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Spion im Lager der Mörder

aus DER SPIEGEL 52/1968

1. Fortsetzung

Es war im D-Zug Warschau-Berlin Ende August 1942. Es war Nacht. SS-Untersturmführer Gerstein, auf dem Rückweg von einer Inspektion der Vernichtungslager in Polen, hatte vergebens ein Schlafwagenbett zu erhalten versucht. Da traf er auf dem Gang den Sekretär der Schwedischen Gesandtschaft in Berlin, Baron von Otter.

Achtzehn Jahre später erinnerte sich der Diplomat noch der Einzelheiten dieser Begegnung:

»So ein Schlafwagen war damals wie eine Leiche aus Eisen, Glas und Holz. Ich war in Warschau gewesen, um einen Landsmann zu besuchen, einen Kaufmann, der Kontakt mit der polnischen Widerstandsbewegung gehabt hatte und von der Gestapo verhaftet worden war. Er saß in Warschau im Gefängnis. Ich hatte keinen Schlafwagenplatz mehr bekommen -- genau wie Gerstein -, und beide planten wir wohl, die Fahrt nach Berlin schlecht und recht im Gang durchzustehen.«

Gerstein, in SS-Uniform, war nervös. Der Schaffner hatte ihm gesagt, daß der Mann neben ihm schwedischer Diplomat sei. Gerstein versuchte mit allen Mitteln, mit dem Schweden ins Gespräch zu kommen.

»Ich merkte, wie er mir zunickte«, erinnert sich Otter. »,Na, das wird ja eine schöne Reise ...' Ich baute ihm ganz bewußt eine Brücke. Ich bot Ihm eine Zigarette an. Er dankte, gab Feuer und fragte im gleichen Atemzug, ob er mir eine schlimme Geschichte erzählen dürfe.«

Baron von Otter war skeptisch und vorsichtig. Man hatte häufig genug gehört, daß SS-Leute Ausländer provozierten. Gerstein machte keine Umschweife: Er habe grauenhafte Dinge gesehen. Er müsse unbedingt über Einzelheiten aus den Vernichtungslagern berichten.

Geht es um die Juden?« fragte von Otter. »Ja, um die Juden, die im Osten umgebracht werden. Hier ist meine Identitätskarte. Hier sind Instruktionen des Lagerkommandanten, eine Bestellung für Blausäure. Glauben Sie mir bitte. Wenn Sie eine Referenz suchen, fragen Sie den Generalsuperintendenten Otto Dibeilus. Fragen Sie ihn nach Kurt Gerstein!«

Der Baron erzählt: »Gerstein war nur mit Mühe zu bewegen, leise zu sprechen. Wir standen die ganze Nacht zusammen, sechs Stunden, vielleicht © Bertelsmann Sachbuchverlag 1959. auch acht Stunden. Und immer wieder sprach Gerstein von dem, was er erlebt hatte. Er schluchzte und schlug die Hände vors Gesicht. Ich dachte, er wird diese Gewissensqualen nicht mehr lange aushalten. Er wird sich verraten, und sie werden ihn verhaften.«

Baron von Otter, damals 35 Jahre alt, nahm in Berlin Kontakt mit Otto Dibelius auf und verfaßte einen ausführlichen Bericht über sein Gespräch mit Gerstein. Er gab den Bericht an seine vorgesetzte Dienststelle weiter. Aber Schweden war daran interessiert, jede weitere Belastung der Beziehungen zu Deutschland zu vermeiden.

»Einige Monate nach der Nacht im Schlafwagen«, berichtet von Otter, »stand Gerstein plötzlich vor mir, als Ich die Schwedische Gesandtschaft in Berlin verließ. Er schien völlig verzweifelt zu sein und war kaum in der Lage, einen Satz zu sprechen. Er war völlig aufgelöst. Er fragte mich, was aus den Plänen geworden sei, die wir im D-Zug besprochen hätten. Ich berichtete Gerstein von meinen Bemühungen, Druck hinter den Bericht zu setzen, und hatte das Gefühl, daß ich ihn zu trösten vermochte und daß er neue Hoffnung schöpfte.«

Einer der ersten Menschen, denen Gerstein nach seiner Rückkehr aus Warschau begegnete, war sein Kollege bei den Desinfektionsarbeiten, der Ingenieur Armin Peters. Peters erklärte später:

»Gerstein kam am Spätnachmittag von seiner Reise zurück und rief mich sofort in meiner Luftwaffen-Dienststelle an und bat mich um eine dringende persönliche Unterredung. Ich fuhr sofort nach Berlin und suchte ihn in seiner Wohnung auf, die sich damals in der Agricolastraße befand.

»Gerstein war völlig erschöpft, von der Reise müde und hungrig, jedoch außerstande, irgend etwas zu sich zu nehmen oder gar auszuruhen. Vollkommen aus dem seelischen Gleichgewicht, schilderte er mir in allen Einzelheiten den genauen Hergang der Exekutionen sowie die Mittel, derer man sich hierzu bediente.

