Zur Ausgabe
Artikel 37 / 75

STUDENTEN / KRITISCHE UNIVERSITÄTEN Sprich Ka-U

aus DER SPIEGEL 46/1967

In den vorderen Reihen trugen sie »Enteignet Springer«-Plaketten, auf den hinteren Sitzen ließen sie Protest-Luftballons hoch. 2000 Studenten füllten am vergangenen Mittwoch das Auditorium maximum der Berliner Freien Universität (FU). Größtenteils waren sie gekommen, um eine »Kritische Universität« (KU), auch Gegen-Universität genannt, zu gründen. Eine Minderheit war bemüht, das zu verhindern -- freilich ohne Erfolg.

Das Gründerfieber hat schon auf die Bundesrepublik übergegriffen. In Münster, Frankfurt, Hamburg, Mainz und Heidelberg sind Studenten dabei. nach dem Berliner Vorbild Kritische Universitäten (Flugblatt in Hamburg: »Sprich Ka-U"), kritische »Klubs« oder -- mindestens -- kritische Vorlesungen zu organisieren.

Überall ist es der Zorn über die herkömmliche Universität, der die Studenten in einen Gründerrausch versetzt hat. Wie Tradition und Staatstreue an den alten Hochschulen herrschen, so sollen an den neuen Universitäten Fortschritt und Staatsverdrossenheit gefördert werden.

Eine »konkrete Utopie« sollen die Kritischen Universitäten sein, schrieb die Hamburger Studentenzeitschrift

* Kolloquium »Schulreform und Bildungswerbung«; Lehrbeauftragter Armin Hegelheimer (Berlin) beim vortrag über »Bildungsökonomie und Bildungsplanung.

»Auditorium«. Doch einstweilen sind sie mehr Utopie als konkret.

Überall taten sich ein bis drei Dutzend Studenten zusammen, und überall planten sie nur auf dem Papier. Räume fordern sie in den alten Universitäten. Geld erhalten sie aus der Kasse jenes Staates, den sie in Frage stellen: Fast überall hat der subventionierte Allgemeine Studentenausschuß (Asta) die Organisation übernommen.

Was die KU-Gründer zu Papier brachten und teils hektographieren, teils drucken ließen, soll eine Mischung von Marx, Mao und Marcuse sein. Doch es ist auch eine Mischung von Dahrendorf, Schelsky und Weizsäcker.

Denn: In der Kritik an den alten Universitäten gehen die Gründer-Studenten nicht viel weiter als Professoren, die durchaus nicht zu ihren Vorbildern zählen.

Daß die mit Tradition belasteten Hochschulen »Elfenbeinfabriken« seien, in denen »professorale Fachidioten studentische Fachidioten ausbilden«, schrieben die radikalen Berliner KU-Gründer in ihr erstes Vorlesungsverzeichnis. Der eher konservative Soziologe Professor Schelsky -- der jüngst in der gutbürgerlichen »FAZ« der heutigen Wissenschaft »eine versittlichende oder charakterbildende Kraft« absprach -- hat dagegen nichts einzuwenden: »Können wir enttäuscht sein, wenn sie (die Studenten) ihre Berufsausbilder als »Fachidioten« bezeichnen?«

Und die revolutionären Vokabeln, deren sich die Gründer-Studenten gern bedienen, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch ihre Kritik an der bundesdeutschen Gesellschaft nicht weit über das hinausgeht, was heute zum Beispiel etliche ordentliche Soziologie-Professoren schreiben.

Unterschiedlich denken die meisten Professoren an alten Universitäten und die kritischen KU-Studenten lediglich darüber, wie die etablierte Gesellschaft geändert werden soll, ob Kritische Universitäten dafür ein taugliches Mittel sind und wie die ideale Gesellschaft aussehen soll. Eben darüber sind sich aber auch die KU-Gründer uneinig.

Eine Aufgabe der Berliner Kritischen Universität zum Beispiel wurde von ihren Gründern so definiert: »durch kritisch-theoretische Reflexion und Anwendung empirisch-analytischer Methoden mitzuwirken an der Bestimmung der Ziele und Aktionen der außerparlamentarischen radikaldemokratischen Oppositionsgruppen in West-Berlin«.

Die Hamburger KU trat kürzer: »Dazu fehlt es an finanziellen Voraussetzungen; dazu sind auch die Chancen einer prinzipiellen Änderung des etablierten Wissenschaftsbetriebes (noch!) nicht aussichtslos genug.« Und in der Bischofsstadt Münster rügte der »Wissenschaftspolitische Klub«, daß in Berlin die »oppositionelle Linke« ein Übergewicht habe.

