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»STEHEN SIE AUF, VAN DER LUBBE!«

aus DER SPIEGEL 47/1959

Der frühere Berliner Oberbranddirektor Gempp ist von den Verfechtern der Nazischuld-These zu einem »Martyrer« gestempelt worden, der von den Nazis eingekerkert und ermordet worden sei, weil er zuviel von den Geheimnissen um den Reichstagsbrand wußte Wie in der letzten Woche dargelegt wurde, ist Gempp in Wirklichkeit einer Bestechungsaffäre zum Opfer gefallen. Dem früheren Berliner Feuerwehrchef hat man auch die Behauptung in den Mund gelegt, die Berliner Feuerwehr sei während des Reichstagsbrandes von der NS-Führung systematisch behindert worden.

(4. Fortsetzung)

Der Berliner Oberbranddirektor Gempp hat vor dem Leipziger Reichsgericht unter Eid versichert, der Einsatz der Berliner Feuerwehr während des Reichstagsbrandes sei absolut normal verlaufen, und niemand habe den Versuch gemacht, die Feuerwehr zu behindern. Die Behauptung des Braunbuchs und zahlreicher ausländischer Zeitungen, Göring habe ihm verboten, sofort Großalarm zu geben, bezeichnete Gempp empört als »glatten Unsinn":

Daß diese Erklärung Gempps den Tatsachen entsprach, wird bis auf den heutigen Tag bezweifelt. In nahezu allen Berichten, die in den letzten fünfundzwanzig Jahren über den Reichstagsbrand erschiennen sind, kann man nachlesen, die Nazis hätten Gempp zu seiner Aussage gezwungen. Der beste Beweis sei die ja doch unbezweifelte Tatsache, daß der Einsatz der Feuerwehr am Brandabend keineswegs vorschriftsmäßig gewesen sei.

Der erste prominente Verfechter dieser These war der ehemalige preußische Innenminister und Polizeipräsident Albert Grzesinski. Er hatte 1933 vor der Londoner Untersuchungskommission ausgesagt: »Wenn bei Bekanntwerden des Brandes nicht automatisch die höchste Alarmstufe verkündet worden ist, so muß das auf einen besonderen Befehl zurückzuführen sein.«

Nicht ganz zu Unrecht konnte daher das Braunbuch II folgern: »Die höchste

Alarmstufe der Feuerwehr ist eine halbe Stunde zu spät verkündet worden. Das führte dazu, daß das Feuer im Reichstag schwere Verwüstungen anrichtete, daß der Plenarsaal zu einem Trümmerfeld wurde. Wer hatte ein Interesse an einem gewaltigen Brandschaden? Die Nationalsozialisten! Sie waren daran interessiert, das 'Vernichtungswerk des Bolschewismus' gewaltig erscheinen zu lassen.«

Dem Braunbuch zufolge hat es in Preußen »besondere Vorschriften« gegeben, nach denen bei Bränden im Regierungsviertel Berlins stets sofort die höchste, d.h. die fünfzehnte Alarmstufe auszulösen war.

Das Datum dieser »besonderen Vorschriften« wird nicht angegeben. Das ist auch nicht möglich; solche Vorschriften existierten nicht. Es gab in Berlin wie in jeder anderen Stadt eine Regelung für den Brandschutz der öffentlichen Gebäude, Theater, Warenhäuser, Fabriken usw. Die Einzelheiten darüber waren in der »Alarm -

und Ausrückeordnung« festgelegt. Selbstverständlich mußte für den Fall einer Brandmeldung aus dem Reichstag automatisch ein höherer Alarm für die Feuerwehr ausgelöst werden als, etwa bei harmlosen Bränden privater Objekte.

Der ehemalige Polizeipräsident und Innenminister Grzesinski irrte jedoch, als er in London behauptete, daß bei jedem Brand im Reichstagsgebäude sogleich automatisch der höchste Alarm in Anwendung kommen mußte. Tatsächlich sah die »Alarmordnung« für eine Brandmeldung aus dem Reichstag nur die dritte Alarmstufe vor. Auch heute geht der höchste Alarm, der in Westberlin für ein öffentliches Gebäude vorgesehen ist - für das Schöneberger Rathaus -, nicht über die fünfte Alarmstufe hinaus*.

Wie das Braunbuch und Dr. Wolff einträchtig berichteten, soll Gempp seine kritischen Bemerkungen auf einer Besprechung mit »Brandleitern der Feuerwehr« vorgebracht haben. Nun hat am 28. Februar 1933 unter Gempps Leitung tatsächlich eine Besprechung über die Umstände des Brandes stattgefunden. Wie jedoch Gempp und der Oberbrandmeister Puhle vor dem Reichsgericht übereinstimmend aussagten, hat es sich dabei um die nach größeren Bränden übliche Besprechung gehandelt. Beide erklärten mit Nachdruck, daß die im Ausland aufgetauchten Behauptungen, es sei über, eine Behinderung der Löscharbeiten oder dergleichen gesprochen worden, freie Erfindungen seien.

Oberbrandmeister Puhle lebt heute im Ruhestand und hat diese Angaben nochmals bestätigt. Immerhin bleibt die Tatsache, daß beim Reichstagsbrand auch die vorschriftsmäßige dritte Alarmstufe nicht sofort ausgelöst wurde. Wenn also nicht die fünfzehnte, aber immerhin die dritte Stufe fällig war - warum wurde auf die erste Alarmierung, hin nur ein einziger Zug der Feuerwehr entsandt?

Die Antwort lautet daß - wie bei vielen anderen historischen Ereignissen - auch hier die Summierung einzelner, geringfügiger Zufälligkeiten im Endeffekt unheilvolle Auswirkungen ergab. Daß von einer organisierten Behinderung der Feuerwehr nicht die Rede war, beweist der Zeitplan der einzelnen Alarmierungen, wie er sich aus den Vernehmungsprotokollen der Polizei und aus der - keineswegs verschwundenen - Anklageschrift ergibt:

Erste Alarmierung: 21 Uhr 13.

Dem Polizeioberwachtmeister Buwert wird um 21 Uhr 05 durch die Passanten Flöter und Thaler gemeldet, daß Brandstifter in den Reichstag von außen eingedrungen seien. Er beauftragt um 21 Uhr 09 einen Zivilisten, die Polizeiwache »Brandenburger Tor« zu alarmieren. Fast gleichzeitig - um 21 Uhr 10 - fordert er die Passanten Kuhl und Freudenberg auf, die Feuerwehr zu benachrichtigen. Sie laufen zum VDI-Haus, von dem aus die Hauptfeuerwache in der Lindenstraße um 21 Uhr 13 über den Brand in Kenntnis gesetzt wird. Die Hauptfeuerwache gibt der örtlich zuständigen Feuerwache »Stettin« in der Linienstraße Befehl, den Brand zu bekämpfen. Unter dem Oberbrandmeister Puhle rückt schon eine Minute später Zug 6 aus. Er trifft um 21 Uhr 18 am Reichstag ein, wird von Passanten zunächst zur Nordseite dirigiert, fährt dann aber zur Brandstelle in den Restaurationsräumen an der Westseite.

Zweite Alarmierung: 21 Uhr 15.

Ein Streifenbeamter gibt um 21 Uhr 15 vom Feuermelder in der Moltkestraße aus

Feueralarm. Daraufhin rückt sofort der Zug 7 unter Leitung des Brandmeisters Klotz von der Feuerwache »Moabit« in der Turmstraße aus. Auch er trifft vier Minuten später am Reichstag ein. Klotz findet an der Westseite bereits den Zug 6 vor und fährt mit drei Wagen weiter. Der vierte, unter Leitung des Brandmeisters Wald, bleibt an der Südwestecke. Klotz fährt nach kurzem Halt am - verschlossenen - Südportal II vorbei zum Nordportal V, dem einzigen, das geöffnet ist. Er trifft dort etwa um 21 Uhr 20 ein.

Dritte Alarmierung: 21 Uhr 19.

