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Umwelt Sprengen und rütteln

Naturschützer kritisieren Deutschlands größtes Umweltprojekt: Die milliardenteure Sanierung der Ost-Kohlereviere zerstört die Natur.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Das Schild mit der Aufschrift »Achtung, Lebensgefahr« stört Helmut Donath nicht. Auch daß er abrutscht, kümmert ihn nicht. Donath zieht es in die Tiefe. Doch der Mann ist nicht etwa lebensmüde. Nein, er ist äußerst lebensfroh, wenn er hier, ein paar Kilometer vor der südbrandenburgischen Stadt Luckau in die Grube springt. Diese Grube, von Technologen Tagebaurestloch, von Einheimischen Krater und von Journalisten Mondlandschaft genannt, ist für Donath ein einzigartiges Biotop.

Schon steht er auf der letzten Schicht Braunkohle, die zu dünn war für die DDR-Bagger, und beginnt zu schwärmen. Die braune Brühe, die hier einen Hang herunterfließt, ist für ihn ein Wasserfall, die Sandhänge ringsherum sind eine Art Düne. »Die Erde erholt sich aus eigener Kraft vom Bergbau«, sagt der Naturschützer.

Für Biologen wie Donath sind die zum Teil vor Jahrzehnten stillgelegten Tagebaue einzigartige Beobachtungsgebiete. Matthias Platzeck, Brandenburgs Umweltminister, nennt die Krater »Landschaften von grotesker Schönheit«, die ihn an »surrealistische Gemälde von Dali erinnern«.

Doch in Dalis Landschaften wird jetzt aufgeräumt. Wieder rücken Bagger in Richtung Tagebau, diesmal zur Sanierung. Was die Landesplaner als Rekultivierung bezeichnen, ist in Donaths Augen »die zweite Welle der Zerstörung«.

Seinen harschen Vorwurf kann der Chef der Naturschutzstation Wanninchen belegen: Der Bestand an bedrohten Vogelarten wie Brachpiepern, Uferschwalben und Flußregenpfeifern geht in den stillgelegten Tagebauen dramatisch zurück, seit die Baggerfahrer Muttererde auftragen und Sprengmeister Steilwände abflachen.

Die lärmende Aufräumarbeit haben Landesplaner und Bergämter angeordnet. Denn die riesigen ehemaligen Braunkohleflächen in Ostdeutschland, rund 100 000 Hektar Land, unterliegen gestrengem Bergrecht. Bei dem steht Sicherheit an oberster Stelle und nicht der Schutz von Brachpiepern und Biotopen. Erst wenn die Tagebaurestlöcher als sicher gelten, erst wenn die Gefahr von Erdrutschen gebannt ist, können die Flächen verkauft, an Kommunen zurückgegeben und neu genutzt werden.

1,5 Milliarden Mark stellen Bund, Länder und die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit dafür jährlich bereit - ein Jahrhundertwerk, das nach Schätzungen von Fachleuten erst 2030 abgeschlossen sein wird. Und ein beachtliches Arbeitsbeschaffungsprogramm: In den ehemaligen Kohlegebieten Ostdeutschlands, in denen die Arbeitslosigkeit bei knapp 20 Prozent liegt, haben dadurch fast 20 000 Menschen einen Job.

Doch die Zweifel wachsen, ob die Unsummen sinnvoll eingesetzt werden. In einem Brief an die Präsidentin des Bundesrechnungshofs, Hedda Czasche-Meseke, beklagt Jochen Flasbarth, Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), die »gewaltige Vergeudung öffentlicher Mittel«. Die Bundesumweltministerin Angela Merkel forderte der Nabu-Chef auf, eine »Reihe ökologisch hochbedenklicher Fehlentwicklungen« zu stoppen.

Selbst in Gebieten, die demnächst zu Totalreservaten erklärt werden, rücken Bagger an, werden Böschungen normgerecht abgeflacht. An Restlöchern, die seit Jahrzehnten stilliegen und als Tagebaukrater längst nicht mehr zu erkennen sind, wird gerodet, gesprengt, gerüttelt und neu gepflanzt.

Zwar haben Naturschützer wie Heike Garbe, Leiterin des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft, Verständnis für die Sicherheitsbedenken der Bergämter. »Doch warum«, fragt sie, »reicht da nicht ein Zaun, um Gebiete abzusperren?«

Und Nabu-Präsident Flasbarth höhnt: »Nach der Logik der Sanierer könnte auch die Steilküste von Rügen umgelegt werden. Die ist ja auch nicht sicher.«

Im brandenburgischen Umweltministerium zweifeln Fachleute ebenfalls am Sinn der Rekultivierungsmaßnahmen. Sie zerstörten, heißt es in einem internen Papier, einzigartige Lebensräume und seien »eine volkswirtschaftlich unsinnige Investition«.

Solche Vorwürfe will Friedrich von Bismarck prüfen. Der Chef der Berliner Geschäftsstelle des Steuerungs- und Budgetausschusses entscheidet über die Verteilung der 1,5 Milliarden Mark Sanierungsgelder. Selbst der Ober-Sanierer fragt sich mittlerweile, ob es tatsächlich nötig ist, wie geplant 450 Kilometer Kippenböschungen in Lausitz und Mitteldeutschland auf Norm zu trimmen. Bismarck: »Wir müssen nach Alternativen suchen.«

Eine Alternative wäre für ihn, mehr Flächen schlicht der Natur zu überlassen. Bismarck hat im vergangenen Jahr eine zentrale Controlling-Abteilung eingerichtet. An deren Spitze holte er sich den früheren Landtagsabgeordneten vom Bündnis 90, Günter Nooke, seit seiner Mitarbeit im Potsdamer Stolpe-Untersuchungsausschuß _(* In Greifenhain. )

als besonders hartnäckig bekannt. Nooke überprüfte die Anträge der Sanierungsfirmen für 1996 und strich sie heftig zusammen; Sparvolumen: 100 Millionen Mark.

Noch etwas will Bismarck in Zukunft verhindern: Daß mit Steuergeldern landwirtschaftliche Flächen geschaffen werden, die mit EG-Mitteln anschließend stillgelegt werden. Denn in den betroffenen Bundesländern Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wurde bei der künftigen Verwendung der ehemaligen Kohlebaugebiete am Bedarf vorbeigeplant.

20 Prozent des rekultivierten Landes sind als landwirtschaftliche Nutzfläche ausgewiesen. Doch soviel ist heute nicht mehr nötig. »Erst zwei Prozent der landwirtschaftlichen Flächen«, erklärt Volker Färber, Finanzchef der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, seien verkauft worden.

Spätestens 1997 wird mit der Luxussanierung Schluß sein. Dann läuft das Abkommen zwischen Bund und Ländern aus, in denen die Milliardenzuschüsse festgeschrieben sind, und es muß neu verhandelt werden.

Wissenschaftler wie der Cottbusser TU-Professor für Allgemeine Ökologie, Gerhard Wiegleb, fürchten allerdings, daß wieder an der falschen Stelle gespart wird: an der Forschung. Sie könnte eines Tages tatsächlich Geld abwerfen. »Die Technologien, die bei diesem Jahrhundertwerk entwickelt werden«, glaubt Friedrich von Bismarck, »haben Exportchancen.«

Anfragen aus anderen postsozialistischen Bergbauregionen liegen schon vor. Die erste kam aus dem Ural. Y

[Grafiktext]

Kartenausschnitt: Ehemaliges Braunkohlerevier in Ostdeutschland

[GrafiktextEnde]

* In Greifenhain.

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