Zur Ausgabe
Artikel 3 / 24

INDIEN / KRUPP-AUFTRÄGE Stahlstadt im Reisfeld

aus DER SPIEGEL 23/1955

Mit belfernder Stimme schockierten die Schlagzeilen-Ausrufer der Pariser Boulevard-Presse kürzlich die abendlichen Müßiggänger: »L'Empire Krupp renaît.« (Krupps Imperium ist wiedererstanden.) Der sensationell aufgebauschte Text brachte allerdings nicht - wie zu vermuten - einen Gruselbericht über den Bau neuer großkalibriger Krupp-Geschütze oder einer deutschen Atom-Anni, sondern einen mißlaunig-neidvollen Kommentar über die Exporterfolge der ehemals größten deutschen Rüstungsfirma. Im vergangenen Jahr stieg Krupps Umsatz auf fast eine Milliarde Mark an.

Vor längerer Frist hatte die offiziöse französische Zeitung »Le Monde« dem Nachfolger der Essener Kanonenkönige noch gouvernantenhaft empfohlen: »Alfried Krupp sollte umsatteln, er sollte sich der Religion widmen oder den schönen Künsten ...« Jetzt kommentierten die Pariser Zeitungen Krupps bedeutendsten Nachkriegsauftrag, dessen Ausführung in der Tat künstlerischen Elan erfordert: Die Verwirklichung eines vom Planungsbüro der Kruppschen Wohnbaugesellschaft im Auftrage der indischen Regierung entworfenen Stadtbauprojektes für Rurkela, einen bisher in keinem Atlas verzeichneten Ort der Indischen Union, der in etwa drei bis vier Jahren hunderttausend Einwohner aufnehmen soll.

Diese Stadt entsteht in einer der bisher ärmsten Landschaften Indiens, der Provinz Orissa. Zur Zeit ist Rurkela noch ein armseliges Reisbauerndorf im Bogen des Brahmani-Flusses (siehe Karte). »Die meisten kleinen Bauernnester müssen weichen«, sagt Architekt Coupette, der gemeinsam mit dem technischen Leiter der Kruppschen Wohnbaugesellschaft, Diplom-Ingenieur Konrad Steiler, das öde Terrain an Ort und Stelle sondierte, nachdem Krupp-Direktor Dr. Paul Hansen mehrmals nach Neu-Delhi

geflogen war, um mit den indischen Regierungsstellen über das Kernstück des Gesamtprojekts zu verhandeln. Krupp soll nämlich, zusammen mit der Duisburger Großfirma »Deutsche Maschinenbau-Unternehmungen AG« (Demag), auf den Reisfeldern von Rurkela ein großes Stahlwerk errichten. Die indische Stahlproduktion beträgt gegenwärtig nur 1,5 Millionen Tonnen jährlich (Westdeutschland: 17,4 Millionen Tonnen). Das neue Stahlzentrum soll Indien zunächst weitere 500 000 Tonnen, später sogar eine Million Tonnen Stahl liefern.

Außerdem beauftragte der indische Regierungschef Nehru in unparteiischer Neutralität auch noch eine sowjetische Staatsfirma und eine britische Gesellschaft mit dem Aufbau von zwei weiteren Stahlwerken. Die neuen Hochöfen und Konverter, in denen das kohlenstoffhaltige Eisen zu Stahl veredelt wird, sollen mit dem Erz der in der Nähe gelegenen Erzgruben gefüttert werden. Zur Zeit wird dieses Erz in das etwa 300 Kilometer entfernte einzige indische Hüttenrevier Dschamschedpur verfrachtet, das »der indische Krupp«, Dschamschedja Tata, um die Jahrhundertwende in der Nähe ergiebiger Kohlenfelder anlegte. Auch Dschamschedpur war damals - genauso wie das öde Rurkela - ein kümmerliches Dorf.

Nehrus Industrieplaner wollen - nach den Expertisen des Ingenieurbüros der Firma Krupp - in Rurkela ein großes Kohle-Eisen-Kombinat im Stil der sowjetischen Industriekolonien Magnitogorsk im Südural und Stalinsk im Kusnezkbecken schaffen. Die Erzzüge von Rurkela sollen als Rückfracht Tata-Kohle für die Hüttenkokereien des neuen Stahlzentrums mitbringen.

Schwieriger als die Projektierung der Stahlwerksanlagen war die Planung der Wohnstadt für 15 000 Arbeiter samt Familien. Sagt Krupps Chefplaner Steiler: »Wir mußten für jeden Hüttenarbeiter - vom Direktor bis herunter zum Pförtner und letzten Wachmann - ein Einfamilienhaus vorsehen. Nehru wollte es so.«

Die indischen Regierungsbeauftragten verlangten ausdrücklich einen Plan, der sich grundsätzlich von den hypermodernen Experimenten des französischen Architekten Le Corbusier unterscheidet. Nach dessen Plänen wurde nämlich nördlich der indischen Regierungshauptstadt eine Wohnstadt für die indischen Staatsbeamten gebaut. Aber Le Corbusiers mehrstöckige Steinkisten gefallen den Indern nicht recht - sie möchten lieber nach ihrer eigenen Fasson wohnen, in kleinen Häusern mit Hof und Garten, und jedes Grundstück soll von einer hohen Mauer umgeben sein, damit die Bewohner sich nicht gegenseitig in die Reisschüsseln schauen können.

Inzwischen hat Jawaharlal Nehru auch die Finanzierung des Milliardenprojekts halbwegs gesichert. Der Aufbau des Stahlzentrums wird einen Kapitalaufwand von rund einer Milliarde Mark, davon 635 Millionen Mark für die erste Aufbaustufe, erfordern. Die Bundesregierung hat der Indischen Union einen Vierjahres-Kredit von 72 Millionen Mark zugesichert. Die Engländer geben den Indern für die Industrieausrüstungen, die sie liefern wollen, sieben Jahre Kredit. Am großzügigsten verfahren die Sowjetrussen. Indien braucht die Schulden für das Stahlwerk, das die Sowjets bauen, erst zwölf Jahre nach Anlaufen der Produktion in kleinen Raten abzuzahlen.

Zur Ausgabe
Artikel 3 / 24
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.