Unmittelbar nach seiner Ankunft am Reichstag hatte Polizeileutnant Lateit dem

Oberwachtmeister Buwert um 21 Uhr 17 den Befehl erteilt, »Großalarm« zu geben. Lateit hatte ihm aber zugleich befohlen, die Fenster des Reichstags zu beobachten und notfalls zu schießen. Buwert beobachtet erst einmal und wartet, bis etwa zwei Minuten später ein Kamerad erscheint, an den er Lateits zweiten Befehl weitergibt. Da bereits zwei Löschzüge ausgerückt sind, bewirkt die Alarmierung keinen zusätzlichen Feuerwehreinsatz.

Vierte Alarmierung: 21 Uhr 31.

Brandmeister Wald löste um 21 Uhr 31 vom Portal V aus telephonisch die zehnte Alarmstufe aus.

Fünfte Alarmierung: 21 Uhr 32.

Eine Minute später wird von Portal V aus noch einmal telephonisch die zehnte Alarmstufe ausgelöst. Insgesamt rasen daraufhin acht Züge in Richtung Reichstag. Mit ihnen erscheinen Oberbranddirektor Gempp und Oberbaurat Meußer.

Sechste Alarmierung: 21 Uhr 33.

Oberbrandmeister Puhle schickt seinen Melder Trappe zum VDI-Haus. Er soll dort telephonisch die fünfte Alarmstufe auslösen. Von der Hauptwache erfährt Trappe jedoch, daß kurz zuvor bereits die zehnte Alarmstufe verkündet worden ist.

Siebente Alarmierung: 21 Uhr 42.

Kurz nach seiner Ankunft gibt Oberbrandmeister Gempp die fünfzehnte und damit höchste Alarmstufe. Da jeder Zug vier Fahrzeuge umfaßt, sind in der Endphase 60 Feuerwehrwagen um den Reichstag versammelt. Gleichzeitig beginnen von der Spree aus mehrere Löschboote mit der Brandbekämpfung.

Der Zeitplan der Alarmierungen zeigt, daß Dr. Sack, der Verteidiger Torglers, am 10. Oktober 1933 vor dem Reichsgericht mit einigem Recht auf »die außerordentlich schnelle Mobilisierung der Feuerwehr hinweisen konnte. Offen bleibt nach diesem Zeitplan freilich noch die Frage, warum auf die erste fernmündliche Mitteilung, daß im Reichstag ein Brand ausgebrochen sei, von der Hauptfeuerwache nicht die dritte Alarmstufe ausgelöst wurde, was den sofortigen Einsatz von drei Zügen bedeutet hätte.

Aus dem Studium der Vernehmungsprotokolle und der Prozeßakten ergibt sich dafür folgende Erklärung:

1. Bei der telephonischen Benachrichtigung wurde auf die Rückfrage der Feuerwehr hin mitgeteilt, daß es sich um einen »geringfügigen Brand« zu handeln scheine. Um wegen dieses unbedeutenden Brandes nicht den gesamten Stadtteil von Einsatzkräften der Feuerwehr zu entblößen, entschloß sich die Hauptfeuerwache, zunächst nur einen Zug zu entsenden.

2. Als zwei Minuten später der Zug 7 über den Feuermelder in der Moltkestraße alarmiert wurde, gab der alarmierende Polizist die Meldung durch, daß im Reichstag Feuer ausgebrochen sei. Von diesem Gespräch wurde automatisch auch die Hauptwache unterrichtet. Dort sah man keine Notwendigkeit für ein Eingreifen, da ja wegen des bereits gemeldeten »geringfügigen Brandes« nun ein zweiter, vermutlich sogar überflüssiger Zug ausrücken würde.

3. Von 21 Uhr 18, als der Zug 6 beim Reichstag angekommen war, bis zur Auslösung der zehnten Alarmstufe um 21 Uhr 31 erhielt die Hauptfeuerwache keine Alarmstufen-Meldungen. Das konnte dort nur so ausgelegt werden, daß die eingesetzten Kräfte ausreichten.

4. Daß im Reichstag selbst der Brand zunächst nicht als besonders gefährlich angeschen wurden schloß man auf der

Hauptwache weiter aus der Tatsache, daß keiner der dortigen Hausfeuermelder betätigt worden war. Auf einen Alarm der Hausfeuermelder wären zweifellos - laut Vorschrift - sogleich drei Züge zum Reichstag entsandt worden.

Der Nachtpförtner Wendt, der von dem Polizeiwachtmeister Poeschel sogar ausdrücklich aufgefordert worden war, den Feuermelder zu betätigen, hatte aus zwei durchaus plausiblen Gründen darauf verzichtet. Einmal war ihm bereits gesagt worden, daß die Feuerwehr alarmiert sei;

zum anderen hörte er - während er telephonisch seine Vorgesetzten verständigte - bereits die Signale der eintreffenden Löschzüge. Daß Wendt in seiner Aufregung keine Erwägungen darüber anstellte, ob etwa ein Unterschied zwischen einen Feueralarm aus dem Reichstag selbst oder aus der Umgebung des Hauses bestand, ist begreiflich.

Aus dem Zeitplan der Alarmanzeigen ergibt sich nun allerdings, daß von den zur Brandbekämpfung eingesetzten Feuerwehrbeamten selbst erst dreizehn Minuten nach der Ankunft des ersten Zuges ein weiterer Alarm - die zehnte Alarmstufe - ausgelöst wurde. Immerhin ein Zeitraum, der für die Entwicklung des Brandes im Plenarsaal ausgereicht hat. Dieses Zögern der Feuerwehrbeamten erklärt sich nach den vorliegenden Berichten so:

Um 21 Uhr 22 oder 21 Uhr 23 drang der Zug 6 unter dem Oberbrandmeister Puhle über Steckleitern durch die Fenster in den Restaurationssaal ein, wo ein Feuerschein beobachtet worden war. Im Saal des Restaurants fanden sich - laut Anklageschrift - folgende Brandherde: »Ein mit seinem unteren Ende auf einem Tisch liegender Fenstervorhang sowie die Tür nebst Türbekleidung und Portiere an der der Fensterfront gegenüberliegenden Wand.«

Diese Brandstellen wurden sofort gelöscht. Oberbrandmeister Puhle ging dann durch die verbrannte Tür in die angrenzende Wandelhalle, wo er mit dem auf die zweite Meldung hin ausgerückten Zug 7 der Wache Moabit zusammentraf. In den Restaurationsräumen und in den Wandelgängen stellte er niedergeschlagenen Rauch fest. Er gewann den Eindruck, daß der Rauch allein von dem Brand im Restaurant herrührte, zu dessen Bekämpfung zwei Feuerwehrzüge zweifellos genügten.

Als man dann im Restaurant unter den Vorhängen die Reste der Kohlenanzünder van der Lubbes fand, ließ der Zugführer in den angrenzenden Räumen und auch im Erdgeschoß sofort nach weiteren Brandstiftungsmitteln suchen. Dabei gelangte er selbst auch in den Plenarsaal.

Rückblickend schildert Puhle heute seinen damaligen Eindruck: »Beim Öffnen des Plenarsaales bot sich mir das gleiche Bild wie in den anderen Fluren und Zimmern, nämlich ein leichter Rauchschleier, ohne erkennbares Feuer ... Als ich nach weiteren Kontrollen abermals in den Plenarsaal gelangte, erkannte ich mit einem Male ein umfangreiches Feuer, worauf ich dem mich begleitenden 'Postenmelder', Herrn Trappe, sofort Weisung gab, Fünften Alarm auszulösen.«

Die Brandstellen in den Läufern und Teppichen, die von Lubbes brennenden Stoff-Fetzen und Kohlenanzündern herrührten, wurden inzwischen von den Feuerwehrleuten mit dem »kleinen Gerät« - einer Zehnliter-Kübelspritze - gelöscht. Diese verhältnismäßig kleinen Brandstellen, die von Feuchtigkeitsflecken umrandet waren, erweckten bei den später hinzukommenden Journalisten, insbesondere Paul Heßlein, den Eindruck, als handle es sich dabei um »Benzinlachen«, die nicht

Feuer gefangen hatten«. Das simple Löschwasser wurde als Benzin verkannt.

