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Briefe

STANDGERICHT
aus DER SPIEGEL 44/1965

STANDGERICHT

Sind Sie ganz sicher, daß der Autor des Buches »Glanz und keine Gloria«, Hans-Georg von Studnitz, aus dessen Bericht über eine »Reise durch die Wohlstandsgesellschaft« der Bundesrepublik Sie unter der Überschrift »Ihre Wohnungen sind Grotten des Spießertums« einen Auszug über deutsche Professoren brachten, ein gestandener Publizist ist und nicht etwa ein Student, den eine Professoren-Tochter abblitzen und deren Vater ihn durch das Examen rasseln ließ?

München HERBERT LOHST

Daß es Ihrem von mir und sehr vielen Professoren geschätzten Blatt unterlief einen so unwissenden und unsachlichen Artikel abzudrucken, bedauere ich tief. Der Beitrag erstreckt sich auf eine Vielzahl von Gruppen, über die einheitliche Aussagen grundsätzlich nicht möglich sind: von den berufsmäßigen Hochschullehrern an den wissenschaftlichen und Kunst-Hochschulen über die stark in den Vordergrund gerückten Honorarprofessoren - deren Lebenshaltung vorwiegend von dem regelmäßig außerhalb der Hochschule ausgeübten Beruf geprägt wird, von dem sie leben - und die reinen Titularprofessoren, die mit Hochschulen nichts zu tun haben und die es in Deutschland kaum gibt, bis zu den Gymnasiallehrern (Professor Unrat). Nichts als der - zum Teil wieder nur vermeintlich - gemeinsame Titel schlingt das Band um sie. Dennoch ergeht sich Herr von Studnitz in Pauschalurteilen über sie alle, wie ich sie spätestens seit Robert Neumanns Parodie »Nach Lord Vansittart« (Mit fremden Federn) tödlicher Lächerlichkeit preisgegeben glaubte. Mit soviel Dummheiten und Verleumdung in die hochschulpolitische Diskussion einzugreifen, ist eine grobe Fehlleistung Ihres Magazins.

Scheidt (Saarl.) PROF. DR. HANS F. ZACHER

Ich erbitte ein schönes Bild des Herrn Hans-Georg von Studnitz, um es in mein Spießerheim als einzigen Gegenstand von Wert zu hängen. Außerdem hätte ich dann endlich ein Leitbild, das mich mahnen würde, meine Bildungslücken aufzufüllen. Es dürfte doch wohl kaum, einen besseren Ansporn geben, als einen umfassend gebildeten Journalisten vor Augen zu haben, der über alles schreibt, gleichgültig, ob er auch nur das geringste davon weiß und versteht, oder sich auch nur die Mühe gemacht hat, wenigstens die grundlegenden Fakten zu erfassen.

Karlsruhe PROF. DR.-ING. H. BLOHM

Mit Bezug auf den im SPIEGEL abgedruckten Auszug aus seinem Buch lade ich Herrn von Studnitz zu einem Besuch in meinem Hause ein.

Wenn er in meiner »Grotte« Zeichen von »Spießertum« findet oder »zwischen den Buchreihen Kitsch« oder »miserables« Essen oder schlechte Kleidung oder »Maultaschen und Spätzle« oder einen »Gummibaum« - dann spendiere ich ihm eine Kiste Sekt. Aber er spendiert diese Kiste, wenn er ein »gutes Bild« findet - oder in der Hand meiner Frau (die hauswirtschaftliche Lehrerin ist) von Brillat-Savarin die »Physiologie des Geschmacks«.

Er wird sagen: Es gibt Ausnahmen. Aber dann darf er nicht derartig verallgemeinern.

Bodenberg (Nieders) PROF. DR. H. WEBER

Man kann es nur bedauern, daß die Redaktion des SPIEGEL die Meinung des Herrn von Studnitz über die Rolle der Professoren in Westdeutschland so kritiklos ihren Lesern vorgesetzt hat. Herr von Studnitz nimmt Verallgemeinerungen vor, die genauso falsch sind wie alle anderen Verallgemeinerungen auch. Ich kenne aus meiner langjährigen Praxis wahrscheinlich sehr viel mehr Professoren als der Autor und benutze deshalb diese Gelegenheit, ihm zu bestätigen, daß das, was er über die Professoren geschrieben hat, von Anfang bis Ende nicht stimmt,

Hamburg DR. GERTH DORFF

Geschäftsführer des Hochschulverbandes

Als ehemaliges Vorstandsmitglied der noch von Arnold Bergstraesser begründeten Stiftung Wissenschaft und Politik und als langjähriger Fachbeirat der Interparlamentarischen Arbeitsgemeinschaft habe ich H.-G. von Studnitz' Bemerkungen zum Problem der Nutzbarmachung wissenschaftlichen und anderweitigen Sachverstandes für die Zwecke der Vorbereitung optimaler politischer Entscheidungen mit Interesse gelesen. Sicherlich ist das, was bisher in der Bundesrepublik an Lösungsversuchen in dieser Richtung unternommen worden ist, keineswegs über Kritik erhaben. Andererseits läßt sich aber auch nicht übersehen, daß eine Aufstockung der Legitimation aus demokratischen Prozessen hervorgegangener Entscheidungsinstanzen durch das Fachwissen von Experten in der komplizierten Welt von heute eine Notwendigkeit ist. Die vielberufene »Verwissenschaftlichung der Politik« - von der wir übrigens noch weit entfernt sind - muß als Folgeerscheinung der Verwissenschaftlichung der Lebenstatbestände gesehen werden, mit der es die Politik zu tun hat. Man kann zum Beispiel im nuklearen Zeitalter nicht mehr über Abrüstungspläne diskutieren, ohne ihre wirtschaftlichen, technologischen und logistischen Implikationen zu verstehen, und man kann nicht entwicklungspolitische Maßnahmen beraten, ohne auf einer gründlichen Analyse der Gegebenheiten des Empfängerlandes zu fußen.

