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Hardware STANDARDS - Bösartige Vielfalt

Hightech-Konsumenten leiden unter dem Hochmut asozialer Ingenieure: Vorsätzlich trimmt die Industrie ihren Apparate-Zoo auf Inkompatibilität - kein Stecker, kein Gerät passt zum anderen.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Der Mensch wird frei geboren, aber überall liegt er in Ketten. So begann Rousseau sein Traktat zum Gesellschaftsvertrag, und am Ende löste er mit diesen Worten die Französische Revolution aus.

Jetzt ist eine neue Revolution vonnöten, und der Ruf nach Freiheit und Gleichheit erschallt auch diesmal. Die Losung heißt: Weg mit den Batterien, die nicht passen, nieder mit Steckern, die nicht reingehen! Nieder mit Kaffeefiltern, Druckerpatronen, Netzteilen, Treibern, SCSI- und Scart-Anschlüssen, die immer nur für andere Geräte taugen! Nieder mit der Inkompatibilität, es lebe die Standardisierung!

Der Mensch mag frei geboren sein, doch er bleibt es nicht. Er lebt in einer zersplitterten Welt. Früh schon fällt er Bill Gates in die Hände, Melitta, Electrolux, Nokia, Varta, Sony, Philips, Bertelsmann, Siemens, der Telekom, Motorola und Grundig, Panasonic, General Electric, Canon und Epson. Vom Kauf des ersten Elektrogerätes an ist der Mensch ein Knecht dieser Herstellerfirmen - ein Erfüllungsmündel, ein ausführendes Objekt der Egoismen asozialer Ingenieure.

Wer kann noch von Freiheit reden, wenn er sich der demütigenden Mühsal unterzieht, im Kaufhaus einen Staubsaugerbeutel zu erstehen? Wer einmal einen Verkäufer um einen lächerlichen Beutel für einen Siemens-Sauger angefleht hat, der weiß: Schon auf den Wunsch steht Hohn. Wer staubsaugen will, der muss notwendig aufsagen können, dass er den Beutel »TA - 592/8 der Baureihe 9c« wünscht; kann er's nicht, hat er sein Recht auf ein funktionierendes Gerät daheim verwirkt.

Keine Designfrage, nein, nur Bösartigkeit kann erklären, weshalb es in Deutschland so viele verschiedene Staubsaugerbeutel gibt. Es sind nicht etwa 40 unterschiedliche Modelle. Es sind auch nicht 400, sondern 4000.

Wer kann von Freiheit reden, wenn er mit seinem Nokia-Handy auf Reisen geht und das Netzteil vergessen hat? Naiv ist die Idee, das Netzteil eines Freundes könnte passen. Der Stecker passt selbst dann nicht in die Buchse am Handy, wenn das Netzteil des Freundes vom selben Hersteller stammt.

Wer ein Scherblatt kaufen will für einen Elektrorasierer, der hört mit Sicherheit: »Modell 84/1579 ist in zwei Monaten wieder lieferbar.« Das ist Frust-Shoppen wie in der ehemaligen DDR. Wer ein schnurloses Telefon hat, der muss regelmäßig 100 Mark ausgeben für einen mühsam zu beschaffenden minderwertigen Akku, der in Kürze unter dem schwächenden Memory-Effekt ebenso in die Knie geht wie sein Vorgänger.

Und wer sich einen Tintenstrahldrucker gekauft hat, der ist nur so lange froh, bis er das erste Mal nachladen muss. Ein Satz Tintenpatronen - Modell Epson Stylus Color 680 - kostet fast halb so viel wie das ganze Präzisionsgerät. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Wird Bill Gates, der Hohepriester vorsätzlicher Inkompatibilität, bald Sportwagen für 5000 Mark verkaufen, bei denen er für jeden Liter Gates-Spezialsprit 100 Mark eintreibt?

Inkompatibilität ist kein Schicksal. Nur selten ist sie ein nötiges Opfer, das der technische Fortschritt einfordert, wie etwa beim Systemwechsel von der Langspielplatte zur CD. Dass nichts zu nichts passt, der Fernseher nicht an die Hi-Fi-Anlage, der Apple-Computer nicht an den Billigdrucker und Microsoft-Programme nicht zu denen anderer Hersteller, das ist wohlweislich so - es ist Strategie.

Nicht nur Adapter-Hersteller nähren sich von dem Elend, dass Stecker zu dick und Buchsen zu eng sind. Mit der Qual des Käufers ist auch sonst gut Geld zu machen: Der dumme Kunde kauft Batterien und Batterien, bis endlich eine davon passt. Entnervt zahlt er jeden Preis, selbst wenn das Produkt lausig ist. Lumpige Staubsaugerbeutel sind unverhältnismäßig teuer, weil jeder der Produzenten teure Kleinserien auflegt. Einheitliche Staubsaugerbeutel würden der Volkswirtschaft Millionen sparen.