Auch der »Times«-Korrespondent Douglas Reed bestätigt, daß die zuerst eintreffenden Feuerwehrleute unter Oberbrandmeister Puhle - zunächst keinen Grund hatten, Großalarm zu geben: »Das erste Feuerwehrfahrzeug erschien um 21 Uhr 21"*, berichtete Reed. »Aber die Feuerwehrleute - nicht ahnend, was im Sitzungssaal vorging - wandten ihre Aufmerksamkeit den kleinen Brandstellen im Restaurant zu, die sie schnell löschten, so daß Thaler, als er von der Siegessäule zurückblickte, glaubte, daß sie schon aufpackten, um wegzufahren. Die Feuerwehrleute waren also schon im Reichstag, als sich das Feuer im Sitzungssaal noch im Anfangsstadium befand. Aber sie beschäftigten sich mit den bedeutungslosen Bränden im Restaurant. Als sie nachher den Sitzungssaal erreichten, war es zu spät.«

Nicht nur der Oberbrandmeister Puhle hatte ursprünglich den Eindruck, der Brand im Plenarsaal sei ungefährlich. Auch die Polizeibeamten Lateit und Losigkeit waren dieser Meinung. Lateit erklärte später vor Gericht, der Sitzungssaal hätte bei sofortigem Eingreifen leicht gerettet werden können. Nur löschte eben die Feuerwehr verständlicherweise erst die näher liegenden Brände im Restaurant und in der Wandelhalle und verlor dabei die kostbaren zehn bis dreizehn Minuten, die genügt hätten, den Plenarsaal zu retten.

Der bei Douglas Reed erwähnte Zeuge Werner Thaler hat hierzu vor dem Reichsgericht ausgesagt: »Als das Überfallkommando kam, hörte ich, wie der Polizeioffizier zu seinen Leuten sagte: 'Es ist 9.17 (21.17) Uhr.' Bald danach kam die Feuerwehr. Sie stieg ein und löschte den Brand. Dann fuhr sie wieder weg, und die Leute, die umherstanden, gingen auch alle. Ich selbst drehte mich bei der Siegessäule noch einmal um und sah nun, daß es in der Kuppel flackerte. Ich lief gleich zurück und rief der Feuerwehr zu, daß es drinnen auch noch brenne.«

Wenn also der Plenarsaal nicht gerettet wurde - was anfangs selbst den geringen Feuerwehrkräften zweifellos möglich gewesen wäre -, so ergeben sich dafür folgende, durchaus plausible Gründe:

- Die Feuerwehrmänner hatten eine Zeitlang den Eindruck, es mit einem geringfügigen Brand zu tun haben, da ja keiner der Hausfeuermelder des Reichstags betätigt worden war. Sie suchten daher nicht sofort nach einem größeren Brandherd, sondern konzentrierten ihren Einsatz auf die erkannten, relativ ungefährlichen Brandstellen.

- Zug 6, der als erster eintraf, verlor kostbare Zeit dadurch, daß er von Passanten irrtümlich an die Nordostseite dirigiert wurde und von dort erst wieder zum Hauptportal an der Westseite fahren mußte.

- Statt durch das Hauptportal eindringen

zu können, mußten sich die Feuerwehrleute des Zuges 6 erst mühselig über Steckleitern den Weg durch die Fenster bahnen.

- Da die Auffahrt vereist war, konnten die Fahrzeuge sie zunächst nicht benutzen. Erst mit Verspätung fuhren sie auf die beiden Höfe und bekämpften von dort aus den Brand im Plenarsaal.

- Der Polizist, der um 21 Uhr 19 telephonisch »Großalarm« durchgab, konnte nicht wissen, daß die Feuerwehrzentrale mit diesem laienhaften Stichwort nichts anfangen konnte. Es gab dort nur Alarmstufen, und jede Stufe bedeutete den Einsatz eines Zuges mit je vier Fahrzeugen.

- Die Gefahr im Plenarsaal wurde von

der Feuerwehr erst erkannt, als es zu spät war.

In seinem »Forschungsbericht« vom Januar 1956 hat Dr. Wolff stolz mitgeteilt, er habe einen »Feuerwehrbericht« über den Reichstagsbrand aufgespürt, aus dem die Schuld der Nazis an der Brandstiftung eindeutig hervorgehe. Dr. Wolff schreibt, daß er »in der glücklichen Lage sei, sich auf diesen von dem Berliner Oberbranddirektor Wissell abgezeichneten Bericht stützen zu können«, der »einige bis heute völlig unbekannt gebliebene Tatbestände mitteilt« .

Begreiflich, daß Dr. Wolffs Dokument Aufsehen erregte. Die Reporter Joe J. Heydecker und Johannes Leeb veröffentlichten den »Feuerwehrbericht« als »amtliches Schriftstück« im Rahmen ihres Dokumentarberichts über den Nürnberger Prozeß in der »Münchner Illustrierten«, Jahrgang 1957. Dieser Bericht wurde 1958 in Buchform herausgebracht*.

Über die Entstehung des »Feuerwehrberichts« berichteten die Verfasser: »Branddirektor Ludwig Wissell hat die Feuerwehrmänner des Löschzuges Nr. 6 vernommen und darüber ein Protokoll angefertigt.«

Der Leser muß aus diesem Satz schließen, daß Wissell die Vernehmungen kurz nach dem Brand vorgenommen hat. Dennoch trägt der »Feuerwehrbericht« kein Datum - für ein »amtliches Schriftstück« ein ungewöhnlicher Umstand. -

In Wirklichkeit handelt es sich auch gar nicht um ein amtliches Schriftstück, sondern um eine Art Denkschrift, ein Sammelsurium von Erinnerungen und Gerüchten, das durch die »Abzeichnung« des inzwischen pensionierten Berliner Oberbranddirektors Wissell fälschlicherweise den Anschein von Amtlichkeit erhalten hat. Der Bericht ist 1955 entstanden, also 22 Jahre nach dem Reichstagsbrand, und besteht aus den verschwommenen Erinnerungen und Kombinationen einiger Feuerwehrangehöriger. Maßgeblich an dem Bericht beteiligt war der Stellvertreter Wissells, der jetzige Branddirektor in Berlin, Fritz Polchow.

In diesem »Feuerwehrbericht« heißt es: »Am 27. Januar 1933 um 21 Uhr 14 lief auf

der Feuerwache 'Stettin' in Berlin N 4, Linienstraße Nr. 128, über die Amtsnummer dieser Feuerwache die Feuermeldung ein, daß der Reichstag brennt. Diese Meldung erfolgte - wie festgestellt wurde - aus dem Hause des Verbandes der Deutschen Ingenieure (VDI), welches sich... gegenüber dem Reichstagsgebäude befand. Als die Feuerwehr zwecks Aufstellung ihres Brandberichts den Meldenden ermitteln wollte, mußte sie leider feststellen, daß sich keine der dort anwesenden Personen dazu bekannte »

Dagegen ist festzustellen: In Wirklichkeit ging der erste Alarm bei der Hauptwache in der Lindenstraße ein. Die »Meldenden« aus dem VDI-Haus wurden vor Gericht wiederholt namentlich aufgeführt; es waren der Portier Otto Schaeske und der Versorgungsanwärter Emil Lück.

