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Artikel 20 / 87

»Stark am Zittern, fürchterlich am Weinen«

Gerhard Mauz zur Verurteilung von zwei ehemaligen Polizeibeamten in Düsseldorf
Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 44/1987

In vielen Strafprozessen, in denen es um den gewaltsamen Tod von Menschen geht, meint man erkennen zu können, wie sich die Lebensspuren der Täter und der Opfer aufeinander zu bewegt haben - auf den Punkt hin, in dem es zur Tat kam.

In diesem Fall treiben drei Menschen, von der Strömung, vom Wind oder einem Hindernis mal dahin, mal dorthin gedreht. Sie ziehen keine Spur, sie kommen und sie gehen nicht. Und der Punkt, in dem sie kollidieren und einer von ihnen stirbt, ist ein Punkt, zu dem nichts als der Zufall geführt hat. Treibgut sind die drei Menschen, um die es hier geht. Allein der Umstand, daß der Zufall sie zusammenbrachte und daß dabei einer von ihnen starb, hat diese drei Menschen sichtbar gemacht.

Der Mann, der zu Tode kam, hieß Lorenz Minwegen. 56 Jahre alt ist er geworden. Die Große Strafkammer in Düsseldorf, die unter dem Vorsitzenden Richter Enno Legde, 55, verhandelte, einem Hünen von einem Mann, der seine Sensibilität hinter freundlicher Distanz verbirgt, hat viele Zeugen gehört, um sich ein Bild von Lorenz Minwegen zu machen, aber da war nichts.

Laborfacharbeiter ist er gewesen, zuletzt arbeitslos. 186 Mark Arbeitslosenhilfe bekam er. Von Mitte 1983 bis Mitte 1984 hat er mit einer Frau zusammengelebt, die in Düsseldorf aussagte. »Er hat für englische Musik geschwärmt, alles, was aus Amerika kam...« Er sei ein Einzelgänger gewesen, was in »Bild« gestanden habe, sei falsch: »Sexuell war er ganz normal.« Alkohol? »Er hat schon was vertragen.«

Vielleicht war Lorenz Minwegen nicht immer Treibgut, vielleicht hat es einen Einschnitt in seinem Leben gegeben, von dem an er keine Spur mehr zog, von dem an er sich treiben ließ. Er ist verheiratet gewesen. Die Ehe ist geschieden worden. Die Frau soll ihn mit der gemeinsamen Tochter wegen eines anderen Mannes verlassen haben und heute in den Vereinigten Staaten leben. »Eine Anschrift wurde nicht bekannt.«

Ehemalige Nachbarn werden gehört. Wenn Lorenz Minwegen getrunken hatte, randalierte er. »Rumgeschimpft hat er«, auf »Gott und alles« hat er geschimpft, aber nie hat er jemand bedroht oder angegriffen. Ein bißchen ein »Aufschneider« sei er gewesen, so sieht halt die Umwelt das. Für Lorenz Minwegen spielte vielleicht nach dem Verlust der Frau und der Tochter nichts mehr eine Rolle - vielleicht hat er sich darum eine Rolle zugelegt.

Er kleidete sich sorgfältig, tat gern so, als sei er wohlhabend. Er deutete an, er habe in den Vereinigten Staaten gelebt und liebe seitdem Country-music. Seine Welt waren Gaststätten und Wirtschaften, in denen er auch mal durchblicken ließ, er sei Glücksspieler und gewinne gelegentlich in der Düsseldorfer Altstadt. »Hallo allseits«, wenn er eintrat, er war beliebt, man kannte ihn, die Rolle, die er spielte, hatte sich eingeprägt in den Gaststätten und Wirtschaften, die seine Welt waren, die Welt der Treibenden. War er homosexuell? »Er tanzte immer so alleine.« Ein Wirt als Zeuge: »Nicht schwul, höchstens bi.«

Am frühen Morgen des 7. August 1985, »es war eine Taubenaktion«, treffen sich sieben Jäger kurz vor der Ortsgrenze Hilden im Süden von Düsseldorf am Wendeplatz neben dem Dorotheenheim. Einer von ihnen bemerkt eine Spur im Unkraut und nimmt an, da habe wieder einmal einer seinen Dreck in der Natur abgeladen. Er folgt der Spur und entdeckt ein Bündel: »Es konnte ein Müllsack sein.« Aber dann sieht er, daß da ein Mensch liegt. Die Polizei wird alarmiert.

Die Obduktion ergibt, daß der Tote durch Erdrosseln gewaltsam erstickt worden ist. Um den Hals des Opfers findet sich das Drosselwerkzeug, eine fest verknotete Krawatte. Nachdem die Identifizierung Lorenz Minwegens durch Fingerabdruckvergleich gelungen ist, beginnen umfangreiche Ermittlungen in dem Bereich, in dem Lorenz Minwegen bekannt war. Man erfährt, daß der Getötete am 5. August 1985 vom Nachmittag an im »Chateau«, im »Böke Pomp« und im »Cafe Preuss« gesehen worden ist.

