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HANDEL / SCHWAB-VERSAND Spitze Kragen

aus DER SPIEGEL 38/1967

Der amerikanische Staatsbürger Lester O. Naylor, 55, Herr über das Hanauer Versandhaus Friedrich Schwab AG, will die Fähigkeiten gedienter Schwab-Führungskräfte besser »kennenlernen und nutzen«. Zu diesem Zweck forderte er sie auf, ihren Lebenslauf niederzuschreiben.

Firmengründer Friedrich Schwab, 54, hatte als ehemaliger Kommodore eines Nachtjagd-Geschwaders eine Schwäche für alte Kameraden mit unklarem Berufsbild. Der Amerikaner wünscht eine »sachlichere Beurteilung« des Managements.

Insbesondere Schwabs engste Vertraute müssen Werdegang und Fähigkelten offenlegen: Arthur Suden (einst Geschäftsführer des Versandhauses, jetzt mit Kostenanalysen beschäftigt), der ehemalige Vertriebschef Manfred Kirch (zum Verkaufsleiter I Außendienst abgestiegen) sowie der frühere Personalchef Rudi Stautz (zum Hausverwalter degradiert).

Naylors transatlantischer Führungsstil gefällt zunächst nur den 4000 kleinen Schwabianern. Der neue Boß gab die Direktoren-Parkplätze für Kunden frei und läßt die leitenden Mitarbeiter vom Mercedes in Mittelklassewagen umsteigen.

Dem Luftwaffen-Major außer Diensten Friedrich Schwab, der seine Leute zuweilen mit »Krummstiefel« ansprach, bleibt der neue Schliff erspart. Ihn versetzte, der US-Konzern Singer (Elektronik, Haushaltsgeräte; Umsatz 1966: 4,2 Milliarden Mark), der im vergangenen Jahr die Aktienmehrheit des Hanauer Unternehmens kaufte, als Berater ins Frankfurter Singer-Haus. Schwab bekam 9 641 627 Mark Abfindung; in seiner reichlich bemessenen Freizeit züchtet er Pferde und Hunde und geht in drei Revieren der Jagd nach.

Im Schwab-Verwaltungsgebäude an Hanaus Kinzigheimer Weg machte unterdessen Naylors neue Crew Inventur:

> Finanzchef Rolf A. Bergman, 39, Franzose und vordem in gleicher Funktion bei Singer Frankreich;

> Vertriebschef Dr. Jochen Mackenrodt, 37, von der Singer-Konkurrenz Pfaff International abgeheuert;

> Verwaltungschef Axel Schwab, 28, Sohn des Firmengründers. Das Trio mußte allein für Ladenhüter, beispielsweise »Herrenhemden mit spitzen Kragen« (Naylor), 5,5 Millionen Mark abstreichen. Vordem wurden bei Schwab selbst Waren aus längst vergilbten Katalogen zum Neuwert geführt. Insgesamt schließt dadurch die Bilanz des Versandhauses für 1966 mit 14,27 Millionen Mark Verlust, das ist mehr als ein Viertel des Aktienkapitals.

Lester O. Naylor, der sein Haus »ohne Freundschaften« bestellen möchte, mokierte sich: »Das war das Jahr des Friedrich Schwab.«

In der Tat hatte der Firmengründer, seit sein ehemaliger Teilhaber ("King") Richard Freudenberg, Lederwaren-Hersteller aus Weinheim, 1964 Hand und Geld (fast 100 Millionen Mark) von ihm zurückzog, keine Fortune mehr gehabt. Vor allem gelang es ihm nicht, sein Angebot zu modernisieren.

Als die Konkurrenz längst mit Flugreisen, Fertighäusern und Nerzen handelte, bestritt das Hanauer Haus noch immer vier Fünftel seines Umsatzes mit Textilien und Schuhen. Vom dritten Platz im westdeutschen Versandhaus (nach Quelle in Fürth und Neckermann in Frankfurt) fiel Schwab auf den vierten Platz zurück, hinter den Hamburger Otto-Versand.

Riskant war schon die Maxime »Das Haus Schwab ist ein Haus der Markenartikel«. Schwab bot der Kundschaft beispielsweise AEG-Staubsauger, Siemens-Waschmaschinen und Blaupunkt-Radios zu den von den Herstellern künstlich hochgehaltenen Preisen an. Auf diese Mondpreise indes bekam jedermann im Laden längst bis zu 30 Prozent Rabatt. Preisgünstige Eigenmarken, mit denen insbesondere Neckermann und Quelle den stationären Handel unterboten, hatten im Schwab-Katalog Seltenheitswert.

Skurrile Neuerungen, wie der sogenannte Familiendienst, putschten nur den Umsatz hoch, brachten aber kaum Gewinn: Von rund 100 »Stützpunkten« im Bundesgebiet brachten Schwab-Lieferwagen Lebensmittel ins Haus. Da die Kunden sich, wie immer bei Schwab, mit dem Bezahlen bis zu zehn Wochen Zeit lassen konnten, bezogen sie jetzt auch Leberwurst auf Raten. Ihre Verbindlichkeiten sowie die der fast 100 000 »Vertreter im Nebenberuf«, insgesamt 86,8 Millionen Mark, trat der Versandhändler schließlich an die Bank für Gemeinwirtschaft ab.

Die amerikanischen Aufkäufer stoppten Schwabs ehrgeizigen Plan, das Bundesgebiet mit eigenen Kaufhäusern zu bepflastern. Die fertigen Kaufhäuser in Berlin und Duisburg betreibt der neue Schwab-Chef Naylor zwar weiter; vier Projekte in Witten, Mülheim an der Ruhr, Bocholt und Offenbach aber wurden aufgegeben.

Den Baustopp ließ sich Naylor, der auf 30 Jahre Branchenkenntnis pocht, 6,4 Millionen Mark kosten. Der ehemalige Vizepräsident des amerikanischen Versandhaus-Konzerns Montgomery Ward und der nach Sears, Roebuck größten Versandfirma der Welt, J. C. Penney, verzichtet auf die Kaufhäuser, weil er in Deutschland neuartige Großraum-Läden einrichten möchte: ebenerdige Selbstbedienungs-Warenhäuser mit je 5000 Quadratmeter Verkaufsfläche, schlichter Ausstattung und wenig Personal.

Vier Parterre-Superläden will Naylor im Rhein-Main-Gebiet bauen. Als Präsident der Arlan's Dept. Stores hat er einst 70 solcher Geschäfte geleitet. Der Amerikaner hofft, durch »aggressive Preispolitik« tief in den deutschen Markt vordringen zu können.

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