TERRORISTEN Spuren in der Maske
Die violetten, überdimensionierten Steckbriefe ("Vorsicht Schusswaffen!") sind längst geschreddert oder im Archiv abgelegt. Als die Rote Armee Fraktion (RAF) im März 1998 ihr Ende verkündete, fügte sie an, sie sei »nun Geschichte«. Kampfgefährten wünschten sich »viel Glück im neuen Leben« und rieten: »Lasst euch nicht erwischen.«
Doch die Geschichte hat nun plötzlich eine Fortsetzung: Seit Ende vergangenen Jahres ermittelt die Karlsruher Bundesanwaltschaft im Stillen gegen eine Art Nachfolge-RAF; wegen eines Überfalls auf einen Geldtransporter liegen bereits Haftbefehle vor. Ursprünglich glaubten Fahnder, es habe sich um eine »gewöhnliche, allgemeinkriminelle Geldbeschaffung« gehandelt. Jetzt aber ist von »Neoterrorismus« die Rede.
Und dank neuer Analysemethoden könnte es den Behörden zugleich gelingen, jene Verbrechen aufzuklären, zu denen sich die RAF bekannte, die aber unlösbar schienen - diese Altlast galt bislang als größtes Fahndungsfiasko der deutschen Polizeigeschichte. So kam vergangene Woche heraus, dass der 1993 in Bad Kleinen bei einem Polizeieinsatz ums Leben gekommene Terrorist Wolfgang Grams in eines der spektakulärsten Attentate der RAF verwickelt gewesen sein dürfte: den Mord an Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder im April 1991.
Und es sieht so aus, als wäre diese Erkenntnis erst der Anfang: Eine Sonderkommission des Bundeskriminalamts (BKA) - internes Kürzel AG 80/90 - durchforstet seit Jahren die Akten von 112 Verfahren. Und in 19 Fällen liegt Spurenmaterial vor, das jetzt genetisch untersucht werden soll.
DNS-Untersuchungen könnten auch entscheidend bei der Klärung des jüngsten Verdachts sein - dass sich nämlich Mitglieder der ehemaligen RAF-Kommandoebene zu einer neuen terroristischen Vereinigung zusammengeschlossen haben. Mit dabei sein sollen der bereits einschlägig verurteilte Ernst-Volker Staub, 46, und Daniela Klette, 42.
Spätestens im April 1999, so Karlsruher Ermittler, sei der neue Terrortrupp gegründet worden. Mindestens ein Verbrechen kann ihm bereits nachgewiesen werden - der Überfall auf einen Geldtransporter in Duisburg-Rheinhausen am 30. Juli 1999, Beute: rund eine Million Mark.
Die Täter waren mit einer Panzerfaust und einer Maschinenpistole bewaffnet. Bei der Untersuchung am Tatort gefundener Gesichtsmasken und zweier Autos fanden Experten des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts Spucke und Abriebspuren. Als die DNS-Profile im Februar 2000 der zentralen Datenbank des BKA übermittelt und mit vorhandenem Material verglichen wurden, wollten die Kriminalisten den Befund erst nicht glauben - er wies eindeutig auf Staub und Klette.
Nach längerer Prüfung kam die Bundesanwaltschaft zu der Erkenntnis, hier sei eine neue terroristische Gruppe am Werk, die sich der verbliebenen logistischen Strukturen bedient. Wie früher die RAF brachte das Kommando an den für die Tat gestohlenen Autos etwa so genannte Doubletten-Kennzeichen an, gefälschte Nummern tatsächlich existierender baugleicher Fahrzeuge.
Zwar prüften die Ermittler auch die Möglichkeit, dass der Überfall nur der Geldbeschaffung gedient haben könnte. Dann jedoch setzte sich die Überzeugung durch, es sei extrem unwahrscheinlich, dass frühere RAF-Kader heute als »normale Gangster« weitermachten, dies entspreche nicht ihrem revolutionären Gehabe.
Deshalb erließ der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof bereits vergangenen November neue Haftbefehle gegen Klette und Staub - wegen des dringenden Verdachts, eine auf »Mord und Totschlag« gerichtete Vereinigung gegründet zu haben und als »Mitglied daran beteiligt zu sein«. Schwerer Raub kommt hinzu.
Obschon die Spezialisten der bundesweiten »Koordinierungsgruppe Terrorismusbekämpfung« die RAF im Januar 1997 für praktisch tot erklärt hatten und die Terroristen ein gutes Jahr später ihr Ende bekannt gaben, waren intern die Warnungen nicht verstummt.
