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Stasi-Jagd auf Stiller

aus DER SPIEGEL 40/1992

Staatssicherheitschef Erich Mielke hat Anfang der achtziger Jahre eine Million Mark ausgelobt, um den flüchtigen Agenten Werner Stiller in die DDR zurückzuholen oder zu töten. Dies geht aus Akten des Bundesnachrichtendienstes (BND) hervor. Stiller, ein Oberleutnant der Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), war im Januar 1979 in den Westen geflohen und hatte dort zahlreiche Ost-Agenten enttarnt. Mit seiner Hilfe erhielt der BND erstmals ein genaues Bild von Struktur und Arbeitsmethoden der HVA. Über Mielkes Reaktion packte fast drei Jahre später der HVA-Informant Günter Asbeck aus, der sich ebenfalls in den Westen abgesetzt hatte. Danach richtete Mielke eine ihm persönlich unterstellte Kommission ein, die für die Ergreifung Stillers sorgen sollte: »Tot oder lebendig - lebendig ist aber besser.«

Bereits im Februar 1981, so Asbeck laut BND-Unterlagen, habe ihm der HVA-Oberst Karl Großmann persönlich erzählt, »er habe den Auftrag, Stiller zu liquidieren«. Dies sei »z. Zt. recht schwierig«, da man an den BND-geschützten Stiller »nicht recht rankomme«. Er habe jedoch »einen Fonds des Ministers selbst von 1 Mio DM West« zur Verfügung. Großmann habe zudem über seine guten Kontakte zu westdeutschen Kriminellen geprahlt, »die für ausreichendes Geld alles tun: Er könne diese Kriminellen - bei bestehender Notwendigkeit - auch in der DDR verschwinden lassen«. Der HVA-Oberst sei zuversichtlich gewesen, Stiller zu schnappen: »Den werde ich kriegen.«

Stiller entkam jedoch den Stasi-Häschern und lebt jetzt, nach längerem Aufenthalt in den USA (SPIEGEL 13/1992), unter neuem Namen als Broker in Frankfurt. Gegen Großmann läuft inzwischen ein Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft. Der Stasi-Oberst sieht das heute so: »Mielke wollte Stiller lebendig, es wurde abgelehnt, ihn umzulegen.«

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