbank nicht aufgeben wollte. Mit der Kontaktpflege beauftragten die Konsorten einen gelernten Metzger, den vielseitigen Geschäftsmann Karl Freisehner, der sich früher in Wien in der Glücksspielbranche betätigt und schon Konzessions-Vorverträge mit mehreren Kurgemeinden abgeschlossen hatte. Das Konsortium garantierte Freisehner eine starke Beteiligung an den bayrischen Spielbanken und 490 000 Mark Darlehen, das er mit den zu erwartenden Casinogewinnen zurückzahlen sollte, wenn er den Gang der Verhandlungen positiv beeinflusse.

Die Verhandlungen mit den Gemeinde- und Kurverwaltungen liefen aber sehr zäh, denn jedesmal, wenn der Name Lenz genannt wurde, verlangten die Gemeindevertreter, beispielsweise in Garmisch, hohe Vorleistungen und Investitionen für Kureinrichtungen, wie sie der Lenz-Gustl den Baden-Badenern zugestanden hatte. In diese Verhandlungen mischte sich auch Lenzens Homburger Konkurrent Gembicki ein.

Er schlug Lenz vor, Bayern in Spielbank-Interessengebiete aufzuteilen; wenn das Lenzkonsortium sich beispielsweise in Garmisch-Partenkirchen niederlassen wolle, werde er, Gembicki, dort nicht mehr mitbieten; dafür müsse sich Lenz aber aus dem Handel um die Konzessionen für Bad Kissingen und Bad Reichenhall heraushalten.

Der Vorschlag fand jedoch kein Echo. Aber Simon Gembickis Chancen in Bad Kissingen wuchsen auch ohne Marktabsprache, nachdem er 150 000 Mark für Spesen und Vorbereitungsfidelitas ausgegeben hatte. Er veranstaltete unter anderem im Münchner Eulenspiegel-Keller ein Künstlerfest, auf dem Honoratioren wie dem als Spanier verkleideten Kissinger Oberbürgermeister Dr. Hans Weiß heitere Einblicke in die Tiefen des Spielbankgeschäfts und die Dekolletés amüsanter Damen gegeben wurden.

Das Konsortium Lenz geriet unterdes bei den Verhandlungen immer mehr ins Hintertreffen und zog sich wegen der übersteigerten Forderungen schmollend zurück. Prompt beschlossen die Konsorten aber, auch den anderen Bewerbern, die besser im Rennen lagen, das Geschäft zu versalzen: dem Gembicki in Bad Kissingen, seinem Homburger Kompagnon Heidtmann in Reichenhall und dem Bankkaufmann Stöpel in Garmisch-Partenkirchen. Ihm hatten die Garmischer - nachdem sie Lenzens Generalbevollmächtigten überfordert hätten - schließlich die Konzession zu einem billigeren Preis angetragen. Das bewog die Lenzleute erst recht, das ganze bayrische Spielbankprojekt zu unterwühlen.

Daran sollte derselbe Freisehner mitwirken, dem man vier Jahre zuvor 400 000 Mark versprochen hatte, wenn er sich positiv - im Sinne des ersten Lenzplanes: »Alle Casinos in einer Hand« - betätigte. Jetzt wurde von ihm verlangt, die Spielbankentwicklung negativ zu beeinflussen. Wenn er das Spielbank-Projekt zum Platzen bringe, so legte Lenzens Spielbanksachbearbeiter Dr. Thelen am 9. Mai 1955 in einem neuen Vertrag mit Freisehner fest, sollte er 260 000 Mark Darlehen erhalten, von denen 60 000 Mark einbehalten werden sollten, die Freisehner noch der Lenzbank schuldete.

Die Lenzleute wußten, daß Freisehner gute Beziehungen zu Landespolitikern der vier Koalitionsparteien SPD, FDP, Bayernpartei und BHE unterhielt, die damals - im Dezember 1954 - nach Abwahl der CSU die neue bayrische Staatsregierung gebildet hatten. Das neue Parlament hatte im April mit knapper Mehrheit die Errichtung von weißblauen Casinos endgültig beschlossen, aber Freisehner suggerierte den Lenzleuten, daß er mit seinen guten Beziehungen - beispielsweise zum neuen Innenminister August Geislhöringer - die Konzessionsvergabe doch noch stoppen könne.