Zwar sei, urteilte das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), die RAF-Erklärung »nach aller Erfahrung glaubhaft«. Die verbliebene Logistik aber - »Waffen, Sprengstoff, Personalpapiere, Stempel etc.« - sei »möglicherweise weiterhin intakt«.
Ein solcher Fundus, folgerte das BfV, habe »noch Gebrauchswert für Personen oder Gruppierungen aus dem linksextremistischen Spektrum«. Außerdem dürften »noch beachtliche Geldbeträge aus Beschaffungsaktionen vorhanden« sein.
Auf drei vermeintliche RAF-Kader machten die Verfassungsschützer besonders aufmerksam: einen 32-jährigen Arztsohn, abgetaucht seit Mitte 1989, dazu Staub und Klette.
Zu den jüngsten Erkenntnissen von BKA und Bundesanwaltschaft haben sowohl Staub als auch Klette einen ganz besonderen Bezug: Auf den Asservaten, die nach der wilden Schießerei in Bad Kleinen sichergestellt worden waren, fanden sich interessante Spuren - Staubs Daumenabdrücke und auch »eine daktyloskopische Spur« (BfV) von Daniela Klette, ein Fingerprint.
Ihre jetzigen Zwischenerfolge verdanken die Fahnder einer peinlichen Notlage: Weil bis auf einen Bombenanschlag in Frankfurt (2 Tote, 23 Verletzte) keines der seit 1985 der RAF zugerechneten Verbrechen - Morde, Sprengstoffanschläge, Raubüberfälle - aufgeklärt werden konnte, entschloss sich das BKA zum Nachsitzen. Die AG 80/90 wurde gegründet, 20 Köpfe stark. Eine Aufgabe: Asservate auf DNS-Informationen zu untersuchen und sie dann mit bereits identifiziertem Material von Terrorismusverdächtigen zu vergleichen.
Viel gab es da nicht - ein paar Zigarettenstummel, Haare. Bis vor gut einem Jahr aber war es wissenschaftlich nicht möglich, Spuren von Desoxyribonukleinsäure (DNS) an ausgefallenen Haaren festzustellen; dies gelang nur, wenn noch die Wurzel eines ausgerissenen Haares in frischem Zustand war.
Dann schaffte ein teilzeitbeschäftigter BKA-Mitarbeiter, der seine berufliche Zukunft bereits in Südkorea gesucht hatte und schließlich eilig zurückgeholt wurde, den Durchbruch: Mittlerweile ist es möglich, die DNS auch unabhängig vom Wurzelgewebe im Haar selbst aufzuspüren - ein Quantensprung in der Kriminaltechnik.
Den ersten Erfolg verzeichneten die BKA-Wissenschaftler im vergangenen Jahr. In einer schwarzen Baskenmütze, welche die Täter nach einem fehlgeschlagenen Sprengstoffanschlag 1988 im andalusischen Rota zurückgelassen hatten, waren vier Haare gesichert worden. Bei einem Haar konnte, zwölf Jahre nach der Tat, »ein vollständiges Profil aller untersuchten sieben DNS-Merkmalsysteme ermittelt« (Fahnder-Vermerk) werden - es stammte vom RAF-Terroristen Horst Ludwig Meyer.
Im September 1999 war Meyer in Wien bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötet worden; seine Begleiterin Andrea Klump wurde festgenommen und vergangene Woche zu neun Jahren Haft verurteilt, weil sie beim Attentatsversuch in Rota dabei war.
Die guten Spuren sorgen im Bundeskriminalamt nach trüben Jahren wieder für Optimismus. »Wir sind zuversichtlich«, sagt Amtsvize Bernhard Falk »dass die Grams-Geschichte nicht der letzte Erfolg war.«
Eigentlich war die erneute Untersuchung des Rohwedder-Attentats im Prioritätenkatalog der BKA-Spezialisten zwar noch gar nicht dran. Aber wegen Rohwedders zehntem Todestag am 1. April zogen die Fahnder die Analyse vor. Und schnell fanden sie die Spur vom letzten Opfer der RAF-Geschichte zu einem Toten: Wolfgang Grams.
Als Grams, den Staatsschützer zur RAF-Kommandoebene zählten, auf dem Bahnhof von Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern starb, war eine Frau bei ihm: Birgit Hogefeld. Sie sitzt seither im Gefängnis - und soll nun auch im Fall Rohwedder vernommen werden.