In dem von Wissell abgezeichneten »Feuerwehrbericht« heißt es:

»Zur Alarmierung der Feuerwehr ist folgendes zu bemerken: 1. Keiner der 3 Feuermelder, die sich in den Pförtnerlogen des Reichstagsgebäudes befanden, wurde betätigt. 2. Die meisten Feuermeldungen liefen zu der damaligen Zeit über den Notruf 02 ein, wie es auch heute noch über 112 der Fall ist. Da in diesem Falle aber die Meldung über den Reichstagsbrand über die Amtsnummer (sechsstellige Zahl) der Feuerwache 'Stettin' erfolgte, könnte vermutet werden, daß der Meldende diese Nummer wohlvorbereitet gewählt hat.«

Dagegen ist festzustellen: Warum die Feuermelder in den Pförtnerlogen des Reichstags nicht betätigt wurden, ist bereits während des Prozesses geklärt worden: Der Pförtner Wendt verzichtete darauf, weil schon auf verschiedenen Wegen Feueralarm gegeben worden war. Was die Wahl der sechsstelligen Amtsnummer in der Pförtnerloge des VDI-Hauses betrifft, so haben der Portier Schaeske und der Versorgungsanwärter Lück vor Gericht genau geschildert, wie es dazu gekommen ist. Da Portier Schaeske in der Aufregung die Notruf-Nummer der Feuerwehr nicht sofort finden konnte, riß ihm Lück das Telephonbuch aus der Hand, schlug unter F nach und fand dort die sechsstellige Nummer der Feuerwache »Stettin«.

Im »Feuerwehrbericht« heißt es: »Da das Reichstagsgebäude unter Drittem Alarm stand, rückten sofort die drei dem Reichstagsgebäude am nächsten liegenden Löschzüge aus. Ferner rückte auf diese Meldung der damalige Oberbaurat Meußer aus.«

Auch diese Angaben sind unrichtig, denn nach der ersten Alarmierung rückte zunächst nur ein Zug aus. Meußer erschien erst sehr viel später, nämlich nach der Auslösung der zehnten Alarmstufe.

Im »Feuerwehrbericht« heißt es: »Der

erste auf der Brandstelle eintreffende Löschzug 6 unter Leitung des Oberbrandmeisters Puhle stellte folgendes fest: Sämtliche Portale des Reichstagsgebäudes waren verschlossen. Dies machte die Feuerwehrangehörigen stutzig, da bekannt war, daß sonst alle Portale mit einem Pförtner besetzt waren.«

Zu diesem Punkt des »Feuerwehrberichtes« erklärte der Führer des Löschzugs 6, der damalige Oberbrandmeister Emil Puhle, der heute in Münster als Hauptmann der Feuerschutzpolizei a.D. im

Ruhestand lebt: »Wo sollte man die Zeit hernehmen, erst alle Portale zu untersuchen, um schließlich festzustellen, daß sie verschlossen waren. Bei meiner Ankunft war das Hauptportal verschlossen, weshalb ich den Angriff durch das Fenster vortragen ließ und im übrigen selbst zuerst einstieg.«

Unrichtig ist auch, daß »sonst alle Portale mit einem Pförtner besetzt waren«. Die Besetzung der fünf Portale war nämlich laut Dienstvorschrift so geregelt:

Portal I (Hauptportal) war ständig geschlossen und wurde nur bei besonderen Gelegenheiten geöffnet, etwa bei Besuchen des Reichspräsidenten.

Portal II (Süd) war tagsüber geöffnet. Es wurde von den Abgeordneten und ständigen Besuchern bevorzugt und um 20 Uhr geschlossen.

Portal III (Ost) war tagsüber geöffnet. Es wurde vom Reichstagspersonal benutzt und ebenfalls um 20 Uhr geschlossen.

Portal IV (Mittelportal Ost) wurde nur während der

Reichstagssitzungen geöffnet.

Portal V (Nord) war als einziges Tag und Nacht besetzt.

Im »Feuerwehrbericht« heißt es weiter: »Um das schwierige Aufbrechen der großen Portaltüren zu vermeiden, und um keine Zeit zu verlieren, wurde vom Zugführer das Kommando gegeben: 'Angriff mit 4 Enden Steckleitern durch das erste Fenster des Hauptportals rechts!"'

Hierzu ist zu bemerken: Der wörtlich zitierte Befehl kann so nicht gelautet haben, denn der Löschangriff erfolgte nicht durch das erste Fenster - das van der Lubbe beim Einsteigen benutzt hatte -, sondern durch das zweite Fenster rechts vom Hauptportal.

Im »Feuerwehrbericht« heißt es über den Weg des Angriffstrupps von Zug 6 durch die Restaurationsräume in den Abstellraum, wo die Tischwäsche aus den Schränken gerissen war: »Außerdem stand in diesem Raum ein Tisch mit mehreren Stühlen, die umgeworfen waren. Von diesem Abstellraum führte eine Treppe nach unten. Als der Feuerwehrmann die letzten Stufen dieser Treppe mit den Händen an den Wänden tastend herunterging, stieß er mit der linken Hand an einen kleinen Treppenlichtschalter, den er betätigte. Darauf ging das Treppenlicht an. Er sah in Richtung der Treppe einen Windfang, von dem einige Scheiben in Größe von etwa 40 X 50 Zentimetern zerschlagen waren.«

Dazu ist festzustellen: Die so betont auf Ortsvertrautheit pochenden Angaben sind unrichtig. Die Scheiben des Windfangs waren nicht zerschlagen. Vielmehr hatte van der Lubbe ein langes, schmales Glasfenster an der rechten Seite dieser Türverkleidung mit dem Fuß eingetreten und war durch diese schmale Öffnung hindurchgeschlüpft. Beim Lokaltermin machte ein Kriminalbeamter es ihm nach.

Dann folgt die eigentliche Sensation des »Feuerwehrberichts": »Aus diesen Öffnungen (den zerschlagenen Scheiben des Windfangs) starrten dem Feuerwehrmann mehrere Pistolenläufe entgegen, die von Personen gehalten wurden, die in nagelneuen Polizeiuniformen steckten und den Feuerwehrmann aufforderten, sofort zurückzugehen, da sie sonst von der Schußwaffe Gebrauch machen würden. Der Feuerwehrmann trat den Rückzugsweg an und teilte den Sachverhalt sofort seinem Zugführer mit.«

Dazu ist festzustellen: Der Zugführer, Oberbrandmeister Emil Puhle, bestreitet, jemals eine solche Meldung erhalten zu haben. »Von dieser Sache höre ich zum ersten Male«, erklärte er. »Mir ist seinerzeit nichts Derartiges berichtet worden. Die Sache mit den Pistolen hätte doch allergrößtes Aufsehen erregt.«

Nun ist es keineswegs ausgeschlossen, daß ein Feuerwehrmann in dem Riesengebäude eine ähnliche Begegnung mit Polizisten gehabt haben mag. Tatsache ist, daß die Polizei systematisch Raum für Raum nach den vermeintlich spurlos verschwundenen Brandstiftern durchsuchte. Wenn die Polizisten dem versprengten Feuerwehrmann verdächtig erschienen, so mußte folgerichtig auch er ihnen dort unten, wo es nicht brannte und ein Feuerwehrmann also nichts zu suchen hatte, genauso verdächtig erscheinen. - Damit würde sich die Sensation als harmlose Zufälligkeit erweisen.

In dem »Dokumentarbericht« der »Münchner Illustrierten« Nr. 20/59 sind die »nagelneuen Polizeiuniformen« kurzerhand in SA.-Braunhemden umgefärbt worden. Dort heißt es nämlich: »Was veranlaßte SA -Leute, im brennenden Reichstagsgebäude die Feuerwehrleute mit gezogener Pistole daran zu hindern, in bestimmte Teile des Parlaments vorzudringen?«

Der »Feuerwehrbericht« ist aber noch nicht zu Ende. Über den weiteren Einsatz der Feuerwehrmänner von Zug 6 heißt es dort: »Auf dem Wege zum Plenarsaal wurden in den Umgängen noch eine Unzahl von Brandnestern an den Wänden, die vorher mit brennbaren Flüssigkeiten bespritzt worden waren, und in den aufgerissenen Sitzen von Polstermöbeln, in die die Brandsätze eingelegt waren, vorgefunden.

