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SPRINGER Spuren von Freiheit

Medienmogul Leo Kirch wehrt sich vor Gericht gegen die Enthüllung, Axel Springer habe ihn als »Kriminellen« beschimpft.
aus DER SPIEGEL 3/1989

In den siebziger Jahren wollte der Verleger Axel Springer in den Filmhandel einsteigen und ließ bei dem Münchner Grossisten Leo Kirch ein Paket mit 200 Spielfilmen ordern. Es war Springers erste und zugleich letzte Anschaffung dieser Art, denn der Zeitungszar war von dem Geschäft schwer enttäuscht. Nun, fast 13 Jahre später, muß sich das Münchner Landgericht mit dem längst vergessenen Handel befassen.

Wieder aufgewärmt hat die alte Filmgeschichte der frühere Springer-Geschäftsführer Gerhard Naeher. In der Fachzeitschrift »Neue Medien« erinnerte sich der Jurist, der inzwischen als freier Autor in Berlin tätig ist, Axel Springer habe wegen des mißglückten Filmgeschäfts »mit Kirch nichts zu tun haben« wollen. Noch 1980 sei der Verleger in einem Gespräch mit ihm, Naeher, über die zurückliegende Filmpleite in helle Wut geraten. Naeher wörtlich:

Als der Name Kirch fiel, brauste Axel Springer auf: »Der ist ein Krimineller. Der hat mich betrogen. In meinem Haus kann ich keine Geschäfte mit Kriminellen gebrauchen.«

Beim Landgericht München I reichte Kirch, 62, im vergangenen Oktober eine Unterlassungsklage gegen Naeher, 51, und »Neue Medien« ein. Am Mittwoch letzter Woche fand vor der neunten Zivilkammer die erste Verhandlung statt.

Im Prozeß wurde schnell klar, daß sich der Zorn des Filmhändlers Kirch nicht allein gegen den Abdruck der persönlichen Beleidigung richtet, die er überdies für erfunden hält. Denn es sei »undenkbar«, heißt es in der Klageschrift, »daß eine angesehene und seriöse Persönlichkeit wie Axel Springer ein derartiges Vokabular verwendet« habe.

Besonders unangenehm sind Naehers Enthüllungen für Kirch vor allem, weil der Münchner seit 1985 mit zehn Prozent am Axel Springer Verlag beteiligt ist und gegen alle Widerstände der Familienerben eine ideologische und ökonomische Führungsrolle in der Nachfolge des 1985 verstorbenen Verlagsgründers beansprucht.

Ausgerechnet in dieser Situation machte der einstige Springer-Vertraute Naeher öffentlich, sein Dienstherr habe sich von seinem späteren Möchtegern-Nachfolger hereingelegt gefühlt. Kirchs Beta-Film GmbH, bei der die Springer-Leute ihre 200 Filme erworben hatten, habe sich zwar zum gewinnbringenden Vertrieb der Kinoware verpflichtet. Doch sei Kirch, so Naeher, dieser Verpflichtung höchst ungenügend nachgekommen, so daß Springer Verlust gemacht habe - entgegen allen Versprechungen des Grossisten.

»Unglaubhaft«, »unlogisch«, »unsubstantiiert« und »falsch« nennen Kirchs Anwälte in ihrer Klageschrift Naehers Erzählungen. Die Verleumdungen seien aufgetischt worden, weil »die Beteiligung des Klägers am Springer-Konzern bekanntlich einer andauernden öffentlichen Diskussion unterliegt«.

Hintergrund der Kirch-Klage ist der noch immer schwelende Machtkampf um Deutschlands größten Zeitungskonzern, der mit Blättern wie »Bild«, »Welt« und »Hörzu« 2,8 Milliarden Mark umsetzt. Auch die Übernahme der Aktienmehrheit durch die Familie Springer, die im April letzten Jahres ein 26-Prozent-Paket von den Brüdern Franz und Frieder Burda zurückkaufte, hat den Springer-Verlag nicht befrieden können:

»Bunte«-Verleger Hubert Burda, 48, macht gerichtlich ein Vorkaufsrecht an dem 26-Prozent-Paket geltend. Bei Springer wird erwogen, sich kommende Woche den von ihm verklagten Brüdern anzuschließen und sich in den Vorkaufsprozeß einzuschalten, der in zweiter Instanz vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe anhängig ist. Damit wäre Hubert Burdas Linie einer gütlichen Einigung mit den Springers über die Herausgabe der Aktien gescheitert.

Leo Kirch, von dem sich die Springer-Erben wegen seiner unverhohlenen Machtgelüste abwandten, hat seinen Kampf um mehr Einfluß in dem Verlag ebenfalls noch nicht aufgegeben. Er ließ hinter dem Rücken der Springer-Familie, zusätzlich zu seinen zehn Prozent, durch Partner und Treuhänder weitere Springer-Aktien aufkaufen. Am Tag vor Silvester verkündete er, nunmehr verfüge er »unmittelbar und mittelbar« über mehr als 25 Prozent.

Neu war das allerdings nicht, denn von den heimlichen Zukäufen hatte Kirch schon früher geredet. Immerhin bescheinigte ihm das Bundeskartellamt im November, rechtlich spreche nichts gegen die Aufstockung. Doch Vorstand und Aufsichtsrat bei Springer verweigern ihm die zusätzliche Übertragung der vinkulierten Namensaktien*, so daß er das Stimmrecht nicht ausüben kann.

