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WEHNER Sprung nach vorn

aus DER SPIEGEL 13/1966

Hundertunddrei Jahre lang - seit dem Tage ihrer Gründung - sah die SPD ihren Feind mal links, mal rechts. Seit dem 6. Januar dieses Jahres wittert die älteste deutsche Partei diesen Feind in ihren eigenen Reihen.

An diesem Tage bestellte SPD-Chef Willy Brandt seinen Fraktionsgeschäftsführer Gerhard Jahn zum Untersuchungsrichter in parteieigener Sache Brandts Auftrag an Jahn: Wo sitzen im SPD-Vorstand »Heckenschützen«, die den Vize-Vorsitzenden Herbert Wehner über Kimme und Korn anvisiert haben?

Mit dem Spürsinn eines Kommissars Maigret und der inquisitorischen Härte eines Perry Mason betrieb Jahn die Fahndung. Amateur-Detektive aus der Bonner Parteizentrale und den SPD -Landesverbänden entwickelten zusätzlich kriminalistische Instinkte. Etymologen zerbrachen sich die Köpfe über vergleichende Wortforschung.

Doch am Freitag letzter Woche mußte Willy Brandt den 32 Mitgliedern seines Parteivorstandes offenbaren: »Wir haben einen starken Verdacht. Aber dieser Verdacht reicht nicht aus, Namen zu nennen.«

Zwei Tage nach der Bundestagswahl vom 19. September vorigen Jahres, die der SPD nicht die von den Genossen ersehnte Mehrheit beschert hatte, zogen in einer Bonner Wohnung drei des Journalismus kundige Sozialdemokraten Bilanz: An der Niederlage sei allein Wahlmanager Herbert Wehner schuld. In den folgenden Wochen bis Ende Oktober entluden sie auf 26 Bogen Schreibmaschinenpapier ihren Groll über den Vizechef. Ihr Vorwurf:

- Wehner ist noch heute das, was er einst war - Kommunist in der Methode.

- Wehner führt die SPD wie eine kommunistische Partei.

- Wehner hat die Solidarität der SPD -Genossen zerschlagen.

- Wehner läßt Parteimitglieder bespitzeln.

- Wehner unterdrückt in der Partei

jede Diskussion.

- Wehner will durch Manipulationen dafür sorgen, daß ihn der nächste Parteitag im Juni in Dortmund als Alleinherrscher der SPD bestätigt.

Garniert wurden diese Vorwürfe mit Pikanterien aus Wehners Vergangenheit: Mit Ulbricht und Pieck habe er es als einer der wenigen prominenten deutschen Kommunisten verstanden, das Moskauer Exil zu überleben. Noch auf dem Sterbebett habe der frühere SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher gewarnt: »Laßt diesen Mann nie in der Partei hochkommen.«

Nachdem sie auf 26 Seiten Wehner gleichermaßen als Diktator der Partei und als roten Bürgerschreck verteufelt hatten, berieten die drei Verfasser Anfang November, welchem Druckerzeugnis deutscher Sprache sie ihr Werk andienen könnten. Bei einer Veröffentlichung wünschten sie auf jeden Fall anonym zu bleiben, da sie um ihre Stellungen bangten.

Ihr erster Gedanke galt der Illustrierten »Stern« mit einer Auflage von 1,7 Millionen. Aber dann tauchten Bedenken auf: Leo Bauer, politischer »Stern«-Redakteur und einst Wehner -Genosse, könnte bei »Stern«-Chefredakteur Henri Nannen die Geschichte töten und die Verfasser dem Parteivorstand in Bonn demaskieren.

Einer der drei Schreiber entsann sich seiner Bekanntschaft zu dem Bonner Korrespondenten der »Stern«- Konkurrenz »Quick«, Mainhardt Graf Nayhauß-Cormons, 39.

In des Grafen Mehlemer Wohnung in der Rodderbergstraße 91 stellten sich die drei Besucher als Sozialdemokraten vor, die sich aus Sorge um ihre Partei und die deutsche Demokratie zu offenbaren gedächten.