Freilich hatte Freisehner beste Beziehungen zum Geisl, wie der Minister von seinen Freunden genannt wird. Sie waren mit Banknoten gefestigt worden, die der Kontaktspezialist dem Pepperl Baumgartner und dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bayernpartei, Max Klotz, vor und während des Wahlkampfes in die Tasche gesteckt hatte, allerdings nicht zu dem Zweck, Spielbanken zu verhindern, sondern um ihre Gründung zu fördern.

Freisehner bekannte später offen, daß er das Lenz-Konsortium getäuscht hatte: »Das Ganze war ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Fragestellung: wer legt wen herein.« Er hatte nicht nur mit Lenz Verträge abgeschlossen, sondern auch mit drei Gemeindeverwaltungen und einigen Roulette-Impresarios, wie Simon Gembicki. Mit diesen Verträgen spielte Freisehner Roulette nach einem System, das ihm den größten Nutzen versprach.

Kaum hatte er am 9. Mai 1955 den zweiten Vertrag mit dem Lenz-Konsortium ("Keine Spielbanken") unterschrieben, da eilte er mit der Kopie zu Geislhöringer, um ihn anzustacheln, schleunigst die Konzessionen zu vergeben. Kommentierte Freisehner später: »Ich wollte ihm zeigen, welche Kräfte am Werk sind, um Spielbanken zu verhindern.« Der zwergwüchsige Landesinnenminister stellte dann auch sofort die Konzessionsurkunden aus.

Bald darauf rollten in den neueröffneten Casinos von Bad Kissingen, Reichenhall, Garmisch-Partenkirchen und später auch in Bad Wiessee die Elfenbeinkugeln. Kontaktspezialist Freisehner kassierte bei den Konzessionären ab. Die Reichenhaller Bankhalterin Gerda Heidtmann mußte ihm 20 Prozent Anteile übereignen, die Freisehner sofort für 200 000 Mark an den Hamburger Bankier Ulf von Stauss verkaufte; außerdem mußte ihm der Bankier noch 250 000 Mark als Darlehen zinslos und unkündbar auf 50 Jahre einräumen.

Auch von dem Konzessionär der Casinos Garmisch-Partenkirchen und Bad Wiessee, Carl Theodor Stöpel, bekam Freisehner Gesellschaftsanteile, die auf den Namen seiner Tochter Inge und deren Gatten Dieter Wolf in das Handelsregister eingetragen wurden. Auch diese Anteile hat Freisehners Familiengemeinschaft bald zu hohen Preisen weiterverkauft*.

Indes, die Freude über das leichtverdiente Geld dauerte nicht lange. Die in die Opposition gedrängte CSU entfachte im Landtag immer wieder Spielbankdebatten und verdächtigte Bayernparteifunktionäre, von Konzessionsbewerbern geschmiert worden zu sein. Darauf nahm sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß der Affäre an.

In 43 Sitzungen versuchte dieser AusscHuß die Korruptionsvorwürfe zu klären. Dutzende Parteipolitiker, mehrere Minister, Bürgermeister, Anwälte, Spielbankmenschen und Abenteurer mußten sich den Inquisitoren stellen. Auch Lenzens Spielbank- und Generalbevollmächtigter Dr. Thelen wurde ausgefragt. Der ehemalige Landgerichtsrat zierte sich ein Weilchen, bis er sein Techtelmechtel mit Freisehner zugab.

Um so ungenierter packte Freisehner selbst aus. Er bekannte, daß er Gelder von Konzessionsbewerbern an politische Parteien »durchgeleitet« habe, allerdings nur als Spenden, ohne Verkoppelung mit einer bestimmten Gefälligkeit. Wie das Vernehmungsprotokoll beweist, zeigte sich Freisehner den CSU-Ausfragern durchaus gewachsen:

DR. HUNDHAMMER (Ausschußmitglied): Sie selbst haben auch Zuwendungen an die Bayernpartei gemacht. Wie groß waren die Zuwendungen?

