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Artikel 63 / 78

Briefe

STAATSEXAMEN
aus DER SPIEGEL 20/1966

STAATSEXAMEN

»Wohin treibt die Bundesrepublik?« So fragt der 83jährige, in der Schweiz lebende Professor Karl Jaspers in seinem neuen Buche, »dessen kritische Passagen der SPIEGEL sich zum Vorabdruck erbat«. Die Antwort ist einfach: Sie treibt genau dahin, wohin die Weimarer Demokratie trieb.

Hamburg J.SCHUMANN

Die vier Photos auf Seite 101 der Ausgabe Nummer 18 sagen mehr als lang und breit die erste Fortsetzung des großen Jaspers es kann. Aber dessen »Zwischenbemerkung« über Konrad Adenauer enthüllt eine sehr schwache Stelle in unseres hochberühmten Autors zeitgeschichtlichem Urteilsvermögen. Adenauer allein erkannte die Gefahr, daß ganz Deutschland kommunistisch würde, sagt er. Nur der wollte bedingungslos mit dem Westen zusammenarbeiten, nur der hat Westdeutschland vor dem Kommunismus gerettet? Nur Adenauer hat den ahnungslosen Amerikanern ein Licht aufgesteckt? Welch einen wirklichkeitswidrigen Unsinn bekommen die Anbeter des Propheten Jaspers hier verpaßt! Von Kurt Schumacher weiß der nichts, von dem Widerstand (ohne USA -Rückhalt) der Berliner Sozialdemokraten (Franz Neumann, Luise Schröder, Ernst Reuter) und von ihrer Wirkung auf die amerikanische Öffentlichkeit weiß er ebenfalls nichts. Daß die Sozialdemokraten von Berlin und die in der Zone damals, 1945 und 1946, ungeschützt und als niemandes Werkzeug, tapferen Widerstand gegen eine kommunistisch russische Machtergreifung leisteten, bevor der »Bundeskanzler der Alliierten« überhaupt in Aktion trat, das hinterließ zwar Spuren in der Geschichte jener Jahre, nicht aber in Jaspers Bewußtsein. Dem lief es vielmehr »kalt über den Rücken« bei weiß-Gott-welchen SPD-Programmen, von denen er gleichfalls nichts begriffen hat. Wird diese, ganze Jasperei womöglich vom SPIEGEL nur wegen der darin enthaltenen Philosophen-Schleichwerbung für den SPIEGEL abgedruckt?

München OTTO MOHRMANN*

Der Artikel von Jaspers ist die beste und objektivste Kritik unserer Demokratie, die ich bisher gehört habe. Leider werden unsere Politiker aber nicht daraus lernen, sondern sich eher noch einige Millionen Steuergelder bewilligen, um solche ketzerischen Gedanken im Volk zu bekämpfen. Sie haben aus der Weimarer Republik nichts gelernt!

Hannover H. KANDT

Wenn uns das Gespenst einer erneuten Diktatur in aller Schärfe vor Augen geführt wird, so sind die Mahnungen Jaspers' keineswegs unterzubewerten: Es ist die Gefahr, die unmittelbar hinter der heutigen Parteienoligarchie steht.

Göttingen ECKART KOCH

Was die Parteienoligarchie anlangt, so hat zum Beispiel Herr Paul Lücke als Wohnungsbauminister bereits diktatorische Eignung gezeigt, als Innenminister dürfte er sie erneut unter Beweis stellen.

Berlin OTTO KNOTHE

Selbstverständlich hat Karl Jaspers recht: Die Engländer haben keine geschriebene Verfassung - aber es klappt, weil sie sie im Kopf haben. Die Deutschen haben eine fein säuberlich geschriebene Verfassung - aber es klappt nicht, weil man ja natürlich von deutschen Ministern und so weiter, die nun einmal etwas gleicher sind als die Gleichen, nicht verlangen kann, daß sie das Grundgesetz dauernd unter dem Arm tragen. Da Herr Höcherl bis heute nicht aus dem Kabinett ausgeschieden ist, darf angenommen werden, daß seine Kollegen verschiedenen Grades mit seinem Ausspruch einverstanden sind.

z. Z. Taormina (Italien) HERMANN KRAUSE

Wir Bundesdeutschen haben nun einmal in unserem Kern nichts Demokratisches. Man muß Angst vor der Zukunft haben. Ja, wenn es wenigstens unseren Abgeordneten ernst mit dem Grundgesetz wäre! Aber sie haben ja leider alle an Stelle des Gewissens nur das Parteibuch stecken.

