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AFFÄREN Spitzel aus der Tarantel

Der Fememord Schmücker, Prozeßstoff seit zehn Jahren, nimmt eine neue Wendung: Der Geheimdienst hat die Tatwaffe verschwinden lassen. *
aus DER SPIEGEL 40/1986

Im Jagen 144, nahe der Krummen Lanke im Berliner Grunewald, hören vier amerikanische Soldaten während einer Nachtübung plötzlich merkwürdige Laute. Am Wegesrand liegt, in einer Blutlache, ein röchelnder Mann. Seine Schläfe klafft. Kurze Zeit später, am 5. Juni 1974 gegen null Uhr dreißig, stirbt der Schwerverletzte.

Deutsche Polizisten, von den Amerikanern alarmiert, identifizieren die Leiche. Es ist der Student Ulrich Schmücker, 22, per Haftbefehl gesuchtes Ex-Mitglied der Anarcho-»Bewegung 2. Juni«.

Durch Kopfschuß, aus einer Faustfeuerwaffe mit großem Kaliber ist Schmücker hingerichtet worden. Zur »Exekution«, zum Fememord an einem Genossen, bekennt sich gleich nach der Tat ein »Kommando ''Schwarzer Juni''": »Ein Verräter hat in den Reihen der Revolution nichts zu suchen, außer seinen sicheren Tod.«

Die Verdächtigen werden allesamt gefaßt, die Mordwaffe bleibt verschwunden.

Seit nunmehr zwölf Jahren ranken sich um diesen Mordfall Prozesse und Legenden. In drei langwierigen Strafverfahren über zehn Jahre mit insgesamt 538 Verhandlungstagen versuchen Berliner Gerichte, das nächtliche Geschehen aufzuklären. Die Prozesse kosten gut zwölf Millionen Mark. Wegen gemeinschaftlichen Mordes verurteilt werden im Laufe der Jahre sechs Mitglieder einer ehemaligen »Wolfsburger Kommune": Sönke Löffler und Annette von Wedel zu je vier, Jürgen Bodeux und Wolfgang Strüken zu je fünf, Wolfgang Weßlau zu acht Jahren Jugendstrafe, die Hauptangeklagte Ilse Schwipper zu lebenslanger Freiheitsstrafe.

Die Täter scheinen mithin überführt, doch lückenlos aufgeklärt ist die Gewalttat im Grunewald bis heute nicht. Offen bleibt, welche Rolle der Verfassungsschutz in diesem Mordkomplex gespielt hat.

Während der gesamten Prozeß-Serie hat sich der Geheimdienst abgeschottet. Verfassungsschutzakten werden Richtern und Verteidigern vorenthalten, Beamte dürfen gar nicht oder lediglich bruchstückhaft als Zeugen aussagen.

Mehrere Berliner Innensenatoren decken das konspirative Verhalten mit der Begründung, operative geheime Mitarbeiter könnten enttarnt und an Leib und Leben gefährdet werden; das Wohl des Landes, gar des Bundes stehe auf dem Spiel.

Doch alle großen Worte erweisen sich im nachhinein als pure Heuchelei: Fehlverhalten des Berliner Verfassungsschutzes wurde jahrelang verbrämt, von Amts wegen verschleiert. Ein paar Geheimdienstler und eingeweihte Sicherheitsexperten haben im engsten Kreis einen _(Im Juni 1974 im Berliner Grunewald. )

beispiellosen Skandal vertuscht, den der SPIEGEL nun enthüllt: *___Der Berliner Verfassungsschutz hat unmittelbar nach der ____Mordtat an seinem Informanten Ulrich Schmücker das ____wichtigste Beweisstück, die eben abgekühlte Tatwaffe, ____von einem Zuträger übernommen, beiseite geschafft und ____bis jetzt den Gerichten unterschlagen; *___der Verfassungsschutz hat eine eingeleitete Observation ____abgebrochen, durch die der Mord womöglich hätte ____verhindert werden können; *___der Verfassungsschutz hat gleich nach der Tat den ____Schützen und seine Bande gekannt, diese Kenntnis ____verschwiegen und selber die Mord-Ermittlungen aus dem ____Hintergrund gesteuert.