»Zum Schluß berichtete er mir, jetzt auch den wahren Hintergrund der damals anlaufenden Spinnstoffsammlung für Industriearbeiter entdeckt zu haben. Er bestand seiner Meinung nach darin, die in diesen Vernichtungslagern freiwerdenden Bekleidungsstücke der Opfer, auf diese Art und Weise als Sammlung getarnt, unter die Industriearbeiter verteilen zu können.

»Es war weder für Gerstein noch für mich möglich, diese besagte Nacht auch nur ein Auge zuzutun, und so besprachen wir die neue Situation und das, was hier von uns aus getan werden könnte. Wir kamen überein, diese Tatsachen um der Wahrheit willen zunächst von Mann zu Mann weiterzutragen.«

Gerstein selbst erinnert sich: »Ich versuchte, in gleicher Sache dem Päpstlichen Nuntius in Berlin Bericht zu erstatten. Dort wurde ich gefragt, ob ich Soldat sei. Daraufhin wurde jede weitere Unterhaltung mit mir abgelehnt, und ich wurde zum Verlassen der Botschaft Seiner Heiligkeit aufgefordert.

»Beim Verlassen der Päpstlichen Botschaft wurde ich von einem Polizisten mit dem Rade verfolgt, der kurz an mir vorbeifuhr, abstieg, mich dann aber völlig unbegreiflicherweise laufen ließ. Ich machte einige Minuten intensivster Verzweiflung durch und hatte bereits die Pistole aus der Tasche gezogen und mich auf den Selbstmord vorbereitet.

»Ich habe dann alles dies Hunderten von Persönlichkeiten berichtet, u. a. dem Syndikus des katholischen Bischofs von Berlin, Herrn Dr. Winter, mit der ausdrücklichen Bitte um Weitergabe an den päpstlichen Stuhl. Weiterhin gehörten dazu die Familie Niemöller, der Presseattaché der Schweizer Gesandtschaft in Berlin, Dr. Hochstrasser, D. Dibelius und viele andere. Auf diese Weise wurden Tausende von Menschen unterrichtet.«

»Gegen Ende September 1942«, schreibt der Gerstein-Freund und -Biograph Helmut Franz, »besuchte ich ihn in Berlin. Inzwischen war das Schreckliche passiert. Er berichtete mir alles mit allen Einzelheiten.

»Er war natürlich durch und durch aufgewühlt. Und doch war sein seelischer Zustand jetzt ein ganz anderer als noch wenige Monate zuvor. An die Stelle des pessimistisch-verzweifelten und im Gefühl lähmender Ungewißheit planlos umherirrenden Menschen war jetzt ein Mann getreten, der bei aller Entsetztheit über das Gesehene doch von einem unbändigen Auftragsbewußtsein in einer ungeheuren historischen Situation erfüllt war. Sein Haß und Widerstandswille war jetzt grenzenlos geworden und beflügelte ihn in geradezu übermenschlicher Weise.«

Andere Zeugen sprechen von einem stärker beunruhigten, heftiger gemarterten Gerstein, so sein Freund Otto Völckers: »Etwa 1941, spätestens 1942, besuchte mich Gerstein wieder einmal in München; jetzt machte er einen sehr veränderten, einen gealterten und gewissermaßen verstörten Eindruck, und er hatte offensichtlich Schweres auf dem Herzen.

»Nach kurzem Gespräch kam er damit heraus, daß er gerade aus Polen zurückgekommen sei, wo er in dienstlichem Auftrag eine Vernichtungsanlage habe inspizieren müssen. Mit abgründigem Abscheu und grimmigem Zorn schilderte er mir aufs genaueste Einrichtung und Betrieb dieser Anstalt.«

Danach berichtete Gerstein von seiner Begegnung mit von Otter. »Er habe Otter gebeten«, fährt Völckers fort, »diese Tatsachen dem König von Schweden zu übermitteln und ferner womöglich zu veranlassen, daß die britische Air Force bei Luftangriffen Massenflugblätter mit Tatsachenberichten zur Aufklärung des deutschen Volkes abwerfen möge.

»Außerdem plane er, getarnt durch eine Dienstreise, selbst nach Schweden zu gelangen und Verbindungen anzuknüpfen. Denn eben das scheine ihm vor allem wichtig, nicht nur das Ausland, sondern gerade das eigene Volk über die in seinem Namen und dennoch hinter seinem Rücken verübten Greuel aufzuklären.

»Auf meine entsetzte Frage, wie es ihm als ehrenhaftem Menschen und gläubigem Christen möglich sei, solche

* Mit Hitler-Adjutant Brückner (l.) und Präsidialkanzlei-Chef Meißner (3. v. r.) beim Verlassen der Reichskanzlei, 1939.

Dinge mit anzusehen, sagte er mir wörtlich: »Die Entwicklung geht ihren unerbittlichen logischen Gang. Ich bin froh, daß ich diese Greueltaten mit eigenen Augen gesehen habe, damit ich einmal Zeugnis ablegen kann.

