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Verkehr Stadt, Land, Bus

Mit einem Pflichtticket für Busse und Bahnen sollen Studenten in NRW gezwungen werden, ihr Auto stehenzulassen.
aus DER SPIEGEL 42/1992

An einem Dienstag im April vergangenen Jahres brach der Autoverkehr rings um Dortmund zusammen. Bis hinaus auf die Autobahnausfahrten stauten sich am Morgen die Kolonnen der Wagen auf dem Weg in die Innenstadt.

Das Chaos war sorgfältig geplant von einem Team der Umweltschutzgruppe Robin Wood. Die hatten - kleiner Eingriff, große Wirkung - mit ein paar Seilen die Parkplätze der Dortmunder Uni gesperrt.

Die »Autocalypse« (Robin Wood) hatte Folgen. Wenn in wenigen Tagen die Vorlesungen beginnen, werden an zahlreichen Universitäten des Landes nur noch Studenten akzeptiert, die ein Ticket für öffentliche Verkehrsmittel haben.

Die Düsseldorfer Wissenschaftsministerin Anke Brunn (SPD) und ihr Verkehrskollege Franz-Josef Kniola fördern ein Modell, mit dem in Nordrhein-Westfalen als erstem Bundesland alle Studenten dazu gebracht werden sollen, ihre Autos daheim zu lassen. Der Preis für eine Semesterfahrkarte - bis zu 90 Mark - soll gleich bei Einschreibung oder Rückmeldung kassiert werden.

Doch das Öko-Projekt zur Verkehrsberuhigung hat für Aufregung in den Universitäten gesorgt. An der Mehrzahl der 50 Hochschulen des Landes lehnen Asta oder Uni-Verwaltung das Zwangsticket in der geplanten Form ab.

Auto- wie Radfahrer weigern sich, den Fahrschein zu kaufen, den sie gar nicht benutzen wollen. Einige Studenten haben bereits vor den Verwaltungsgerichten gegen den Plan geklagt.

Vorerst wird so voraussichtlich nur ein Viertel der rund 500 000 Studenten des Landes mit dem Zwangsticket versorgt - mitgemacht haben vor allem die Hochschulen im staugeplagten Ruhrgebiet.

Dort haben die Studenten ein gutes Beispiel vor Augen: Das verbilligte »Semester-Ticket« gab es als Modellversuch schon im vergangenen Sommersemester an der Dortmunder Uni.

Nachdem sich die Dortmunder Studierenden bei einer Urabstimmung mit der erforderlichen Mehrheit von 30 Prozent für das Semester-Ticket ausgesprochen hatten, handelte der Asta mit dem Verkehrsverbund Rhein-Ruhr einen Einheitspreis von 85 Mark für das Semester aus. Aus der Sicht der Landesregierung war der Testlauf in Dortmund ein voller Erfolg. Der Anteil der busfahrenden Studiosi stieg von 20 auf 40 Prozent.

Nicht am Dortmunder Konzept, wohl aber an dessen Bedingungen üben die Studentenausschüsse anderer NRW-Universitäten Kritik. Die durchschnittlich 14 Mark, die Studenten umgerechnet auf den Monat für so einen Fahrschein hinlegen müssen, sind den Studentenvertretern zu teuer. Mit dem Betrag würden die Sozialbeiträge der Studenten für Wohnheime, Mensen und Unisport von durchschnittlich 60 Mark pro Semester mehr als verdoppelt.

»Der soziale Numerus clausus«, befürchtet die Kölner Asta-Vorsitzende Serife Barut, »wird immer höher geschraubt, und wenn angesichts leerer Kassen im Land der Ticketpreis demnächst auf 200 Mark steigt, ist das für viele Studenten nicht mehr zu leisten.«

Ihre Aachener Kommilitonen, rund 37 000 Studierende, wollen die Verkehrsbetriebe auf 30 Mark pro Semester drücken - oder vom Zwangsticket Abstand nehmen.

Das NRW-Modell, unter Studenten kurz »Stadt, Land, Bus« genannt, ist jedenfalls erheblich konfliktträchtiger als vergleichbare Versuche einzelner Universitätsstädte in anderen Bundesländern, Studenten zum Umsteigen auf Busse und Bahnen zu bewegen. In Darmstadt beispielsweise wird seit dem letzten Jahr der Studentenausweis zugleich als Fahrschein anerkannt. Mehrkosten für die Studenten der Technischen Hochschule: 24 Mark. Proteste: keine.

Die zwangsweise Inpflichtnahme der Studenten für den öffentlichen Nahverkehr an NRW-Universitäten hingegen birgt reichlich Rechtsstreit. So wies die Landesregierung in einem Rundbrief an die Hochschulen schon vorsorglich auf ein »verbleibendes Rechtsrisiko« hin.

Fraglich ist vor allem, welcher Fahrpreis den Studenten zugemutet werden kann. Bei zu hohen Preisen, so beschloß das Oberverwaltungsgericht Münster vergangene Woche in einem Eilentscheid, müsse die Uni auf das Zwangsticket verzichten oder Ausnahmeregelungen für bestimmte Studenten finden.

Als eine solche Ausnahme sieht sich der Dortmunder Architekturstudent Michael Burwick, 21, der den Münsteraner Eilentscheid erwirkt hat. Er will die 85 Mark »Zwangsgebühr« keinesfalls zahlen.

»Notfalls bis zur letzten Instanz« will sich der Student gegen den Eingriff des Asta in seine Finanzen wehren. Burwick: »Wenn das so weitergeht, schließt der Asta für mich demnächst noch ein Theater-Abo ab, ohne daß ich mich dagegen wehren kann.«

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