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»Spröder Werkstoff versagt spontan«

Kernkraftwerk Stade: Ein »Schrottreaktor« wird zum Wahlkampfthema *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Hoch droben an einem riesigen Strommast, auf einer Elbinsel flußabwärts von Hamburg, verkündeten große Transparente Protest: »Stoppt Stade jetzt!« - »Strom ja, so nicht« In 75 Meter Höhe hatten sich tagelang Umweltschützer von, »Robin Wood« in einem Biwak eingerichtet um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen: Abschaltung des Kernkraftwerks Stade (KKS).

Die Mastbesetzung ist die bislang spektakulärste Demonstration gegen »den Schrottreaktor« ("Robin Wood") an der Unterelbe, der seit 14 Jahren in Betrieb ist - altersschwach und deshalb gefährlich, wie manche Wissenschaftler meinen. Nun, nach Tschernobyl, ist der Reaktor auch Wahlkampfthema.

Gerhard Schröder. SPD-Spitzenkandidat für die Wahl am 15. Juni in Niedersachsen, hat neuerdings »enorme Sicherheitsbedenken. Jusos und Grüne fordern die sofortige Abschaltung des Atommeilers. In Hamburg, das seinen Strombedarf zu 74 Prozent aus Atomkraftwerken deckt, planen Sozialdemokraten eine Expertenanhörung.

Zu den Wissenschaftlern, die »erhebliche Bedenken«- gegen Stade äußern, gehört der Physiker Lothar Hahn von der Darmstädter Öko-Projektgruppe Reaktorsicherheit. In einer »auf gar keinen Fall vollständigen Liste der Schwachstellen« die er Hamburgs Energiesenator Jörg Kuhbier unterbreitete, führt Hahn beispielhaft an, wodurch in dem KKS ein »nichtbeherrschbarer« Störfall eintreten könne:

Das Material des Reaktordruckbehälters sei »versprödet«. Umbauten am Sicherheitssystem vermittelten »den Eindruck von Stückwerk«, im Dampferzeuger gebe es »fortschreitende Wanddickenschwächungen«.

Schon diese Mängel, so Hahn, seien eine »ausreichende Begründung für eine sofortige Stillegung von KKS«. Hinzu aber kämen noch »unakzeptable« Risiken bei der Notstrom- und Notspeisewasserversorgung, mit deren Hilfe im Ernstfall auch ein GAU beherrscht werden müßte. Überdies ist der Atommeiler nicht gegen Flugzeugabsturz ausgelegt, und Nato-Flieger nutzen den Bau für Zielanflüge.

Kuhbier, Aufsichtsratsvorsitzender der Hamburgischen Elektrizitäts-Werke (HEW), die zusammen mit der PreußenElektra Stade betreiben, blockte die Wissenschaftler-Bedenken bislang ab: Hahn und andere hätten »nur eine Reihe von Behauptungen aufgestellt«, die »von anderen Fachleuten als unbegründet zurückgewiesen werden.

Der Senator stützt sich dabei auf Angaben der Betreiberfirmen und der CDU-Regierung in Niedersachsen. Danach ist der Atommeiler »sicherheitstechnisch noch immer erstklassig und auf keinen Fall ein Schrottreaktor«.

Zwar habe sich durch Neutronenbestrahung, räumen die Stromfirmen ein, an der »Rundschweißnaht des Reaktordruckbehälters« eine »stärkere als ursprünglich vorausberechnete Bestrahlungsreaktion« gezeigt. »Ohne gezielte Gegenmaßnahmen« wäre es wohl zu einer unzulässigen Versprödung gekommen. »Ein spröder Werkstoff«, wissen auch die Kraftwerker. »versagt im Extremfall spontan.«

Durch eine neue »Kernbeladestrategie« aber- abgebrannte Brennelemente werden nahe der Reaktorwand eingesetzt - und durch sogenannte Absorberstäbe, die Neutronen einfangen sollen, sei die gefährliche Strahlung auf die Reaktorwände »deutlich reduziert« worden.

Gleichwohl ließen sich die Stader Strommacher für ihre Notkühlung einen Trick einfallen, damit die versprödeten, 20 Zentimeter dicken Stahlwände im Falle eines Falles nicht zu stark belastet werden. Normalerweise wird das Kühlwasser mit einer Temperatur von 300 Grad an den etwa gleichwarmen Reaktordruckbehälterwänden entlanggeführt. Im Notfall aber müßte kaltes Wasser kühlen: Die Folge wäre ein sogenannter »Thermoschock des Wandmaterials« - der spröde Reaktordruckbehälter könnte platzen.

Vergangenes Jahr wurde Stade daher umgerüstet. Nun wird das Notkühlwasser im Ernstfall mittels jener Rohre in den Druckbehälter gepumpt, durch die normalerweise das Kühlwasser den Reaktor verläßt. Das kalte Wasser gelangt so unmittelbar an den heißen Kern, wird dort erwärmt und strömt erst dann an die spröden Druckbehälterwände.

Anders als TÜV und Reaktorsicherheitskommission, die diese Technikpositiv« bewerteten, haben Kritiker Bedenken. »Wenn notgekühlt werden muß«, sagt der Hamburger Grüne Klaus Gärtner, Studienrat für Physik, »kommt es zu großen Druckspitzen, weil die Laufrichtung des Wassers ja umgedreht wird.« 90 Tonnen Wasser müssen dann ganz schnell in die Gegenrichtung fließen, und dabei gebe es »mit Sicherheit Probleme«. Gärtner: »Solche Basteleien gibt es in keinem anderen Atomkraftwerk.«

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