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»Staatsprüfungen sind ein Unding«

Theorie und Praxis in Herdecke *
aus DER SPIEGEL 21/1986

In Herdecke sind derzeit 204 Studenten eingeschrieben. Die Hälfte von ihnen studiert Medizin, sechzig studieren Wirtschaftswissenschaften vierzig Zahnmedizin, vier Musiktherapie. Sie haben eine Auslese hinter sich, der gänzlich andere Kriterien zugrunde liegen als dem Numerus clausus der staatlichen Hochschulen.

Die Studenten werden von Professoren, Dozenten und einigen Externen ausgewählt; der Abiturnotendurchschnitt spielt keine entscheidende Rolle die meisten haben allenfalls eine Zwei vor dem Komma. Gute Chancen auf einen Studienplatz in Medizin hat nicht der Einser-Schüler, sondern der sozial engagierte, vielseitig interessierte Bewerber, der beispielsweise eine Krankenpflegerausbildung abgeschlossen hat.

Die Mediziner werden vom ersten Studientag an praxisnah unterrichtet, wobei »die mitfühlende, dienende pflegerische Tätigkeit ganz im Vordergrund steht' - vom Waschen der Patienten bis zum Erfragen der Lebensgeschichte. Die Theorie kommt keineswegs zu kurz: Mit ihrer Erfolgsquote beim Physikum erreichten die Herdecker voriges Jahr bundesweit den zweiten Platz hinter der Universität Würzburg, in diesem Jahr dürften sie an erster Stelle liegen, und das, obwohl einer wie der Universitätsmitbegründer Konrad Schily die »Staatsprüfungen eigentlich für ein Unding« hält.

Von angehenden Wirtschaftswissenschaftlern fordert die Hochschule eine abgeschlossene Berufsausbildung oder intensive Berufspraxis. Die Studenten haben, ebenfalls von Anfang an, Kontakt zur Betriebs- und Arbeitswelt. Jedem Studenten steht ein Unternehmen als Mentor zur Seite, das er jederzeit besuchen kann. Nebenbei betreiben die Ökonomen eine Beratungsfirma für Branchen-, Markt- und Wettbewerbsanalyse.

Zwei Fremdsprachen sind Pflicht, Auslandsseminare obligatorisch. Jeder Student muß neben seinem Spezialstudium ein »Studium fundamentale« belegen, sich mit Philosophie, Geschichte und ökologischen Zusammenhängen beschäftigen und sollte auch künstlerisch arbeiten. Verlangt wird, daß er sich kritisch mit seinem späteren Beruf auseinandersetzt.

Die Lehrer, die an die Ruhr drängen, sind Linke wie Liberale wie Konservative, die vor allem eins eint: die Unzufriedenheit mit dem praxisfernen staatlichen Universitätsbetrieb. Die meisten Professoren haben ihr Beamtendasein aufgegeben. Sie erhalten unbefristete, aber jederzeit kündbare Verträge. Sie sind verpflichtet, an fachübergreifender Akademie-Arbeit teilzunehmen und dort ihr Fachgebiet zu erläutern.

Der Dekan der Wirtschaftswissenschaftler, Ekkehard Kappler, der früher in Wuppertal. Lissabon und Wien lehrte, kam nach Herdecke, um die »Stagnation« seines Faches zu überwinden. »Solche Studenten«, sagt er. »habe ich während meiner 18 Jahre im Staatsdienst nie gehabt.«

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