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RADIOAKTIVITÄT Ständig unterschätzt

Eine Urananlage in Rheinland-Pfalz gefährdet Bevölkerung und Belegschaft. Das Mainzer Umweltministerium drückt sich davor, dem Betreiber Auflagen zu erteilen.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Ernst Theilen, 48, sozialdemokratischer Kommunalpolitiker in Rheinland-Pfalz, wartete monatelang vergeblich auf die Hilfe des christdemokratischen Bundesumweltministers Klaus Töpfer, 50. Der sollte klären, wie stark die Umgebung der einzigen westdeutschen Anlage, die Uranoxid zur Herstellung von Brennstäben produziert, verseucht ist.

Bei Strahlenmessungen rund um die »Gewerkschaft Brunhilde« im Hunsrück-Ort Ellweiler hatte das rheinlandpfälzische Landesamt für Umweltschutz und Gewerbeaufsicht eine erschreckende Belastung festgestellt. An vielen Stellen wurden weit mehr als 150 Millirem (mrem) pro Jahr gemessen, die nach der Strahlenschutzverordnung als Höchstgrenze erlaubt sind.

Doch das rheinland-pfälzische Umweltministerium, das bis Anfang Dezember vorigen Jahres vom neuen CDU-Landesvorsitzenden Hans-Otto Wilhelm, 48, geführt wurde, rechnete die Zahlen trickreich herunter. Die Umweltverwalter behaupteten, Grenzwerte seien nicht überschritten worden.

Ein Mensch müsse, wiegelte Minister Wilhelm ab, in der direkten Umgebung der Anlage mindestens 80 Tage ununterbrochen verweilen, um die zulässige Ganzkörperdosis von 150 mrem zu erreichen. Wilhelm: »Nicht die Meßwerte sind entscheidend, sondern das, was der einzelne tatsächlich an Strahlung abbekommt.«

Dies sei eine »mißbräuchliche Interpretation«, kritisierte der Atomexperte Michael Sailer vom Darmstädter Öko-Institut. Wilhelm und sein Nachfolger im Mainzer Umweltministerium, Alfred Beth, 48, redeten »der permanenten Verletzung der Strahlenschutzverordnung das Wort«.

Den Krach um die Grenzwerte soll, fordert Landrat Theilen, in dessen Kreis Birkenfeld die Urananlage liegt, Bundesumweltminister Töpfer schlichten. Töpfer, als ehemaliger rheinland-pfälzischer Umweltminister mit den Problemen der Atomfabrik vertraut, kniff jedoch.

Statt einer klärenden Antwort schrieb Töpfer: »Die Prüfung der Einhaltung des Grenzwertes und weiterer in der Ihrem Schreiben beigefügten Aufstellung des Öko-Instituts angesprochener Fragen obliegt den zuständigen Stellen des Landes Rheinland-Pfalz, die die Strahlenschutzverordnung als Bundesauftragsangelegenheit durchführen.«

Wie gefährlich die Uranoxid-Fabrik wirklich ist, glauben Experten belegen zu können. Die Bevölkerung und die 25 Beschäftigten seien stark gefährdet. Nach Ansicht des Radio-Ökologen Dieter Teufel vom Heidelberger Umwelt- und Prognose-Institut (UPI) weist der Betrieb der »Gewerkschaft Brunhilde« die »höchste Radioaktivitätskonzentration und Strahlenbelastung von allen Atomanlagen in der Bundesrepublik« auf. So ermittelten die Umweltwissenschaftler, daß

während des Betriebs der Anlage durch das Ablagern dünnflüssiger Produktionsrückstände auf Halden, die nicht nach unten abgedichtet sind, chemische und radioaktive Schadstoffe ins Grundwasser eingeleitet werden (Öko-Institut Darmstadt);

Proben aus zwei nahe gelegenen Trinkwasserbrunnen eine »signifikant erhöhte« Strahlung aufwiesen (Institut für Kernchemie der Universität Mainz);

die zulässige Strahlenbelastung für Beschäftigte in bestimmten Bereichen des Betriebsgeländes bereits nach einem Drittel der Jahresarbeitszeit (625 Stunden) überschritten ist (Institut für Kernchemie der Universität Mainz);

der Grenzwert bei der Emission von Abluft aus den Halden des Unternehmens um das 17- bis 86fache überschritten wird (UPI);

die Radioaktivität im Uranerz und in den Abraumhalden in Ellweiler um bis zu 2000 Prozent über dem Grenzwert der Strahlenschutzverordnung für genehmigungsfreien Umgang liegt (UPI).

Zudem hat der Mainzer Kernchemiker Otto Denschlag in Ellweiler eine weitere Gefahrenquelle ausgemacht: Aus den Halden der Anlagen strömt das hochradioaktive Edelgas Radon aus. Dies sei der »kritischste Punkt«, sagt Denschlag, im Umkreis von rund fünf Kilometern um die Urananlage habe die Radonbelastung eine »gefährliche Konzentration« erreicht.