Doch »Quick«-Chefredakteur Karl -Heinz Hagen, 46, von Nayhauß am nächsten Morgen in München angerufen, reagierte weniger enthusiastisch als sein Bonner Vertreter. Hagen zu Nayhauß: »Das mit dem Wehner ist doch eine olle Kamelle. Da meckern einige Wichtigtuer über einen Mann, dem sie nicht das Wasser reichen können.«

Einige Tage später - kurz vor Weihnachten - erreichte Hagen ein Anruf des CSU-Politikers Reichsfreiherrn zu Guttenberg mit der Frage, ob es stimme, daß die »Quick« Material gegen Wehner sammle. Guttenberg, dem SPD-Vize seit der SPIEGEL-Affäre 1962, als beide über die Möglichkeiten einer Großen Koalition verhandelten, persönlich und politisch verbunden, letzte Woche zum SPIEGEL: »Ich hatte in Bonn gehört, was sich zusammenbraut. Ich habe dann den Chefredakteur der 'Quick' gefragt. Er hat mir wesentliche Punkte der Schmähschrift erzählt und mir gesagt, ich könnte das ruhig Wehner mitteilen. Er habe nämlich nicht vor, diese Dinge zu bringen.«

Mit »Frohen Weihnachtsgrüßen« und einem Exposé von achteinhalb Seiten setzte der CSU-Baron den SPD-Genossen, der Urlaub in Spjuterum auf der schwedischen Insel Öland eingelegt hatte, von der Attacke aus den SPD eigenen Reihen in Kenntnis.

Aus den Ferien zurückgekehrt, verständigte Wehner Anfang Januar seinen Parteichef Willy Brandt: »In unserer Partei gibt es Verleumder. Gegen mich wird diesmal nicht aus der CDU, sondern von eigenen Genossen quergeschossen.«

Inmitten der festlichen Gratulationscour zu Konrad Adenauers 90. Geburtstag im Foyer des Bonner Bundeshauses entschied Brandt am 5. Januar spontan: »Das lasse ich untersuchen.«

Der von Brandt beauftragte Untersuchungsführer Jahn konzentrierte sich

zunächst auf die Redakteure des Parteiorgans »Vorwärts«.

Ende Dezember schaltete sich in der Münchner »Quick«-Redaktion das Bundesamt für Verfassungsschutz mit einer Warnung vor möglichem Geheimnisverrat ein (SPIEGEL 10/1966). Vier Wochen danach bohrten die noch immer nicht entlarvten Wehner-Gegner bei »Quick«-Chef Hagen nach, warum er ihre Attacke noch nicht veröffentlicht habe. Hagen über dieses Telephonat diese Woche zu seinen Illustrierten -Lesern: »Ich hatte die ganze Angelegenheit beinahe schon vergessen, da meldeten sich die Herren Informanten wieder. Sie waren empört: Weil ich den Artikel nicht gebracht - und weil ich kein Honorar gezahlt hätte. Sie wollten Geld sehen. Mich hat das, gelinde gesagt, ein wenig überrascht. In allen vorangegangenen Gesprächen waren die Herren als eine Gruppe von Idealisten aufgetreten, denen es um die Sache ging - um ihre liebe, alte SPD. Jetzt ging es plötzlich um Geld. Ich fragte, was sie haben wollten. Sie verlangten 10 000 Mark. 'Quick' zahlte den Idealisten 8000 - und ich schloß den Artikel fort. Damit, dachte ich, sei der Fall endgültig erledigt.«

Aber der Fall begann erst, ein solcher zu werden: Am 18. Februar enthüllte der Bonner Korrespondent der »Süddeutschen Zeitung«, Ulrich Blank, den Auftrag des SPD-Inquisitors Jahn und Details aus der Anti-Wehner-Schrift. Überschrift: »Der Baron warnt Wehner vor dem Grafen«.

Unruhe beschlich die über 700 000 Mitglieder der SPD: Zum ersten Male mußten sie zur Kenntnis nehmen, daß es offenbar eine parteiinterne Opposition gegen den Vize-Vorsitzenden gibt. Und Unwillen äußerten deutsche Zeitungen gegen den Illustrierten-Mann Hagen: Sie bezichtigten ihn der Perfidie, weil er zwar sage, er habe schlimmes Material gegen Wehner, veröffentliche es aber nicht.