Köln DR. WERNER ANDRÄSS

Jaspers' Aussage ist mehr als erregend. Zeigt sie doch mit der Logik eines der Wahrheit dienenden Forschers und Wissenschaftlers, daß die Bundesrepublik bisher keine Demokratie war und unter den gegebenen Umständen auch nicht werden kann.

Celle (Nieders.) OTTo DÜNKEL

Ich hoffe, daß viele der alle vier Jahre von den Politikern zur Wahlurne gebetenen, auf absolute Sicherheit bedachten Mitbürger aus ihrer selbstzufriedenen Passivität, welche lediglich durch moneymakerische und vergnügungssüchtige Aktivität unterbrochen wird, aufschrecken; denn noch immer hält wohl die Majorität der Bundesrepublikanei ihre entartete Staatsform für den Hort und das Musterbeispiel einer Demokratie.

Uelzen (Nieders.) PETER PEERS

Dieser fundierte Bericht durchleuchtet unsere Demokratie und zeigt uns die ganze Ohnmacht des propagierten »Staatsbürgers"', der seine Untertanenrolle noch nicht ausgespielt hat. Sie übernehmen mit diesem Bericht die Aufgabe, die den Parteien laut Grundgesetz zufallen sollte, nämlich aufklärend und informierend zu Wirken? Es wird die weitverbreitete Ansicht zerstört, die die Überheblichkeit der Deutschen kennzeichnet, daß die bestehende Demokratie der Bundesrepublik eine der besten der westlichen Welt wäre.

Neu-Ulm (Bayern) ROLF WOLFART

Ich freue mich besonders darüber, daß der diagnostische Blick meines verehrten Lehrers Karl Jaspers heute immer noch so scharf und gut ist wie im Jahr 1935. Mag nun ein heftiger Empörungssturm gegen Jaspers, losbrechen. Leider hat er recht. Ich könnte ihm in jeder Weise mit Beweismaterial in Hülle und Fülle zur Seite treten. Wir sind ein Volk von Sklaven, die sich am laufenden Band von ihren Bonzen entmündigen lassen und bereit sind, für die Sicherheit und Dogmatik der jeweiligen Herren jedes Opfer zu bringen. Voraussichtlich wird die Masse unseres Volkes in die Notstandsdiktatur genauso hineintaumeln, wie in alle vorhergegangenen. Presse, Rundfunk, Justiz, Schule und Kirche werden weithin mithelfen, daß alles brav und der »Obrigkeit« ergeben vor sich geht. Wer zur Freiheit und zur Mündigkeit ruft, hat nichts zu lachen. Wohl brennen keine Scheiterhaufen und Gaskammern heute, aber an einigen Haustüren hat es bereits gebrannt. Die Feuerleger sind also unter uns.

Was wir endlich erkennen sollten ist dies: Kein Staatssystem kann uns helfen, wenn wir selbst uns nicht wesentlich ändern! Wenn wir uns nicht aus häßlichen, eigensüchtigen und ängstlichen Sklavennaturen in freie Menschen verwandeln.

Heiligenmoschel (Rheinl.-Pfalz)

WALTER SCHWAB

Pfarrer

Karl Jaspers beklagt sich darüber, daß die Staatsgesinnung bei uns noch Untertanengesinnung sei, und daß der Bürger nur schimpfe, wenn es für ihn gefahrlos sei. Doch wenn trotzdem einer wagen sollte, aufzustehen, dann ergeht es ihm womöglich so wie Dr. Günter Weigand in Münster.

