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EHRUNGEN Stabiles Feindbild

Hamburgs CDU streitet, ob sie Herbert Wehner als Ehrenbürger akzeptieren kann. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Im Urteil von CDU/CSU-Politikern sind gute Sozialdemokraten stets tote Sozialdemokraten. Der Unionsvorsitzende Helmut Kohl hat den verstorbenen SPD-Schatzmeister Alfred Nau vor dem Mainzer Parteispenden-Untersuchungsausschuß als »einen großartigen Menschen« beschrieben.

Und Heiner Geißler, Generalsekretär der CDU, macht sich bisweilen Sorgen, weil die SPD »nichts mehr mit der Partei Kurt Schumachers, Fritz Erlers und Ernst Reuters zu tun« habe.

So tragen, mit Zustimmung der Union, Straßen und Plätze den Namen berühmter Sozialdemokraten, vorausgesetzt, sie sind tot oder im politischen Ruhestand. In Hamburg wurden die beiden prominenten Genossen Herbert Weichmann (1971) und Helmut Schmidt (1983) zu Ehrenbürgern ernannt, und auch dabei wollte die CDU »aus Überzeugung« nicht abseits stehen.

»Dieser Bürgermeister«, lobte damals CDU-Fraktionschef Jürgen Echternach den aus dem Amt geschiedenen SPD-Regierungschef Weichmann, »war der Bürgermeister eines jeden von uns, auch der Opposition.«

Diese Anerkennung gewährt die Hamburger CDU nicht jedem Genossen, der sich aus der aktiven Politik zurückgezogen hat. Als letzte Woche in der Hansestadt Überlegungen der SPD bekannt wurden, den langjährigen Bonner Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner im nächsten Jahr, wenn er achtzig wird, zum 23. Ehrenbürger der Stadt zu ernennen, kam die CDU in Verlegenheit.

In der Union entbrannte ein heftiger Streit darüber, ob Wehner in die Ahnenreihe der Ehrenbürger passe. Der gebürtige Sachse, der 34 Jahre lang den Wahlkreis Hamburg-Harburg im Bundestag vertrat, habe zwar »nahezu jede mögliche Ehrung in Deutschland verdient«, gestand CDU-Fraktionschef Hartmut Perschau staatsmännisch-moderat zu. Ob es aber ausgerechnet die Ehrenbürgerschaft der mit Auszeichnungen so zurückhaltenden Hansestadt sein müsse, sei doch »zu bezweifeln«. Schließlich sei Wehner »über lange Jahrzehnte ein stabiles Feindbild bürgerlicher Wählergruppen« gewesen.

Dennoch wähnte Perschau sich des Großmuts der Christdemokraten sicher. Seine Partei, deutete er an, würde sich einer Ehrung bestimmt »nicht widersetzen«. Das hatte Reserve-Major Perschau offensichtlich falsch eingeschätzt. Jürgen Echternach, heute Landesvorsitzender der Hamburger CDU, unterstellte der regierenden SPD, sie mißbrauche die Ehrenbürgerschaft als »Selbstbedienungsladen für altverdiente Genossen«, und sprach von »Skandal«.

Es gebe wohl geeignetere Persönlichkeiten für diese Auszeichnung, eiferte Echternach, denn Wehner habe »Andersdenkende oft genug in übler Weise beschimpft«.

Die Ausfälle »Onkel Herberts« (Parteijargon) gegen CDU/CSU-Politiker, seine Zwischenrufe im Parlament und seine scharfzüngigen Interviews füllen ganze Zitatenbände. Wehner nannte Rainer Barzel einen »Schleimer«, Franz Josef Strauß einen »geistigen Terroristen« und qualifizierte die Politik der Union als »nicht friedensfähig« ab.

Den SPD-Landesvorsitzenden Ortwin Runde, Befürworter der Wehner-Ehrung, haben wiederum die Ausfälle Echternachs gegenüber Wehner nicht überrascht. Der Christdemokrat, konterte Runde, wolle offenbar »lieber Schleimer, Leute ohne Ecken und Kanten« als Hamburger Ehrenbürger sehen.

Auch den Vorwurf, in der Kaufmannsstadt würden nur Sozialdemokraten ausgezeichnet,

weist Runde zurück. Helmut Schmidt, jüngster Träger dieser Würde, sei »ja schließlich Kanzler des ganzen Volkes gewesen«, und die Hamburger Theaterdirektorin Ida Ehre, die im Oktober als erste Frau die Ehrenbürgerschaft erhält, habe er zu seinem »Bedauern nicht in unserer Mitgliederkartei entdecken können«.

Tatsächlich ist die Runde derer, die seit 1813 die höchste Hamburger Auszeichnung erhielten, bunt gemischt. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges waren die Generäle am stärksten vertreten, darunter Blücher, Moltke und Hindenburg, der spätere Reichspräsident. Einziger Künstler unter lauter Militärs, Diplomaten und Politikern: Komponist Johannes Brahms, ein gebürtiger Hamburger.

Adolf Hitler und Hermann Göring, in den dreißiger Jahren ausgezeichnet, wurden nach 1945 wieder von der Ehrenliste gestrichen.

Früher entschieden sich die Senatoren ausschließlich für Nicht-Hamburger, weil die Stadt nach hanseatischer Tradition »nur einen einzigen Stand freier Bürger« kennt. Inzwischen werden meist Einheimische ausgewählt, deren Verdienste »über den Rahmen Hamburgs hinaus« reichen.

Sie müssen allerdings, nach CDU-Verständnis, ins christdemokratische Weltbild passen. SPD-Vorschläge, Straßen nach linken Politikern zu benennen, haben die Unionschristen stets abgelehnt.

Sie stimmten 1983 dagegen, als die Sozialdemokraten einen Parkplatz im Universitätsviertel nach dem chilenischen Sozialisten und Präsidenten Salvador Allende benannten. Und sie protestierten auch im März dieses Jahres, weil die SPD dem von der SS ermordeten KPD-Führer Ernst Thälmann einen Platz im Stadtteil Eppendorf widmete.

Auch bei Wehner stört die CDU, neben seiner Streitlust im Parlament, die politische Vergangenheit. Er saß vor dem Krieg für die KPD im sächsischen Landtag, arbeitete im Exil in der UdSSR bei der Komintern und kam erst 1946 zur SPD. So gibt CDU-Perschau den Genossen »erst mal den guten Rat«, sich den Vorschlag »noch einmal zu überlegen«. Schließlich gebe es doch »fürchterlich viele Möglichkeiten«, Wehner zu ehren. Es müsse ja »nicht ausgerechnet in Hamburg« sein.

Herbert Wehner, der seit zwei Jahren in einem alten Bauernhaus auf der schwedischen Insel Öland lebt, hatte letzte Woche vom Parteiengezänk um seine Person »noch keine Ahnung« (eine Wehner-Vertraute).

Womöglich macht sich Christdemokrat Perschau unnötig Sorgen. Bisher hat Wehner, der »nach Adenauer bedeutendste deutsche Politiker nach dem Zweiten Weltkrieg« ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), fast alle angebotenen Auszeichnungen ausgeschlagen. Nur eine Ehrendoktorwürde nahm er an: die der Universität Jerusalem.

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