Der Springer-Vorstand verurteilte die 25-Prozent-Version daher als »bewußte Irreführung durch den Aktionär Kirch«. Dennoch ist denkbar, daß eine Kirch-Fraktion bei der nächstfälligen Hauptversammlung im kommenden Sommer dem Opponenten zu einer Sperrminorität verhilft.

Bei Springer laufen bereits Gegenmaßnahmen gegen ein solches Manöver. Sollten Kirch und seine Verbündeten, wie in gezielten Pressemeldungen angedeutet, dem Aufsichtsrat die Entlastung verweigern, würde die Erben-Mehrheit (50,1 Prozent) um Verlegerwitwe Friede Springer mit einer demonstrativen Vertrauenserklärung für das Gremium kontern. Kirch müßte sich auf eine Protestwelle gefaßt machen, wie sie ihm im letzten April, als er sich mit den Burda-Brüdern zusammengetan hatte, schon einmal aus dem Springer-Verlag und dessen Blättern entgegengeschlagen war. Dem Pressekonzern steht offenbar ein heißer Sommer bevor.

In dieser gespannten Situation macht der Prozeß gegen Naeher deutlich, wie stark im Hause Springer die Abneigung gegen Kirch ist. Naeher, einst Geschäftsführer von Springers Programmgesellschaft Ullstein AV, fiel schon früh Kirchs Machtansprüchen zum Opfer.

Als Vertrauensmann Axel Springers hatte der Jurist und Journalist in Hamburg eine Sendegesellschaft von 139 Zeitungsfirmen aufgebaut, die seit 1985 die Nachrichtensendung »Blick« zum neugeschaffenen Sat-1-Fernsehen beisteuerte. Auf Betreiben von Kirch-Manager Joachim Theye wurde die Sendung Mitte 1986 der Mainzer Sat-1-Zentrale unterstellt, und die Verleger-GmbH verlor ihre Eigenständigkeit.

Geschäftsführer Naeher zog sich grollend ins Privatleben zurück. Er schrieb Gedichte ("Spuren von Freiheit") und brachte seine Erlebnisse beim Aufbau des Privatfernsehens in einem Tagebuch zu Papier, das die Zeitschrift »Neue Medien« abdruckte.

Springer-Vorstandschef Peter Tamm, 60, hielt Kirch eine Zeitlang noch für einen »fairen Partner«, von dem er glaubte, seine Expansion richte sich nur gegen die kleineren unter den 139 Verlagen. Später bekam er selbst das »gigantische Machtstreben« (Tamm) der Münchner zu spüren, die bei Sat 1 beispielsweise, ohne Rücksicht auf Programmwünsche anderer Teilhaber, so viele Filme und Serien aus Kirchs Beständen abspielen wollten wie möglich.

Naeher wunderte das längst nicht mehr. Denn so ähnlich, führte er in seinem Tagebuch aus, sei es schon beim Filmdeal von 1976 zugegangen. Warum hätte der Filmhändler, schrieb Naeher in seinen Notizen, »ein Interesse an einer optimalen Verwertung« der 200 Filme haben sollen, die er gerade für viele Jahre zum Preis von 5,9 Millionen Mark an Springer verhökert hatte? In Kirchs Filmlager gab es schließlich genügend eigene Ware.

Auf Axel Springers heftiges Veto stieß Naeher Ende 1980, als er von den Filmen Videobänder produzieren und die Videorechte bei Kirch anfordern wollte. Am Kamin in Springers Berliner Domizil Schwanenwerder erfuhr er, so Naeher letzte Woche vor den Münchner Richtern, daß der Verleger »sich betrogen fühlte und niemand mit Kirch sprechen durfte«. Als er es genauer habe wissen wollen, seien die bösen Springer-Worte vom »Kriminellen« Kirch gefallen - Sätze, die er sich hinterher notiert habe.

In der Kirch-Klage wird Naehers Bericht glatt zurückgewiesen. Schon die Version vom Verlustgeschäft sei falsch; denn die Beta-Film, so Kirch-Manager Theye, habe das für 5,9 Millionen Mark verkaufte Filmpaket 1984 für sieben Millionen Mark zurückgenommen. Naeher bleibt bei seiner Verlustversion, indem er Springers Zinsen auf den Kaufpreis draufrechnet.

Der Vorsitzende Richter Günter Hilger entschied letzte Woche, ohne Beweisaufnahme sei in dem verzwickten Fall nicht auszukommen. Ein Termin für die spektakuläre Sitzung soll am 15. Februar bekanntgegeben werden. Naehers Anwälte haben sechs Zeugen für Axel Springers tiefe Enttäuschung über Kirch angeboten, darunter die Springer-Aufsichtsräte Bernhard Servatius und Ernst Cramer, den früheren Generalbevollmächtigten Christian Kracht sowie den einstigen »Bild«-Chefredakteur und Springer-Manager Peter Boenisch.

In der Verhandlung wurde noch ein Zeuge für Springers Ärger über den »Kriminellen« Kirch nachnominiert. Gegenüber Vorstandschef Peter Tamm, erklärte Naeher-Anwalt Frank-Peter Reissinger, habe »Springer dieselbe Behauptung aufgestellt«. #

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