Haiderabad (Indien) PROF. DR. H. KRUSE

Man sollte von einem Publizisten Artikel erwarten können, die einen ernsthaften Dialog fördern; derartige diabolische Kritik dient niemandem.

Bielefeld DIETMAR WIEHLE

Heiße weder Doktor noch Professor gar, aber das Studnitzsche Gemetzel auf der Akademikerwalstatt geht über meinen Laienverstand. Man billigt dem Satiriker einige Übertreibungen zu, diese apodiktischen Albernheiten jedoch sind zu geist- und geschmacklos, als daß sich die deutschen Professoren davon getroffen fühlen könnten. Immerhin bleibt erstaunlich, daß der SPIEGEL ein solches geradezu kindisches Überangebot an läppischen Verallgemeinerungen für nachdruckwert gehalten hat. Nit möööglich!

Pforzheim FRANZ SCHMID

Wollen Sie wahrhaftig die Einsichten einer äußerst mangelhaft vorbereiteten und durchgeführten »Reise durch die Wohlstandsgesellschaft« von Herrn von Studnitz als eine qualifizierte publizistische Arbeit Ihren Lesern zumuten? Ein Effekt der Veröffentlichung dieses Optimums von Halbwahrheiten, Plattheiten, Vergröberungen und Verallgemeinerungen ist gewiß: Sie wird Wasser auf die Mühlen der Leute sein, die der heutigen Publizistik in Deutschland recht kritisch gegenüberstehen und sich leider auch zu unqualifizierten Äußerungen wie »Pinscher« ob dieser Misere haben hinreißen lassen. Ein qualifizierter Rat an Herrn von Studnitz wäre angebracht: Er möge es vielleicht doch einmal mit einigen Semestern der von ihm so geschmähten angeblichen Wissenschaften der Soziologie und Zeitungswissenschaft und deren verachtenswerten Lehrern versuchen.

Brackwede (Nordrh.-Westf.)

HANS-JOACHIM ECKER

Sie hätten wohl gut daran getan, diesen Beitrag nicht nur im Inhaltsverzeichnis zu ignorieren, sondern auch den Textteil davon zu verschonen. Aber solch ein langweiliges, nichtssagendes und vor allem höchst überflüssiges Gerede kommt eben dabei heraus, wenn man den redaktionellen Teil wegen steigender Anzeigenflut von Selbstfahrerunion bis Rasierklingen um (laut Ihrer Hausmitteilung) »klare und abwechslungsreiche Beiträge« bereichern muß.

Triberg (Bad.-Württ.) GÜNTER GRILL

Der Publizist von Studnitz hat mir mit seinem Artikel im letzten SPIEGEL die Augen über die deutschen Professoren geöffnet. Er zeigte, was wirklich dahinter steckt. Seine geistige Überlegenheit erkennt man schon daran, daß es ihm gelang, sich in das Vertrauen und die Wohnungen der deutschen Professoren einzuschleichen. Er litt sicher Seelenqualen, als er ihre Behausungen besichtigte und ihre Ansichten anhörte. Hoffentlich kann er sich davon durch einen Aufenthalt bei französischen Professoren erholen.

Ich stelle Herrn von Studnitz noch eine eigene Erfahrung zur Auswertung zur Verfügung, aus der man schließen muß, daß die deutschen Professoren Sadisten sind. Als ich dem Professor, der mich vor einigen Tagen operiert hatte, den Artikel zu lesen gab, sagte er: »Na, dieser Bursche sollte mir mal unters Messer kommen.«

Frankfurt K. GERLACH

Da ich kein Professor bin, könnte ich mich unbefangen freuen, wenn Herr von Studnitz einige Professoren-Eigenarten aufgespürt und sich darüber geistvoll mokiert hätte. Leider bietet er statt dessen eine veraltete Karikatur des Studienrats ("das Jahresziel ist die Studienreise"), verallgemeinert seine privaten Enttäuschungen ("man ißt miserabel") und spielt sich als Kenner der Professoren-Psyche auf ("er stimmt für Erhard, weil er auch ein Professor ist"), kurz: Er läßt seine zahlreichen Vorurteile paradieren.

Auch seine lässigen Bemerkungen über die wissenschaftliche Beratung des Politikers »und anderes Zeug« enttäuschen. Jedem Einsichtigen gilt die wissenschaftliche Fundierung der Politik als eine der großen Notwendigkeiten für unsere künftige Gesellschaft. Mit Wissenschaftsgläubigkeit hat das nichts zu tun. Offenbar hat Herr von Studnitz auch von diesem Gegenstand seiner Stilübung ("Überhöhung des Wissenschaftsbegriffs") und seiner Pauschalurteile ("die Entscheidungsfaulheit des deutschen Parlamentariers") kaum eine Ahnung. Um seine Schlußpointe ein wenig zu ändern: Wer von diesem Autor eine gute Darstellung erwartet, »handelt wie der Turfbesucher, der in einem Feld von Vollblütern auf einen Milchesel setzt«.

Köln DR. HEINER FLOHR

von Studnitz

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