FREISEHNER: Die waren nicht groß. Es waren monatliche Beiträge. Es war so, daß ich der Bayernpartei das Doppelte monatlich laufend zugewendet habe von dem, was ich der CSU gab, weil die CSU ja reicher ist. (Große Heiterkeit)

DR. HUNDHAMMER: An welche Stelle haben Sie diese Beiträge abgeführt?

FREISEHNER: Das kann ich Ihnen gern sagen. Ich habe über den »Bayerischen Wirtschaftsdiernste der Bayernpartei jahrelang Zuwendungen und auf dem Weg über den Bonner »Wirtschaftsspiegel« der CSU Zuwendungen gemacht. (Erneute Heiterkeit)

Der Untersuchungsausschuß bemühte sich anderthalb Jahre, herauszufinden, ob die bevorzugten Konzessionäre der Gunst des Innenministers würdig waren. Mehrmals wurde Simon Siegfried Gembicki durchröntgt, dem ein Branchekundiger nachsagte: »Er ist eine geborene Spielernatur. Heute hat er Geld, morgen ist er zu Staub und Asche abgebrannt.« Gembicki kokettiere mit seinem hemmungslosen Spieltrieb und brüstete sich: »Ich habe schon zwei Millionen Dollar verloren, in einer Nacht 250 000 Mark.« Geislhöringer verteidigte aber die Konzession an Gembicki unbeirrt: »Für solche Geschäfte (Spielbanken) interessiert sich nur eine gewisse Sorte von Menschen.«

Zu dieser gewissen Sorte gehörte auch der Konzessionär von Garmisch und Wiessee, Bankkaufmann Stöpel, den der Ausschuß mehrmals einvernahm. Bei ihm argwöhnten die Inquisitoren, daß er nur Strohmann eines dubiosen Geldgebers sei. Aber Stöpel schwor, seine Spielbankeinlage mit redlich erworbenem eigenem Geld finanziert zu haben, wie es verlangt worden war. Seit vier Monaten glaubt die Münchner Staatsanwaltschaft, ihm einen Meineid nachweisen zu können; einen Teil des eingelegten Geldes soll er in der Schweiz veruntreut haben.

Wenn Stöpel des Meineids überführt wird, verliert er sofort die Konzession. Das käme der bayrischen Staatsregierung sehr gelegen; sie könnte dann die unerwünschten Casinos in Garmisch-Partenkirchen und Bad Wiessee entschädigungslos liquidieren.

Freilich bekräftigten damals - 1955/56 insgesamt 56 Befragte ihre mitunter sehr widerspruchsvollen Aussagen mit dem Eid

auch Freisehner und seine Freunde von der Bayernpartei. Die bayrischen Patrioten beschworen, niemals mit Zweckbindung bestochen worden zu sein, und Freisehner nahm es auf seinen Eid, niemals Politiker für die Begünstigung von Spielbankkonzessionen eingekauft zu haben.

Nach zwei Jahren allerdings, im Januar 1959, widerrief Freisehner seine Aussage und erstattete Selbstanzeige wegen Meineids. Die Motive, die den robusten Konzessionsmakler zu dieser ungewöhnlichen Offenbarung getrieben haben, blieben im dunkeln. Anscheinend hatte Freisehner einen Wink bekommen, daß die mit kriminalistischem Eifer weiterbohrende CSU Belastungsmaterial gefunden hatte, in dem die Staatsanwaltschaft bereits herumstocherte. Nur durch Selbstanzeige und rücksichtslose Preisgabe der von ihm kor rumpierten Bayernparteiler könne Freisehner die Richter milder stimmen und als reuiger Sünder mit einer gelinden Strafe davonkommen.

So geschah es dann auch. In dem spektakulären Meineidsprozeß wurde Freisehner zu einem Jahr und zehn Monaten Gefängnis verurteilt, Baumgartner hingegen zu zwei Jahren Zuchthaus, Klotz zu zwei Jahren und neun Monaten Zuchthaus und Geislhöringer - mit Rücksicht auf sein hohes Alter (73) -zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis. Die verurteilten Bayernparteiler legten Revision ein, über die der Bundesgerichtshof im Februar verhandelt.