CD-Brenner sind in zwei Varianten zu kaufen:

* als Computerbrenner, die jeden billigen CD-Rohling bespielen können,

* als Hi-Fi-Brenner, die immerzu mit sinnlos teuren Spezial-CDs gefüttert werden müssen.

Beide CD-Pakete sehen für die meisten Laien zum Verwechseln gleich aus, und so verschenken viele Menschen beständig Leer-CDs, die die Beschenkten niemals nutzen können.

Keine Niederträchtigkeit aber reicht an die heran, mit der die Industrie ihre Kundschaft bei den DVDs knechtet. Die Silberlinge, digitale Nachfolger der Videobänder, sind codiert. Nicht jede DVD ist in jedem Gerät abspielbar. Wer eine US-DVD kauft und sie in Deutschland abspielen will, sieht gar nichts. Ländercode »1« steht exklusiv für USA und Kanada, die Code-Nummer »2« für Europa, die »6« für China und die »8« gilt nur an Bord von Schiffen und Flugzeugen.

Die Industrie will mit den künstlich inkompatiblen Codes steuern, wann welcher Film in welchem Erdteil abspielbar ist. Sie möchte auf diese Weise sicherstellen, dass ein billig in den USA verramschter Film nicht ebenso billig in Europa landen kann. Die Regionalcodes sind Fesselstricke: Der Konsument, das von den Herstellern verachtete Wesen, soll nicht einmal die Restfreiheit genießen, sein Eigentum zu benutzen, wo und wann es ihm beliebt.

Hätte Daimler-Benz je ein Auto gebaut, das nicht in Norddeutschland gefahren werden kann? Würde jemand ein Messer kaufen, das Schwein, nicht aber Huhn schneiden kann? Weshalb akzeptieren die Verbraucher solchen Irrsinn dann in Hightech-Geräten?

Der Grund ist: Sie wissen nicht, wie sie betrogen werden. Und es sagt ihnen keiner.

Die allgemeine Un-Pässlichkeit der Dinge wird von den meisten Menschen als gottgegeben hingenommen. Dass die Verbrauchsmaterialien eines Druckers oder Telefons geradezu obszön teuer sind, merkt der Kunde in der Regel erst dann, wenn er die größere Investition schon hinter sich hat. Und die wenigen kompetenten Berater im Fachhandel? Sie sind allesamt Komplizen im Kartell des technischen Babylonismus, sie verdienen alle mit an den zu langen Steckern, den Mini-Batterien, den Adaptern, Überbrückungen und nutzlosen Zweitgeräten.

Nur die wenigsten technischen Ungereimtheiten können sich auf historische Umstände berufen: Briten und Inder fahren links, Kontinentaleuropäer rechts. Andere sind ärgerlich, aber gerade noch hinnehmbar: Amerikaner schauen Fernsehen im NTSC-Format, Franzosen in Secam, Deutsche in Pal (die alle nacheinander eingeführt wurden). In Europa arbeiten Handys nach dem GSM-Standard und sind deshalb weder in den USA (dort gibt es D-AMPS) noch in Japan nutzbar (die haben PDC).

Die anderen Inkompatibilitäten gehören hinweggefegt in einem Aufstand der Verbraucher. User aller Länder, einigt euch! Dem gemeinsamen Standard gehört die Zukunft!

Wie segensreich Einigkeit sein kann, zeigt sich bei Filmrollen. Eine Filmrolle mit 12 oder 36 Aufnahmen ist überall gleich - auf Mallorca wie im Hochgebirge. Sie passt in jede Kamera, in Nikon, Leica oder DDR-Praktika. Doch was tut sich bei den Digitalkameras? Jede Firma versucht, ihre eigenen Speichermedien durchzusetzen - und das zu Wucherpreisen. Es gibt SmartMedia- und CompactFlash-, MultiMedia- und PC-Cards, Memory Sticks und SD Memory Cards. Zwischen jedem dieser teuren Machwerke liegen Welten.

Nicht eines dieser Speichersysteme wird jemals am Straßenstand im Himalaya zu kaufen sein. Etwas so Gelungenes wie die Einheitsfilmrolle für jede Fotokamera bringen die egoistischen Ingenieure von Canon, Nikon, Olympus, Agfa, Fuji und Kodak nie wieder zu Stande. MARCO EVERS

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