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RUMÄNIEN-BESUCH Sprung noch vorn

aus DER SPIEGEL 38/1966

In Bukarests Restaurant Pescarus fiedelten die Zigeuner: »Dein ist mein ganzes Herz.« Gastgeber Gheorghe Cioara, Rumäniens Außenhandelsminister, und Gast Kurt Schmücker stießen mit weißem Tirnave-Wein und rotem Dealul Mare an.

Schmückers Toast: »Unsere Begegnung soll Zwischen-, nicht Endstation unserer gegenseitigen Beziehungen sein.«

Zwölf Stunden später, am Montagvormittag vergangener Woche, fuhr Bonns Emissär im volkseigenen Mercedes 300 SE vor dem rumänischen Außenministerium vor.

Von seinem AA-Reisebegleiter, dem Vortragenden Legationsrat Erwin Wickert, in die Lage eingewiesen, erläuterte Schmücker Außenminister Manescu Bonns Friedensnote, auf die Bukarest bislang noch nicht eingegangen ist. Der Deutsche warb, Bonn sei

willens, das Verhältnis zu Rumänien über die reine Handelspolitik hinaus weiterzuentwickeln.

Darauf der rote Diplomat: »Rumänien ist bereit - immer unter Wahrung der gegensätzlichen Positionen und Standpunkte -, in offenem Gespräch zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Bukarest und Bonn zu kommen.«

Schmücker lud Außenminister Manescu im Namen der Bundesregierung nach Bonn ein, und die Rumänen entließen ihren Gast für 24 Stunden zu seinen deutschen Landsleuten an die Schwarzmeerküste. Zwischen Neckermann- und Quelle-Turboprops-setzte die zweimotorige Iljuschin 14 der staatlichen Luftverkehrsgesellschaft Tarom am selben Tage auf der Piste von Konstanza auf.

Da sich trotz intensiver Suche keine passende Leihbadehose für ihn finden ließ, schlief Schmücker bald am weißen Strand von Mamaia ein. Reisekollege Gustav Stein, Präsidialmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, weckte schließlich das Interesse des Ministers an dem römischen Dichter Ovid, der vor 1950 Jahren in der Nähe des Schwarzmeerstrandes starb. Schmücker fuhr zum Ovid-Denkmal und berichtete später stolz: »Wir haben eine Ehrenrunde vor Ovid gedreht.«

Als er Dienstag früh in Konstanza wieder ins Flugzeug kletterte, um sein politisches Geschäft fortzusetzen, tönte aus einem Haufen deutscher Quelle -Touristen der Ruf: »Mach's gut, Dikker.«

Kurt Schmücker tat sein Bestes. Noch am Vormittag machte er im Spiegelsaal des Bukarester Ministerratspalastes Besuch bei Premier Maurer. Auf Gleichschritt bedacht, marschierten West - im halboffiziellen Anthrazitgrau - und Ost - in ebenso halboffiziellem Kastanienbraun - aufeinander zu.

Man sprach zunächst über Ökonomisches. Maurer: »Wir sind dabei, unsere Wirtschaft aufzubauen, und wir schämen uns überhaupt nicht zu sagen, wir wollen auch reich werden. Wir verlangen keine Geschenke, sondern gute Zusammenarbeit.«

Schmücker steuerte bald den Kulturaustausch an. Der Abschluß von Kulturabkommen, Vorstufe der diplomatischen Anerkennung, scheiterte bei den Ostblockländern bisher daran, daß Bonn auf einer schriftlichen Klausel über die Einbeziehung West-Berlins bestand, die Partnerländer aber nicht so deutlich der Drei-Staaten-Theorie Moskaus zuwiderhandeln mochten.

Der deutsche Wirtschaftsminister gab sich folkloristisch: »Wir bewundern Ihre große Gastfreundschaft. Und Ihre Liebe zur Musik. Wir möchten gern bei uns solche Künstler sehen.«

Maurer erwiderte, das sei durchaus zu machen. Aber: »Dafür braucht man nicht sofort ein Abkommen.«

Im Gästehaus der rumänischen KP am Blumensee, einem mit Schwimmhalle ausgestatteten Prunkbungalow, neben dem Erhards Heim am Rhein ärmlich wirkt, traf Schmücker am nächsten Tag Rumäniens Parteichef Nicolae Ceausescu.

Spaßhaft schlug der Kommunist dem Kapitalisten zunächst vor: »Sie geben uns Maschinen und Ausrüstungen, wir Sonne und Meer.« Dann referierte Schmücker über Friedensnote, Gewaltverzicht und Viermächte-Verantwortung für Deutschland.

Ceausescu: »Die Wiedervereinigung ist eine Sache der Deutschen selbst.« Darauf Schmücker: »Einverstanden, wenn alle Einflüsse von außen ausgeschaltet werden.«

Nach drei Besuchstagen und der Unterzeichnung eines deutsch-rumänischen Handelsprotokolls kamen Schmücker und seine Gastgeber überein, Außenminister Manescu solle noch in diesem Jahr an den Rhein reisen. Freilich unter einer Bedingung: Vorher müsse Klarheit darüber bestehen, daß die Bonn-Visite auch zu einem greifbaren Ergebnis kommen werde.

Bonns neuer Unterhändler in Bukarest, Erich Strätling, der seinen Posten als Leiter der Handelsvertretung erst am 1. September angetreten hat und vorläufig noch ohne eigenes Mobiliar in der Suite 241 des Prominentenhotels Athénée Palace residiert, muß sich mit den Rumänen über eine neue Berlin -Formel einigen. Seine Fleißaufgabe: Die neue Formel darf weder den deutschen Standpunkt (Berlin-Klausel) noch den rumänischen (keine Berlin-Klausel) verletzen.

Schon vom Bundeskanzler war Schmücker vor seiner Abreise darauf hingewiesen worden, daß allzu schnelle Vertrautheit mit Bonn den Rumänen Nackenschläge aus Moskau eintragen könnte. In Bukarest wurde die Furcht davor ganz deutlich.

Als der Bonner Sendbote dem Ministerpräsidenten zugestand: »Wenn man den Sprung zu forsch macht und bricht sich ein Bein, dann fällt man wieder zurück«, stimmte der Rumäne eifrig zu.

Gheorghe Maurer will sogar noch vorsichtiger sein: »Man darf sich nicht einmal den Fuß dabei verstauchen.«

Staatsbesucher Schmöcker, Gastgeber Maurer: »Wir wollen auch reich werden«

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