In einem Lokal hat man Lorenz Minwegen gegen 23 Uhr in Begleitung von zwei als »Wuschel« und »Ralf« bekannten Männern gesehen. Es wird festgestellt, daß diese drei Personen anschließend in Hilden im »Benrather 20« waren. Wuschel und Ralf werden den Ermittlern beschrieben. Und es wird auch mitgeteilt, daß es sich bei Wuschel und Ralf - um Polizeibeamte handeln soll... Am 10. August 1985 werden _(Vor der Tat. ) _(Vor der Tat. )

Wolfgang Liebau, genannt Wuschel, und Ralf V. festgenommen. Beide sind vom Dienst beurlaubt, aber beide sind noch immer Polizeibeamte.

Wolfgang Liebau, 27, verheiratet, ein Kind, schon 1983 hat sich seine Frau von ihm getrennt, die Scheidung läuft; Ralf V., 26, Anfang dieses Jahres hat ihn seine Freundin in der U-Haft geheiratet - da sitzen zwei des Mordes angeklagte Männer, inzwischen aus dem Polizeidienst ausgeschieden, und man kann sich so wenig ein Bild von ihnen machen, als säßen sie nicht da. Nur in einem kläglichen, aber einfühlbaren Punkt begegnet man ihnen. Man spürt ihre verzweifelte Angst vor dem Lebenslang.

Ralf V. und Wolfgang Liebau versuchen ihre Aussagen während des Ermittlungsverfahrens aufzubessern. Jeder möchte seinen Tatanteil zu Lasten des anderen verringern. Ralf V. will unter Druck gesetzt worden sein. Dem Staatsanwalt, der den wesentlichen Teil seines Geständnisses mitangehört hat, unterläuft eine kleine Fehlleistung, als er erläutern will, warum er damals an der Befragung von Ralf V. teilnahm: »Es sollte der Schein der ... die Objektivität gewahrt werden« - doch da ist kein Druck gewesen, dem Beschuldigten wurden auch keine Fallen gestellt.

Nur von der Angst der beiden Angeklagten vor dem Lebenslang kann man sich zunächst ein Bild machen. Was sich schließlich aus den Aussagen der Zeugen, aus dem, was die Angeklagten den Sachverständigen gesagt haben, ergibt, ist die Geschichte zweier Männer, die scheinbar problemlos herangewachsen sind ("Er war immer ein anständiger Junge«, sagt die Mutter von Ralf V.), denen es aber nie gelungen ist, eine Identität zu finden. Man kann sich kein Bild von ihnen machen, weil es sie nicht gibt, weil da nichts Eigenes, Unverwechselbares, weil da kein Ich ist.

Da sitzen zwei Männer, durch die ein Mensch zu Tode gekommen ist, die entschieden und grausam gehandelt haben. Doch gehandelt haben nicht Personen, die wenigstens über eine Ahnung von ihren Möglichkeiten und Grenzen verfügen, sondern gehandelt hat die Orientierungs- und Ziellosigkeit. Treibende haben einen Menschen getötet, der genauso ziellos trieb wie sie.

Wolfgang Liebau und Ralf V. sind nicht zufällig Polizeibeamte geworden. Die Uniform, die Ordnung, die der Dienst schafft, und die Macht, die dem Polizeibeamten sein Auftrag verleiht - da meint die Orientierungs- und Ziellosigkeit sich zu finden, da ist man doch endlich eine Person. Daß man nur von Amts wegen wer ist und noch immer nicht sein Ich gefunden, sondern nur eine Identität geliehen hat, ist eines Tages eine schreckliche Entdeckung.

Das ist eine Enttäuschung, die nun dem Beruf vorgeworfen wird. Wolfgang Liebau vor allem wütet, er hat gegenüber einem Sachverständigen gesagt: Man könne sich nicht vorstellen, wie die Polizeibeamten die Menschen behandeln. Man schlage und terrorisiere sie. Das komme nur nicht heraus, weil die Polizeibeamten zusammenhalten.

Schulden, hin und her zwischen Frauen, Autos, Motorräder, immer verrückter die Suche nach einem Inhalt, nach einem Ziel, nach etwas, worin man sich findet. Und natürlich Alkohol, beide trinken unmäßig, in für ihre Familien unerträglicher Weise. Eine Schwester von Wolfgang Liebau sagt, ihr Bruder habe schon morgens aus der Flasche Schnaps gegen den Kater vom Vortag getrunken. Oft war er »stark am Zittern fürchterlich am Weinen«. Den Alkohol werfen die Angeklagten jetzt dem verhaßten Polizeiberuf vor. Man habe am »Kampftrinken« auf der Wache teilnehmen müssen, um Spott und dienstliche Nachteile zu vermeiden. Das Gericht geht dem sofort nach, der Vorwurf wird bestritten, bis sich zwei Zeugen melden, die bestätigen, daß der Alkohol eine erhebliche Rolle gespielt hat. Die Staatsanwaltschaft führt noch während des Prozesses eine Untersuchung, die jedoch nichts bringt, was strafrechtlich bedeutsam wäre.