»Nach Öffnen der Plenarsaaltüren mittels Äxten bot sich folgendes Bild: Die Flammen im Plenarsaal glichen in ihrer Vielzahl einer brennenden Orgel. Dieses Bild ist wohl darauf zurückzuführen, daß entweder auf alle Sitze des Plenarsaales Brandsätze gelegt oder daß die Sitze mit brennbaren Flüssigkeiten getränkt worden waren, die vermutlich mittels Filmstreifen entzündet wurden.«

Auch diesen Teil des Berichts hält Oberbrandmeister a.D. Puhle, der ehemalige Führer des Zuges 6, der das alles erlebt haben soll, für Unfug. Er weiß nichts von »Brandsätzen« und hat, wie er betont, »weder Brandnester an den Wänden« noch »verspritzte Flüssigkeiten« bemerkt. Auch waren Äxte nicht vonnöten, denn die Plenarsaaltüren standen offen.

Im »Feuerwehrbericht« heißt es weiter: »In der Zeit, als der Löschangriff im Plenarsaal durchgeführt wurde, trafen Hitler, Göring und v. Papen mit einem Stab von etwa 20 Personen ein. Auffallend war, daß Hitler, der einen Trenchcoat trug, bei seinem Aufenthalt im Hauptportal zur Erde stierte und hin und her lief, während dagegen sich Göring in einer renitenten Art

und Weise dort aufspielte; v.Papen machte den Eindruck eines Nichteingeweihten und stand abseits.«

Die Feuerwehrmänner waren also feinsinnige Beobachter. Kommentierte Oberbrandmeister Emil Puhle diese Stelle des Berichts: »Ich habe alle Hände voll zu tun gehabt und hatte deswegen keine Zeit, mich um die eintreffende Prominenz zu kümmern. Der Berichterstatter hat anscheinend ständig neben Hitler gestanden.«

Der »Feuerwehrbericht« rundet die Szene ab: »Außerdem war noch der Hausinspektor Scranowitz anwesend, dessen einzigste Sorge war, daß ein auf Rahmen gespannter Gobelin von der Feuerwehr gerettet werden sollte... Als der Hausinspektor nach Beendigung des Löschangriffs von mehreren Feuerwehrmännern gefragt wurde, warum er sich weniger um das Gebäude als um diesen Teppich gekümmert habe, erklärte dieser, daß das wertvolle Stück im Reichstagsgebäude versteckt gehalten worden sei, da es auf der Auslieferungsliste Frankreichs nach dem ersten Weltkriege stand. Dies wird deshalb als wichtig angesehen, weil es auffällig ist, daß ein Hausinspektor, der zum brennenden Reichstag kommt, nur daran denkt, einen Teppich zu retten, der seit wenigstens 1919 im Hause aufbewahrt wurde.«

Dazu ist festzustellen: Der Befehl, den Gobelin zu retten, war tatsächlich ergangen; er kam von Göring. Scranowitz hat den Gobelin zudem erst in Sicherheit gebracht, nachdem er und Wachtmeister Poeschel den Brandstifter van der Lubbe gestellt hatten.

Weiter polemisiert der »Feuerwehrbericht« gegen Scranowitz: »Dieser Mann hat dann später im Rundfunk während einer Sendung über den Reichstagsbrand sinngemäß folgende Äußerung gemacht: 'Ich habe eine Dienstwohnung im gegenüberliegenden Reichstagspräsidentenpalais. Als ich die Signale der Feuerwehr hörte und diese in die Einbahnstraße in entgegengesetzter Richtung fahren sah, war für mich klar; daß der Reichstag brennt.' Hierzu ist folgendes von der Feuerwehr zu sagen: Die Feuerwehr hatte sehr oft diese Einbahnstraßen in verkehrter Richtung und zu den gleichen Abendstunden bei Einsätzen 'Person im Wasser' (Selbstmörderecke) befahren müssen. Hier würde also die Frage an den Inspektor zu stellen sein, wie oft denn schon der Reichstag hätte brennen müssen«

Die Äußerung »Ich habe« eine Dienstwohnung im gegenüberliegenden Reichstagspräsidentenpalais« kann nicht einmal »sinngemäß« von Scranowitz stammen, denn er wohnte gar nicht im Palais, sondern im »Beamtenhaus« am Reichstagsufer 5. Von dort aus aber: konnte er sehr, gut sehen, daß die Feuerwehrwagen, nur zur »Selbstmörderecke« fuhren, sondern am Reichstagsgebäude hielten:

Weiter im »Feuerwehrbericht": »Wenige Wochen nach »dem Reichstagsbrand traf einer unserer Feuerwehrbeamten einen ihm seit Jahren bekannten Pförtner mit Namen Jankowski. Dieser teilte ihm unter dem Siegel der Verschwieggenheit mit, daß alle Pförtner des Reichstages an dem Tage des Brandes vom Hausinspektor beurlaubt, wurden und daß alle mit Ausnahme des Inspektors versetzt wurden.«

Dazu ist festzustellen: Die Behauptung, alle Pförtner seien vorzeitig; beurlaubt und später versetzt worden, hat sich schon während des Prozesses als Unsinn herausgestellt. Jankowski selber freilich wurde in der Tat strafversetzt und zwar nach Potsdam. Der Grund: Er hatte einen Kollegen zu Unrecht verdächtigt, an der Entwendung der Verfassungsurkunde von 1848 beteiligt gewesen zu sein.

Zum Schluß gleitet der »Feuerwehrbericht« dann in die reine Kolportage ab:

»Der auf der Brandstelle zuerst anwesende ehemalige Oberbaurat der Feuerwehr Meußer hielt mit der im Einsatz gewesenen Wachbesetzung des Löschzuges 6 im Rahmen einer Unterrichtsstunde eine Besprechung ab, in der über den Reichstagsbrand diskutiert wurde... Hierbei wurden folgende Fragen aufgeworfen: 'Wie sind die Brandstifter ins Reichstagsgebäude gekommen, da sämtliche Portale verschlossen waren?'

»Diese Frage wurde folgendermaßen geklärt: Meußer zeichnete an einer Tafel in

groben Zügen den Grundriß des Reichstagsgebäudes an. In diese Skizze wurde auch die Treppe eingezeichnet, an deren Fußende im Windfang sich die Personen in Polizeikleidung befanden. Nun wurde die Frage gestellt: 'Wie sind diese Männer ins Gebäude gekommen?' Man stellte im Verlauf der weiteren Besprechung fest, daß ein begehbarer Heizungsgang vom Reichstagsgebäude zum Amtsgebäude Görings (Reichstagspräsidentenpalais) führte. An Hand dieser Kenntnis zog man nun die Folgerung, daß die Brandstifter wohlvorbereitet ihre Brandmittel durch Lkw ins Amtsgebäude Görings eingeschleust und durch den 2,5 Meter hohen Gewölbegang ins Reichstagsgebäude befördert haben. Daß es sich um mehrere Personen gehandelt haben muß, geht daraus hervor, daß

1. den Brandstiftern nicht viel Zeit zur

Verfügung stand;

2. ein Mann nicht in der Lage war, diese Vielzahl von Brandstellen in der zur Verfügung stehenden Zeit anzulegen.

»Ferner wurde in der Besprechung auch erwähnt, daß die im Windfang befindlichen Personen in Polizeiuniform vermutlich den Auftrag hatten, den Rückzug der Bandstifter zu decken. Am Schluß der Besprechung bestand Einmütigkeit darüber, daß die Brandstiftung nur so möglich gewesen sein könnte.«

Der etwa zwei Meter hohe unterirdische Gang ist hier auf zweieinhalb Meter erhöht worden, damit er sich für den regelrechten Verkehr einer ganzen Truppe von Brandstiftern besser eignete. Zudem: Bei der »Unterrichtsstunde« handelte es sich um nichts anderes als um den üblichen Offiziersunterricht. Wenn es in dem »Feuerwehrbericht« weiter heißt, wenige Tage darauf habe Oberbaurat Meußer einen »erneuten Unterricht über den Reichstagsbrand« abgehalten, weil er »von höherer Stelle« beauftragt gewesen sei, seine Thesen aus der ersten Besprechung zu dementieren, so wird dabei zunächst die Tatsache übersehen, daß der Offiziersunterricht jeweils zweimal stattfand, da ja immer nur die Hälfte der Beamten im Dienst war.