Denschlag fertigte sein Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach. Die ermittelt schon seit Monaten gegen die Eigner der Uranfabrik wegen des Verdachts der Gewässerverunreinigung, der umweltgefährdenden Abfallbeseitigung und des unerlaubten Betreibens einer Anlage.

Werkseigner Wolfgang Hamma, 49, weist sämtliche Vorwürfe zurück. Er habe sich »persönlich nichts vorzuwerfen«, sein Unternehmen sei in Wahrheit auch »keine Atomanlage«, sondern »ein Bergbauunternehmen, das lediglich Natururan verarbeitet«.

Die Anlieger protestieren schon seit langem mit Demonstrationen und Versammlungen gegen die umstrittene Fabrik (SPIEGEL 9/1988). Eltern sind besorgt, weil die Behörden bisher nicht den Verdacht ausräumen konnten, zwischen der Uranoxid-Produktion und mittlerweile zehn Leukämiefällen in der Nähe des Betriebes gebe es einen Zusammenhang.

Obendrein mußte das Umweltministerium in Mainz vor drei Monaten weitere Schlampereien einräumen, die beispiellos sind: Rund 17 000 Tonnen schwachradioaktiv verseuchter Abraum von den Halden der Anlage in Ellweiler seien weiterverkauft und in den sechziger und siebziger Jahren zum Bau von Wohnhäusern und anderen Gebäuden verwendet worden.

Das Heidelberger Umwelt- und Prognose-Institut errechnete mit den Informationen über die Verwendung des strahlenden Abraums ein Schreckensszenario. In manchen Häusern liege die Strahlenbelastung durch Radon »im Bereich von 400 bis über 10 000 mrem pro Jahr und damit beim 13- bis 300fachen des Grenzwertes der Strahlenschutzverordnung«.

Die Bewohner erwarte deshalb, so Öko-Forscher Teufel, ein »um 10 bis 260 Prozent erhöhtes Krebsrisiko«. Das Umweltministerium im benachbarten Saarland hat Anfang des Jahres die Gemeinden im nördlichen Landesteil gebeten, Gebäude, die mit Haldenmaterial aus Ellweiler errichtet worden sind, zu melden.

Zehn Prozent aller Lungenkrebsfälle in der Bundesrepublik, meint der Marburger Nuklearmediziner Horst Kuni, »werden durch Radon verursacht«. Die Gefahr durch das radioaktive Zerfallsprodukt des Isotops Radium, das beim Verarbeiten von Uranerz anfällt, werde »ständig unterschätzt«.

SPD und Grüne verlangen inzwischen die Stillegung der Urananlage und die Sanierung des Geländes. Der grüne Landtagsabgeordnete Harald Dörr: »Hier werden permanent Grenzwerte überschritten, und darüber hinaus fehlen die notwendigen Genehmigungen.« SPD-Umweltsprecher Clemens Nagel kritisiert, der Betrieb der Anlage sei nicht nur wegen einer »fehlenden immissionsrechtlichen Genehmigung«, sondern »auch in wasserrechtlicher und atomrechtlicher Hinsicht« ein Verstoß gegen zahlreiche Vorschriften.

Daß zumindest eine Betriebsgenehmigung nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz fehlt, mußte das Mainzer Umweltministerium Ende 1988 einräumen. Bis dahin hatte der damals verantwortliche Minister Wilhelm stets behauptet, der Betreiber der Ellweiler Anlage erfülle »alle rechtlichen Voraussetzungen«.

Wegen Wilhelms schlaffer Taktik ist jetzt der neue Umweltminister Beth in der Klemme. Die Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach hat ihn aufgefordert, sich zur genehmigungsrechtlichen Lage zu äußern. Ohne Stellungnahme des Umweltministers Beth sei der Fortgang des Ermittlungsverfahrens gegen die Urananlage blockiert.

Der Hanauer Rechtsanwalt Matthias Seipel will noch diesen Monat beim Verwaltungsgericht Koblenz einen Eilantrag auf Schließung des Betriebes und die Beseitigung der Halden stellen. Seipel vertritt die Familie Stein, die neben der Atomanlage ein Rasthaus und eine Tankstelle betreibt.

Im zweiten Stock des Gebäudes ermittelten die Meßtrupps des Gewerbeaufsichtsamtes eine Strahlenbelastung von 186 mrem und am Zaun des Privatgrundstücks sogar den Spitzenwert von 638 mrem. Beide Werte liegen deutlich über der Höchstgrenze der Strahlenschutzverordnung von 150 mrem. »Da hilft auch nicht«, meint Seipel, die »plumpe Außerkraftsetzung des Strahlenschutzes durch die Landesregierung«.

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