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Briefe

STADTBILD
aus DER SPIEGEL 41/1964

STADTBILD

Ich kann ja verstehen, daß Sie es mit den Bayern nicht ganz verderben wollen. Warum aber diese plumpe Anbiederung, mit der Sie auf der Titelseite München zur heimlichen Hauptstadt Deutschlands aufwerten? Sollten Sie vielleicht gar selbst dem unerklärlichen München-Kult erlegen sein? Jeder vernünftige Deutsche wird dagegen dankbar dafür sein, daß sich nach dem Krieg mindestens, drei Städte auf deutschem Boden zu Kristallisationspunkten entwickelt haben: Hamburg, Frankfurt und München. Eine Hauptstadt gibt es nicht mehr.

Hainhausen (Hessen) DR. KURT SIEBEN

Auf der Suche nach einer bundesdeutschen Hauptstadt haben sich Deine Redakteure die Liste der hiesigen Großstädte angesehen. Als erstes bot sich da Hamburg an, das mit seinen

1,8 Millionen an der Spitze steht. Das Dumme war nur: Man konnte es nicht zur Titel-Hauptstadt küren, weil man damit in den Chor jener eingestimmt hätte, die da seit Jahren behaupten, Deutschland würde von Hamburg aus regiert, nämlich von Herrn Augstein. Also München. Mir soll's recht sein, denn: .Das Schönste an Augsburg ist der Schnellzug nach München« (Volksmund).

Augsburg RÜDIGER SCHABLINSKI

Nun ist also endlich ans Tageslicht gekommen, was wohl so mancher SPIEGEL-Leser seit langem insgeheim geahnt hat: Die heimliche Liebe des sachlich unterkühlten SPIEGEL zur barocken bayrischen »Weltstadt mit Herz«.

München HELMUT NIEDERMEIER

Wann zieht denn der SPIEGEL nach München?

Illingen (Bad.-Württ.) WILFRIED GRIESSMANN

Man nehme »Time«, ein statistisches Jahrbuch, den Großen Brockhaus, einen gastronomischen Führer und zwei Münchner Zeitungen, eventuell noch den städtischen Haushaltsplan und schreibe das München Betreffende heraus. Dazu kommen noch ein paar Photos aus dem Archiv oder der Münchner Redaktion, garniert mit

Begriffen wie »Freizeitwert« und »Oktoberfest«, und fertig ist eine SPIEGEL-Titelgeschichte.

München JOCHEN EINNATZ

In Ihrem Aufsatz über München berichten Sie: »In der ,Kuhstall'-Bar eines zur Gastronomie übergetretenen griechischen Studenten namens Alecos ...«

Das Geschäft »Schwabinger Kuhstall« gehört Frau Edith Zweigenhaft; Herr Alecos ist in ihm nur als Geschäftsführer tätig.

Bei dieser Gelegenheit erlauben Sie mir noch ein Wort: Ihr Bericht über München ist ausgezeichnet, aber so optimistisch, wie wir Münchner es an und für sich gar nicht verdient haben. München KARLERNST W. GEIER

Rechtsanwalt

Jetzt weiß ich endlich, warum es sich in München so gut leben läßt: Dort kommt auf drei Einwohner immer nur ein Bayer. Ich habe mehrere Jahre in einer bayrischen Kleinstadt gelebt, und das war die Hölle.

Bremerhaven WERNER JANSSEN

Mir ist noch nirgends so unfreundlich in der Straßenbahn Auskunft erteilt worden, mir ist nirgendwo mein Bier so lieblos über den Tisch zugeschubst worden, ich habe nirgends so viele zerlumpte Leute am hellichten Tag auf der

Hauptstraße einer Stadt gesehen - wie in München. Gehen Sie einmal nach Hamburg, dort haben die Menschen viel mehr Humor und Umgangsformen als die Münchner.

Nienburg (Weser) DR. J. AHNEMANN

Wenn Ihr glaubt, Euch mit Eurem Münchner-Artikel »O'zapft is« bei den Bayern wieder einkratzen zu können, so kann ich Euch bloß sagen, das habt Ihr versäumt. Für Saupreußen Eurer Art, die nur nach Bayern kommen, um sich im Urlaub die Wampe vollzufressen, gehören die bayrischen Landesgrenzen gesperrt. Ihr könnt Euch ja bei mir melden, damit ich Euch für Euren Artikel »Die Brüder in Bayern« nachträglich noch die Gesichtserker massieren kann.

Berchtesgaden ANTON BRUCKNER

Der SPIEGEL hat die Titelgeschichte seiner letzten Nummer der Stadt München gewidmet. Es ist meines Wissens das erstemal, daß einer westdeutschen Stadt im SPIEGEL dieser Platz eingeräumt wird. Wahrscheinlich werden Sie nicht erwarten, daß der Münchner Oberbürgermeister dem SPIEGEL-Bild seiner Stadt in allen Punkten zustimmt. Das kann ich schon deshalb nicht, weil es keine Totale, sondern nur ein Brustbild geworden ist, bei dem bedeutsame Teile fehlen. So etwa ein Hinweis darauf, daß in München nicht nur gefeiert, sondern auch gearbeitet und fast ein Zwanzigstel der gesamten Lohn- und Einkommensteuer im Bundesgebiet bezahlt wird.

Aber der Artikel läßt doch allerlei von der Eigenart unserer Stadt und von dem erkennen, was Thomas Wolfe einmal als einen lebendig gewordenen deutschen Traum bezeichnet hat. Und dafür möchte ich Ihnen danken.

München DR. HANS-JOCHEN VOGEL

Oberbürgermeister

München-Titel

Vogel

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