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CHINA-AUFTRAG Standort unbekannt

aus DER SPIEGEL 13/1966

Drei Wochen lang wartete jeden Morgen eine Mercedes-Kolonne vor dem Hotel »Duisburger Hof«. Pünktlich um acht Uhr brachte der Konvoi zwölf Rotchinesen zum »Haus der Konstrukteure«, der Zentrale des Duisburger Maschinenbau-Konzerns Demag. Auf Bitten der Gäste ordnete der Demag-Vorstand höchste Geheimhaltung an.

Drei Monate nach Verabschiedung der

roten Handelsreisenden wurde durch Indiskretion in der letzten Woche das Geheimnis von Duisburg gelüftet: Die Volksrepublik China will für 600 Millionen Mark ein Walzwerk-Kombinat in der Bundesrepublik Deutschland kaufen. Es ist die größte Offerte, die Rotchina Westdeutschland je gemacht hat.

Der Name Demag hat in Maos Reich einen guten Klang. Bereits 1955 lieferte der Duisburger Maschinenbaukonzern Bagger für den Straßen- und Dammbau nach Rotchina, und 1963 machte der einflußreiche Demag-Vorstand Alfred E. Schulz, 59, mit einer kompletten Kamera -Ausrüstung in Peking Visite. Schon damals klagten die Chinesen dem Ruhrkapitalisten, der mit einer Siemens -Erbin verheiratet ist, ihr Leid. Nach Stopp der Moskauer Wirtschaftshilfe und Abzug der Sowjet-Techniker standen zahlreiche halbfertige Industrieanlagen.

Aber erst im Oktober vergangenen Jahres nahmen die Rotchinesen nach zweijährigem Schweigen neue Verhandlungen mit Schulz auf. Es hatte sich herausgestellt, daß Rotchinas Stahlverarbeitung hoffnungslos hinter der Produktion von Rohstahl herhinkt. Jährlich kann die Stahlindustrie 14 Millionen Tonnen Rohstahl (Westdeutschland: 42 Millionen Tonnen) produzieren, aber nur etwa acht Millionen Tonnen zu Blechen und Profilen auswalzen (Westdeutschland: 30 Millionen Tonnen). Pekings Ziel: mit einem Kalt- und Warmband-Walzwerk westdeutscher Konzerne die Kapazitätslücke zu schließen.

Doch das 600-Millionen-Projekt war für die Demag, so Schulz, »ein zu großer Brocken«. An langen Winterabenden brachten die Demag-Direktoren in aller Stille ein internationales Konsortium auf die Beine, das die Walzwerk-Einrichtungen bauen soll. Unter der Führung der Demag sind neben den deutschen Firmen Siemens, AEG, Linde AG, Otto Wolff AG und Schloemann AG auch französische, englische, italienische und Schweizer Unternehmen beteiligt.

Mit Sorgen blickten die Walzwerk -Konsorten nach Bonn. Nachdem die Bundesregierung im März 1963 fest vereinbarte Röhrenlieferungen der Ruhrindustrie in die Sowjet-Union unterbunden hatte, fürchteten die Lieferanten, es könne ihnen mit dem China-Geschäft ähnlich ergehen.

Vorsorglich fragte daher der Demag -Vorstand während der Verhandlungen mit den Chinesen bei der Hermes Kreditversicherungs-AG in Hamburg an, ob sie die Lieferungen gegen unvorhergesehene Risiken absichern wolle*. Demag-Direktor Schulz: »Wir wollten schließlich nicht Gefahr laufen, die Anlagen zu bauen und dann darauf sitzenzubleiben.«

Zugleich legte der Demag-Vorstand anhand seiner Projektpläne in Bonn dar, daß die Anlagen »nur für den zivilen Bedarf« (Schulz) geeignet seien. Sie sollen vor allem Feinblech walzen. Ende Januar schöpfte Alfred Schulz Hoffnung. Damals erklärte sich die Bundesregierung bereit, zwei kleinere Industrielieferungen nach Rotchina mit staatlichen Ausfallbürgschaften abzusichern: Unter dem Schutz der Hermes -Versicherung exportiert die Düsseldorfer Maschinenfabrik Schloemann AG ein Edelstahl-Kaltwalzwerk und die Frankfurter Firma Lurgi eine Chemiefabrik nach Rotchina. Gesamtwert der Anlagen: 60 Millionen Mark.

Doch endgültig klärte der Himmel über Duisburg erst am letzten Dienstag auf. Das Bundeskabinett unter dem Vorsitz des Kanzlers sagte auch für das geplante 600-Millionen-Geschäft Bundesbürgschaften zu. Bonn ist bereit, 350 Millionen Mark zu verbürgen.

Nur der Auftrag aus Rotchina war Ende letzter Woche noch nicht erteilt. Trotzdem ist Demag-Manager Schulz frohgestimmt: »Die Hermes-Versicherung war für uns die Voraussetzung, über das Geschäft weiter zu verhandeln.« Wenn die Rotchinesen Kredite wünschten, so Schulz, würden die Demag und ihre Partner-Firmen bei den Großbanken sondieren.

Maos Techniker, die bei den Verhandlungen in Duisburg alle ihre Wünsche bereitwillig offenbart hatten, nahmen ein Geheimnis mit zurück nach Peking: Der Standort der neuen Walzwerke ist an der Ruhr unbekannt.

* Im Auftrag des Bundes deckt die Hermes

Kreditversicherungs-AG die Risiken von Exportgeschäften durch Garantien und Bürgschaften bis zu 80 Prozent ab.

China-Unterhändler Schulz

Höchste Geheimhaltungsstufe

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