»Daß er im Sinne des Regimes »Hochverrat' trieb, war natürlich völlig klar. Gerstein äußerte die Befürchtung, daß nicht nur er selbst, sondern auch Frau lind Kinder aufs schwerste gefährdet seien und daß es daher vielleicht geraten sei, sich formell scheiden zu lassen.«

Die Furcht vor dem Schicksal, das seiner Frau und den Kindern zustoßen konnte, falls seine Tätigkeit entdeckt wurde, marterte Gerstein. Seiner Frau enthüllte er nur Bruchstücke von dem, was er wußte.

»Ich kann heute nicht mehr genau abgrenzen, wieviel von seinem Erlebnisbericht er mir bereits 1942/43 mitgeteilt hat«, erklärte Gersteins Frau 1961. »Ich entsinne mich aber deutlich einiger Sätze, die er sagte: »Ich kann keine Rücksicht auf euch nehmen. Ihr seid drei oder vier, aber da geht es um Tausend. Ich muß etwas tun ...!«

»Er erzählte mir, daß ihm einmal beim Vergraben von Blausäure in Polen ein Spritzer auf den Ärmel kam, den er schnellstens herunterreißen mußte. Auf meine erschreckte Frage, ob ei das denn allein getan habe, sagte er betont: »Ja, das mußte ich!'«

Im Sommer 1942 lernte Gerstein in Berlin Alexandra Balz kennen und hatte bald bemerkt, daß sie seinen Haß auf den Nazismus teilte; sie waren einander in Freundschaft verbunden. Später schrieb sie:

»Eines Abends -- es mag etwa August/September des Jahres 1942 gewesen sein -- war ich sein Gast In der Bülowstraße 47. Wir aßen erst zu Abend, hörten dann gemeinsam ausländische Sender ab und setzten uns später in dämmrigem Licht gegenüber an einen ovalen Tisch.

»Mit einem Male fing Gerstein an, bitterlich zu weinen und zu schluchzen, wobei er immerzu wiederholte: »Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr!' Nach dem ersten Ausbruch fingen seine Augen an, ganz unruhig zu flackern, und bekamen irgendwie einen gewissen irren Ausdruck. Er sah mich gar nicht mehr an und erzählte wortwörtlich all die Dinge, die später in seinem Bericht veröffentlicht wurden.

»Die Nacht verging, und Gerstein erzählte immer noch, und ich erfuhr nun ganz Genaues über seine Doppelrolle, die er in dem Hygieneamt ausübte. »Ich kann nichts anderes tun«, sagte er, »als die Blausäure, ehe sie an ihren Bestimmungsort kommt, wegzuschaffen oder unbrauchbar zu machen. Aber wie oft wird mir das gelingen?'«

In den folgenden Monaten und Jahren wiederholte Gerstein seinen Bericht: Die Zeugen, die zwischen 1942 und 1945 von ihm erfuhren, was er gesehen hatte, sind zahlreich. Pastor Wehr, der Mann, dem Gerstein im Jahr 1941 mitteilte, er habe sich entschlossen, in die SS einzutreten, schrieb: »Ich entsinne mich noch genau seiner Bemerkung bei dem letzten Nachtgespräch im Herbst 1944: Von einer halben Stunde zur andern verfolge ihn die Tatsache der einlaufenden Vergasungszüge. Er ging damals mit allerlei Plänen zur Nachrichtenübermittlung von diesen Dingen an das Ausland um, und zur Vernichtung der Verbrecher und zur Beendigung des Krieges. Er rechnete dabei mit seinem Tode.«

Daß Gerstein das Ausland zum Handeln veranlassen wollte, unterliegt keinem Zweifel. Daß er außerdem die Deutschen durch Stimmen aus dem Ausland unterrichten wollte, scheint sicher zu sein. Dagegen sah er wohl keinen offenen Protest in Deutschland selber vor, etwa in den religiösen Kreisen.

»Ich sehe Gerstein noch vor mir auf dem Küchenstuhl sitzen, den Kopf vornüber geneigt«, erinnert sich ein Freund Gersteins, der Pfarrer Kurt Rehling. »Die Mütze des SS-Offiziers liegt auf dem Küchentisch. Ein vom Grauen gequälter Mann. Wir haben von zweierlei gesprochen: 1. Können wir noch etwas tun, um das zu verhindern? 2. Wie halten die Menschen das aus, die solche Verbrechen im Dienst Adolf Hitlers ausführen?

»Können wir etwas tun? Als ich die Frage aufwarf, ob man nicht von der Rathaustreppe in die vorbeigehenden Menschen hineinschreien oder am nächsten Sonntag auf der Kanzel davon erzählen sollte, selbst auf die Gefahr hin, ins KZ zu kommen, wehrte Gerstein mit beiden Händen ab. Das käme in keine Zeitung.

»Und die Menschen, die es gehört hätten, würden am nächsten Tage -- auf Wunsch gleich mit ärztlichen Attesten -- vernehmen: Der allseits geliebte und geachtete Pastor mußte wegen eines Anfalls von Geistesverwirrung in eine Heilanstalt gebracht werden. »Dort würden Sie mich und alle meine Freunde verraten und so jede Hilfsaktion unmöglich machen.

