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Briefe

Sprachlich unbeholfen
aus DER SPIEGEL 15/1991

Sprachlich unbeholfen

(Nr. 12/1991, Stasi: Der Originalbericht über die Rolle Lothar de Maizieres)

Die Veröffentlichung des in der Dienststelle des Sonderbeauftragten Gauck erstellten »Original-Berichts« ist zu begrüßen, zeigt sie doch, auf welchen spekulativen und logisch fragwürdigen Überlegungen die gegen de Maiziere erhobenen Vorwürfe beruhen. Mit sprachlich unbeholfenen Formulierungen drücken sich die Verfasser um das Eingeständnis herum, daß sie ausschließlich über mutmaßliche Absichten der Stasi-Funktionäre berichten können.

Und wie sich die angebliche Zusammenarbeit tatsächlich abgespielt hat, welche Aufträge der »IMB« erfüllt hat, bleibt mangels Aktenmaterials offen. Da wüßte man gern schon genauer, wieso bestimmte Informationen Hasses keinen Zweifel daran zulassen, »daß ,Czerni' . . . brisante und aktuelle Materialien . . . erarbeitet haben dürfte«. Und wieso eigentlich »dürfte«, wenn es doch keine Zweifel daran gibt? Wenn fehlendes Aktenmaterial, also Mangel an Beweisen, bereits zur Begründung von Schuldvorwürfen ausreicht, dürfen wir uns wohl noch auf häufige und abenteuerliche Kampagnen einstellen. *UNTERSCHRIFT: Bonn DR. JÜRGEN SCHMUDE MdB/SPD

Nachdem ich den so verständlich und sprachlich so ausgewogenen Bericht von Herrn Gauck: Kartei 1193, F 78 im MfS Abt. XII der BV/F 22 und F 77 sowie F 16 - Junior Czerni - im IM, XX HA/Abt. KD registriert Teil II (Bd. 2) einschließlich XV/3468/91 und IMB sowie OV/ DDR nur fünfmal gelesen hatte, wurde mir die Qualifizierung von Herrn de Maiziere als stellvertretender CDU-Vorsitzender klar. Dem SPIEGEL sei Dank für diese unmißverständliche Veröffentlichung. *UNTERSCHRIFT: Feldafing (Bayern) PROF. SIEGFRIED W. MARKL *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Ohne Konzept *EINLEITUNG: (Nr. 13/1991, Regierung: Das Desaster, das keins sein darf) *

Ich kann recht gut nachvollziehen, warum die Menschen in den neuen Bundesländern auf die Straße gehen. Ihre Situation ist grauenhaft. Nicht nachvollziehen kann ich aber, warum sie so lautstark auf dem Kohl herumhacken. Sie haben ihn doch gewählt, obwohl sie wußten, daß er schamlos lügt. Diese Tatsache hat sie vor der Wahl nicht sonderlich gestört, warum regen sie sich also jetzt darüber auf? *UNTERSCHRIFT: Hannover VOLKER AHRENS

Erinnern wir uns an die Zeit vor dem 2. Dezember 1990! Der deutsche Michel fragt das Wählervolk: »Wollt ihr Oskar?« Antwort: »Nein!« »Wollt ihr Ditfurth & Co.?« Antwort: »Nein!« »Was wollt ihr denn?« Antwort: »Kohl!, Kohl!, Kohl!« Kaum ein Vierteljahr ist es her, daß das Volk »Kohl« bekam, und schon beklagt es sich bitter über den miesen Geschmack. *UNTERSCHRIFT: Hofheim (Hessen) DIETMAR HAASE

Noch nie wurde die Bevölkerung der Bundesrepublik so maßlos ver"kohl"t und betrogen, und noch nie war ein Bundeskanzler so unfähig, die anstehenden Aufgaben in den Griff zu bekommen. Es wäre ein Segen für Deutschland, wenn Herr Kohl abtreten würde, andernfalls stehen uns Weimarer Verhältnisse mit »echten« sechs Millionen Arbeitslosen, steigendem Rechtsradikalismus und Verfall unserer Währung bevor. *UNTERSCHRIFT: Aichtal (Bad.-Württ.) JUPP GERHARDS

