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POLEN / JUSTIZ Sprung vom Zug

aus DER SPIEGEL 48/1967

Von einem Transportzug, der ins Vernichtungslager Treblinka fuhr, sprang 1943 ein jüdisches Ehepaar ab - mit seiner zweijährigen Tochter Nina. Die Mutter kam dabei ums Leben, der Vater beging Selbstmord.

Die Partisanin Stanislawa Karsow nahm das beim Sprung verletzte Mädchen, das seither an einer Rückgratverkrümmung leidet, an sich und gab ihm den eigenen Namen. Die herangewachsene Nina Karsow studierte an der Warschauer Universität Philologie und wurde Mitarbeiterin des jüdischen Historikers Szymon Szechter, eines Kommunisten, der in der Sowjet-Armee gekämpft hatte und fast erblindet ist.

Im August 1966 verhaftete der polnische Staatssicherheitsdienst Szechter samt Nina Karsow und beschlagnahmte ihre Aufzeichnungen: Sie hatten an einer Chronik der polnischen kommunistischen Partei geschrieben.

Unter dem beschlagnahmten Material befand sich auch die Kopie eines »Offenen Briefes an die Partei, in dem die daraufhin verhafteten, inzwischen freigelassenen Universitätsassistenten Jacek Kuron und Karol Modzelewski gegen das Machtmonopol der Partei aufbegehrten (siehe Kasten).

Nach einem Jahr Untersuchungshaft kam Szechter wieder frei. Nina Karsow wurde in Einzelhaft gehalten, in abgedunkelter Zelle -- trotz eines Bittbriefes ihrer Pflegemutter. Szechter behauptet, Nina Karsow sei in der Haft gewürgt und als »dreckige Jüdin« beschimpft worden.

Im Oktober, auf dem Höhepunkt der antizionistischen Kampagne in Polen, wurde sie vor Gericht gestellt: wegen »Aufbewahrung staatsfeindlicher Schriften zum Zweck der Verbreitung im Ausland« -- gemeint war vor allem der »Offene Brief«.

Der Prozeß war geheim. Als Zeuge wurde unter anderen Brief-Schreiber Modzelewski vorgeführt. Nina Karsow protestierte während der ganzen Verhandlung durch Schweigen. Nur zur Urteilsverkündung wurde die Öffentlichkeit zugelassen. Die Angeklagte, 27, erhielt drei Jahre Gefängnis.

Im Gerichtssaal rief Szymon Szechter: »Nieder mit den Unterdrückern!« Zuhörer sangen aus Solidarität mit der Angeklagten die Internationale.

Warschauer Studenten demonstrierten gegen das »stalinistische und barbarische Urteil«. Acht wurden festgenommen.

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