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Briefe

SS
aus DER SPIEGEL 47/1966

SS

Ich habe den ersten Teil Ihrer SS-Serie mit Interesse und einigem Gewinn gelesen. Ich stimme mit der Erklärung in der SPIEGEL-Hausmitteilung überein, wonach die Früchte Ihrer Arbeit zu den bedeutendsten der bisher von Ihrem Magazin veröffentlichen zeitgeschichtlichen Beiträge zählen.

Binghampton (USA)

PROF. GEORGE H. STEIN*

Als innerhalb des braunen Jahrtausends Geborener lese ich mit großem Interesse Ihre vorzüglich sachliche SS Geschichte sowie die zum Teil zwar recht unsachlichen, dafür aber menschlich voll engagierten und daher das Bild ergänzenden Leserzuschriften. Tübingen MICHAEL BRESTOWSKY

Nachdem die russischen Kriegshelden und die englischen Fliegerheroen hinlänglich vom SPIEGEL verherrlicht worden sind und damit dem deutschen Landser und der deutschen Zivilbevölkerung während des Bombenkrieges verachtungsvollste Ohrfeigen verpaßt worden sind, kommt jetzt, 21 Jahre nach Kriegsende, nochmal wieder eine ellenlange Serie über die SS. Das kotzt ja jeden Menschen an. Aber - die Rückseiten der Anzeigenseiten müssen ja irgendwie gefüllt werden.

Sennestadt (Nordrh.-Westf.)

WALTER VON BRÜNING

Seit Jahren suche ich nach einem Werk, das die Ereignisse einmal klar und ohne Verfärbung beleuchtet. Ich glaube schon jetzt sagen zu können: Ihre Arbeit hat sich gelohnt! Einem Jugendlichen ist diese saubere Darstellung nicht mir ein wertvolles Geschichtsbuch der jüngsten Vergangenheit, sie ist ein Dokument, das sich von allen ähnlichen Veröffentlichungen positiv abhebt. So klar und sachlich sind die Ereignisse jener Zeit noch nie aufgezeichnet worden.

Hamburg JENS FRIEDEMANN

Die jetzige Form Ihrer Serie ist eine Beleidigung aller Opfer des Naziregimes; sie ist zugleich eine Form, die Zeitgeschichte in Umkehrung zum tatsächlichen Wesen bringt.

Hamburg PAUL-GEORG SCHLAFFKE

Zu Ihrer neuen SPIEGEL-Serie möchte ich Ihnen mein Kompliment und meinen Dank aussprechen. Wenn es Ihnen gelingt, in einer objektiven und wissenschaftlich-sachlichen Dokumentation das Phänomen der SS und deren heterogene Zusammensetzung darzustellen, dann haben Sie einen bemerkenswerten Beitrag zur Gegenwartsgeschichte und Wahrheitsfindung geleistet. Daß dabei auch die gebührende Anerkennung für die mehr als 330 000 gefallenen tapferen Soldaten der Waffen-SS aus allen Teilen Europas verbunden ist, ergibt sich ebenso zwangsläufig wie die Dokumentation der Schuld der Männer, die außerhalb dieser soldatischen und integeren Gemeinschaft in verschiedenen Sondereinheiten Tod und Leid über Millionen Menschen gebracht haben.

Erlangen ERNST STAUBER

Mehr als zwanzig Jahre mußten vergehen, bevor ein halbwegs objektiver Bericht über die SS möglich wurde.

Borkum ROLF BECKMANN

Hiermit verzichte ich auf jede weitere Lieferung Ihrer Zeitschrift.

Stein (Schlesw.-Holst.) H. STROHBACH

Offensichtlich sind einige SPIEGEL-Leser zu einfältig, um Ihren Artikel über die SS richtig zu verstehen. Diese Leute sind es auch, die einerseits bis nach dem Kriege nie etwas von einem KZ und den darin herrschenden Zuständen gehört haben wollen. Andererseits wissen gerade sie von der damaligen Zeit alles besser, weil sie ja »dabei« waren (und immer gegen das Regime waren).

Uns jungen Menschen steht vielleicht kein Urteil über die damalige Zeit zu, aber durch den großen Abstand seit 1945 sind wir sicher in der Lage, einen objektiven Bericht über die SS richtig zu verstehen.

Münster MICHAEL SCHOETTLER

cand. med. dent.

Die Nazis liebten den Ausdruck »knochenerweichende Objektivität«, aber er scheint mir nicht (außer in der reinen Wissenschaft) in jedem Falle unangebracht. Er fiel mir jedenfalls ein angesichts Ihrer SS-Serie. Ob man Hiag -Treffen verbieten soll, ist eine demokratische und eine taktische Frage; aber fühlen ausgerechnet Sie sich berufen, für sie zu werben?