Gleich nach der Münchner Urteilsverkündung beschloß die bayrische Staatsregierung, in der sich seit 1958 wieder die CSU etablierte, die weißblauen Casinos zu liquidieren*. In Bad Reichenhall und Bad Kissingen stießen die Liquidatoren kaum auf Widerstand. Simon Gembicki war die vielen Verhöre, Beschattungen und Verdächtigungen leid, und die Gattin seines Homburger Kompagnons, Gerda Heidtmann, die in Reichenhall als Konzessionärin agiert, ging bereitwillig auf Kompromißverhandlungen ein, nachdem ihre Einnahmen weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben waren.

Man einigte sich, die bis 1965 befristete Konzession schon 1961 zu beenden. Der Fiskus mußte sich allerdings verpflichten, die Landesabgaben zu streichen, so daß Gembicki und die Spieldame Heidtmann noch Gelegenheit haben, in etwa anderthalb Jahren annähernd so viel Reingewinn zu kassieren, wie ihnen bei Weiterbetrieb bis 1965

- nach voller Steuerabschöpfung - zugeflossen wäre.

Wenn jemand über die Liquidierungsaktion Genugtuung empfinden konnte, so war es das Münchner Konsortium. Selbst Lenz, den Thelens Techtelmechtel mit Freisehner sehr beunruhigt hatte, zeigte sich aufgeräumt, als er unlängst auf der Jubiläumsfeier seiner größten Industrie-Beteiligungsgesellschaft - der Agrob - die Elite der bayrischen Christdemokraten begrüßte, darunter Bayerns Landtagspräsidenten Dr. Ehard, Landesfinanzminister Eberhard und den früheren Spielbankgegner Dr. Alois Hundhammer. Um die hohen Gäste würdig empfangen zu können, hatte Lenz das staatseigene Münchner Cuvillies-Theater gemietet.

Schon vor einiger Zeit hatte der Bankier die Aufmerksamkeit der Notabeln durch eine 300 000-Mark-Stiftung für die Erforschung von Kreislaufkrankheiten auf sich gelenkt. Den Anstoß zu dieser Stiftung gab ein Herzinfarkt, den Lenz nach den Geschäftsstrapazen der letzten Jahre erlitt.

Er hatte sich oft darüber erregt, daß der Name seiner Firma in die Spielbankenskandale hineingezogen worden war. Zu den Pannen mit Freisehner kamen Enthüllungen über das forsche Vorgehen der Lenz-Gruppe in Schleswig-Holstein. Dort versuchten Emissäre des Konsortiums jahrelang, hohe Regierungsbeamte für den Plan zu gewinnen, im Norden eine zentrale Spielbankgesellschaft zu gründen. Aus dem einträglichen Casino Travemünde sollte der alte Konzessionär Henry Neid herausgeboxt werden, dann wollten die Lenz-Konsorten dem Casino Travemünde noch zwei oder drei Spiel-Dependancen angliedern. Der Plan scheiterte aber während der zwielichtigen Cliquenkämpfe unter den schleswig-holsteinischen CDU-Funktionären: den Anhängern des Ministerpräsidenten Kai-Uwe von Hassel und den Schildträgern des vor wenigen Monaten abberufenen Landtagspräsidenten Dr. Böttcher.

Den Bankier verdroß weniger der Mißerfolg als das Unvermögen seines Generalbevollmächtigten Thelen, ihn und das Bankhaus Lenz & Co. gegen Verdächtigungen und Kombinationen abzuschirmen. Um die Ressentiments empfindlicher Bankkunden auszuräumen, die Anstoß an der Spielbank-Liaison nahmen, richtete Lenz schon vor einiger Zeit in seinem Bankhaus an der Ecke des Münchner Promenadenplatzes ein zweites Geldinstitut ein, das unter dem Titel Maffei & Co. KG firmiert.

Der Name der Land- und Fabrik-Adelsfamilie von Maffei hat in Bayern einen guten und reichen Klang. Ihre Hauptakteure betätigten sich im Lokomotiv- und Fahrzeugbau, die angeheirateten Linien Noris und von Malaise in der Finanzwirtschaft.