Dazu Hagen: »Ich hätte ja geschwiegen, und ich hätte weiter geschwiegen. Die 'Süddeutsche Zeitung' hatte das Schweigen gebrochen - nicht ich.«

Indes: Die »Idealisten« hatten die »Quick« zur Kasse gebeten. In der »Süddeutschen« war ihr Thema angeheizt worden. Nun wollten sie ihr Werk in voller Länge gedruckt sehen.

In Bonn wandten sie sich an den Journalisten Friedrich König, der für

mehrere ausländische Zeitungen arbeitet, darunter auch für die Londoner »Daily Mail«. Zu den Informanten, so ließen die Autoren ihren Kollegen wissen, gehöre auch ein gewähltes Mitglied des Parteivorstandes.

Der offizielle »Daily Mail«-Vertreter in Bonn, George Vine, prüfte den Bericht und entschied, die Sache sei als innerparteiliche Auseinandersetzung in der SPD für einen Abdruck in seiner Zeitung nicht geeignet.

Nach diesem abschlägigen Bescheid überwanden die Verfasser ihre Scheu vor dem »Stern«. Um jedoch von Leo Bauer nicht erkannt zu werden, schickten sie König vor, der mit »Stern« -Chefredakteur Henri Nannen telephonierte. Nannen beauftragte seinen Bonner Korrespondenten Peter Stähle, Kontakt aufzunehmen und Verhandlungen zu führen.

Aber nach dem Lesen fand auch »Stern«-Chef Nannen wie vor ihm Konkurrent Hagen bei der »Quick": Die Vorwürfe gegen Wehner seien »alte Hüte«. Zudem wollte die Hamburger Illustrierte nicht hinter dem Münchener Blatt herhinken.

Als Stähle das Manuskript am 1. März zurückgeben wollte, fragte Vermittler König, ob vielleicht die intellektuelle »Stern«-Schwester »Die Zeit« Interesse habe. »Zeit«-Politiker Hans Gresmann äußerte sich interessiert und legte die Schrift am 4. März der Redaktionskonferenz vor.

Schon am 25. Februar hatte Gresmann in der »Zeit« zu dem damals von der »Quick« gehüteten Material gegen Wehner verlangt: »Heraus damit, ohne Zögern und Umschweife ... Die SPD -Führung, will sie nicht vollends in den Ruf geraten, ihr gingen Taktik und Arrangement über alles, müßte nunmehr auf der Veröffentlichung dieses Artikels bestehen.«

Vorletzte Woche servierte »Die Zeit« aus »Hagens Münchner Schreibtisch eine publizistische Leiche« (Gresmann): »Die Anklage der SPD-Fronde gegen Herbert Wehner«. In zehnundeinviertel »Zeit«-Spalten sahen sich die drei sozialdemokratischen Schreiber endlich gedruckt. Mit drei Sternen in der Autorenzeile. Honorar: 1250 Mark.

Auf die »Zeit«-Bombe reagierten Deutschlands Sozialdemokraten zunächst als Kameraden: Eng schlossen sich die Reihen um den angeschossenen Genossen Wehner. Willy Brandt: »Dieses Machwerk rechtfertigt keine politische Auseinandersetzung. Haltlose Kombinationen, Verdrehungen und Beschimpfungen ersetzen keine Tatsachen.« SPD-Fraktionschef Fritz Erler: »Anonymer Schreiberling, der sein Mißvergnügen abreagiert hat.« Helmut Schmidt: »Dreckskerle«.

Kaum war »Die Zeit« am vorletzten Donnerstag auf dem Markt, als bei »Quick«-Chef Hagen das Telephon läutete. Einer der Autoren fragte besorgt: »Können wir uns auf Ihre Diskretion verlassen? Oder werden Sie jetzt unsere Namen bekanntgeben?« Hagen: »Ich gebe nie einen Informanten preis.« Der Anrufer bedankte sich.

Nach der Lektüre des Artikels sicherte Vernehmer Jahn in Bonn hingegen feste Spuren: Hier seien nicht Amateure mit Funktionärsdeutsch, sondern schreibkundige Journalisten mit verzerrter Detail-Kenntnis aus der Führungs-Baracke am Werk gewesen. Jahns erster Verdacht erhärtete sich: Die Verfasser säßen in der Redaktion des offiziellen Parteiorgans »Vorwärts«.

