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Olympia Stapel im Schrank

Die Münchner Olympia-Organisatoren haben ihre Eintrittskarten vor Fälschung und Diebstahl »bombensicher« geschützt -- offenbar voreilig, denn viele Karten finden keine Interessenten.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Seit über einem Jahrhundert druckt die Münchner Wertpapierdruckerei Giesecke & Devrient (vormais Leipzig) Schweizer Franken, indische Rupien, griechische Drachmen oder peruanische Soles -- »in höchster Verantwortung« und derart perfekt. daß das Renommierstück ihrer Präzisionsarbeit -- der blaßgrüne bundesdeutsche Zwanzigmarkschein mit der Dürer-Dame -~- bislang noch kaum von einem Fälscher nachgemacht wurde.

Im Olympia-Jahr mußten die Münchner Geld-Drucker (Haus-Motto: »Tugend durch Arbeit") freilich all ihre schwarzen Künste zusammennehmen, um auch den gesteigerten Ansprüchen der auf Präzision erpichten Münchner Spiel-Führer gerecht zu werden. Denn die vom Olympischen Organisationskomitee (OK) für die 3,9 Millionen Eintrittskarten verlangten »zahlreichen Sicherheitsmerkmale« sind derart diffizil, daß sie »nicht einmal im OK alle bekannt sind« (so eine OK-Mitteilung): spezielles Fettdruckpapier mit »stufenweisem Wasserzeichen« und einem eingeschossenen, bedruckten Metallfaden. »Das kann«, weiß Herwig Matthes« OK-Organisator des Kartenverkaufs, außer den Münchner Druck-Spezialisten »nur noch die Bundesnotenbank« Kein Wunder, daß die kostbaren Billets (die Druckkosten finanzierte, wie ein aufgedruckter Mercedes-Stern dokumentiert, eine Stuttgarter Auto-Firma) den Käufern erst gar nicht ausgehändigt wurden. Für den vollen Preis (je nach Veranstaltung: fünf bis 100 Mark) erhielten sie zunächst nur »Berechtigungsscheine«, die sie erst in den letzten Wochen gegen die bunten Originale mit dem Stern umtauschen konnten.

Denn so fälschungssicher wie die Tickets selber, so »bombensicher« (Matthes) gestalteten die OK-Manager Lagerung, Verkauf und Vertrieb ihrer Wertpapiere, die nur einmal verwendet werden und nach drei Wochen wertlos sind. Die Kartenstapel wurden in Stahlschränken des Münchner OK-Gebäudes und in Tresoren der für die Umtauschaktion ausersehenen Filialen des Amtlichen Bayerischen Reisebüros (ABR) und des Deutschen Reisebüros (DER) deponiert und durch elektronische Warnanlagen abgeschirmt.

Zum Sortieren ihres Karten-Kontingents (600 000 Stück) mußten Münchner ABR-Angestellte ein nach militärischen Vorschriften geschütztes Werksgelände der Luftfahrtfirma Messerschmitt-Bölkow-Blohm in Ottobrunn aufsuchen. Zum Transport ins Ausland bekamen die preziösen Spiel-Karten bis zum Flughafen Begleitschutz von der Polizei.

Die aufwendigen Schutzmaßnahmen scheinen, wie sich inzwischen herausstellt, freilich allenfalls für die attraktivsten Olympia-Darbietungen gerechtfertigt. Eintrittskarten für Finalkämpfe der Leichtathleten oder Boxer, Reit- und Turn-Turniere, Eröffnungs- wie Schlußfeier im Olympiastadion sind in der Tat seit langem ausverkauft und nur noch auf dem schwarzen Markt zu haben -- schon jetzt gegen mindestens das Vierbis Fünffache des Werts. Münchner Großfirmen, die prominenten Geschäftspartnern einen spannenden Olympia-Besuch versprochen haben, bieten aber bereits »jeden Preis« (so eine Siemens-Suchanzeige).

Mit der Masse der Olympia-Billets für vergleichsweise spannungsarme Wettbewerbe wie die Vormittags-Vor- und Zwischenläufe, Viertel- und Halbfinale, diverse Fußballturnierpaarungen -- etwa: Sudan gegen Burma -- in bayrischen Stadien oder das Bogen -- schießen im Englischen Garten stießen die OK-Organisatoren aber unversehens auf Absatzschwierigkeiten.

Schon bis zum Frühjahr waren 200 000 unverkaufte Karten aus dem Ausland zurückgeflossen, obschon das OK den Olympia-Bedarf in aller Welt mit statistischer Gründlichkeit (das Pro-Kopf-Einkommen in den einzelnen Ländern eingeschlossen) ermittelt hatte: Viele Olympia-Interessenten machten Rückzieher, weil der Karten-Kauf obligatorisch an OK-organisierte Privat quartiere gebunden war.

Rund 950 000 Karten liegen unabgeholt oder unverkauft bei den beauftragten Reisebüros, Sport- und Jugendverbänden oder wurden ebenfalls ans OK zurückgeschickt: Die Umtauschaktion war, so eine Sprecherin des DER in Frankfurt, »überorganisiert« und kam nach anderthalb Jahren Wartezeit »nur schleppend voran«.

Viele Inhaber von Berechtigungsscheinen übersahen offensichtlich, wann und wo ihre -- aus Sicherheitsgründen durchnumerierten -- Karten »ausgerufen« wurden. Verlorengegangene Kauf-Berechtigungen waren nur durch eine umständliche Prozedur (kostenpflichtiges Ausfüllen dreier Formulare) wieder zu erwerben.

Überdies- sind die Deutschen, vier Wochen vor den Spielen, offenbar schon olympiamüde -- ganz sicher in der Olympia-Stadt München. Das ABR-Büro in München bietet noch immer Tausende von Eintrittskarten im freien Verkauf an. ABR-Hauptgeschäftsführer Fritz Beck: »In keiner deutschen Stadt zeigt die Bevölkerung soviel Desinteresse.«

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