»Meine Gegenfrage lautete: »Soll man etwas Derartiges unter dem Gesichtspunkt der Erfolgsmöglichkeit tun oder unter dem Gesichtspunkt der sittlichen Notwendigkeit?« Gersteins Meinung: »Man soll so etwas nicht tun, wenn es sinnlos ist und nur andere gefährdet! Eine Möglichkeit, etwas geheimzuhalten, wenn man verhaftet ist, gibt es nicht. Unter der Folter sagen alle aus ... Damit ich keinen Mithelfer hereinlege, habe ich in diesem Siegelring unter dem Stein Zyankali!"«

Es wäre schwer für das Regime gewesen, mitten im Krieg gegen die Führer der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland vorzugehen, wenn diese sich gemeinsam in der Öffentlichkeit gegen die Ermordung der Juden erhoben hätten. Dieser Gedanke scheint Gerstein nicht gekommen zu sein.

Allerdings hat -- abgesehen von den Worten, die Rehling sich selbst zuschreibt -- keiner von Gersteins Gesprächspartnern« nachdem er von Gersteins Erlebnissen gehört hatte, einen öffentlichen Protest vorgeschlagen. Das Zeugnis von Bischof Dibelius ist dafür bezeichnend. Dibelius beschreibt den Besuch Gersteins:

»Und dann schrie er es förmlich heraus: »Helfen Sie! Helfen Sie! Das Ausland muß es wissen! Es muß Weltgespräch werden! Es gibt kein anderes Mittel, diesen wahnsinnigen Scheußlichkeiten ein Ende zu machen. Ich war erschüttert. Niemand hatte mir, bis dahin, von diesen Dingen gesagt. Was ich darauf getan habe, gehört nicht hierher. (Dibelius gab an den Bischof von Uppsala weiter, was Gerstein ihm berichtet hatte.) Es konnte nur wenig genug sein. Wir waren ja selbst Gefangene, unter ständiger Überwachung durch die Staatspolizei.«

Dibelius hatte den Erfolg der öffentlichen Proteste gegen die Euthanasie vergessen. Aber hier stellt sich

* Bei dem Kriegsverbrecherprozeß gegen den ehemaligen NS-Gouverneur Ludwig Fischer in Warschau.

eine grundsätzliche Frage: Die Euthanasie war in Deutschland allgemein bekannt. Wie stand es dagegen mit der Vernichtung der Juden? War Gerstein die einzige Informationsquelle? Was wußte die Allgemeinheit? Was tat man in Deutschland und vor allem im Ausland? Die Appelle Gersteins hatten doch nur dann Sinn, wenn sie ein Echo hervorriefen.

Wenn der Bericht Kurt Gersteins die einzige Quelle oder eine von sehr wenigen Informationsquellen über die Vernichtung der Juden gewesen wäre, hätten seine Gesprächspartner an der Wahrheit der alptraumhaften Einzelheiten, die er schilderte, zweifeln können; dann wäre die Reaktion des schweigenden Zögerns verständlich gewesen.

Doch Gerstein bestätigte lediglich, was Gerüchte seit 1942 schon kolportierten und was im Lauf der folgenden Monate und Jahre so deutlich wurde, daß es gar keinen Zweifel mehr daran gab. »Wenn einige Dutzende von Deutschen, höchstens einige Hunderte Zeugen der letzten Agonie der Juden in den Gaskammern waren, so waren es doch Hunderttausende, die ihrem langen qualvollen Weg beiwohnten«, schrieb der Historiker Léon Poliakov.

»Die in den Lagern stationierten SS-Einheiten; die deutschen Arbeiter, die Angestellten, die Direktoren der zahlreichen Baustellen und Fabriken, wo die jüdischen Zwangsarbeiter eingesetzt waren, an denen sie täglich vorbeigingen; die Eisenbahner, die quer durch ganz Deutschland zahllose Transportzüge von Deportierten abfertigten und begleiteten, die sie leer zurückkommen sahen.

»Was die anderen Deutschen betraf, so beschäftigten sich Presse und Rundfunk des Reiches damit, sie immer offener zu unterrichten Die Ausdrücke wurden nun genauer und benutzen die Zeit der Vergangenheit: »Die jüdische Bevölkerung Polens ist unschädlich gemacht worden, und das gleiche geschieht im Augenblick in Ungarn. Durch diese Aktion sind allein in diesen beiden Ländern fünf Millionen Juden ausgeschaltet worden', schrieb eine Danziger Zeitung im Mai 1944, und kurz darauf rief Dr. Ley im »Angriff' des Dr. Goebbels aus: »Juda muß untergehen, um die Menschheit zu retten.

»Das Schicksal der Juden diente als abschreckendes Beispiel. »Wer den Juden nachahmt, verdient das gleiche Ende: Ausrottung, Tod«, drohte der »Stürmer'. Da die Ausrottungspolitik auf diese Weise allgemein bekannt geworden war, sickerten genügend Informationen durch tausend Kanäle, daß auch Ort und Art der Durchführung öffentlich bekannt wurden. Nur diejenigen, die nichts wissen wollten, konnten weiter Unkenntnis heucheln.