Bonner Funktionäre und Journalisten analysierten das Memorandum stil- und wortkritisch. Sie glaubten gewisse »Bawarismen« und andere Ausdrücke aus dem süddeutschen Sprachgebiet entdeckt zu haben. Beispiele: »Wuseln«, »Kassier« statt des nordwestdeutschen Kassierer und ein »war« für »hatte«.

Aber am Freitag löste »Stern«-Korrespondent Stähle, gebürtiger Schwabe, das kriminalistische Mosaikspiel: Er selbst habe das Manuskript für »Die Zeit« leicht überarbeitet. Dabei sei schwäbischer Dialekt eingeflossen.

Wo nach Ansicht von Fahnder Jahn die »Heckenschützen« in der Tat sitzen, schrieb am Dienstag die »Frankfurter Allgemeine Zeitung": beim »Vorwärts«.

Die eher zurückhaltende denn enthüllungsfreudige FAZ übernahm von ihrem Bonner Korrespondenten Günther Gillessen den Bericht: »Der Parteivorstand hält mit Namen nach wie vor zurück. Doch scheint sich sein Verdacht hauptsächlich auf Carl Guggomos, den Chef vom Dienst, Ekkehard Wiemers, einen politischen Redakteur, dessen Bruder Adalbert Wiemers, einen freien Graphiker und Mitarbeiter des 'Vorwärts', und den ehemaligen Kulturpolitiker der 'Vorwärts'-Redaktion, Alexander von Cube, der jetzt beim Westdeutschen Rundfunk ist, zu richten.«

Noch am selben Dienstag schaltete sich der SPD-Schatzmeister Alfred Nau in die Ermittlungen ein. Mit dem »Vorwärts«-Verlagsleiter Petersen ging er die Verdachts-Argumente gegen die Redakteure durch.

Aus dem Urlaub auf der fernen Bühlerhöhe sprang »Vorwärts«-Chefredakteur Jesco von Puttkamer seinen bedrängten Redakteuren mit einem Fernschreiben zur Seite: »Kein Redaktionsmitglied des 'Vorwärts' ist direkt oder indirekt an der Abfassung des Anti-Wehner-Pamphlets beteiligt.«

Ungerührt von diesen Versicherungen, blieb Untersucher Jahn bei seinem Verdacht gegen die »Vorwärts«-Gruppe. Am vorigen Donnerstagabend ließ er sich im Bonner Bundeshaus vernehmen: »Ich wundere mich, daß noch keiner der Bonner Journalisten sich darum gekümmert hat, wer bislang keine Einstweilige Verfügung gegen die FAZ erwirkt hat.«

Keine Einstweilige Verfügung hatten bis zu dieser Stunde erwirkt: Guggomos, Ekkehard Wiemers und Cube.

Von Jahn in die Seilecke gedrängt, setzten die drei am letzten Freitag zum Sprung nach vorn an: Bei der 7. Zivilkammer des Bonner Landgerichts bekundeten Guggomos und Wiemers in »Eidesstattlichen Erklärungen«, mit dem von der FAZ so benannten »Pamphlet gegen Wehner« nichts zu tun zu haben. Deshalb solle das Gericht der Zeitung untersagen, sie als Verfasser des »Pamphlets gegen Wehner« zu verdächtigen. Das Gericht entsprach diesen Anträgen.

Cube ließ durch seinen Anwalt Strafantrag gegen den Bonner FAZ-Korrespondenten Gillessen und gegen Unbekannt stellen. Dafür war eine Eidesstattliche Versicherung der Unbescholtenheit nicht vonnöten. Doch Cubes Anwalt beteuerte: »Mein Mandant steht mit dem Wehner-Artikel in der 'Zeit' und dessen Urheber In keinerlei direktem oder indirektem Zusammenhang.«

Chefredakteur Hagen über die »Quick«-Informanten: Da sie aber fortfahren, tölpelhaft und überemsig mit ihren Geschichten hausieren zu gehen - werden sie nicht nur Geld, sondern sicher auch die Quittung bekommen.«

Sozialdemokraten Guggomos, von Cube, Wiemers: Verdacht gegen Vorwärts

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