Die Auswirkungen der jetzigen »Faß ohne Boden«-Politik auf strukturschwache Westregionen sind noch unerforscht. Was bedeutet es für das Saarland oder weite Teile von Nordrhein-Westfalen, wenn dringende Investitionen im Zuge von Umstrukturierungen in die Ex-DDR verlagert werden? Auch der von der SPD angebotene Konsens ersetzt nicht ein Konzept. *UNTERSCHRIFT: Schwetzingen (Bad.-Württ.) DR. VOLKER GALLANDI *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Für dumm verkauft *EINLEITUNG: (Nr. 12/1991, Gleichberechtigung: Frauen als Opfer der Wiedervereinigung) *

Ein hervorragender Lagebericht über die Niederlage der Frauen im vereinten Deutschland. *UNTERSCHRIFT: Herrsching/Ammersee (Bayern) GERT WEINGARTEN

Vielen Dank für Ihren objektiven Bericht über die tatsächliche Situation der Gleichberechtigung von Mann und Frau im Osten und Westen Deutschlands. Er machte deutlich, wie sehr die Frauen in der ehemaligen DDR ausgebeutet und für dumm verkauft wurden. *UNTERSCHRIFT: Lage (Nrdrh.-Westf.) HELGA SCHMIDT

Wenn die Autorin meint, die sozialen Bedingungen einer alleinerziehenden Mutter von vier Kindern im Osten seien auch nur im entferntesten erstrebenswert gewesen, dann kennt sie den Osten nur aus weiter, weiter Ferne. Wer fragt aber danach, wie die Kinder dieses System der frühstmöglichen »Vergesellschaftung« vertragen haben, wer fragt nach ihren berechtigten Interessen? Hier nur soviel: Ich kenne die nervösen, zwischen Wohnung, Krippe und Arbeitsplatz hin und hergehetzten, zerrissenen, schließlich zutiefst unzufriedenen, ja unbefriedigten und oftmals unglücklichen Mütter, auch Väter. Ich habe das Schreien so mancher Kinder im Ohr, die im Dunkeln oder Morgengrauen durch die Gegend geschoben, gezerrt, angetrieben wurden, damit Mutter/Vater sie rechtzeitig abliefern und zur Arbeit eilen konnten. Ich kenne die ewig kränkelnden, infektgeplagten, hustenden und schniefenden Säuglinge und Kleinkinder. Das gehörte auch zu den gepriesenen Privilegien der Ostmenschen. *UNTERSCHRIFT: Berlin EDITH BOLDT

Nun sind die Ossis dem Helmut also auf den Leim gegangen und lernen den Kapitalismus kennen. Nur keine Panik, den Bürgerinnen wird es besser gehen: Sie werden wieder daheim bleiben dürfen und mit einer kleinen Sozialhilfe abgespeist werden. Es lebe der Kapitalismus! *UNTERSCHRIFT: Brüssel (Belgien) HILDA MEESSENS-VANLOOR *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Unbürokratisch geholfen *EINLEITUNG: (Nr. 9/1991, Justiz: Notstand in den neuen Bundesländern; Nr. 11/1991, Justiz: Das Chaos an einem ostdeutschen Bezirksgericht; Nr. 12/1991, Mühsame Richterwahl in der Ex-DDR) *

Unbegreiflich. Bei uns im Westen werden ganze Hundertschaften gut ausgebildeter Volljuristen nach oft mehr als zwölfsemestrigem Jura-Studium und anschließendem Referendariat bei Gericht und Verwaltung in die Arbeitslosigkeit geschickt, während man sich in den ostdeutschen Ländern an die ehemaligen Stützen des DDR-Systems klammert. Wenn es stimmt, daß manche von jenen erst Traktorfahrer waren, um dann im Abendstudium zum Ostjuristen ausgebildet zu werden, sollte man schon wegen des komplexen bundesdeutschen Wirtschafts- und Verwaltungsrechtes auf arbeitslose Westjuristen zurückgreifen. *UNTERSCHRIFT: Osnabrück NIKOLAUS ZIMMERMANN