»Bei einer dramatischen Sitzung anläßlich eines der Nürnberger Prozesse lag es einem sehr qualifizierten Zeugen -- es handelte sich um den SS-Obergruppenführer von dem Bach-Zelewski, der im Lauf des Krieges »Chef der Bandenkampfverbände' wurde -- am Herzen, den Dingen auf den Grund zu kommen. »Es ist für mich eine Frage der Grundsätze. Nachdem ich jahrelang in Haft gewesen bin, stelle ich fest, daß man immer noch fragt: Wer hat es gewußt? Keiner will etwas gesehen haben. Ich bin vielleicht der deutsche General, der während des Krieges am meisten durch Europa gereist ist, da der gesamte Kampf gegen Partisanen meine Aufgabe war. Ich habe mit Hunderten von Generalen und Tausenden von Offizieren aller Kategorien gesprochen ... Wer auf Reisen war, wußte vom ersten Tage an, daß die Juden auf eine Weise vernichtet wurden, die anfangs nicht systematisch war; später, als der Rußlandfeldzug begann, wurde das ausdrücklich vorgeschrieben mit dem Ziel, das Judentum auszurotten ...«

Vom Beginn des Rußlandfeldzuges an wohnten Zehntausende von Soldaten und Offizieren der Wehrmacht sowie deutsche Amtsträger, die den verschiedensten Dienststellen angehörten, den Vernichtungsaktionen der »Einsatzgruppen« bei -- und manchmal beteiligten sie sich daran.

In Borisow wurden beispielsweise die 7620 Juden der Stadt am 9. Oktober 1941 auf dem Gelände niedergemetzelt, auf dem unmittelbar vorher der Generalstab der Heeresgruppe Mitte untergebracht war. Zahlreiche Soldaten wohnten der Aktion bei, und Einheiten der Wehrmacht wurden eingesetzt, um die Zugänge zum Getto abzuriegeln.

Urlauber erzählten davon im Reich. Am 9, Oktober 1942 hieß es in einer Anordnung der Partei-Kanzlei: »Im Zuge der Arbeiten an der Endlösung der Judenfrage werden neuerdings innerhalb der Bevölkerung in verschiedenen Teilen des Reichsgebiets Erörterungen über »sehr scharfe Maßnahmen« gegen die Juden besonders in den Ostgebieten angestellt. Die Feststellungen ergaben, daß solche Ausführungen -- meist in entstellter oder übertriebener Form -- von Urlaubern der verschiedenen im Osten eingesetzten Verbände weitergegeben werden, die selbst Gelegenheit hatten, solche Maßnahmen zu beobachten ...«

Als die deutsche Propaganda im April 1943 die Auffindung der Leichen von 4000 polnischen Offizieren, die in Katyn von den Russen niedergemetzelt worden waren, auszubeuten versuchte, nahm der SD mehrere Analysen der Reaktionen in der Bevölkerung vor und meldete: »Dabei erklärte man: »Wir haben kein Recht, uns über diese Maßnahme der Sowjets aufzuregen, weil deutscherseits in viel größerem Umfang Polen und Juden beseitigt worden sind. Mit der letzteren Argumentation werde besonders in intellektuellen und konfessionell orientierten Kreisen ... geeifert.«

Was die Masse der Bevölkerung wußte, das wußten die religiösen Eliten ebenso; sie waren nur noch genauer unterrichtet. Und diese Kreise waren es, die Gerstein alarmieren wollte. Erinnern wir uns ihres mutigen und wirksamen Vorgehens gegen die Euthanasie. Und was taten sie angesichts dieser Metzeleien, die mit der Tötung der Geisteskranken überhaupt nicht zu vergleichen waren?

In der Öffentlichkeit schwiegen die Pastoren und Bischöfe zu der Ausrottung der Juden. Der Protest, der die Einstellung der Euthanasie zur Folge gehabt hatte, fand in diesem Falle nicht statt.

In der evangelischen Kirche war seit 1941 eine Neugruppierung Im Gange. Sie ging hauptsächlich von dem Württemberger Landesbischof Wurm aus, der bald zum Führer und Sprecher des gesamten deutschen Protestantismus dem Staat und der Partei gegenüber wurde. Seine Einstellung zur Vernichtung der Juden ist deshalb besonders bedeutsam.

Der Landesbischof von Württemberg wählte bewußt und ausschließlich den Weg offizieller Proteste, die er in Form vertraulicher Briefe an Würdenträger des Regimes und an den Führer selbst richtete, Da war vor allem das Schreiben, das er am 16. Juli 1943 wegen der privilegierten Nichtarier an Hitler sandte:

»Im Namen Gottes und um des deutschen Volkes willen sprechen wir die dringende Bitte aus, die verantwortliche Führung des Reiches wolle der Verfolgung und Vernichtung wehren, der viele Männer und Frauen im deutschen Machtbereich ohne gerichtliches Urteil unterworfen werden.