Dass Grams postum eine Rolle spielt, liegt nur an einem einzigen Haar. Vor kurzem noch war ein solches Asservat wertlos. Jetzt ist es ein Beweisstück, das Grams nach Überzeugung der Ermittler »zweifelsfrei« zugeordnet werden könne.
Das Haar hatten Polizisten nebst sieben weiteren an einem dunkelblauen Frottee-Handtuch sichergestellt, das sie am Ort des Geschehens fanden, exakt 63 Meter von Rohwedders Villa im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel entfernt. Und nur dieses eine war nach der langen Zeit überhaupt noch auswertbar.
Von einem Schrebergarten aus war Rohwedder nächtens mit einem Schuss getötet worden - als er im hell erleuchteten Fenster zu sehen war. Zwei weitere Geschosse schlugen ins Haus ein, eines traf seine Ehefrau Hergard am linken Arm.
Drei Hülsen wurden gefunden - aber sie führten kriminaltechnisch nicht weiter. Ein Klappstuhl, der als Stütze für den Schützen gedient hatte - kein Ermittlungsansatz. Ein Fernglas Typ »Ultra« - Fehlanzeige.
Obschon die RAF - »Kommando Ulrich Wessel« - im Garten ihr Tatbekenntnis deponiert und wenig später den Mord am Treuhand-Chef (ein »Architekt Großdeutschlands") noch einmal für sich rekla-
miert hatte, blieb das Attentat geheimnisumwittert. Spekulationen konnten ins Kraut schießen.
So hieß es, Ex-Stasis hätten Rohwedder getötet - aus Rache für den Verlust Zigtausender Arbeitsplätze bei der Privatisierung der DDR-Wirtschaft. Ein Autorentrio mutmaßte, ob »nicht auch Feinde außerhalb der Linken, innerhalb des Systems des großen Gelds im In- und Ausland«, für die Tat in Frage kämen. Weil der oder die Täter spurlos verschwinden konnten, suggerierte ein WDR-Film eine Tauchflucht durch den nahen Rhein, ein James-Bond-Plot.
Immer wieder hatten die RAF-Terroristen ihre Jäger verhöhnt. »Sie wissen nicht viel über uns«, hieß es 1996 in einer Erklärung, »sie haben noch nie wirklich durchgeblickt, wie unsere Struktur« aussieht. Tatsächlich agierten die Klandestinen stets überaus vorsichtig. So versiegelten sie ihre Hände mit Wundspray, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Nur dass ausgefallene Haare einmal Beweisstücke werden könnten - damit hatte niemand gerechnet.
Nach der Rohwedder-Untersuchung nehmen sich die BKA-Experten jetzt des Falles Herrhausen an. Der Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen war am 30. November 1989 bei einem Bombenanschlag getötet worden. Am Tatort im hessischen Bad Homburg fanden sich etwa 50 Haare. Allerdings ist unklar, ob auch alle voll auswertbar sind. Wahrscheinlich können etliche nicht mehr gebraucht werden, weil von den Folien, auf denen sie fixiert waren, Klebesubstanzen in die Haare gedrungen sind.
Wie systematisch die Bundesanwaltschaft die Wunderwaffe DNS-Analyse einzusetzen gedenkt, zeigt der Fall Gisela Dutzi. Die 1987 auch wegen Mitgliedschaft in der RAF zu acht Jahren Haft verurteilte Frau wurde am 30. Januar in Frankfurt von fünf Polizisten vorläufig festgenommen und ins gerichtsmedizinische Institut gebracht. Dort wurde Dutzi »unter Anwendung unmittelbaren Zwangs« (so ihr Anwalt Gerd Klusmeyer) Blut entnommen.
Einen möglichen Abgleich des genetischen Fingerabdrucks seiner Mandantin mit Tatortspuren vergangener RAF-Anschläge hält Klusmeyer für »nicht von der Strafprozessordnung gedeckt«. Dafür hätten vor der Blutentnahme konkrete Verdachtsmomente vorliegen und ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden müssen.
Die neue BKA-Methode sorgt aber auch für Entlastung wie etwa im Fall Barbara Meyer. Jahrelang hatte sie als »Terrorchefin«, »Bomben-Barbara« oder »Staatsfeind Nr. 1« gegolten. Doch Ende vergangenen Jahres wurde ein Verfahren gegen Meyer, die sich nach langjährigem Exil den Behörden offenbart hatte, eingestellt - ihre DNS passte zu keiner der analysierten Spuren. GEORG BÖNISCH, GUNTHER LATSCH, GEORG MASCOLO
* 1999 in Duisburg.