Die teils strafwürdigen Machenschaften haben nacheinander fünf Berliner Innensenatoren politisch zu verantworten: Kurt Neubauer, Peter Ulrich und Frank Dahrendorf (alle SPD), Heinrich Lummer und Wilhelm Kewenig (beide CDU). Ein weiterer, umfassender Prozeß scheint unvermeidbar.

Wer Beweismittel unterdrückt, wird, wenn es herauskommt, wegen Strafvereitelung mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft. Unentdeckt aber kann die Manipulation dazu führen, daß Gerichte falsche Tatsachen feststellen und darauf ihre dann selbstverständlich fragwürdigen Entscheidungen gründen.

Genau das geschah im Fall Schmücker. Sowohl im ersten als auch im zweiten Strafurteil heißt es - und im dritten, noch nicht abgesetzten, wird das gleiche stehen -, der Todesschütze Wolfgang Weßlau habe die Mordwaffe in einem VW-Bus zurückgelassen, den er nach der Tat am Bahnhof Zoo abgestellt habe. Von da ab verliert sich nach offizieller Lesart diese Spur.

Der Verfassungsschutz hingegen weiß und verschweigt noch immer: Weßlau gab den Wagen am Abend des 4. Juni 1974, unmittelbar nach dem Mord, einem Volker von Weingraber zurück, von dem er sich das Fahrzeug geliehen hatte - zwecks Spritztour an die Krumme Lanke, zum Tatort.

Gleichzeitig überreichte Weßlau seinem Konfidenten eine Plastiktüte. Und in der steckte, das fiel dem Waffen-Experten Weingraber sogleich auf, eine »Parabellum 08« samt zwei Magazinen und etlichen Schuß Munition.

Kaum hatten sich die beiden Kumpane per Umarmung am Bahnhof Zoo verabschiedet, klingelte bei einem daheim abrufbereit wartenden Berliner Verfassungsschutzbeamten namens Michael Grünhagen das Telephon. Am anderen Ende der Leitung: Weingraber. Denn der war, was ebenfalls verschleiert wurde, V-Mann des Verfassungsschutzes.

Bei einem eilig verabredeten Treff reichte der V-Mann etwa 20 Minuten nach Mitternacht die Waffen-Tüte an seinen Führungsbeamten weiter. Makabre Szene: Ein Verfassungsschützer übernahm die Mordwaffe, als das Opfer im Grunewald noch atmete.

Eine Patronenhülse wurde zwar auf dem sandigen Boden nahe der Krummen Lanke nicht gefunden. Doch die Obduzenten holten aus dem Schußkanal im Schädel der Leiche »vier Teile eines Geschoßkerns und einen gelblichen Teil eines Geschoßmantels«. Wäre auch die Tatwaffe greifbar gewesen, hätten die Mörder vermutlich zügig überführt und verurteilt werden können.

Genau diesen Ermittlungsgang hat der Geheimdienst gezielt verhindert, weil er selber in Verdacht geraten wäre. Denn nicht nur der Schütze Weßlau hatte die Pistole angefaßt, sondern auch der Spitzel Weingraber und der V-Mann-Führer Grünhagen. Auch deren Fingerabdrücke prangten auf der Waffe.

So ließ der Verfassungsschutz die »Parabellum« kurzerhand verschwinden, sie landete im Panzerschrank.

Die eigene Verstrickung und das Wissen um die Hintergründe des Falles haben Grünhagen offenkundig veranlaßt, gegenüber dem Strafgericht nicht die volle Wahrheit zu sagen. Am 28. Oktober 1982 gab der Beamte trotz anwaltlichen Beistands unter Eid als Zeuge zu Protokoll: »Ich habe... keine Gegenstände oder Beweismittel irgendwelcher Art, die die Sonderkommission im Rahmen ihrer Ermittlungen im Todesfall Schmücker sichergestellt hat, an mich genommen.«

Das hört sich nach Meineid an. Denn ein Zeuge hat vollständig auszusagen. Und eine Aussage kann auch dann falsch sein, wenn sie rein wörtlich nichts Unrichtiges enthält.

