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ÖSTERREICH Starkes Verlangen

Durch eine zweite Volksabstimmung soll Österreichs Nein zum Atomstrom möglicherweise doch noch in ein Ja verwandelt werden.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Een jemütliches Arbeitstempo jibt's hier«, fand kürzlich ein deutscher Ingenieur, der an der Demontage im Kernkraftwerk Zwentendorf westlich von Wien mitwirkt. »Kaum nimmt da eener 'nen Schraubschlüssel zur Hand, is' schon wieder Feierabend.«

Trotzdem wurde offenkundig viel zu rasch gearbeitet. Neun Monate nach der spektakulären Volksabstimmung vom 5. November 1978, die das fertige Zwentendorf zur »teuersten Ruine aller Zeiten« ("Der Tagesspiegel") zu machen versprach, ist Österreichs Atomlobby aktiver denn je. Wetten werden angenommen, daß der Kernkraft im Alpenland die Zukunft gehört.

Von 5,08 Millionen abstimmungsberechtigten Staatsbürgern hatten sich im November vergangenen Jahres nur knappe 1,6 Millionen gegen die Kernkraft ausgesprochen, aber sie stellten 50,47 Prozent der gültigen Stimmen dar. Damit hatte sich erstmals ein Volk vom Wachstum um jeden Preis losgesagt -- gegen den Wunsch des sonst so populären Kanzlers Bruno Kreisky und gegen den gemeinsamen Appell von Industriellenvereinigung und Gewerkschaftsbund.

Das Schicksal des 692-Megawatt-Kraftwerks Zwentendorf, in das 1,2 Milliarden DM investiert worden waren, bildete wochenlang ein Hauptthema in Wien. Der »Kurier« hatte vorgeschlagen: Das »einzigartige Kernkraftwerksmodell im Maßstab eins zu eins solle als Museum überflüssiger Technik nebst dem Stephansdom und der Kapuzinergruft zu Österreichs Haupttouristenattraktion werden.

Der anfangs propagierte Umbau auf Kohlefeuerung erwies sich als finanziell zu aufwendig er käme ebenso teuer wie ein neues Kohlekraftwerk. Den Betonkoloß niederzureißen wiederum schien den Verantwortlichen denn doch zu barbarisch. Also entschlossen sie sich, die Innereien des Milliardenobjektes zunächst einmal auseinanderzuschrauben und die einzelnen Teile behutsam in Kisten zu verpacken.

Rund 150 Ingenieure und Arbeiter arbeiteten 9 Monate an der Demontage der Pumpen, Ventile und Rohrleitungen, weil es -- so der technische Direktor Alfred Nentwich »noch schwerer ist, ein Kernkraftwerk gut ab -- als gut aufzubauen«.

Nun liegen die säuberlich gepackten und beschrifteten Kisten sowie 484 betriebsbereite Atombrennstäbe zum Versand bereit. Freilich fand sich noch kein Abnehmer. Nentwich: »Die Paßgenauigkeit macht sie schwer verkäuflich. Sie können nicht in jedem beliebigen Kernkraftwerk eingesetzt werden.«

Möglicherweise ist ein Verkauf auch gar nicht mehr notwendig. Denn rascher als erwartet wird wieder über den »ökonomischen Unsinn Zwentendorf« (Nationalbankgeneraldirektor Heinz Kienzl) diskutiert.

»Wenn wir eine wachsende Wirtschaft wollen, müssen wir über die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks reden«, argumentiert der Sozialdemokrat Kurt Heindl ohne Umschweife. Sein Kollege Fritz König von der Volkspartei will sich zumindest nicht festlegen, »ob es gelingt, daß Österreich ohne Kernenergie auskommt«.

Keineswegs per Zufall präsentierte der sozialdemokratische Mediensprecher Karl Blecha gerade jetzt die »soziologische Spielerei« einer »österreichischen Gesellschaft zur Förderung der Forschung«, deren Präsident er ist. Inhalt des Papiers: Das Votum vom 5. November war schlecht getimt und schlecht verkauft. Sowohl im Oktober wie auch drei Wochen nach der Volksabstimmung sei eine klare Mehrheit für Zwentendorf vorhanden gewesen. Um nicht als schlechte Demokraten dazustehen, verkünden die Spitzenpolitiker der beiden großen Parteien weiterhin, daß niemand »an der Entscheidung des Volkes rütteln wird« (Bruno Kreisky). Weder SPÖ noch ÖVP würden von sich aus initiativ werden, um eine zweite Volksabstimmung zur Korrektur der ersten in Gang zu bringen.

Falls sich jedoch andere Gruppen zu solchem Tun fänden, ließen Spitzenfunktionäre wissen, könnten die Parteien gerade wegen ihres Demokratie-Verständnisses nichts dagegen haben.

Diese anderen Gruppen von Kernkraftbefürwortern fanden sich denn auch in der harmlos betitelten »Gesellschaft für Energiewesen«, die neben dem E-Werk-Verband alles umfaßt, was in Österreich mächtig ist: den Gewerkschaftsbund und die Arbeiterkammer, die Industriellenvereinigung und die Wirtschaftskammer.

Die vier Institutionen von links und rechts werden im Herbst gemeinsam die Offensive für ein Ja zum Atomstrom eröffnen. Ihr Ziel ist die Sammlung jener 200 000 Unterschriften, die für die Einleitung einer neuerlichen Volksabstimmung notwendig sind.

Als Hauptmotoren der Atomlobby agieren Gewerkschaftspräsident Anton Benya und der geschäftsführende Industriellen-Generalsekretär Herbert Krejci. Angesichts der verschärften Energiesituation erhoffen sich die beiden eine »ruhigere und sachlichere Diskussion als im Vorjahr« (Krejci), bei der »die Vernunft siegt« (Benya).

An Argumenten fehlt es den Atom-Propagandisten nicht: Österreich muß derzeit an die 60 Prozent seiner Energie importieren. Öl, Erdgas, Kohle und Strom verursachen mehr als die Hälfte des Handelsbilanzdefizits. Dabei steigt der Bedarf an Elektrizität voraussichtlich um fünf Prozent pro Jahr.

Die große Chance für Benya und Krejci ist die dramatische Stromverteuerung im kommenden Winter. Wenn dann noch gar das E-Netz zusammenbricht, könnte nach Meinung Herbert Krejcis ein starkes »Verlangen aus der der Bevölkerung kommen, über Zwentendorf noch einmal nachzudenken«.

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