München PROF. DR. ALFRED V. MARTIN

Offenbar hat das zweijährige Dokumentenstudium auf den Stil von SPIEGEL Redakteur Höhne abgefärbt. Eigenartige Adjektiva ("inflationsgestörte Akademiker"), schiefe Bilder ("Leute, um der Konstruktion wirkliches (!) Leben einzuhauchen") machen das Lesen reichlich mühsam. Selbst wenn die Verwendung von Nazi-Vokabeln ("Stahlgewitter") als Ironie - so manchmal recht dünn - interpretiert wird: Wo ist der SPIEGEL Stil, nüchtern und distanziert?

Ihnen allerdings sachliche Kritik an Kogons Buch als Verhöhnung eines SS Opfers vorzuwerfen, läßt sich wohl nur mit hysterischen Geschichtsauffassungen vereinbaren. (Warum sich Historiker Wulff ausdrücklich von den Thesen und Feststellungen der Untersuchung distanziert, bleibt unklar. Schließlich hatte niemand behauptet, er stimme damit überein.) Solche Kritik werden Sie aber wohl auch noch verkraften können.

Bloomington (USA) ULRICH F. W. ERNST

Sie schreiben (Nummer 43, Seite 101): »Zur Freiheitsbewegung gehörte auch ein flüchtiger Bekannter Himmlers, der Landshuter Apotheker Gregor Strasser«. Mein Gott, »Jedermann« weiß doch, daß Gregor seit 1919 der Führer des »Freikorps Niederbayern« war, und daß von 1921/22 an Heinrich Himmler dort sein (unbezahlter!) Adjutant war - nach Übergang des Freikorps (in meinen Büchern »Hitler und ich«, »Exil« und so weiter im einzelnen beschrieben!) Himmler Gregors Stellvertreter als Gauleiter Niederbayern der NSDAP war und so weiter und so weiter.

Himmler, dessen soldatischen Ehrgeiz Sie richtig geschildert haben, war mit Bienenfleiß dabei, die illegalen Waffenlager des »Freikorps« (das auch MG Kompanien und sogar eine Haubitzen-Batterie umfaßte) vor den argwöhnischen Augen der alliierten Kontrolloffiziere immer rechtzeitig in einen anderen Heustadel zu verschieben. Ich habe Himmler in den Jahren 1922 bis 1924 häufig am Tisch meines Bruders getroffen, wo er fast täglich zum Mittagessen war. Er war damals völlig »Strasser-Mann« und versuchte mir einmal zu erklären, daß die SS, die er aufbaute, »das Gewissen des NS« sein sollte »notfalls auch gegen Hitler«, wenn der dem Mussolini-Faschismus zu weit entgegenkommen würde. Daß er später (aber lange nach Goebbels) sich änderte, ist für den Kenner der menschlichen Natur nicht verwunderlich!

München DR. OTTO STRASSER

Himmler hatte bei Beginn der Nazizeit in Waldtrudering bei vielen kleinen Geschäftsleuten hohe Schulden, die er auch dann nicht zurückzahlte, als er zu Geld kam. Die Gläubiger trauten sich dann nicht mehr, von ihm ihr Geld zurückzuverlangen.

Für seinen Garten in Waldtrudering kaufte er einen kleinen Pflug und scheute sich nicht, seine eigene Frau davorzuspannen und sie den Garten umpflügen zu lassen.

Als er später - zu Geld gekommen - am Tegernsee (nicht weit von Erhard heute) ein großes Haus von einer Kammersängerin kaufte, liebte er eine reichgedeckte Tafel und viele Delikatessen. Als eines Sonntags mittags Hitler bei Himmler unerwartet erschien, ließ Himmler schnell durch sein Dienstmädchen den üppigen Tisch abservieren, da Hitler solche Schlemmereien nicht litt, und damit Hitler das nicht merkte. Der Vater des Dienstmädchens war ein kleiner Gastwirt in München, der seinen Stammgästen diese wahre Episode seiner Tochter weitererzählte. Daraufhin ließ Himmler den Gastwirt in das KZ Dachau bringen, nur weil dieser die reine Wahrheit gesagt hatte.

