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Standhafte Demokraten

aus DER SPIEGEL 28/1948

Die Weltpresse, die sich anläßlich der finnischen Reichstagswahlen wieder einmal ein Stelldichein in Helsinki gegeben hatte, mußte abreisen, ohne besondere Sensationen erlebt zu haben. Traditionsgemäß hatte man sich im »Hotelli-Kämp«, das bereits im finnischrussischen Winterkrieg internationales Pressehauptquartier war, zusammengefunden. Aber in diesem finnischrussischen Sommerkrieg war nicht viel Stoff zu holen. Das Wahlergebnis entsprach den Prognosen, die erfahrene politische Beobachter schon vorher gestellt hatten.

Während draußen in den Straßen der Wahlkampf seinen Höhepunkt erreichte, spielten die Rundfunksender des Landes Marschmusik. Selbst vor dem großen grauen Gebäude des finnischen Landessenders in Helsinki klebten die Plakate der kommunistischen Volksdemokraten und lobten die Großzügigkeit des russischen Nachbarn gegenüber dem finnischen Volk. Eine Großzügigkeit, die man sich nur durch eifriges Wählen für die Volksdemokraten weiterhin sichern könne, wie es hieß.

Aber der Sender war sozusagen exterritorial und erwähnte die Wahlpropaganda mit keiner Silbe. Die finnischen Parteien hatten sich über die Sprechzeiten für die Rundfunkpropaganda nicht einigen können.

Die Kommunisten hatten für die Wahl ihre allerschwersten Geschütze aufgefahren. Da war Marschall Stalins freundlich lächelndes Gesicht auf großen Transparenten zu sehen, mit der lapidaren Bemerkung: »Er schenkte uns 70 Millionen Dollar.« Womit die russische Verminderung der finnischen Reparationen um mehr als ein Viertel gemeint war, eine generöse Geste auf Bitten der Kommunisten, die sich einen riesigen Wahlerfolg davon versprachen.

Auf anderen Wahlplakaten der Linken sah man eine weltbekannte Zigarre in einem dito bekannten Gesicht unter einem Hochfinanzzylinder mit einem Dollarzeichen drauf. So tauchte Churchill aus Richtung der Schwedenküste auf, umragt von Geschützrohren und schweren Bombern. Am Strand stand eine finnische Familie und streckte abwehrend die Hände aus. Unter dem Ganzen in großen Lettern: »Rettet Finnland aus den Klauen der Kriegshetzer.«

Die Kommunistengegner, die sich auch durch Stalins Menschenfreundlichkeit nicht aus dem Konzept bringen ließen, waren in ihrer Propaganda sehr viel nüchterner. Auf einem ihrer Plakate stand schlicht: »Willst Du der Bauer Kekkonen sein oder die Nummer 2558761?«

Als die Wähler zu den Urnen gingen, herrschte im Lande völlige Ruhe. Der Andrang zu den Wahllokalen war groß und die Wahlbeteiligung mit 80 Prozent die höchste, die je in Finnland verzeichnet wurde.

Groß war auch die Pleite der Volksdemokraten, einem SED-haften Konglomerat von Kommunisten und Linkssozialisten, die von ihren 51 Sitzen im Parlament nun 12 räumen müssen. »70 Millionen Dollar sind glatt hinausgeworfen«, beklagte sich die Parteileitung in einem Geheimzirkular an ihre Funktionäre.

Als stärkste Partei gingen die Agrarier aus den Wahlen hervor. Von den 200 Parlamentssitzen gehören ihr jetzt 56 (gegen 48 nach den Märzwahlen des Jahres 1945). Ihre Politik ist gemäßigt und gegenüber den Kommunisten manchmal recht kulant. Mit 55 Sitzen liegt die sozialdemokratische Partei dicht hinter ihr. Die Konservativen, die Schwedische Bauernpartei und die Liberalen teilen sich in den Rest.

Das Echo der Wahlen war im Ausland viel stärker als in Finnland selbst, wo die siegreichen Bürgerlichn lieber den Mund hielten. Amerika feierte den Rechtsruck in Rußlands »Musterprotektorat« als einen bösen Schlag gegen den Weltkommunismus.

Es verfehlte nicht, den Mut und die Standhaftigkeit der finnischen Kommunisten zu loben. Es verfehlte allerdings auch nicht, von den gleichen standhaften Demokraten wieder eine halbe Jahresrate der finnischen Kriegsschuld an Amerika aus dem ersten Weltkrieg in Höhe von 163 Millionen Dollar zu kassieren. Finnland ist das einzige Land, das seine Weltkriegsschulden noch treu und brav abstottert.

Aus dem enttäuschten Moskau tönten prompt die Stimmen, die von einem »großangelegten Wahlschwindel« sprachen. Auch die Volksdemokraten ließen keinerlei Zweifel daran, daß ihnen das Ergebnis nicht gefiel. Man erwartet, daß sie sich jetzt hilfesuchend an den großen russischen Bruder wenden werden.

Die Agrarpartei hat ihnen allerdings schon eine Beteiligung an der Regierung versprochen. Mit der Begründung: »Uns sind die Kommunisten in der Regierung lieber als in der Opposition«. Nur so viel steht schon fest, daß der bisherige volksdemokratische Ministerpräsident Mauno Pekkala seinen Schwanengesang vorbereiten kann. Er soll nicht wieder beauftragt werden. Auch das Innenministerium will man den Kommunisten nicht wiedergeben. Man hat in Finnland gut aufgepaßt, als die Tschechoslowakei gleichgeschaltet wurde.

Finnlands Hauptsorge bleiben vorläufig weiterhin die Reparationen. Mit bewundernswerter Energie hat es das kleine Land bisher geschafft, seine hohen Verpflichtungen zu bezahlen und trotzdem im eigenen Land aufzubauen. Als die dritte Jahresrate an die UdSSR am letzten Tage der Ablieferung durch einen kommunistischen Streik gefährdet wurde und eine hohe Strafsumme drohte, da zogen die Ingenieure, Zeichner und Buchhalter des Reparationsamtes höchstpersönlich den letzten Reparationszug über die Grenze - 17 Minuten vor Toresschluß.

Die Finnen wollen auch weiterhin ihre Reparationen bezahlen und mit dem russischen Nachbarn im Frieden leben. Und dabei den Kommunismus ruhig auf der anderen Seite der Grenze lassen.

Nach dem ersten verhaltenen Donnergrollen aus dem Kreml beginnt man sich allerdings in Helsinki zu fragen, ob eine freie Willensäußerung nicht auch ihre Nachteile haben kann. Zumal Rußlandfinnischer Gesandter Grigorij Sawonenkow kurz vor den Wahlen bei einem Festgelage mit den führenden finnischen Politikern einen russischen Film mit dem beziehungsvollen Titel »Das Lied von Sibirien« vorführen ließ.

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