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Rußland Stalins Marke

Falscher Raketenalarm in Moskau: Boris Jelzin hantierte mit dem Atomknopf.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Ein tumber Hobbyflieger wie Mathias Rust war es nicht, sondern eine militärische Angriffsrakete, die vorigen Mittwoch aus Richtung Nordeuropa direkt aufs Vaterland zuflog und von den russischen Luftverteidigern, diesmal hellwach, um 10.30 Uhr mit Abwehrraketen abgeschossen wurde.

So meldete es jedenfalls kurz darauf die private Moskauer Agentur Interfax, gestützt auf eine »hochrangige Militärquelle«, so lief es »urgent« um die Welt. Alarm: Hatten die Tschetschenen, denen jeder Greuel zuzutrauen ist, womöglich ein Atom-U-Boot im Eismeer gekapert, um den dritten Weltkrieg auszulösen?

Die Geheimdienste der Nato konferierten eilends in einer Ringschaltung. Sie kamen einhellig zu der Meinung, Rußlands Strategische Raketenstreitkräfte seien noch immer das Beste vom Besten, eine »Elite innerhalb der Elite« (BND-Einschätzung): Kaum denkbar, daß sie eine ernste Bedrohung erkannten, wo in Wirklichkeit nur harmlose Routine herrschte.

Denn es war so, wie Radio Eriwan zu Sowjetzeiten Hörerfragen beantwortete: Von den norwegischen Lofoten war zwar ein Geschoß aufgestiegen, aber nicht eine Rakete zu Rußlands Zerstörung, sondern eine zur Erforschung des Nordlichts. Sie flog auch nicht nach Osten auf Rußland zu, sondern nach Norden, Richtung Spitzbergen. Das Ding wurde nicht abgeschossen, sondern fiel um 9.48 Uhr von ganz allein und wie geplant ins Nordmeer.

Die norwegische Regierung hatte schon am 21. Dezember Moskau nach den international üblichen Regeln über das Flugvorhaben unterrichtet. Die Botschaft blieb unbeachtet - vielleicht feierten die zuständigen Hoheitsträger ja gerade Stalins 116. Geburtstag. Leistete sich jemand einen Scherz, wollte irgendwer Rußlands Abwehrbereitschaft rühmen, prüfen oder blamieren - obwohl unter den Militärs in West wie Ost derlei frivoler Umgang mit dem atomaren Potential als Tabu gilt?

Fröhliche, leider mächtige Zivilisten aber neigen zu Spielereien auch mal mit dem Weltuntergang: US-Präsident Ronald Reagan hatte zum Beispiel in einer Mikrofon-Sprechprobe 1984 ein Gesetz zur Ächtung Rußlands verkündet und gewitzelt: »Wir beginnen mit der Bombardierung in fünf Minuten.«

Diesmal prahlte Rußlands Präsident Boris Jelzin munter, gleich nach Ortung des unidentifizierten Flugobjekts auf Rußlands Radarschirmen habe er zum erstenmal den kleinen schwarzen Koffer benutzt, den ihm 1991 hochdramatisch der gestürzte Michail Gorbatschow übergeben hatte. Das Gepäckstück trägt ein Adjutant ständig hinter Jelzin her, es birgt Knopftasten, die - zusammen mit den Knöpfen in zwei weiteren Koffern - Rußlands Atomraketen zum Start freigeben: Der Kremlherr gibt den Teil eines Codes ein, eine weitere Zeichenfolge fügt der Generalstabschef hinzu, wo immer er sich mit seinem Koffer gerade aufhält, den Rest gibt der Verteidigungsminister drauf - eben jener frustrierte General Pawel Gratschow, der seit Wochen den mörderischen Feldzug gegen Grosny kommandiert.

Danach muß jede einzelne Rakete noch einen gesonderten Einsatzbefehl empfangen. Das ganze System hat seinen Namen nach einer Lieblingszigarettenmarke Stalins - »Kasbek«, benannt nach einem Berg im heißbegehrten Kaukasus.

Nie würden Russen eine Rakete starten, sagen Landeskenner, weil sich auch die Elite der Elite nicht sicher sei, wo ihr gegen den Westen und China gerichtetes Teufelszeug im Ernstfall unversehens niedergeht. Jelzin hat den Knopf denn auch gar nicht gebraucht, sondern nur telefoniert: »Ich habe sofort Kontakt mit dem Verteidigungsministerium aufgenommen, mit all diesen Generälen, die ich brauche, und wir verfolgten die Flugbahn der Rakete.«

Demnach ist in dem Köfferchen womöglich nur ein Handy. Oder vielleicht ein Fläschchen? Y

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