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Tourismus Stalins Rache

Ein Berliner Konzertveranstalter will, hinter Mauer und Stacheldraht, eine Mini-DDR bauen: »Ossi-Park«.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Die Szene wirkt wie ein krauser Fiebertraum Erich Honeckers: Während seine ehemaligen Parteisoldaten auf satten Golf-Greens lustwandeln, darben Kapitalisten aller Länder hinter Mauer und Stacheldraht. Eingesperrt bei Ketwurst und Club-Cola werden ihnen im Schnelldurchgang die historischen Errungenschaften des Sozialismus eingetrichtert.

Der Berliner Konzertmanager Frank Georgi, 28, der im Sommer 1989 über Prag von Ost nach West geflüchtet ist, will am Rande des 340-Seelen-Kaffs Prenden bei Wandlitz die DDR als Ferienklub wiederauferstehen lassen. Auf einem 200 Hektar großen ehemaligen Armee-Gelände soll eine hermetisch abgeriegelte kleine Ostzone entstehen - mit leeren Geschäften, Stasi-Schnüfflern und kratzigem Klopapier Marke »Stalins Rache« (DDR-Spott: »Damit auch der letzte Arsch rot wird").

Im Gegensatz zur real existierenden 18-Loch-Golfanlage nebenan ist die Ersatz-DDR im märkischen Sand noch reine Utopie. Nur den Namen für seine Mischung aus Jurassic Park und Marzahn hat sich Georgi schon schützen lassen: »Ossi-Park«.

Zu DDR-Zeiten hieß das Areal »Führungskomplex 5000« und verbarg den geheimsten Geheimbau Ostdeutschlands, Honeckers Atombunker. Im Ernstfall hätten die SED-Gerontokraten hier ihr Volk um etwa 14 Tage überleben können. Ihre grün-weiß gestreiften Schlafanzüge vom VEB Eichsfelder Obertrikotagenwerk liegen noch immer in 30 Metern Tiefe bereit.

Maximal 14 Tage soll auch der Zwangsaufenthalt künftiger Besucher im Soziotop Ostzone dauern. Strikte Bedingung, so Georgi: »Vor Ablauf der gebuchten Frist kommt niemand vom Gelände runter!« Touristen im kleinen Grenzverkehr mit Tagesvisum müssen die Zeitreise bis 24 Uhr beendet haben. Wachmannschaften sichern die Grenze; Fluchtversuche werden mit stundenweisem Freiheitsentzug bestraft. Eine »Ständige Vertretung der BRD« steht auf dem Plan, ebenso ein Devisen-Hotel und eine Poliklinik. Immer montags um 21.30 Uhr gibt's als Gehirnwäsche den »Schwarzen Kanal« per Kabel, Westfernsehen ist nur gestört zu empfangen.

Jeweils ein DDR-Jahr soll im Zeitraffer ablaufen, vom Internationalen Tag der Jugend und Studenten gegen Kolonialismus und für friedliche Koexistenz (24. April) über die Maidemonstration mit Winkelementen bis zur Militärparade am Nationalfeiertag (7. Oktober) mit Honecker-Double. Vorteil des Schnellverfahrens: Wer einen Trabi bestellt - andere Mietwagen gibt es nicht -, muß nur zwölf Tage auf die Auslieferung warten.

So detailgetreu wie möglich sollen die schlechten alten Zeiten nachgeahmt werden. In die Regale kommen ausschließlich Ostprodukte, die ganze Fossiliensammlung der DDR-Warenwelt.

Der Patronenfüllhalter »Sprint« aus dem Kombinat Musikinstrumente Markneukirchen wird kratzen und quietschen wie gewohnt, der »Mülleimereinsatzbeutel« vom VEB Vereinigte Zellstoff- und Papierfabriken Merseburg wird wieder über Nacht durchweichen; es wird Streichhölzer geben aus Riesa und solche, die brennen. Auf Sponsorengelder kann Georgi bei diesem Sortiment kaum hoffen.

Dennoch gelten überall Preise wie vor der Währungsunion: Eine Übernachtung 20 Mark, Schnitzel mit Sättigungsbeilage an Alu-Besteck 4 Mark. Bezahlt wird mit Ostwährung. Auch das Finanzierungskonzept orientiert sich am historischen Vorbild: Für jeden Tag sind 25 Mark Zwangsumtausch fällig - zum spätkapitalistischen Kurs von vier Mark West für eine Mark Ost.

Schwarzmarkt und Oppositionszirkel gehören zur Inszenierung. »Selbstverständlich wird es auch eine Fluchthilfe-Organisation geben«, verspricht Georgi - man werde nur nie genau wissen, ob nicht die Stasi dahintersteckt. »Wir werden überraschende Westbesuche organisieren und Westpakete zustellen.« Anschließend geht's zum Verhör bei der Staatssicherheit. »Wer das einmal durchgemacht hat, kommt bestimmt nicht wieder.«

Die Frage ist, wer überhaupt in den Mini-Mauerstaat kommt. Die DDR-Nostalgie reicht für die meisten Ost- und Westdeutschen kaum weiter als bis zum Fall der Mauer. Zum 44. Jahrestag der DDR-Gründung zog es nur ein mickriges Dutzend zur Kundgebung vor den Palast der Republik, in der Mehrzahl Altlinke aus West-Berlin.

Georgi peilt denn auch andere Publikumsschichten an. Er will amerikanische und japanische Touristen für ein paar Tage Kalten Krieg in überheizten Wohnblocks begeistern. Westdeutsche Schulklassen sollen das versunkene andere Deutschland quasi im Labor mit eigenen Augen sehen können.

Manchen Prendener Bürgern graut allerdings vor dem späten kleinen Sieg des Sozialismus. »Massentourismus«, fürchtet Bürgermeister Paul Alesius, »würde den Ort kaputtmachen.«

Georgi ist dennoch sicher, den Gemeinderat überzeugen zu können. Schließlich werde »Ossi-Park« die Segnungen der neuen und der alten Zeit vereinigen: 100 Prozent Vollbeschäftigung wie im Sozialismus und, dank Gewerbesteuer, genug Geld in der Kasse. Y

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