Es war einer der Angeheirateten, der Lenzbank-Kommanditist Hans Noris, der die Gutsbesitzerin Gabriele von Maffei veranlaßte, ihren Namen für die Ausstaffierung des zweiten Lenz-Instituts zur Verfügung zu stellen*. Die größte Kommandit-Einlage (zwei Millionen Mark) brachte die Gesellschaft für Industrieverwaltung Lenz & Schmitz KG ein, deren persönlich haftende Gesellschafter Lenz und Schmitz heißen; einziger Kommanditist der Industrieverwaltungs-KG: das Bankhaus August Lenz & Co.

Der Firma mit dem honorigen Namen Maffei übertrug Lenz die Hauptfunktionen seiner alten Bank, zum Beispiel den üblichen Schalter- und Wechselverkehr und die Kontokorrentkonten kleiner und mittlerer Firmen. Sein eigenes Bankhaus spezialisierte sich auf Kurspflege von Aktien, ferner auf Industriebeteiligungen und große Finanzgeschäfte.

Dabei fädelten sich Lenz & Co. auch in die undurchsichtigen Schweizer Transaktionen der Josephine Reichsgräfin von Wrbna-Kaunitz ein, die 1956 wegen Devisenvergehens zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Lenz mußte 50 000 Mark Buße an die Finanzbehörde zahlen. Während die Gräfin nach St. Gallen emigrierte, ließ Gustl Lenz ihr Palais Leuchtenberg in München für 2,5 Millionen Mark versteigern, weil sie ihm angeblich noch 3,1 Millionen Mark schuldete.

Die Gräfin bestreitet die Schuld und bezichtigt ihren früheren Schützling in offenen Briefen, das Palais widerrechtlich versteigert zu haben: »Ist es menschenmöglich, daß das Bankhaus Lenz & Co., dessen Namensträger mir mehr als einmal sein Leben im Dritten Reich verdankt, die gesundheitliche Gebrochenheit einer Frau schamlos ausnutzt, die ein jahrzehntelanges uneigennütziges Leben als weggeworfen sehen muß, das sie an Unwürdige verschwendet hat?«

Der Bankier versuchte die Gräfin zu beschwichtigen: »Liebe Nini! Ich habe mich einmal sehr glücklich geschätzt, daß gerade Du es gewesen bist, die vom Schicksal dazu ausersehen war, mir in großer Not beizustehen. Daß mir selbst nicht die Gnade zuteil wurde, Deine damaligen Hilfeleistungen voll auszugleichen, ist aber doch nicht meine Schuld.«

Während die Gräfin erfolglos gegen Lenz prozessierte, konnte er seine frühere Karriere als Industriebankier im Ausland erfolgreich fortsetzen. In Kanada liegen zur Zeit seine ergiebigsten Jagdgründe. Lenz ist dort nicht nur an zwei großen Baustoffunternehmen maßgeblich beteiligt, über eine Beratungs- und Entwicklungsgesellschaft schaltete er sich auch in kanadische Erschließungsprojekte ein; außerdem partizipiert er an einer großen Terraingesellschaft mit 220 Quadratkilometer Waldgebiet..

Dieses Engagement sei sein Lebensziel, sagt Lenz sensibel, und erfülle ihn mit neuer Hoffnung, endlich seiner selbstgeprägten Devise leben zu können: »Ich möchte eine Gegenwart haben, die eine Zukunft und keine Vergangenheit hat.«

Für die Koordinierung seiner Überseeinteressen gewann der Bankier den ehemaligen Generalstabschef der Kanadischen Armee, Generalleutnant außer Dienst Guy S. Simonds, der sich Präsident der Kanadischen Lenzgesellschaften nennt. Ihm zu Ehren veranstaltete Lenz vor einigen Wochen auf seinem Gut Eichenhof bei Freising eine Herrenparty. Zigeunerprimas Toki Horvath peitschte mit seiner Kapelle Stimmungswogen hoch, die dem Gastgeber jedoch nicht über seine Hauptsorge hinweghelfen konnten. Es verdroß ihn, von Simonds zu hören, daß man sich in Kanada über seine Spielbanken-Engagements mokiert. Da sich die Kanadier unter Spielkasinos die konzessionierte Unmoral nach dem USA-Modell Las Vegas vorstellen, halten sie auch Lenzens Casino-Unternehmen für Brutstätten des Lasters. Dieses Odium könnte Lenzens Geschäften in Übersee sehr schaden; er ist auch an Projekten in den USA sehr interessiert und besprach sich vor Weihnachten mit dem Präsidenten der New Yorker Chase Manhattan Bank.