Die in dem Artikel angesprochene Tendenz, daß die Justizministerien untätig einer »heraufziehenden Katastrophe« entgegensähen, trifft so nicht zu. Allein Niedersachsen hat inzwischen über 90 Richter, Staatsanwälte und Beamte aus dem Justizbereich nach Sachsen-Anhalt abgeordnet, um dort den Aufbau einer rechtsstaatlichen Justiz zu unterstützen. Wir haben ein Partnerschaftsmodell organisiert, bei dem niedersächsische Gerichte und Staatsanwaltschaften den Justizbehörden in Sachsen-Anhalt unbürokratisch helfen können. Wir bilden Rechtspfleger für Sachsen-Anhalt aus und schulen junge Diplom-Juristen zu Volljuristen. Auch aus dem Ministerium sind viele Beamte tage-, wochen- und zum Teil sogar monatelang in Sachsen-Anhalt tätig. Größere Leistungen waren bis zu der Entscheidung über die Finanzierung, die erst in der letzten Woche in Bonn gefallen ist, nicht möglich, ohne den zeitweisen Stillstand der Rechtspflege in Niedersachsen zu riskieren. *UNTERSCHRIFT: Hannover HAUKE JAGAU Niedersächsisches Justizministerium *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Ausreise angedeutet *EINLEITUNG: (Nr. 12/1991, Honecker: Republikflucht nach Moskau) *

Mit Ihrem Bericht über den ehemaligen Staats- und Parteichef der DDR/SED kann ich mich nicht abfinden, wenn Sie behaupten, daß er klammheimlich von sowjetischen Militärs in die UdSSR ausgeflogen worden sei. Am 11. Februar 1991 habe ich zusammen mit politischen Freunden Erich und Margot Honecker in Beelitz besucht, die ich seit 1946 aus gemeinsamer FDJ-Zeit kenne. Bei unserem Besuch mußten wir feststellen, daß Honecker sehr schwer erkrankt ist. Erich Honecker deutete mir gegenüber bereits an, daß er bei Verschlimmerung seines Gesundheitszustandes höchstwahrscheinlich in die UdSSR müsse. Ich bin der Meinung, daß Honecker unter den derzeitigen Bedingungen einer Hexenjagd auf ihn - vorher hatte man ihn allseitig hofiert - in Deutschland nicht in aller Ruhe hätte behandelt werden können. Honecker hat unter Hitler zehn Jahre im Zuchthaus gesessen, und es ist doch eine Schande für unser Land, wenn wir einen schwer erkrankten Kommunisten - und das wird er immer bleiben - jagen wie einen Verbrecher. Trotz aller Fehler, die in der ehemaligen DDR begangen wurden, meine ich, daß man auch Erich Honecker Gerechtigkeit widerfahren lassen muß und der Haftbefehl aufgehoben werden sollte. Das Foto mit Erich Honecker und mir, aufgenommen am 11. Februar 1991 in Beelitz, ist vielleicht eines der letzten von Erich Honecker auf deutschem Boden und hat vielleicht historischen Wert . . . *UNTERSCHRIFT: Röthenbach (Bayern) ERICH SCHREIER *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Nekrophiler Nippes *EINLEITUNG: (Nr. 12/1991, Kunst: SPIEGEL-Redakteur Jürgen Hohmeyer über den Mythen-Künstler Anselm Kiefer und seine Berliner Ausstellung) *

Bleierne Mega-Gigantomanie ist kein Beweis für wirkliche Kunst, bestenfalls krankhafte Sucht, aufzufallen um jeden Preis, besser gesagt, um jeden Zentner! Natürlich zur Freude all jener beflissenen »Auch«-Kunstkenner und »Kunstsachverständigen«, denen die bleischweren Elaborate gerade recht sind, sie in ebensolche Milliönchen umzufunktionieren. *UNTERSCHRIFT: Bremen HANS R. HÜBSCHER

Auch wenn es Kiefer lieber wäre, im änigmatischen Dunkel der Mythen zu schwelgen, so hat er doch - gegen seine künstlerische Absicht - den Mythos profaniert. Er hat aus dem Phänomen des Verbrechens nekrophilen Nippes gemacht. *UNTERSCHRIFT: München PROF. HEINER H. HOIER *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Zwiespältige Gefühle *EINLEITUNG: (Nr. 13/1991, SPIEGEL-Gespräch mit Präsident Michail S. Gorbatschow über die Krise der Sowjetunion und die Deutschen) *