Der Verfassungsschutz mußte bei der rechtlichen Aufarbeitung des Falles zwangsläufig in Erklärungsnot kommen, denn die Beamten hatten sich vor und nach dem Mord ziemlich verfänglich in der terroristischen Szene umgetan. Vor Gericht hätten die Indizien weniger gegen den zuvor unbescholtenen Weßlau, erdrückend aber gegen den V-Mann Weingraber und auch gegen den umtriebigen Beamten Grünhagen gesprochen.

Grünhagen war es gewesen, der 1972 unter dem Decknamen Peter Rühl das spätere Opfer Ulrich Schmücker 16mal im Knast besucht und dabei alles über die »Bewegung 2. Juni« von dem Häftling erfahren hatte. Dieser »Verrat«, in Vernehmungsprotokollen dokumentiert, hatte den Studenten bei seinen Genossen

in Verruf gebracht. Schmücker, nach seinen Erzählungen prompt aus der Haft entlassen, kam auf die Abschußliste der Terroristen.

Schmückers Absicht, seine verräterischen Bekenntnisse zu widerrufen, weil er bei seinen Gesinnungsfreunden wieder sauber dastehen wollte, machte den Verfassungsschützern Sorgen. Denn nach dem Mord, das war die Befürchtung der Geheimdienstler, hätten womöglich die Terroristen oder deren Anwälte daraus ein Motiv für eine staatliche Gewalttat herleiten können - nach dem Motto: Zunächst versucht der Verfassungsschutz, seinen abtrünnigen Informanten zu halten, notfalls aber, wenn das nicht klappt, wird der Abweichler umgelegt. Und ein Mann wie Weingraber hätte, so betrachtet, schon das Kaliber gehabt, einen Renegaten zu liquidieren. Der Waffenspezialist, früher im kriminellen Berliner Milieu als Draufgänger bekannt, war vom Verfassungsschutz mit Hilfe der Polizei aus Zuhälterkreisen rekrutiert und in die terroristische Szene eingeschleust worden.

Dort arbeitete der Spitzel, offiziell Geschäftsführer im vormaligen Szene-Lokal »Tarantel«, alsbald ebenso erfolgreich wie skrupellos. Er schmiß sich an Ilse Schwipper und ihre Genossen ran. Er besorgte den Terroristen gar eine Kleinkaliber-Maschinenpistole der Marke »Landmann Preetz«.

Nach dem Mord an Schmücker allerdings merkten die Verfassungsschützer, wie verhängnisvoll es sein kann, einen Vigilanten einzusetzen, der sich um Gesetze nicht viel schert. Sie konnten nicht ausschließen, daß er eigenmächtig ein richtig dickes Ding gedreht hatte, denn davon hatte er häufig geschwärmt. Und Weingraber besaß für die Tatzeit kein Alibi, angeblich war er allein im Kino.

Einigermaßen erleichtert fühlten sich die Geheimdienstler erst, nachdem es ihnen gelungen war, ein Telephongespräch zwischen Weingraber und Ilse Schwipper auf Tonband festzuhalten. Aus dieser Unterhaltung ging hervor, daß der Schlepper über das mörderische Vorhaben denn doch wohl nichts wußte.

Doch der V-Mann blieb weiterhin belastet: *___Auf seiner Schreibmaschine waren Fragen an Schmücker zu ____dessen »Verrat« getippt worden, die nach der Tat samt ____Antworten zusammen mit dem Bekennerbrief von den ____Killern veröffentlicht wurden; *___bei Weingraber hatten Verdächtige gewohnt, während sie ____den Mordplan ausheckten; *___mit seinem Auto waren Ilse Schwipper und Bodeux am ____Tattag unterwegs gewesen; *___der Todesschütze hatte Weingrabers Auto zur Hin- und ____Rückfahrt benutzt; *___und Weingrabers Fingerabdrücke befanden sich eben auch ____auf der Tatwaffe.