»Nachdem die dem deutschen Zugriff unterliegenden Nichtarier In größtem Umfang beseitigt worden sind, muß auf Grund von Einzelvorgängen befürchtet werden, daß nunmehr auch die bisher noch verschont gebliebenen sogenannten privilegierten Nichtarier erneut in Gefahr sind, in gleicher Weise behandelt zu werden. Insbesondere erheben wir eindringlichen Widerspruch gegen solche Maßnahmen, die die eheliche Gemeinschaft in rechtlich unantastbaren Familien und die aus diesen Ehen hervorgegangenen Kinder bedrohen.

»Diese Absichten stehen, ebenso wie die gegen die anderen Nichtarier ergriffenen Vernichtungsmaßnahmen« im schärfsten Widerspruch zu dem Gebot Gottes und verletzen das Fundament alles abendländischen Denkens und Lebens: das gottgegebene Urrecht menschlichen Daseins und menschlicher Würde überhaupt.

»In der Berufung auf dieses göttliche Urrecht des Menschen schlechthin erheben wir feierlich die Stimme auch gegen zahlreiche Maßnahmen in den besetzten Gebieten. Vorgänge, die in der Heimat bekannt geworden sind und viel besprochen werden, belasten das Gewissen und die Kraft unzähliger Männer und Frauen im deutschen Volk auf das schwerste; sie leiden unter manchen Maßnahmen mehr als unter den Opfern, die sie jeden Tag bringen.«

Trotz seines großen Mutes wählte Bischof Wurm nicht den Weg des offenen Protests. Die Gründe für diese Zurückhaltung: Er fürchtete, daß seine Proteste vom Ausland aufgenommen würden und er des Landesverrats angeklagt werden könne.

In sehr begrenztem Maß wurde manchen Juden von so mutigen Pastoren wie Grüber oder Sylten greifbare Hilfe zuteil, doch die einzige evangelisch-kirchliche Behörde, die einen öffentlichen Protest gegen die Ausrottung der Juden (ohne diese jedoch selbst zu nennen) lautwerden ließ, war die altpreußische Bekenntnissynode. Die Geistlichen wurden aufgefordert, am Aschermittwoch 1948 folgenden Text von der Kanzel zu verlesen:

»Wehe uns und unserem Volk, wenn das von Gott gegebene Leben für gering geachtet und der Mensch, nach dem Ebenbilde Gottes erschaffen, nur nach seinem Nutzen bewertet wird, wenn es für berechtigt gilt, Menschen zu töten, weil sie für lebensunwert gelten oder einer anderen Rasse an-

* Gemeint und die 107 000 »Mischlinge« und die 28 000 Juden in »Mischehen«, Ule von der Endlösung weitgehend ausgenommen waren. gehören, wenn Haß und Unbarmherzigkeit sich breit machen. Denn Gott spricht: »Du sollst nicht töten.'«

Es ist nicht bekannt, wie viele Pastoren den fraglichen Text öffentlich verlesen haben, aber man kann abermals feststellen, bis zu welchem Grad die Ausrottung der Juden bekannt war.

Gersteins Bericht über die Judenvernichtung gelangte mindestens auf einem Weg zu den Alliierten und auch zu den Neutralen -- Schweden und Schweizern. Der holländische Ingenieur Ubbink, ein Jugendfreund Gersteins, gab den Bericht nach London weiter:

»Als ich Kurt Gerstein im Februar 1943 in Berlin besuchte«, schrieb Übbink nach dem Krieg, »traf ich ihn sehr aufgeregt an. Ausführlich beschrieb er mir dann, wie es ihm endlich gelungen war, hinter das geheimnisvolle Tun der Nazis zu gucken, und daß er sogar die Vernichtungslager besucht hatte.«

»Er fragte mich dann«, fuhr Übbink fort, »ob ich in Verbindung kommen könnte mit Leuten, die in Funkverbindung mit England standen. Auf meine Bejahung hin bat, nein vielmehr beschwor er mich, die Geschichte weiterzugeben nach England, damit sie weltkundlich gemacht werden konnte und auch das deutsche Volk aufgeklärt werden konnte. Ich versprach Ihm das. Ich habe mein Versprechen gehalten, aber man glaubte damals eine derartig fürchterliche Geschichte nicht.«

In Wirklichkeit handelte es sich jedoch nicht um Ungläubigkeit, da bereits seit dem Sommer 1942 ähnliche Einzelheiten aus verschiedenen Quellen in den alliierten Hauptstädten zusammenströmten. Trotzdem fand die von Gerstein gewünschte Reaktion nicht statt. Was ging in London und Washington vor sich?

Im August 1942 erfuhr man in den alliierten Hauptstädten, daß die Nazis sich entschlossen hatten, sämtliche in ihrem Machtbereich lebenden Juden systematisch auszurotten. Diese aus deutschen Quellen stammenden Informationen wurden vom Genfer Büro des Jüdischen Weltkongresses weitergegeben.