Wendelstein (Bayern) E. VOIGTMANN

Ich kannte Himmler, er war mit meinem Vetter lange Jahre am sogenannten Max-Pennal in München, dar gemeinsam im Fahnenjunker- und Maschinengewehrkurs und dann gemeinsam an der Technischen Hochschule in München. So konnte ich Himmler öfters in der Wohnung meiner Verwandten antreffen. Er war auch nicht anders wie andere junge Männer, es fiel sogar etwas angenehm auf, nämlich dessen betonte Zurückhaltung gegenüber den Mädels. Mein Vetter hatte eine Schwester - auch ihr und ihren Freundinnen gegenüber war er immer gleichbleibend korrekt. Manche hätte vielleicht den sehr Ansehnlichen gern als Hochzeiter gesehen. Eigenartig war sein Blick, diese Augen! Für mich steht fest, daß Verdrängungen - hervorgerufen durch das betont streng katholische Elternhaus, das Hineingepreßtsein in Schablone, sicher viele frühkindliche strenge Erlebnisse zum Beispiel bei der Mutter - ihn keinen weiblichen Anschluß finden ließen (er fürchtete wohl immer, abgewiesen zu werden, und als ich von seiner Wahl hörte, sagten wir: er wurde geheiratet). Infolge der sich steigernden Verdrängungen platzte ihm dann leider der Kragen so, daß es Unzählige grausamst büßen mußten.

Wenn ich als Kind es nicht allein bemerkt hätte, sondern mal ein Seelenkundler oder Arzt, sicher wäre unendliches Leid, das Himmler verursachte, unterblieben.

Tüntenhausen (Bayern) MARIE HERMANN

Heinrich Himmler ist im November 1919 (am 22. November 1919) nicht wie behauptet in die Burschenschaft Apollo eingetreten, sondern in die Studentenverbindung Apollo im »Rothenburger Verband schwarzer (nicht farbentragender) Verbindungen« (R. V. S. V.).

München INGO NAGEL

Die Herren von der Waffen-SS werden dem SPIEGEL für den Nachweis, die Waffen-SS habe mit den Konzentrationslagern nichts zu tun gehabt, dankbar sein. Was ihnen bisher nicht gelungen ist, scheint Ihr Redakteur Höhne in der mit so viel Vorschußlorbeeren angekündigten Serie fertiggebracht zu haben: Die »Ehre« der Waffen-SS zu retten. Wie lange wird es noch dauern, bis sich die Bundeswehr auch zu diesem »Vorbild« bekennt?

Frankfurt EDGAR WEICK

In Ihrer Hausmitteilung zur Serie beantworten Sie die Frage »Hatte die Waffen-SS mit Konzentrationslagern zu tun« mit einem knappen »Nein«. Glauben Sie, daß sich unbefangenere Leser, für die ja - wie man immer wieder hört - KZ und SS identisch sind, mit diesem brisanten Nein begnügen werden? In meinem Bekanntenkreis gab es jedenfalls heftige Diskussionen, für die ich mir von Ihnen nicht nur den Zündstoff, sondern auch die Munition gewünscht hätte.

Bielefeld EBERHARD LÜTHKE

Bis Kriegsausbruch wurden die Konzentrationslager von den Totenkopfverbänden bewacht, die in keinem Zusammenhang mit der damaligen militärischen SS-Truppe (Verfügungstruppe) standen. Nach dem Polenfeldzug übernahmen die Totenkopf-Wachsturmbanne die Wache in den KZs, zählten jedoch zunächst ebenfalls nicht zur Waffen-SS. Dazu rechneten damals nur die Einheiten, die vom Oberkommando der Wehrmacht (also gleichsam von Staats wegen) als Formationen der Waffen-SS anerkannt wurden. Im April 1941 erhob jedoch Himmler eigenmächtig 163 Instanzen und Einrichtungen der SS zu Einheiten der Waffen-SS, darunter auch das Personal der Konzentrationslager. Es trug Uniformen und Soldbücher der Waffen-SS, war also zweifellos formell Bestandteil der Waffen-SS. Eine Berührung der kämpfenden Waffen-SS mit dem die gleiche Uniform tragenden KZ Personal ergab sich daraus, daß die Inspektion KL (eine weitgehend autonome Behörde, die ihre Befehle unmittelbar von Himmler erhielt) dem Führungshauptamt formell unterstellt war, also der Kommandobehörde der Waffen-SS. Diese Gemeinsamkeit verringerte sich wieder Anfang 1942, als die Inspektion Konzentrationslager (KL) in den Zuständigkeitsbereich des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamts überging. Dennoch blieben und bestanden Kontakte zwischen der eigentlichen Waffen-SS und dem KZ-Wachpersonal: gelegentlicher Austausch von Mannschaften, Zuständigkeit des Führerhauptamtes für Bewaffnung und militärische Ausbildung der KZ-Wachmänner. Die später aufgefundenen Briefbögen und Dokumente mit der Aufschrift »Waffen-SS. Konzentrationslager XYZ« beweisen Unterschiede zwischen Waffen-SS und KZ-Wachpersonal: Bei den Kampfverbänden wurden Im Schriftverkehr niemals Briefköpfe mit dem Oberbegriff Waffen-SS verwendet, sondern stets nur Nummer und Name der betreffenden Einheit aufgeführt. - Red.

* Autor des in den USA erschienenen Buchs »The Waffen SS«, das 1967 im Düsseldorfer Droste-Verlag herauskommen soll.

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