Schon deshalb mußte Weingraber aus den Ermittlungen herausgehalten werden. Und nur als V-Mann hatte er die Chance, die Täter zu überführen und damit sich selber zu entlasten.

Und so kam es. Weßlau offenbarte dem scheinbar verläßlichen Kumpel alsbald den gesamten Tathergang. Auch diese entscheidende Erkenntnis behielt der Geheimdienst für sich. Wäre der Mordfall von diesem Ansatz her verfolgt und aufgerollt worden, hätte sich eine Schlamperei des Verfassungsschutzes nicht verbergen lassen.

Der Verfassungsschutz hat den Täter und sein Opfer am Mordabend nicht beobachtet, obwohl sich diese Maßnahme geradezu aufdrängte. Schon geraume Zeit vor dem Mordgeschehen kannten die Geheimdienstler dank Weingraber den Täterkreis, der auffallend häufig zwischen Wolfsburg und Berlin hin- und herpendelte.

Etwa drei Monate vor der Mordtat erfuhren die Geheimdienstler, daß sich Terroristen-Anwälte das Gedächtnisprotokoll beschafft hatten, in dem der Student seine Kontakte zu Verfassungsschützer Grünhagen alias Rühl beschrieb. Ende April besaßen sie selber das Schriftstück.

Ab Mitte Mai war der Verfassungsschutz darüber unterrichtet, daß Ilse Schwipper und ein »Harry«, später als Bodeux identifiziert, mit einer »08« in Berlin rumliefen. Und vier Tage vor seinem Tod, bei einem konspirativen Treff mit Grünhagen, verlangte der inzwischen wieder per Haftbefehl gesuchte Schmücker eine Schußwaffe, weil er sich von linken Genossen kontrolliert und bedroht fühle.

Am dritten Juni schließlich, Pfingstmontag, dem Tag vor dem Mord, observierte der Verfassungsschutz Ilse Schwipper und Jürgen Bodeux. Beide waren in der Nacht zuvor nach Berlin gereist und wollten sich angeblich, so hatte der Verfassungsschutz erfahren, mit den im Untergrund lebenden Terroristen Inge Viett und Ralf Reinders treffen.

Das Terroristen-Pärchen fuhr nachmittags mit der U-Bahn zur Krummen Lanke und spazierte um den See - wie ein Liebespaar, bis auf zwei merkwürdige Unterbrechungen, denen die observierenden Verfassungsschützer aber keine Bedeutung beimaßen.

Die beiden rasteten zu Beginn und am Ende ihres Rundgangs genau an derselben Stelle. Und während der zweiten Pause ging Bodeux noch ein paar Schritte zu einem etwas höher verlaufenden Waldweg. Genau dort fiel in der übernächsten Nacht der Kopfschuß. Der Verfassungsschutz hatte, ohne es zu ahnen, im voraus den Tatort besichtigt.

Am Morgen vor der Tat berichtete der tüchtige V-Mann Weingraber dreierlei: Erstens wolle sich vormittags Ilse Schwipper sein Auto leihen. Zweitens brauche Weßlau den Wagen abends noch einmal. Und drittens werde der ihm, wenn er das Fahrzeug nach 23 Uhr zurückbringe, ein »Paket« übergeben.

Dennoch brachen die Verfassungsschützer, denen letztlich Schmückers prekäre Lage zuzuschreiben war, die am Vortag begonnene, scheinbar ergebnislos verlaufene Beobachtung ab und unternahmen nichts. Der Wagen des

V-Mannes wurde nicht präpariert, nicht observiert, die Polizei nicht eingeschaltet. Ebenso leichtfertig wurde die Chance vertan, auf der anderen Seite, über Schmücker, am brisanten Ablauf dran zu bleiben.