Der Staatssekretär im amerikanischen Außenministerium, Sumner Welles, forderte, daß davon nichts veröffentlicht werde, ehe man nicht gründliche Nachforschungen angestellt habe. Während der drei Monate, die diese Nachforschungen in Anspruch nahmen, von August bis November 1942, wurden mehr als eine Million Juden getötet.

Ende 1942 waren die alliierten Regierungen überzeugt, daß die »Endlösung« eine Realität sei. Am 17. Dezember 1942 erwähnte eine gemeinsame Erklärung der alliierten Regierungen die »deutsche Politik der Ausrottung der jüdischen Rasse« und verkündete, daß die Verantwortlichen »der Strafe nicht entgehen würden«.

Kurze Zeit später entschlossen sich jedoch Beamte des amerikanischen Außenministeriums, zweifellos in dem Bestreben, eine allzu lebhafte Agitation der amerikanischen Juden zu verhindern, den aus der Schweiz stammenden Nachrichten über die Ausrottung der Juden »Embargo aufzuerlegen«. Ganz allgemein wurden allzu häufige Anspielungen auf die Ausrottung vermieden.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß Amerikas Außenministerium dabei auch in Übereinstimmung mit dem britischen vorgegangen ist. Für die Briten stellte jede Maßnahme, die es einer größeren Zahl europäischer Juden ermöglicht hätte zu fliehen, an sich schon eine Gefahr dar. Denn wie hätte man sie transportieren -- und vor allem: wohin hätte man sie transportieren sollen?

Nur Palästina hätte sie aufnehmen können, doch dort handhabten die Briten seit 1939 die strengsten Einwanderungsbeschränkungen für Juden, um die Ruhe in der übererregten arabischen Welt einigermaßen aufrechtzuerhalten. Im März 1943 traf der britische Außenminister Anthony Eden in Washington ein, um dort mit den leitenden amerikanischen Politikern eine Reihe von Besprechungen zu führen.

Nach Angaben von Harry Hopkins, dem Berater von Präsident Roosevelt, soll Außenminister Cordell Hull das Problem einer Rettung der Juden in Gegenwart des Präsidenten, Anthony Edens, des britischen Botschafters Halifax, des Staatssekretärs Sumner Welles und des britischen Staatssekretärs im Außenministerium William Strang aufgeworfen haben.

Hopkins gibt das Wesentliche aus dieser Besprechung folgendermaßen wieder: »Hull sprach von den sechzig- bis siebzigtausend Juden in Bulgarien, die durch die Ausrottung bedroht seien, wenn man sie nicht heraushole. Er bedrängte Eden sehr nachdrücklich, eine Lösung für dieses Problem zu finden.

»Eden erklärte, daß die Briten geneigt seien, ungefähr weitere 60 000 Juden in Palästina aufzunehmen, daß jedoch das Transportproblem, selbst von Bulgarien nach Palästina, äußerst schwierig sei. Überdies sei jede Massenbewegung dieser Art äußerst gefährlich für die Sicherheit, denn die Deutschen würden versuchen, Agenten in diese Gruppe einzuschleusen.«

Aber weshalb weigerten sich die Alliierten, über den deutschen Städten Flugblätter abzuwerfen, in denen die Ausrottung der Juden dargestellt wurde? Gerstein hatte das ausdrücklich vorgeschlagen. Dennoch geschah nichts.

Gerstein rechnete vergebens auf eine Reaktion der Alliierten. Aber welches war -- der Ausrottung der Juden gegenüber -- die Einstellung der neutralen Länder, die er zu alarmieren suchte?

Erst nach Beendigung der Feindseligkeiten reichten die Schweden das Aide-mémoire des Barons von Otter, das sein Gespräch mit Gerstein wiedergab, an London weiter, weil sie fürchteten, ihre Beziehungen mit Deutschland zu belasten. Aber immerhin schloß Schweden seine Grenzen nicht für die Juden, die dort Zuflucht suchten. In der Schweiz war das anders:

Nach Angabe von Generalkonsul Hochstrasser wurde der Gerstein-Bericht im Juni 1944 in Bern mitgeteilt. Hochstrasser bestätigt sogar, daß die Schweizer Behörden darüber schon lange Bescheid wußten. Tatsächlich war bereits im März 1942 in der Schweizer Hauptstadt ein Bericht über die Judenvernichtung aus unbedingt zuverlässiger Quelle eingegangen.

Am 20. August 1942 teilte der Vorsitzende des Verbandes der israelitischen Gemeinden in der Schweiz dem Divisionschef der Polizei Rothmund mit, welche Informationen der Jüdische Weltkongreß in Genf soeben über die allgemeinen Massenvernichtungen der Juden erhalten habe.