Weingarten (Bad.-Württ.) JOST F. NOLLER

Dieses Buch kommt zu spät.

Rheydt (Nordrh.-Westf.)

GUSTAV GAIDETZKA

Aus einer Analyse wird eine Synthese: Karl Jaspers stellt die Macht der organisierten Gesellschaft der Ohnmacht einer unorganisierten Wählerschaft gegenüber, erweist der Macht keine typisch deutsche Reverenz, seziert mitleidlos die Gleichgültigkeit der Machtlosen, apostrophiert den Perfektionismus unserer bürokratischen Legalität - da ist kein moralinsaures Menetekel, nur die Wiederholung einer politisch gedankenlosen Vergangenheit aufgezeigt, in die der »freie« Teil Deutschlands hineingetrieben wird. Fragen wir uns, wer die Treiber sind.

Siegen (Nordrh.-Westf.) HANS BASEKOW

Sollten wir nicht stolz darauf sein, wenn wir noch treiben können? Ist nicht die beste republikanische Garantie das Bewußtsein, daß wir uns noch die Fähigkeit zum Treibenlassen erhalten haben? Beginnt der Abbau republikanischer Freiheiten nicht dort, wo fremde Mächte das Treibenlassen verhindern, wo ein Volk von Plänen - ob marxistische Manifeste oder formierte Gesellschaften - geleitet werden soll? Noch treibt die Bundesrepublik! Aber wohin verscheucht sie die Windbö, die Karl Jaspers losgeblasen hat?

Lüdenscheid (Nordrh.-Westf.) H. MÜLLER

Welchen Beitrag leistet heute noch der staatstheoretisierende Philosoph, der Praktikabilitäten und Realitäten unberücksichtigt läßt? Diese Frage ließ sich gegen Plato noch nicht als Kritik vortragen, gegen Jaspers erhebt sie den Vorwurf der Schwärmerei.

München H. Joschko

Herr Jaspers, ich verbeuge mich tief vor Ihrem Alter und Ihrem Können. Sie haben aber mit Ihrem Aufsatz der sogenannten DDR einen großen Dienst erwiesen und unserer jungen, im Entstehen begriffenen Demokratie einen Schaden zugefügt. Ihr Aufsatz ist nicht ganz objektiv; ich habe den Eindruck, er entstand »wider besseres Wissen« - was immer schlecht ist.

Nennig (Saarl.) WALDEMAR BACH

Von »Existenzerhellung aus der Vernunft« (Leitmotiv Jaspers') ist hier nichts zu spüren. Es ist die Philosophie des »Als ob« (Vaihinger) - als ob nämlich das deutsche Volk oder seine Führung die Freiheit des Handelns hätten. Der verehrte Herr Professor kontempliere über die Voraussetzung nach: Daß die Freiheit des deutschen Volkes durch den Atomschirm der USA gewährleistet ist, durch nichts sonst, und daß das deutsche Glacis die Expansion der roten Welle aufgehalten hat. Nur zwei Begriffe sind heute philosophisch zu analysieren (und zwar weltumfassend): die Freiheit und der Sozialismus. Hier das »Umfassende« (Lieblingswort Jaspers', das ihn als Mystiker entpuppt) herauszukristallisieren, wäre eine wirkliche Tat. So aber muß ich Sartre beipflichten, der sagt »Diese Art der Philosophie stinkt nach Aas, oder ist wie abgenagte Knochen, was dasselbe ist.«

Bitburg (Nordrh.-Westf.) ROLF RETTLER

Aus der Feder des Professors Jaspers fließt endlich eine Sprache, die in anderen westlichen Ländern besser verstanden wird als die Ihrer offiziellen Kreise, weil es endlich mal um einen Deutschen geht, dem politischer Dünkel und Präpotenz nicht imponieren.

Uriage (Frankreich) M. DE NOBLENS

* Bayrischer SPD-Landtagsabgeordneter.

Präsidenten Lübke und de Gaulle, Deutsche

Wilhelmine Lübke, Deutsche

General König, Ministerpräsident Altmeier

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