Es war amtsbekannt, daß Schmücker wieder mit Terroristen Umgang hatte. Die Verfassungsschutzbeamten wußten auch, daß Ilse Schwipper dem Gesinnungsfreund versprochen hatte, ihn zwecks Rehabilitierung an Anhänger der irischen Untergrundorganisation IRA heranzuführen. Zwar sollte dieser Kontakt, so erzählte Schmücker noch am 31. Mai dem Verfassungsschützer Grünhagen, ursprünglich in Westdeutschland geknüpft werden. Doch es war derselbe Vorwand, unter dem er am Abend des 4. Juni an die Krumme Lanke gelockt wurde.

Womöglich wollte Schmücker über diese veränderte Lage berichten, als er, wie verabredet, wenige Stunden vor dem dann tödlichen Treffen beim Verfassungsschutz anrief. Aber er wurde von einem Beamten auf drei Tage später vertröstet. Grünhagen saß derweil zu Hause und wartete ab - bis es zu spät war und er nur noch in die Mordwaffen-Tüte gucken konnte.

Der Mörder aber war derweil abgetaucht und allenfalls noch unter Bedingungen zu überführen, die dem Verfassungsschutz ganz und gar nicht paßten: V-Mann Weingraber hätte geopfert werden und als Zeuge auftreten müssen. Und damit wäre zwangsläufig das Ungeheuerliche bekannt geworden: daß der Verfassungsschutz die Mordwaffe beseitigt hatte.

Dieses Problem löste der Geheimdienst, der die Täter denn doch nicht einfach laufenlassen wollte, auf eine wiederum krumme Art: Der Verfassungsschutz, dem laut Gesetz aus guten Gründen keine Exekutivbefugnis zusteht, machte sich insgeheim zum eigentlichen Herrn des Ermittlungsverfahrens, beging mithin Amtsanmaßung.

Zunächst setzte er die Kripo durch ein paar Hinweise auf Schmücker alias Bernd Laurisch auf eine vage Spur. Dann, als die Täter auch von der Polizei halbwegs eingekreist waren, sprach der Verfassungsschutz mit Kripo und Staatsanwaltschaft die weitere Taktik ab: Die Verdächtigen sollten zunächst nur als Zeugen vernommen werden, in der Erwartung, daß sich Widersprüche und damit Ansätze zum Nachfassen ergäben.

Zu den Vernehmungen wiederum steckten die Geheimdienstler den Ermittlungsbeamten nach Belieben nur solche Hintergrundinformationen, die sie als zweckdienlich erachteten. Am Ende orderten sie sogar, ob, wann und gegen wen die Staatsanwaltschaft Haftbefehl zu beantragen habe oder nicht.

Als Joker in diesem rechtswidrigen Spiel diente nach wie vor V-Mann Weingraber. Er genoß, und genießt vermutlich bis heute, ungebrochenes Vertrauen in der Szene. Er hatte sich so manches Mal verdient gemacht, etwa wenn er echte oder gefälschte Ausweise lieferte, die vom Verfassungsschutz stammten.

Dennoch: Gerichtsverwertbare Hinweise auf die Täter brachte der V-Mann, der weisungsgemäß mit den Wolfsburger Komplizen Kontakt hielt, über Wochen nicht an. Im Gegenteil, er selber geriet in Verlegenheit.

Anfang Juli 1974, einen Monat nach dem Mord, übergab ihm Bodeux in Wolfsburg zwei Taschen, die er aufbewahren sollte. Inhalt: die von Weingraber einst gelieferte Kleinkaliber-MP »Landmann-Preetz«, eine Pistole, ein Führerschein, ein Sparbuch, diverse Ausweis- und andere Papiere sowie ein Plan für einen Raubüberfall in Hamburg. All diese Utensilien versteckte der V-Mann zunächst mit Wissen des Verfassungsschutzes im Hause seiner Eltern in Westdeutschland.