Überall krankt die KU-Idee noch an einem anderen Leiden: Infiziert von der Gesellschaft, die sie bekämpfen wollen, sind die kritischen Studenten mit typisch deutschem Eifer bemüht, ihren Geist zu institutionalisieren.

Äußerlich werden überall die alten Hochschulen imitiert: Vorlesungen und Seminare, Übungen und Kolloquien sind sorgfältig geplant, wenn auch für die durchnumerierten Veranstaltungen zumeist noch Dozenten fehlen. In Hamburg stehen Lehrkräfte im Vorlesungsverzeichnis, die um Teilnahme nicht einmal gefragt wurden (wie der militärpolitische SPIEGEL-Redakteur Carl-Gideon von Claer). Und in Berlin werden alle 33 angekündigten Studier-Zirkel von Studenten und Assistenten geleitet.

Mit einer Pedanterie, die Amtmännern und Regierungsinspektoren gut anstehen würde, feilschen die aufsässigen Studenten um Details: In Berlin dürfen Professoren »nicht eingeladen« werden, aber teilnehmen. In Frankfurt rang man sich hingegen zu dem Entschluß durch, Professoren um Vorlesungen zu bitten. Folge: Der KU-Befürworter Professor Ossip K. Flechtheim darf am Main lesen, an der Spree nur diskutieren.

Doch selbst wenn sich die Studenten auf Programme für ihre Kritischen Universitäten einigen könnten, so droht doch tödliche Gefahr: Die ordentlichen Professoren haben vom Widerstand auf weiche Welle umgeschaltet.

Das Startsignal gab der Hamburger Rechtsgelehrte und langjährige Präsident der Rektorenkonferenz Rudolf Sieverts. Er wies seine Kollegen darauf hin, »daß der psychologisch äußerst labile Zustand an unseren Hochschulen vorerst andauern wird. Es ist ein Zustand, in dem irgendein Fehlgriff von irgendeiner Seite, und sei es nur eine Bagatelle, jederzeit unverhältnismäßige Reaktionen unter den Studenten erzeugen kann«.

Am deutlichsten zeigte sich der Wandel durch Annäherung in West-Berlin. Vier Monate lang hatten die Studenten um das Audimax gekämpft, das ihnen die FU-Rektoren, der Philosoph und Soziologe Hans-Joachim Lieber (bis zum 13. Oktober) und der Zahnmediziner Ewald Harndt (seit dem 13. Oktober), zunächst verweigerten.

Ein Gutachten zweier Professoren, vom Rektor bestellt, fiel gegen die Gegen-Universität aus: Den linken Gründer-Studenten gehe es nicht um »vernünftige Kritik«, sondern um »Machtergreifung«. Ihre Methoden hätten mit wissenschaftlicher Arbeit »nichts mehr zu tun und näherten sich »dem bewußt parteilichen Verhalten totalitärer Ideologien«.

Der Akademische Senat empfahl daraufhin dem Rektor, die KU aus der FU zu verbannen, da sie ausschließlich »als Beitrag zur politischen Aktion der außerparlamentarischen Opposition gedacht« sei.

Dann aber geschah, was nicht einmal die kritischen Studenten erwartet hatten: 50 der 240 ordentlichen Professoren unterschrieben eine »Zwölf-Punkte-Erklärung«. Ihre Empfehlung: »Wir halten es für richtig, vorerst administrative Maßnahmen gegen die KU zu unterlassen und sich statt dessen mit ihr offen auseinanderzusetzen.« Zur selben Zeit schwenkte auch der Senat ein; er empfahl dem Rektor, den KU-Studenten das Audimax für ihre Gründungsvollversammlung freizugeben. Damit durchkreuzte er das Konzept der KU-Funktionäre, die zum Hausfriedensbruch gerüstet waren und den Einsatz der Polizei provozieren wollten.

In anderen Städten bekamen die aufsässigen Studenten sogar Beifall, wo sie eher Ablehnung erwartet hatten: In Hamburg lobte Theologie-Professor Helmut Thielicke als erster Ordinarius die Kritische Universität.

Doch des funken Theologen Lob kam vielleicht zu spät. Das Interesse der Studenten an der gerade erst gegründeten Kritischen Universität scheint schon zu erlahmen: Zum ersten Kolloquium fanden sich nur 14 Kommilitonen ein.

Widerstand leistete von den Uni-Beamten nur noch der Pedell. Er versuchte den Eifer der Studenten zu dämpfen und verbot eine Stunde lang den Verkauf des Vorlesungsverzeichnisses der Kritischen Universität.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 37 / 75
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.