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Briefe

SPLENDID ISOLATION
aus DER SPIEGEL 6/1965

SPLENDID ISOLATION

Herr Schröder - so scheint mir - ist sehr gut charakterisiert worden. Nur fehlt, daß er den Außenamtsdogmen-Hallsteindoktrin - Konservendosensalat gründlich ausgemistet hat. Politik ist nicht nur die Kunst des Möglichen, sondern auch die Kunst der Beweglichkeit, die man vorher kaum bemerken könnte. Schröder ist (und bleibt hoffentlich) ein Lichtblick in der deutschen Außenpolitik.

Hinterzarten (Schwarzw.) MICHAEL THOMAS

Die Wertung »gewissenhaft, denkend, weitblickend« der Emnid-Befragten hat den Bundesaußenminister sicherlich auf die Nummer eines der politischen Top -Ten gebracht. Doch mit den honorigen Epitheta allein wird der Kandidat Schröder den Kampf im neunten Monat schwerlich bestehen können. Dazu müßte Beistand aus genau der Richtung kommen, die Dr. Schröder bisher nur mittelbar und langfristig gepflegt hat: die Popularität. Nur sie könnte eine Armee von Avantgardisten jenes Schlages herbeizaubern, wie man sie im Dezember 1962 auf dem Lüneburger Marktplatz sah. Zwei Jungbauern huldigten dem Nicht-Kartoffelkenner Schröder mit dem Transparent-Text: »Als Bundeskanzler ziehen wir Schröder vor.«

Hamburg GERHARD BORKIET

Ich bin sehr zuversichtlich, daß die Politik und das Konzept von Herrn Schröder ihm und unserer Politik zum weiteren Segen gereichen werden. Aber im Leben wird es wohl immer so sein: Auch das Können von Außenminister Schröder wird letztlich nicht ausreichen, um die eingefahrene Lobby auszustechen. Was fehlt, wäre ein noch stärkerer Außenminister als Schröder, der nicht nur sein »Image« bessern und hegen würde, sondern

darüber hinaus sich ungeachtet persönlicher Nachteile für die weltbewegenden und uns Deutschen angehenden Probleme einsetzen und zerfleischen würde, etwa annähernd im Sinne eines Kennedy. Das Wort Courage ist ohnehin ein, Fremdwort, für fast alle Politiker hier am Platz ist es ein unbekannter Begriff. Mir will scheinen, als hätte unser Außenminister Schröder zumindest der Sinn und die Bedeutung dieses Wortes für unser tägliches Leben erfaßt.

Hamburg RAINER MATT

Ich darf Ihrem Artikel über Außenminister Schröder voll und ganz zustimmen. Es ist selten, daß, ein Presseorgan Herrn Schröder, der lieber auf die USA vertraut als auf de Gaulle, so zur Seite steht. Endlich jemand, der den Mut hat, de Gaulle entgegenzutreten.

Düsseldorf HERBERT PINTGEN

Ihre Ausführungen zur Lage des Außenministers Dr. Schröder lassen das Dilemma erkennen, in welches sich die deutsche Außenpolitik mit List und Tücke hineingewurschtelt hat. Der naive Kanzler Erhard - ich möchte das von Ihnen verwendete Adjektiv in »reichlich naiv« erweitern -, von dem man anfänglich ein konsequentes Denken und Handeln erhofft hatte, ist wohl kaum in der Lage, die kompromißlosen Forderungen eines Charles de Gaulle zu parieren nach dessen Melodie: Kusch dich oder Knüppel aus dem Sack.

Barcelona W. G. LUMB

Sie werfen Schröder eine Schwäche vor: »Die Selbstüberschätzung und Unfähigkeit, sich in die Reaktionen anderer einzufühlen.« Der Schröder-Artikel-Verfasser ist offenbar - wie die meisten Deutschen - so im Obrigkeitsdenken verstrickt, daß er nicht merkt, daß de Gaulle in seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung und in seinem Hegemoniebestreben auf den Gefühlen der Deutschen herumtrampelt. Mit welchem Recht in der Welt beansprucht Frankreich, die Führungsmacht in Europa zu werden?

New York C. R. CLUSENER

Außenminister Schröder liegt völlig richtig mit seiner Politik, ihm fehlt nur die massive Unterstützung von deutscher Seite. Es darf keine Spaltung von den Vereinigten Staaten geben, weder für Deutschland noch für Europa. Wenn das der eigenwillige Lothringer nicht einsehen will, so müssen wir eben auf seinen Nachfolger warten.

Toronto (Kanada) GÜNTER KOREK

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