Kurz vor Lenzens Rückkehr aus Amerika verbreitete Justitiar Dr. Eduard Oehl die Nachricht: »Herr Lenz ist entschlossen, sich aus den Spielbanken völlig herauszuziehen. Er hat mit seinem Auslandsgeschäft jetzt eine höhere Stufe des Finanzwesens erreicht und ließ sich vor einigen Monaten von seinen Mitgesellschaftern in Baden-Baden die Genehmigung erteilen, seine dortigen Anteile zu veräußern.«

* Bruttospieleinnahmen = Summe aller Spielerverluste. Bis 1954 brauchten davon nur 70 Prozent abgeführt zu werden.

* Der Prinz wurde von seinem Vetter, dem Lichtensteiner Landesfürsten, zum »Herrn von Landshut« degradiert, genießt seit kurzem aber wieder Prinzenrang, nachdem er sich als Fremdenführer in Liechtenstein neue Verdienste erworben hat.

* Für eine Partie der Freisehnerschen Beteiligung am Casino Bad Wiessee zahlte der Innsbrucker Musikprofessor Kurt Leimer, Schwiegersohn des Ölmagnaten Sir Henry Deterding, etwa das Dreifache des Nennwerts.

* Nur das Casino Lindau fällt nicht unter das Liquidationsverdikt. Die Stadt im Bodensee gehört zwar politisch zu Bayern, aber die dortigen Casino-Gesellschafter haben sich schon vor Jahren bis 1970 rückversichert, als Lindau noch französische Besatzungsenklave mit administrativem

Sonderstatus war.

* Nach dem Gesetz muß bei der Gründung einer Kommanditgesellschaft mindestens der Name eines persönlich haftenden Gesellschafters im Firmentitel genannt werden.

Nachkriegs-Roulettestart in Baden-Baden*: Lenz ist da

Bankier Lenz, Tochter Monika: Kampf um Konzessionen

Lenz-Kompagnon Schmitz

Beim Aufstehen schon...

... tausend Mark verdient: Lenz-Konsorte Spitz, Gattin

Emigrierter Bankherr Marx

Ein uneigennütziges Leben...

Reichsgräfin Wrbna-Kaunitz

... weggeworfen und verschwendet?

Finanzgehilfe Schwend

In Gustls Stübchen ...

Uhrenfreund Prinz Hans

... große Geschäfte

Erste Lenz-Gattin Jutta (l.), Sportsfreund Wild: Die Vergangenheit...

... ist heraufgestiegen: Zweite Lenz-Gattin Liselotte (l.)

Verhafteter Konzessionär Stöpel

Von Anstalten für verwahrloste Spieler...

Unerwünschter Konzessionär Gembicki

... noch nie etwas gehört

Casino-Ehepaar Heidtmann: Konzession in Reichenhall verkürzt

Eidesverletzer Freisehner (l.), Klotz: Katz-und-Maus-Spiel um die Frage ...

... wer wen hereinlegt: Eidesverletzer Baumgartner (l.), Geislhöringer

Casino Bad Homburg 1849: Kein Glück im Spiel - nur die Bankherren gewinnen immer

Spielbank-Opfer Böttcher

Im Norden...

Travemünder Alt-Konzessionär Neid

Lenzwind

Ministerpräsident von Hassel

... zwei neue Spielbanken?

Lenzens Gutshaus Eichenhof bei Freising: »Ich möchte eine Gegenwart haben, die eine Zukunft...

... und keine Vergangenheit hat": Kanadischer General-Vertreter Simonds, Lenz (r.)

* Erster Kugelwurf durch die Industriellenwitwe

Ursula Haniel von Rauch (r.).

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 68
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.