Die Polizei wird derzeit einmal wieder aufgerieben. Alles soll sie gleichzeitig und durcheinander tun. Sie hat Bürgernähe zu produzieren, aber auch dem Staat dort Autorität zu verschaffen, wo die Politiker unklar, feige und widersprüchlich agieren, weil sie den einen Wähler wollen und den ganz anderen Wähler auch. Das schlägt in den dienstlichen Alltag durch, und ob nun im Übermaß getrunken wird oder nicht - man hat auch bei der Polizei derzeit keine Identität, kein Bild von sich.

Im Herbst 1984 wird Wolfgang Liebau vom Dienst suspendiert. Er soll unter Alkohol am Steuer gesessen und versucht haben, einen Kollegen zu überfahren, der ihn anhalten und kontrollieren wollte. Uns ist nicht bekannt, daß man versucht hat, herauszufinden, was denn in diesen Wolfgang Liebau gefahren ist, daß man versucht hat, ihm zu helfen. Man hat ihn halt bis zur gerichtlichen Erledigung bei reduzierten Bezügen suspendiert. Und auch Ralf V. handelte sich eine Geldstrafe wegen Amtsanmaßung in Tateinheit mit Betrug ein, ohne daß nach unserer Kenntnis ernsthaft versucht wurde, herauszufinden, was denn um Himmels willen mit ihm los ist. Nein, im Disziplinarverfahren bekommt er noch eine Geldbuße drauf, 600 Mark hat er, der ohnehin hoch verschuldet ist, zu zahlen, und eine einjährige Beförderungssperre gehört auch dazu. So geht es zu in einem Haus ohne Hüter, das jeder wie eine Bedürfnisanstalt benutzt.

Auch Ralf V. ist endlich suspendiert, und zwar ganz frisch suspendiert, als er wieder einmal mit Wolfgang Liebau loszieht. Sie treffen auf den Lorenz Minwegen, der seine Rolle des Wohlhabenden spielt. Sie wollen ihn ausnehmen, er scheint Geld bei sich zu haben, 1000 Mark vermutet Ralf V. Sie locken ihn in ein Waldgelände und fallen über ihn her. Die Details sind gräßlich, doch nur eines ist bedeutsam: Es läßt sich später nicht mehr feststellen, wann Lorenz Minwegen gestorben ist - als man ihn würgte und überwältigte, um ihn durchsuchen zu können (zirka 30 Mark finden die Täter), oder als man ihn erdrosselte, weil einem nun doch schon eingefallen war, daß er ja, wenn er am Leben blieb, den Überfall anzeigen würde.

Rechtsanwalt Ulrich Bauschulte, Köln, arbeitet das als Verteidiger von Wolfgang Liebau eindrucksvoll über einen Beweisantrag heraus. Das Gericht erkennt nicht auf Mord, sondern auf 13 Jahre wegen schweren Raubes und Körperverletzung mit Todesfolge in Tateinheit mit versuchtem Mord. Das Gericht führt strafmildernd auch an, daß »die dienstliche Verführung zum Alkohol« nicht auszuschließen sei.

Warum finden Menschen ihre Identität nicht? Darauf gibt es eine Fülle von

Antworten. Keine ist erschöpfend. Man kann der Umgebung die Schuld geben, man kann den damit beschweren, der nicht zu sich findet, und mancher sagt, daß es eben auch Menschen von geringer Qualität gibt. Man kann allerdings auch in dieser Form der Schicksalslosigkeit ein Schicksal sehen, das der Hilfe, des Beistands bedarf, nicht nur des ärztlichen, und allemal des Verständnisses.

Das Gericht in Düsseldorf hörte einen Psychiater und zwei Psychologen, die den Angeklagten volle Schuldfähigkeit zusprachen. Die sachverständigen Psycho-Männer waren gereizt. Die Verteidiger hatten sie mehrfach erfolglos wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt. Man wird mit der Gereiztheit erfolglos abgelehnter Richter in Zukunft milder sein müssen, wenn nicht mal die Seelenkunde ihre Jünger feit. »Rücksichtslos gegenüber sozialen Normen« hieß es, »ehrgeizig und geltungsstrebig«, und es war von ausgeprägten »hysterischen Eigenschaften« die Rede. Offenbar trägt mancher leicht daran, obwohl er Arzt oder Therapeut ist, nicht von verminderter Schuldfähigkeit sprechen zu können.

Die erkannte in Düsseldorf ein vierter Sachverständiger, der Tübinger Psychiater Dr. Hans-Jörg Gaertner, 43, eines mittelschweren Rausches zur Tatzeit wegen. Ihm folgte das Gericht für beide Angeklagte, obwohl er nur Ralf V. begutachtet hatte. Wolfgang Liebau werde nicht ausgerechnet an diesem Abend weniger getrunken haben als sonst.

13 Jahre Freiheitsstrafe sind nur ein Gran weniger bitter als Lebenslang, sie lassen nur den Schimmer einer Chance. Wenn in der Haft nichts für diese beiden Männer geschieht, wenn ihnen nicht eine Hilfe geboten wird, zu der sie sich entschließen können, sind sie verloren.

Vor der Tat.Vor der Tat.

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