Wenn es aber weiter heißt, Meußer habe im »Auftrag von höherer Stelle« vorgetragen, »... daß der Holländer Marinus van der Lubbe als alleiniger Täter in Frage kommen konnte«, so zeigt das lediglich, wie unüberlegt der »Feuerwehrbericht« zusammengestellt wurde.

Sollte Meußer während der zweiten Besprechung diese Äußerung tatsächlich getan haben, dann gäbe es dafür einen plausiblen Grund: Als Sachverständiger hatte er die Brandstelle besichtigt und engen Kontakt mit dem Kriminalkommissar Heisig aufgenommen. Von ihm erfuhr er, daß man van der Lubbes Angaben über den Brandweg mit der Stoppuhr nachkontrolliert hatte und zu der Erkenntnis gelangt war, der Holländer sei durchaus in der Lage gewesen, die zahlreichen Brandherde allein anzulegen.

Meußer mag sich also zu der Auffassung der Kriminalpolizei bekehrt haben. Grotesk aber ist es, zu unterstellen, er sei »von höherer Seite beauftragt worden«, diese These vorzubringen, denn sie stand ja in krassem Gegensatz zu der offiziellen Theorie Görings, van der Lubbe habe bei der Brandstiftung kommunistische Helfershelfer gehabt. Meußer riskierte mit seiner Feststellung vielmehr Kopf und Kragen.

Trotz der vielen sachlichen Irrtümer und gedanklichen Fehlschlüsse des »Feuerwehrberichts« ist es nicht ausgeschlossen, d ß einige der Feuerwehrbeamten, die an seiner Abfassung beteiligt waren, ihre Angaben - 22 Jahre nach dem Reichstagsbrand - in gutem Glauben gemacht haben. Vielleicht haben sich in der Erinnerung dieser Männer die Grenzen zwischen Geschehen und Legende verwischt, weil sie seit Jahrzehnten von der Täterschaft der Nationalsozialisten fest überzeugt waren, auf deren Gesamtschuldkonto eine Brandstiftung ja in der Tat nicht sonderlich ins Gewicht fällt.

Gerade weil Männern wie Göring und Goebbels eine Brandstiftung durchaus zuzutrauen war, hat ja auch bis auf den heutigen Tag niemand ernsthaft versucht, die Legende der NS-Täterschaft zu zerstören. Zudem konnte man jene Nazi -Funktionäre, die den Reichstagebrand angeblich gelegt hatten, nicht mehr befragen.

Außer Göring war bei Kriegsende keiner von ihnen mehr am Leben: Goebbels hatte 1945 Selbstmord begangen; Röhm, Heines und Karl Ernst waren schon 1934 von ihren eigenen Kumpanen ermordet worden, und Graf Helldorf mußte nach dem 20. Juli 1944 den Weg zum Galgen

gehen. So war es denn Göring allein, der sich während des Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesses für den Reichstagsbrand zu verantworten hatte.

Zwei ernsthafte Männer, die mit der NS-Führung zumindest zeitweilig in engem Kontakt standen, hatten nämlich unabhängig voneinander behauptet, sie hätten mit eigenen Ohren gehört, wie Göring seine Schuld am Reichstagebrand zynisch eingestanden habe: Generaloberst Franz Halder, ehemaliger Generalstabschef des Heeres, und Hermann Rauschning, ehemals nationalsozialistischer Senatspräsident von Danzig. Rauschning hatte nach einem Konflikt mit der NSDAP, der er seit 1931 angehörte, sein Amt im November 1934 niedergelegt und war 1936 über Polen in die Schweiz emigriert, weil er mit seiner Verhaftung rechnete.

Was nun hat es mit diesen angeblichen Geständnissen Görings auf sich?

Am 18. März 1946, während des Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesses, entspann sich zwischen dem amerikanischen Oberrichter Jackson und dem Angeklagten Göring das folgende Gespräch:

JACKSON: Können Sie sich an ein Mittagessen an Hitlers Geburtstag 1942 im

Offizierskasino im Führerhauptquartier in Ostpreußen erinnern?

GÖRING: Nein.

JACKSON: Sie können sich dessen nicht mehr erinnern? Ich werde Ihnen ein Affidavit von General Franz Halder vorlegen lassen, und ich verweise Sie auf die Erklärung, die vielleicht Ihr Gedächtnis auffrischen wird. Ich lese es vor: »Anläßlich eines gemeinsamen Mittagsmahls am Geburtstag des Führers 1942, kam in der Umgebung des Führers das Gespräch auf das Reichstagsgebäude und seinen künstlerischen Wert: Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie Göring in das Gespräch hineinrief: »Der einzige, der den Reichstag wirklich kennt, bin ich; ich habe ihn ja angezündet.' Dabei, schlug er sich mit der flachen Hand auf die Schenkel.«

Göring bestritt die Richtigkeit dieser Erklärung Halders mit großer Schärfe: »Zunächst möchte ich betonen, daß das völliger Unsinn ist, was hier steht. Hier heißt es: ,Der einzige, der den Reichstag wirklich kennt, bin ich.' Den Reichstag kannte jeder Abgeordnete, und der Brand war ausschließlich im Plenum, und dieses Plenum kannten Hunderte oder Tausende von Menschen, genauso wie ich. Eine derartige Äußerung ist absoluter Unsinn.«

Göring blieb bis zu seinem Tode dabei, mit dem Reichstagsbrand nichts zu tun gehabt zu haben. Dem stellvertretenden Hauptankläger der USA (und früheren Oberregierungsrat im preußischen Innenministerium) Kempner erklärte er: »Es wäre eine Verrücktheit gewesen, uns selber aus dem Hause herauszujagen, das wir so dringend brauchten . . . Selbst wenn ich das Feuer veranlaßt hätte, würde ich nicht damit prahlen.« Dem damaligen Chef des amerikanischen Geheimdienstes, General Donovan, gegenüber beteuerte Göring: »Sie müssen die Überzeugung gewonnen haben, daß ich im Angesicht meines Todes nicht zu Lügen meine Zuflucht nehme. So versichere ich Ihnen, daß ich mit dem Reichstagsbrand nicht das geringste zu schaffen habe.«

Generaloberst Halder, der in Karlsruhe lebt, besteht zwar heute noch auf seiner damaligen Aussage und hält es für ausgeschlossen, daß Göring seine Bemerkung im Führerhauptquartier etwa witzig oder ironisch gemeint haben könnte, obwohl er in dem Affidavit selbst vermerkte, daß sich Göring auf die Schenkel schlug. Immerhin gibt Halder zu, daß das seine subjektive Meinung sei.

Nun ist es durchaus möglich, daß Göring sich in Nürnberg nicht mehr an seine Äußerung im Führerhauptquartier erinnerte oder es für besser hielt, sie rundweg abzustreiten. Einigermaßen grotesk aber ist es, anzunehmen, daß Göring in einem Gespräch über den künstlerischen und architektonischen Wert des Reichstagsgebäudes mit vollem Ernst geäußert habe, er sei der einzige, der den Reichstag wirklich kenne, denn er habe ihn ja angezündet.

Der Gedanke, daß Göring nur einen Scherz machte und ironisch auf den im Ausland gegen ihn erhobenen Verdacht anspielte, war ja auch dem amerikanischen Oberrichter Jackson in Nürnberg nicht abwegig erschienen. Bevor Jackson den einstigen Reichsmarschall mit der Erklärung Halders konfrontierte, fragte er ihn: »Haben Sie sich jemals damit gebrüstet, wenn auch nur aus Witz, den Reichstag angezündet zu haben?«

Wie grimmig Göring auf das Thema Reichstagsbrand reagierte, zeigte sich auch bei seiner Vernehmung durch den amerikanischen Ankläger Kempner. Ihm erklärte Göring: Nachdem er erlebt habe, wie man

ihn, Göring, zum Brandstifter gestempelt habe, glaube er nicht mehr daran, daß Nero Rom angesteckt habe.

