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NAHOST Starke Nachbarn, neue Hoffnung

Eine Offerte aus Damaskus bringt Israel in Verlegenheit: Verpasst der jüdische Staat eine Chance zur historischen Aussöhnung mit dem Erzfeind Syrien?
aus DER SPIEGEL 4/2004

Das Neubaugebiet liegt idyllisch in einem alten Eichenhain mit freiem Blick über die grüne Hochebene auf den schneebedeckten Berg Hermon. »Ist das nicht ein Traum?«, schwärmt die Maklerin Zipke Harel vor den Grundstücken auf den Golanhöhen. 32 Familien hätten bereits unterschrieben. Zu besten Konditionen: Das staatliche Bauland hoch über dem See Genezareth bekommen sie umsonst, sie müssen nur die Erschließungskosten zahlen.

Um Neusiedler anzulocken, scheuen die Mitglieder des Kibbuz Merom Hagolan keine Mühe. Interessenten dürfen kostenlos im Hotel der Gemeinschaftssiedlung übernachten, werden zu Feiern und Picknicks eingeladen. Zum Abschied gibt es ein Weinbouquet aus der Golan-Kellerei.

Der Werbeeifer ist durchaus angebracht, denn das kleine Paradies hat einen Schönheitsfehler. Nur zwei Kilometer entfernt verläuft die Waffenstillstandslinie zu Syrien, und nicht jeder hat Lust, so nah neben einem der erbittertsten Feinde Israels zu leben.

Doch auch ein Frieden könnte die Siedler empfindlich treffen. Dann müsste Israel das 1176 Quadratkilometer große Vulkanmassiv wohl zurückgeben, das es 1967 im Sechstagekrieg eroberte und später sogar annektierte.

Zumindest in der vergangenen Woche schien eine Annäherung zwischen Damaskus und Jerusalem wieder möglich. Bei seinem Türkei-Besuch zuvor soll Syriens Herrscher Baschar al-Assad in Ankara Premier Tayyip Erdogan um Vermittlung gebeten haben. Damaskus sei bereit, mit Israel Friedensverhandlungen »ohne Vorbedingungen« aufzunehmen. »Man kann nicht nur immerzu von dieser Vision reden«, so ein ungewöhnlich sanfter Assad, »man muss auch einen Mechanismus in Gang setzen, um diese Vision zu verwirklichen.« Ankaras Außenminister Abdullah Gül bot dem Besucher bereits Istanbul als neutralen Boden für syrisch-israelische Gespräche an.

Doch die Bewegung, die Assad damit an der starren Nahost-Front auslöste, stockt - vorerst. Offiziell reagierte die Regierung von Premier Ariel Scharon in Jerusalem eher verhalten auf die Gesprächsofferte. Damaskus solle »erst mal seine Unterstützung für den Terror gegen Israel stoppen« und so seine Ernsthaftigkeit mit Taten beweisen. Immerhin lud Präsident Mosche Kazaw seinen syrischen Amtskollegen spontan nach Jerusalem ein.

Die Rahmenbedingungen für die Wiederaufnahme früher gescheiterter Verhandlungen sind günstig. Spätestens seit dem Sturz des irakischen Despoten Saddam Hussein weiß auch Assad, dass er sein Reich politisch öffnen muss. »Jetzt ist die Zeit für einen womöglich phantastischen Deal mit Syrien«, glaubt denn auch Itamar Rabinowitsch, Chef-Unterhändler des früheren Premiers Jizchak Rabin in Verhandlungen mit Syrien. Assad fühle sich isoliert und sei damit auch offen für Angebote aus Israel.

Einige Minister drängen Scharon, die Chancen zu prüfen. Selbst Hardliner wie Ex-Premier Benjamin Netanjahu wollen nun verhandeln, weil sie glauben, Israel könne womöglich sogar Teile des Golan behalten. Erstmals spreche Assad von einer völligen »Normalisierung« der Beziehungen und schaffe damit Risse in der bisher unverbrüchlichen Feind-Achse Syrien-Hisbollah-Iran, lobte der Chef des Militärgeheimdienstes Aharon Seewi.