Mitte August aber zeichnete sich ab, wozu die gebunkerten Waffen dienen sollten und wozu Weingraber sie wieder rausrücken sollte: für einen Banküberfall in Darmstadt. Und diesmal wurde dem Verfassungsschutz die Sache zu mulmiger hätte sich ja auch schlecht ein ganzes Arsenal von unterschlagenen Terror-Waffen zulegen können, falls wieder etwas schiefgegangen wäre.

Weil sie den Terroristen die Waffen nicht zukommen lassen wollten, andererseits aber der V-Mann in seinem terroristischen Umfeld glaubwürdig bleiben sollte, verfielen die Geheimdienstler abermals auf einen schrägen Ausweg: Sie inszenierten einfach einen Unfall mit dem Terroristen-Auto auf dem Weg zum Tatort.

Durch diesen Coup konnten Ilse Schwipper und Bodeux zwar noch nicht wegen Mordes, doch wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung

festgenommen werden. Gegen Strüken und Weßlau wurden wegen anderer Delikte Haftbefehle erwirkt.

Im Mordfall Schmücker half das zwar zunächst nicht weiter. Doch die Kalkulation von Verfassungsschutz und Staatsanwaltschaft ging auf. Einer der Festgenommenen, Bodeux, wurde weich. Und die Geheimdienstler halfen nach.

Sie nahmen Kontakt mit Vater Bodeux auf und setzten dann, in Absprache mit der Staatsanwaltschaft, den Berliner Rechtsanwalt Gerd Joachim Roos in Marsch, der sich in ähnlicher Konstellation bereits bewährt hatte. Bodeux entzog seinem linksgewirkten Hamburger Verteidiger Wolf Dieter Reinhard das Mandat, sagte Stück für Stück und schließlich umfassend aus, wurde Angeklagter und Kronzeuge der Anklage zugleich.

Der Rest war Routine. Der vor Prozeßbeginn verstorbene Götz Tilgener, der wie Bodeux über die Vorbereitung des Verbrechens geplaudert hatte, war bereits festgenommen. Annette von Wedel und Sönke Löffler wurden verhaftet.

Auch gegen V-Mann Weingraber erging Haftbefehl, doch nur, um dessen bösen Leumund zu wahren. Der Haftbefehl konnte, versteht sich, nicht vollzogen werden. Der Verfassungsschutz betraute Weingraber mit neuen Aufgaben und schickte ihn endgültig in den Untergrund.

Der Fall selber schien mithin für Insider bereits Ende 1974 geklärt. Doch nun erst, da offenbar wird, was der Verfassungsschutz vertuscht hat, wird aus dem Mordfall Schmücker eine politische Affäre.

Ohne Duldung des jeweiligen Innensenators, ohne Unterstützung des polizeilichen Staatsschutzes und der politischen Staatsanwaltschaft hätte das amtliche Verwirrspiel so nicht laufen können. Leiter des Berliner Staatsschutzes war bis Ende 1974 Kriminaldirektor Alfred Eitner, danach Manfred Kittlaus, demnächst Landespolizeidirektor. Als Staatsanwalt ermittelte Hans-Jürgen Przytarski, heute Vize-Chef beim Berliner Verfassungsschutz. Die Anklage im ersten Rechtsgang vertrat mit ihm zusammen Wolfgang Müllenbrock, heute Staatssekretär beim Innensenator.

Den Mitwissern beim Verfassungsschutz schadete die Geheimnistuerei nicht. Der verantwortliche Mann im Hintergrund, Franz Natusch, wurde Chef des Berliner Verfassungsschutzes. V-Mann Weingraber, der immer noch mehr weiß, als dem Verfassungsschutz lieb sein kann, lebt im Ausland.

Auch die Schlüsselfigur im Mordfall Schmücker, der Verfassungsschützer Grünhagen, blieb unbehelligt und geborgen. Der Beamte wurde, bestens getarnt, im Herbst 1980 unter falschem Namen in einem für knapp eine halbe Million Mark Steuergeld eigens restaurierten Berliner Landhaus untergebracht.

Im Juni 1974 im Berliner Grunewald.

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