Die Regierung war also genau unterrichtet, als sie überaus harte Befehle gab, alle Juden zurückzuweisen, die Zuflucht auf Schweizer Gebiet suchen sollten. Die »Verpflegungsschwierigkelten« der Schweiz scheinen nicht der entscheidende Grund für diese Politik gewesen zu sein, da nichtjüdische Flüchtlinge aufgenommen wurden. Am 13. August 1942 wurde eine Anordnung der Polizeidivision erlassen, in der es hieß: »Es dürfen nicht zurückgewiesen werden: Deserteure ..., politische Flüchtlinge. Jene, die nur aufgrund ihrer Rasse die Flucht ergriffen haben, beispielsweise die Juden, dürfen nicht als politische Flüchtlinge betrachtet werden.«

Bis zum Sommer 1944 blieben die Grenzen der Eidgenossenschaft hermetisch abgeriegelt. Die Hoffnungen, die Gerstein in eine Initiative der Schweiz setzte, waren unbegründet. Es blieb also nur der Heilige Stuhl.

Um den Papst zu alarmieren, unternahm Gerstein die größten Anstrengungen: Nachdem er aus der apostolischen Nuntiatur in Berlin hinauskomplimentiert worden war, unterrichtete er Dr. Winter, den Weihbischof des Berliner Erzbischofs Graf Preysing, damit dieser Gersteins Bericht an den Erzbischof und an den Papst weitergebe. Der Heilige Stuhl hat niemals bestätigt, daß ihm die von Gerstein gelieferten Informationen zugegangen seien; ebensowenig hat er es bestritten; aber sie konnten auch dort nur bestätigen, was bereits weithin bekannt war:

Bereits am 14. März 1942 übergab der apostolische Nuntius in der Slowakei der dortigen Regierung eine Protestnote des Vatikans, in der es hieß: »Es ist nicht richtig, anzunehmen, daß deportierte Juden zum Arbeitsdienst geschickt würden; die Wahrheit ist vielmehr, daß sie vernichtet werden.«

Ebenfalls im März 1942 überreichten Vertreter der Jüdischen Agentur und des Jüdischen Weltkongresses dem apostolischen Legaten in Bern eine lange Note, in der die Deportationen und die Ermordung der Juden beschrieben wurden.

Am 26. September des gleichen Jahres richtete der US-Beauftragte Myron C. Taylor an den Kardinal-Staatssekretär ein Schreiben: »Die Liquidierung des Warschauer Gettos findet soeben statt. Alle Juden ohne jede Ausnahme, welches auch ihr Alter oder Geschlecht sein mag, sind gruppenweise aus dem Getto deportiert und getötet worden. Diese Massentötungen finden nicht in Warschau statt, sondern in Lagern, die eigens für diesen Zweck errichtet worden sind und von denen eins Belzec ist.«

In seiner Antwort bestätigte der Kardinal-Staatssekretär, daß »Berichte aus anderen Quellen über die harten gegen Nichtarier getroffenen Maßnahmen ebenfalls an den Heiligen Stuhl gelangt sind ...«

Schließlich sprach Plus XII. selbst In einer Ansprache an das Kardinalskollegium am 2. Juni 1943 von »denjenigen, die aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse den schwersten Prüfungen unterworfen und manchmal sogar ohne persönliche Schuld zu Maßnahmen der Vernichtung bestimmt werden«.

Doch der Heilige Stuhl verweigerte jeglichen ausdrücklichen öffentlichen Protest. Viele Gründe sind herangezogen worden, um dieses Schweigen zu interpretieren. Der Pontifex maximus oder sein Staatssekretär haben bei verschiedenen Gelegenheiten verschiedene Erklärungen gegeben: Der Papst könne spezifische Greueltaten nicht verurteilen; er könne die Deutschen nicht verdammen, ohne gleichzeitig die Bolschewisten zu erwähnen; er wolle nicht noch größere Übel dadurch verursachen, daß er das Schweigen breche; schließlich: Jegliche Verurteilung wäre vergebens gewesen.

Man könnte außerdem politische Gründe oder solche Gründe anführen, die von den Interessen der Kirche gegenüber dem Nazismus erzwungen wurden. Solche Überlegungen scheinen Gerstein nicht in den Sinn gekommen zu sein. Für ihn war der Papst der »Stellvertreter Christi«.

»Welches Vorgehen gegen den Nationalsozialismus konnte man von einem gewöhnlichen Bürger verlangen«, schreibt er 1945 in seinem Bericht, »wenn sich selbst der Stellvertreter Jesu auf Erden weigert, etwas zu unternehmen, obwohl Zehntausende von Menschen jeden Tag ermordet werden und obwohl es mir schon verbrecherisch erschien, auch nur einige Stunden zu warten. Sogar der Nuntius in Deutschland weigerte sich, sich unterrichten zu lassen über diese ungeheuerliche Verletzung der Grundlage der Gebote Jesu »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst'.«

So wurde das christliche Abendland zum passiven Zuschauer bei der Ausrottung der Juden. Die Einzelheiten, die Gerstein über die Todeslager verbreitete, änderten daran nichts. Millionen von Juden kamen weiter um, und Gerstein, der unnütze Zeuge, wurde selbst von dem Räderwerk der Maschine ergriffen, die er zu bremsen versuchte.

IM NÄCHSTEN HEFT

Gerstein laßt Blausäurelieferung für die Massenvernichtung verschwinden -- Der SS-Obersturmführer stellt sich den Alliierten -- Gersteins Ende: Mord oder Selbstmord?

Saul Friedländer
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