In der Regierung allerdings überwiegt die Skepsis, ob Assad die Statur und den politischen Willen hat, einen Frieden auch durchzusetzen. Kazaws Einladung wies Damaskus erst mal zurück. »Er ist leider kein Sadat«, klagte der israelische Staatspräsident in Erinnerung an den ägyptischen Präsidenten, der 1977 zur Aussöhnung nach Jerusalem gekommen war und erklärt hatte: »Nie wieder Krieg.«

Dabei vergisst Israel, dass es selbst derzeit keinen Menachem Begin zu bieten hat, der damals Sadat die Hand reichte. »Wir sollten uns nicht beeilen, Assad um den Hals zu fallen«, beschied Scharon sein Kabinett, »wir halten ihm nicht die Leiter ins Weiße Haus.« Erst im Oktober hatte der Premier ein vermeintliches Trainingslager des Islamischen Dschihad mitten in Syrien bombardieren lassen.

Scharon kalkuliert kühl: Die Grenze zu Syrien ist die ruhigste Front im ganzen Land, warum soll er jetzt die Bevölkerung mit Rückzugsgerede vom Golan verunsichern? Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der vom Palästinenser-Konflikt beherrschten Israelis das fruchtbare Hochplateau nicht zurückgeben will, wo Hunderttausende jährlich Ferien machen.

Enge Vertraute Assads wie Mahdi Dachlallah, Chefredakteur der Tageszeitung »al-Baath«, jedoch bezweifeln, dass der Präsident wie Sadat den gordischen Knoten durchschlagen und tatsächlich nach Jerusalem fahren könnte. Weder die politische Ausgangsposition noch die Persönlichkeiten Assads und Sadats seien zu vergleichen, meint Dachlallah, der die Einladung von Israels Staatschef als »Propagandakunststück« verwirft.

Nach Einschätzung westlicher Diplomaten in Damaskus kann Assad es sich nicht leisten, den Widerstand der »alten Garde« seines Vaters herauszufordern, indem er von ererbten Positionen abweicht. Vor allem die Kardinalforderung, Israel müsse den gesamten Golan bis an das Ufer des Sees Genezareth zurückgeben, ist für Jerusalem unannehmbar. Selbst Ex-Premier Ehud Barak, der 1999 weit reichende Verhandlungen mit Syrien führte, beharrte darauf, dass »die Syrer nicht ihre Füße im See baden« dürften. Der ist Israels wichtigster Süßwasserspeicher.

»Israel irrt sich«, sagt der syrische Staatsbeamte Mohammed Ali, der im Auftrag des Informationsministeriums in der verlassenen Stadt Kuneitra direkt an der Grenze zum israelisch besetzten Golan Schulkindern Damaskus'' Sicht der Dinge erklärt: »Wir werden keinen Zoll syrischen Gebiets abtreten.«

Mit Ausnahme einiger österreichischer Uno-Soldaten ist Ali heute der einzige Bewohner der von Israel zerstörten Grenzstadt Kuneitra. Anstatt sie wieder aufzubauen, bewahrt Syrien die Ruinen als Mahnmal. »Israel will unser Ufer behalten«, klagt Ali und fährt auf einer Reliefkarte mit dem Zeigestock am Ostufer des Sees entlang - die Syrer besetzten es nach dem arabisch-israelischen Krieg 1948/49. Jerusalem hingegen beruft sich auf die Grenzziehung der Mandatsmächte Großbritannien und Frankreich von 1923, wonach Damaskus keinen Anspruch auf den See hat.