Ein weitaus detaillierteres Geständnis als Halder will Hermann Rauschning aus dem Munde Görings gehört haben. In seinem 1940 - also kurz nach Kriegsbeginn erschienenen Buch »Gespräche mit Hitler"* berichtet der frühere Danziger Senatspräsident: »Kurz nach dem Reichstagsbrand wünschte Hitler über die Lage in Danzig Bericht zu haben... Der Gauleiter Forster begleitete mich. Ehe wir in der Reichskanzlei vorgelassen wurden, hatten wir Gelegenheit, in der Wandelhalle vor den damaligen Amtsräumen Hitlers einige antichambrierende Nazigrößen zu sprechen.

»Göring, Himmler, Frick, einige Gauleiter aus dem Westen unterhielten sich. Göring erzählte Details des Reichstagsbrandes. In der Partei wurde damals das Geheimnis dieses Brandes noch streng gehütet... Aus dem Gespräch erfuhr ich, daß, der Reichstag ausschließlich von der nationalsozialistischen Führung angezündet worden war

»Göring schilderte, wie 'seine Jungens' durch einen unterirdischen Gang aus dem Präsidentenpalais in den Reichstag gelangten, wie sie wenige Minuten Zeit gehabt und fast entdeckt worden wären. Er bedauerte, daß nicht 'die ganze Bude' niedergebrannt sei. In der Eile hätten sie keine 'ganze Arbeit' leisten können.«

Göring hat den Bericht Rauschnings in Nürnberg mit den Worten kommentiert: »Herrn Rauschning habe ich in meinem ganzen Leben nur zweimal ganz flüchtig gesehen. Wenn ich schon den Reichstag angezündet hätte, so würde ich das voraussichtlich nur im allerengsten Vertrauenskreis, wenn überhaupt, bekanntgegeben haben. Einem Mann, den ich überhaupt nicht kenne und von dem ich heute nicht sagen kann, wie er überhaupt ausgesehen hat, würde ich mich niemals gegenüber geäußert haben. Es ist dies eine absolute Fälschung.«

Hermann Rauschning, der seit 1941 in den Vereinigten Staaten lebt, hat dem SPIEGEL kürzlich auf Anfrage erklärt, er stehe zu der von ihm gegebenen »Version des Vorganges«. »Sie gibt das wieder, was ich aus Görings Munde damals gehört habe.«

Rauschning fügt freilich hinzu: »Ob das die volle, die ganze, ob es überhaupt die Wahrheit war, ist eine andere Frage ... Ich selbst habe der Göringschen Version nie vollen Glauben geschenkt, ohne von anderen mehr überzeugt gewesen zu sein . . . Aber es stand und steht für mich fest, daß die nationalsozialistische Führung einschließlich Hitlers um den Plan, den Reichstag anzuzünden, gewußt und ihn in dem Sinne verwandt und mindestens gefördert hat, den ich in den weiteren Seiten meines Berichtes angedeutet habe, nämlich um . . . ihm (Hitler) Handlungsfreiheit zu seinem aus der Legalität in die Diktatur führenden 'schleichenden Staatsstreich' zu verschaffen . . . Die nationalsozialistische Führung hat um das geplante Attentat mindestens so rechtzeitig gewußt, daß sie es hätte verhindern können. Sie hat es nicht getan. Sie hat es vielmehr geduldet, wenn nicht unterstützt.«

Die Feststellung, die Nazi-Führung habe die Reichstagsbrandstiftung »mindestens gefördert« oder jedenfalls davon gewußt, sieht nun freilich erheblich anders aus als Rauschnings Bericht in seinen »Gesprächen mit Hitler«, aus dem doch eindeutig hervorgeht, daß Göring die Brandstiftung geplant und auch ausgeführt habe.

Aufschlußreich sind auch die Erläuterungen, die Rauschning heute zu der von ihm geschilderten Szene in der Reichskanzlei gibt. Er schreibt: »Göring hatte nicht etwa mir oder Forster diese Einzelheiten erzählt. Er stand vielmehr, als wir beide hinzukamen, bereits von einem Kreise seiner Vertrauten und Freunde umgeben, erzählend da, eine Corona von Männern in den verschiedensten Uniformen mit einigen Zivilisten darunter. Ihnen erzählte er, und wir beide, Forster und ich, hörten nur Bruchteile des ganzen Berichtes. Als dabei einer der engeren Vertrauten mich, den outsider, gewahr wurde, gab er Göring einen Wink, worauf dieser seine Erzählung abstoppte...«

Wenn Rauschning heute erläutert, daß er nur »Bruchstücke« der Göringschen Erzählung gehört habe, so wird er auch zumindest die Möglichkeit zugeben müssen, daß er die Worte Görings mißverstanden hat. Als historische Quelle kann sein Bericht jedenfalls nicht gelten.

Der frühere Staatssekretär Grauert, der dabei war, als Göring die Meldung erhielt, der Reichstag stehe in Flammen, hat nach dem Krieg wiederholt versichert, d ß Görings Überraschung absolut echt war. Grauert, der heute in der Nähe von Düsseldorf lebt: »So kann sich kein Mensch verstellen!«

In der Tat war die Kunst, sich zu verstellen, nicht gerade Görings Sache. Das wurde vor allem während seiner Auseinandersetzung mit Dimitroff vor dem Leipziger Reichsgericht deutlich. Dem geschickt taktierenden Dimitroff gelang es ohne große Schwierigkeit, Göring aus der Reserve zu locken und zu Äußerungen zu verleiten, für die sich der Gerichtspräsident dann entschuldigen mußte.

In Dimitroff stand ja ein Kommunist par excellence vor Gericht. Der schwarzhaarige Bulgare schien keineswegs unglücklich darüber zu sein, daß er, rein zufällig, in den Reichstagsprozeß hineingeraten war. Hier bot sich doch eine einzigartige Gelegenheit zu einer pro kommunistischen Propaganda-Show vor den Augen der ganzen Welt.

Am 4. November 1933 standen sich Dimitroff und Göring in Leipzig gegenüber, als Vertreter zweier Gewaltregime, die sich Todfeindschaft geschworen hatten. Beide, der preußische Ministerpräsident wie der bulgarische Revolutionär, waren in ihrem Wortduell davon überzeugt, daß jeweils der andere den Reichstag angesteckt hatte.

DIMITROFF: Nachdem Sie als Ministerpräsident und Innenminister Preußens die Erklärung, die öffentliche Erklärung für Deutschland und die ganze Welt abgegeben haben, daß die Kommunisten die Reichstagsbrandstifter sind (Zeuge Göring: Jawohl!), daß die Kommunistische Partei (Zeuge Göring: Jawohl!) das gemacht hat, daß die Kommunistische Partei Deutschlands mit van der Lubbe als ausländischem Kommunisten und andere solchen Subjekten sich gefunden hat, ist es dann nicht richtig, daß diese Einstellung für die polizeiliche Untersuchung und weiter die richterliche Untersuchung eine bestimmte Richtung gegeben hat und die Möglichkeit, andere Wege zu suchen und die richtigen Reichstagsbrandstifter zu finden, durch Sie geschlossen war, durch Ihre Erklärung?

GÖRING: Ich verstehe schon, was Sie sagen wollen. Die Sache ist ja auch hier ganz klar. Die Kriminalpolizei hat von vornherein Anweisung, gesetzlich festgelegt, daß sie bei einem Verbrechen als Kriminalpolizei ihre Untersuchungen in jede Richtung vortreibt, gleichgültig, wohin sie führen, wo Spuren sichtbar werden. Ich selbst bin aber nicht Kriminalbeamter. Ich selbst bin verantwortlicher Minister, und als solcher war es nicht so wichtig für mich, den einzelnen kleinen Strolch festzustellen, sondern die Partei, die Weltanschauung, die dafür verantwortlich war. Die Kriminalpolizei wird allen Spuren nachgehen, beruhigen Sie sich! Aber ich habe festzustellen: Handelt es sich hier um ein bürgerliches Verbrechen, das heißt also ein Verbrechen außerhalb der politischen Sphäre, oder ist es ein politisches Verbrechen? Es war ein politisches Verbrechen, und im selben Augenblick war es für mich klar, und ist es heute ebenso klar, daß Ihre Partei die Verbrecher gewesen sind.