Das Gespräch, das Sie mit dem Präsidenten der UdSSR und Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, geführt haben, erweckt zwiespältige Gefühle. Es freut uns zwar, daß dem Thema Baltikum so breiter Raum gewidmet wurde, doch gleichzeitig sind wir besorgt über die Interpretationen der Politik der UdSSR gegenüber dem Baltikum. Jedwede Trennung von der UdSSR erscheint Gorbatschow »unmöglich«, als ein »Wahnsinn«. Bereits im Mai 1990 erklärte Gorbatschow, daß es darüber keine Verhandlungen geben werde, und er hat Wort gehalten. An Stelle von Verhandlungen konnte die Welt sehen, wie in den Straßen von Vilnius Panzer auffuhren und die »schwarzen Barette« ihr Unwesen trieben. Die von Gorbatschow benutzten Begriffe »Gesetzmäßigkeit«, »Referendum« sollen den Eindruck der Rechtmäßigkeit und eines demokratischen Verfahrens erwecken.

Die Baltischen Staaten sind niemals in die Sowjetunion eingetreten, sondern wurden, infolge der im Molotow-Ribbentrop-Vertrag festgelegten Aufteilung der Interessensphären, gewaltsam in die Sowjetunion einverleibt. Insofern ist die Baltische Frage auch keine »innere Angelegenheit« der UdSSR, sondern eine Frage, die einer internationalen Lösung bedarf - im Sinne des Völkerrechts und des Selbstbestimmungsrechts der Völker, im Sinne des bereits mehrfach eindeutig bekundeten Willens der Bevölkerung des Baltikums, die staatliche Unabhängigkeit wiederherzustellen.

Die Baltische Frage ist das letzte noch nicht gelöste rechtliche und politische Problem infolge des Zweiten Weltkriegs, für deren Lösung sowohl die UdSSR als auch Deutschland eine besondere Verantwortung tragen. *UNTERSCHRIFT: Riga PROF. DR. I. BISERS Stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats der Republik Lettland

Falls Michail Sergejewitsch sosehr an der Einhaltung seiner Verfassung gelegen ist, biete ich ihm folgende Lösung an: Aufnahme eines Passus in das sogenannte Gesetz zum Austritt aus der UdSSR, daß es nicht für die Republiken gilt, die gewaltsam in diese einverleibt wurden. Damit hätte er seine plötzlich ach so wichtige Verfassung eingehalten und sogar vor dem Westen sein leider schon leicht angekratztes Image von Perestroika und Glasnost bewahrt: indem er eine weitere kommunistische Geschichtslüge preisgibt, um die er sich bisher stets gedrückt hat: nämlich die These vom »freiwilligen Anschluß« des Baltikums an die Sowjetunion. Schließlich hat er dieses Gesetz, das in Wirklichkeit den Sinn hat, das Ausscheiden von Republiken möglichst zu verhindern, ja vor einem Jahr in kürzester Zeit durch das sowjetische Parlament gepeitscht. *UNTERSCHRIFT: Niederkassel (Nrdrh.-Westf.) GIRTS ZEGNERS Mitglied des Zentralkomitees der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Lettlands

Wollte man an Vorsehung glauben, müßte diesem Gespräch sehr bald der Abtritt des Interviewten folgen. Auch dessen Vorgänger, Breschnew und Andropow, hat Rudolf Augstein befragt, wobei er jedesmal seinem russischen Gegenüber geistige und physische Vitalität attestierte. Kurz darauf waren die Mächtigen im Orkus der Geschichte verschwunden. Die Nemesis entschied anders als die Pythia von der Alster. Jetzt Gorbatschow, denn Augstein est Omen. Unheil dräut dem letzten Verweser des letzten multinationalen Monstrums. Macbeth muß fallen. *UNTERSCHRIFT: Furth (Bayern) WOLFGANG STRAUSS

Einer Teilauflage dieser SPIEGEL-Ausgabe ist eine Postkarte der Firma Balenciaga S.A., Paris, beigeklebt. Eine Teilauflage dieser SPIEGEL-Ausgabe enthält eine Beilage der Hannoverschen Allgemeinen, Hannover.

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