Wenn Assad wie vorvergangenen Sonntag dem überraschten US-Senator Bill Nelson in Damaskus erklärt, man könne sich vorstellen, die Verhandlungen mit Israel am Punkt null beginnen zu lassen, meint das nach syrischer Lesart die Grenze nach dem Krieg von 1948. Der frühere Premier Jizchak Rabin, insistiert Damaskus, habe diese Linie zugesagt.

Doch wer genau hinhört, vernimmt auch neue Töne. Auf anderen Feldern sei man verhandlungsbereit, so Informationsminister Ahmed al-Hassan: Über die »Topografie« könne man ebenso reden wie über »verschiedene Zeitvorstellungen« beim Rückzug oder die Tiefe einer demilitarisierten Zone. Auch für die Sicherung des Grenzgebietes gebe es »unterschiedliche Ideen«. Offenbar ist Syrien zudem bereit, das Palästina-Problem von bilateralen Golan-Verhandlungen abzukoppeln. Nicht alle offenen Fragen zwischen Israel und den Palästinensern, dem Libanon und Syrien müssten »gleichzeitig« geklärt werden, sagt Informationsminister Hassan.

Tatsächlich ist im Gespräch mit Regimevertretern der Druck der Amerikaner geradezu greifbar. Seit die USA mit 130 000 Soldaten im Nachbarland Irak stehen und Präsident George W. Bush jüngst ein Sanktionsgesetz gegen Syrien unterzeichnete, fühle sich die Führung eingekreist und schwach wie selten zuvor, berichtet ein westlicher Beobachter in Damaskus. In der Stadt gehe der Spott um, Assads stärkstes außenpolitisches Argument sei derzeit dessen attraktive Ehefrau, die im Westen außerordentlich gut ankomme.

Die schöne Asmaa begleitete ihren Gatten auch beim jüngsten Besuch in der Türkei, dem ersten eines syrischen Staatschefs überhaupt. Ankara könnte sogar helfen, die heikle Wasserfrage zu lösen, indem die Türkei den Syrern einen größeren Anteil am umstrittenen Euphrat-Wasser zugesteht, falls Syrien seinerseits auf die von Israel so begehrten Golan-Quellflüsse verzichtet.

Ministerpräsident Erdogan, heißt es aus Ankara, werde Ende Januar im Weißen Haus einen Brief Assads an George W. Bush übergeben. Tenor: Israel sei schuld an der Misere im Nahen Osten. Doch mit den starken USA, »unserem neuen Nachbarn im Irak«, wolle man sich nicht anlegen.

Solche Botschaften tun offenbar Not. Denn selbst auf die syrische Gesprächsofferte an Israel reagierten die USA kühl. Inoffiziell machen US-Diplomaten keinen Hehl aus ihrer Antipathie gegen Assad und dessen »Schurkenstaat«. Washingtons Credo: »Wir mögen ihn nicht, und wir trauen ihm nicht.«

Zwar habe er mit Informationen über al-Qaida geholfen, doch alle Kooperation »komme zu langsam und zu spät«. Washington hat Damaskus eine Aufgabenliste vorgelegt, um den Terror zu bekämpfen. Die soll Assad erst einmal abarbeiten. Daher macht Bush derzeit auch keinen Druck auf Israel, sofort mit Syrien zu verhandeln.

Derweil ziehen weitere Israelis auf den Golan. Wladimir Poschidajew, 31, der mit Frau und zwei Töchtern erst vor knapp zwei Monaten aus Usbekistan ankam, wusste nicht allzu viel über den Konflikt, als er sich für seine neue Heimat entschied. Doch in den wenigen Wochen hat er schon einiges gehört - und begriffen. »Die Syrer sind als Touristen jederzeit willkommen. Nur das hier«, sagt er und zeigt auf die Golan-Karte, »das ist Israel.« ANNETTE GROßBONGARDT,

VOLKHARD WINDFUHR, BERNHARD ZAND

* Am 6. Oktober 2003 während einer Gedenkfeier zum 30.Jahrestag des Jom-Kippur-Kriegs in Damaskus.

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