PRÄSIDENT: Soweit Sie (zu Dimitroff) von der richterlichen Überzeugung gesprochen haben, so weise ich -, das haben Sie

doch auch eben getan? Richterliche Überzeugung?

DIMITROFF: Nein, ich habe gesagt, Herr Präsident, daß die Untersuchung bei der Polizei und nachher auch die richterliche Untersuchung durch eine solche politische Einstellung beeinflußt werden konnte und nur in dieser Richtung hauptsächlich. Deshalb frage ich.

GÖRING: Herr Dimitroff, aber noch das zugegeben, wenn sie sich in dieser Richtung hat beeinflussen lassen, - so hat sie nur in der richtigen Richtung gesucht.

DIMITROFF: Das ist Ihre Meinung, meine Meinung ist eine ganz andere.

GÖRING: Aber meine ist die entscheidende!

DIMITROFF: Ich bin Angeklagter, selbstverständlich.

PRÄSIDENT: Sie haben lediglich Fragen zu stellen.

DIMITROFF: Ich gehe weiter, Herr Präsident. Ist Herrn Ministerpräsident Göring bekannt, daß die Partei mit dieser verbrecherischen Weltanschauung, wie er sagt, den sechsten Teil von der Erde regiert? Das ist die Sowjet-Union. (Zeuge Göring: Leider!) Diese Sowjet-Union ist in diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit Deutschland. Durch ihre wirtschaftlichen Bestellungen haben Hunderttausende deutscher Arbeiter Arbeit bekommen und haben jetzt auch noch Arbeit. Ist das bekannt?

GÖRING: Es ist mir bekannt. (Dimitroff: Gut!) Es ist mir zunächst bekannt und wäre mir noch lieber, wenn es mir bekannt wäre, daß die betreffenden sogenannten Russenwechsel auch eingelöst worden wären. Das hätte dazu beigetragen, daß man dann wirklich von diesen Bestellungen die Arbeiter beschäftigen konnte. Im übrigen aber eines. Hier handelt es sich um eine ausländische Macht. Was Rußland macht, ist mir gleichgültig. Ich habe nur mit der Kommunistischen Partei in Deutschland zu tun und mit den ausländischen

kommunistischen Gaunern, die hierherkommen, um den Reichstag anzustecken. (Bravorufe im Zuhörerraum.)

DIMITROFF: Natürlich, die sagen Bravo. Gegen die Kommunistische Partei in Deutschland einen Kampf zu führen, ist Ihr Recht. Ein Recht ist es der Kommunistischen Partei, in Deutschland illegal zu leben und Ihre Regierung zu bekämpfen; und wie Wir sie bekämpfen, das ist eine Sache der Kraftverhältnisse, ist nicht eine Sache des Rechts.

PRÄSIDENT: Dimitroff, ich untersage Ihnen, hier eine kommunistische Propaganda zu treiben. (Dimitroff: Er macht nationalsozialistische Propaganda hier!) Ich untersage Ihnen das aufs nachdrücklichste. Kommunistische Propaganda wird hier in diesem Saal nicht getrieben, und das war eben ein Stück davon.

DIMITROFF: Herr Präsident, im Zusammenhang mit meiner

letzten Frage steht jedenfalls zur Klärung die Frage: Partei und Weltanschauung. Herr Ministerpräsident Göring hat erklärt, daß eine ausländische Macht wie die Sowjet-Union und in Verbindung mit dieser Macht dieses Land alles machen kann, was es will, aber in Deutschland geht es gegen die Kommunistische Partei. Diese Weltanschauung, diese bolschewistische Weltanschauung regiert die Sowjet-Union; das größte und beste Land in der Welt. Ist das bekannt?

GÖRING (erregt): Hören Sie mal, jetzt will ich Ihnen sagen, was im deutschen Volke bekannt ist. Bekannt ist im deutchen Volke, daß Sie sich hier unverschämt benehmen und hierhergelaufen kommen, den Reichstag anstecken und dann hier mit dem deutschen Volke noch solche Frechheiten sich erlauben. Ich bin nicht hierhergekommen, um mich von Ihnen anklagen zu lassen. (Dimitroff: Sie sind Zeuge!) Sie sind in meinen Augen ein Gauner, der längst an den Galgen gehört. (Bravorufe und Händeklatschen im Saal.)

DIMITROFF: Sehr gut, ich bin sehr zufrieden.

PRÄSIDENT: Dimitroff, ich habe Ihnen bereits, gesagt, daß Sie keine kommunistische Propaganda ... (Dimitroff versucht weiterzusprechen.) Wenn Sie jetzt noch, ein Wort sprechen, werden Sie wieder hinausgetan... daß Sie keine kommunistische. Propaganda zu treiben haben. Das haben. Sie,

jetzt zum zweitenmal getan und können sich dann nicht wundern, wenn der Herr Zeuge derartig aufbraust wie eben. Ich untersage Ihnen das jetzt aufs strengste. Wenn Sie überhaupt Fragen zu stellenhaben, dann rein sachliche Fragen. Nichts weiter!

DIMITROFF: Ich bin sehr zufrieden mit dieser Erklärung des Herrn Göring.

PRÄSIDENT: Ob Sie zufrieden sind oder nicht, das ist mir vollkommen gleichgültig. (Dimitroff: Sehr zufrieden! Ich stelle Fragen!) Ich entziehe Ihnen jetzt das Wort nach diesen letzten Äußerungen (Dimitroff: Ich stelle Fragen!) Ich entziehe Ihnen das Wort. Setzen Sie sich hin! (Dimitroff: Ich habe sachliche Fragen zu stellen!) Ich entziehe Ihnen das Wort nach dieser Fragestellung.

DIMITROFF: Haben Sie Angst wegen dieser Fragen, Herr Ministerpräsident?

GÖRING: Sie werden Angst haben, wenn ich Sie erwische, wenn Sie hieraus dem Gericht 'raus sind, Sie Gauner Sie!

PRÄSIDENT: Dimitroff wird auf drei weitere Tage ausgeschlossen: Sofort hinaus mit ihm!

Dimitroff wurde daraufhin von mehreren Polizisten buchstäblich aus dem Saal geschleppt.

Dreizehn Jahre später hatte sich das Blatt gewendet. Zur gleichen Zeit, da Göring in Nürnberg als Kriegsverbrecher vordem Tribunal der Siegermächte stand, residierte der von ihm in Leipzig mit dem Galgen bedrohte Dimitroff als Ministerpräsident in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens.

* Jede Alarmstufe löst den Einsatz eines Löschzuges von vier Wagen aus.

* Der Zug 6 traf bereits um 21 Uhr 18 am Reichstag ein.

* Joe J. Heydecker und Johannes Leeb: »Der Nürnberger Prozeß«; Kiepenheuer, Witsch und Co. Verlag GmbH; Köln; 1958.

* Hermann Rauschning: »Gespräche mit Hitler«;

Europa-Verlag; Zürich-Wien-New York; 1940.

Feuerwehr im Reichstag: Kam der Alarm zu spät?

Der Wallot-Bau 1932

Die Kuppel nach dem Brand

Nach der Schlacht um Berlin (1945)

Nach der Sprengung der Kuppel (1955)

Wiederaufbau (1959)

Das künftige Parlament (Modell)

Berliner Polizeipräsident Grzesinski (1931)

Besondere Befehle?

Lateit

Losigkeit

Früherer Berliner Feuerwehrchef Wissell (1957): Erinnerungen...

Berliner Branddirektor Polchow

... an eine Brandnacht

Oberbrandmeister Puhle (1959)

Keine Zeit für Prominenz

Ohrenzeuge Halder

Bekannte Göring ...

Ohrenzeuge Rauschning

... seine Schuld?

Göring in Leipzig: »Sie werden Angst haben ...

... wenn ich Sie erwische": Göring in Nürnberg

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