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»STEHEN SIE AUF, VAN DER LUBBE!«

aus DER SPIEGEL 45/1959

Wenige Stunden noch dem Reichstagsbrand am Abend des 27. Februar 1933 gibt die NS-Führung die Parole aus die Kommunisten seien für den Brand verantwortlich, und läßt alle erreichbaren KPD-Funktionäre verhaften. Die Kommunisten organisieren daraufhin von Paris aus einen Gegenfeldzug. Unter Anleitung des Agitprop-Chefs Münzenberg stellen sie zwei sogenannte Braunbücher zusammen, in denen sie mit Hilfe gefälschter Dokumente und falscher Zeugenaussagen die Schuld der Nazis am Reichstagsbrand »nachweisen«, dem gleichen Zweck dient auch ein »Reichstagsbrandgegenprozeß« in London. Der Brandstifter van der Lubbe indes bleibt bei der Behauptung, den Reichstag ohne Wissen anderer angesteckt zu haben. Obwohl sich alle Angaben Lubbes bestätigen, beginnt die Suche nach dem großen Unbekannten, der die Drähte gezogen haben soll

2. Fortsetzung

Die Kriminalkommissare Heisig und Dr. Zirpins, die mit der ersten Vernehmung van der Lubbes beauftragt waren, haben sich nie von ihrer Überzeugung abbringen lassen, daß der Holländer den Reichstag allein und ohne fremde Hilfe angesteckt hat. Zwar wies Zirpins in seinem

Abschlußbericht über die Vernehmung auf die Möglichkeit hin, daß van der Lubbe von dritter Seite angestiftet worden sei, blieb aber dabei, keinen Anhaltspunkt für irgendwelche Helfer bei der Tat selbst gefunden zu haben - obwohl er wußte, daß seine höchsten Vorgesetzten anderer Meinung waren und von der Kriminalpolizei andere Ergebnisse erwarteten.

Der Untersuchungsrichter Vogt und die Leipziger Richter haben sich um dieses Ergebnis der Kriminalpolizei wenig geschert. Ihrer Meinung nach vermochte ein einziger den Reichstag gar nicht in Brand zu setzen; van der Lubbe mußte also Helfershelfer gehabt haben. Die gleiche These vertraten auch die Pariser Braunbuch-Autoren, und sogar der Bulgare Dimitroff erklärte in trauter Übereinstimmung mit Göring und Goebbels am 12. Oktober 1933 in einem Schreiben an den Senatspräsidenten des Leipziger Gerichts: »Ich bin fest überzeugt, daß van der Lubbe in diesem Prozeß sozusagen nur ein Reichstagsbrand-Faust ist, hinter ihm stand zweifellos ein Reichstagsbrand-Mephisto. Der klägliche 'Faust' steht nun vor den Schranken des Reichsgerichts, aber der 'Mephisto' ist verschwunden.«

Mit unverhohlenem Stolz auf seine Kenntnisse in deutscher Literatur verwandte Dimitroff diesen Vergleich in der Folgezeit immer wieder und verfocht leidenschaftlich die gleiche These wie die Nazis: Lubbe sei nur ein Werkzeug gewesen. Gegen diesen Punkt anzukämpfen, hielt er für töricht. Er wollte die Nazis vielmehr in ihrer eigenen Falle fangen, nämlich: den Nachweis führen, daß van der Lubbe Mittäter hatte und dann die eigene, die kommunistische Unschuld beweisen. Das aber konnte seiner Meinung nach nicht schwerfallen, da zumindest er und seine Landsleute Popoff und Taneff ja nur durch Zufall in den Kriminalfall verwickelt worden waren. Dimitroff handelte als Kommunist; es ging ihm weniger darum, die eigene Haut zu retten, als die Nazis zu entlarven.

Den Gedankengängen Dimitroffs und der Pariser Braunbuch-Verfasser sind denn auch alle jene mehr oder minder prominenten Autoren gefolgt, die sich in den letzten Jahren mit dem Reichstagsbrand beschäftigt haben, unter ihnen der einstige Gestapobeamte und spätere Widerstandskämpfer Gisevius, der Forschungsbeauftragte Dr. Wolff, der vorgebliche Reichstagsbrandspezialist Schulze-Wilde, der auch unter dem Pseudonym H. S. Hegner schreibt, der Ex-Diplomat Hans Otto Meißner und Illustriertenschreiber wie Curt Rieß. Wenn van der Lubbe nur der »Faust« war - und daran zweifelte keiner von ihnen -, dann mußte es eben einen zweiten Mann, einen »Mephisto«, gegeben haben!

Dieser zweite Mann, der Helfershelfer des - laut Braunbuch I - »kleinen halbblinden Lustknaben« van der Lubbe, spielt seit dem Braunbuch II in nahezu allen Publikationen über den Reichstagsbrand eine zentrale Rolle: Er hat inzwischen auch einen Namen bekommen: Paul Waschinsky*.

Die Waschinsky-Legende existiert in vielen, voneinander mehr oder minder abweichenden Versionen; ihr Gerüst aber ist immer wieder dasselbe: Die SA will den Reichstag anstecken, dabei aber den Anschein erwecken, die Kommunisten hätten es getan. Sie läßt daher durch ihren Mittelsmann Waschinsky nach einem Kommunisten suchen, der das Geschäft des Brandstiftens übernehmen soll, sobald SA -Männer den Plenarsaal mit Brandmitteln präpariert haben. Waschinsky macht sich an Lubbe heran, indem er sich als KPD -Funktionär ausgibt, und veranlaßt ihn, den Reichstag anzuzünden. Lubbe ist nach der Brandstiftung fest überzeugt, für die Kommunisten gearbeitet zu haben.

In dem Forschungsbericht Dr. Wolffs, der heute sozusagen amtlich abgestempelten Geschichte des Reichstagsbrandes, wird als wichtigste Quelle für diesen Paul Waschinsky der Journalist Harry Schulze-Wilde eingeführt - als ein Mann, der seit über zwanzig Jahren umfangreiches Material zum Problem des Reichstagsbrandes gesammelt hat. Dr. Wolff: »Er (Schulze -Wilde) war in der Brandnacht in Berlin verhaftet worden und konnte in dem damals herrschenden Wirrwarr im Polizeipräsidium am Alexanderplatz entkommen. Er flüchtete nach Paris und trat dem Kreis von Willi Münzenberg nahe.«

Dr. Wolff gibt dann in zusammengefaßter Schilderung wieder, was bei Schulze-Wilde als Ergebnis der »jahrelangen Nachforschungen unter kritischer Ver-Wertung aller einschlägigen Literatur« herausgekommen ist, beziehungsweise, was ihm Schulze-Wilde darüber enthüllt hat:

Zentralfigur in der Darstellung Schulze -Wildes über den Reichstagsbrand ist der politische Agent Paul Waschinsky. Er ist mit dem Holländer van der Lubbe in den letzten Tagen vor dem Brand ständig zusammen gewesen, bat mit ihm die letzte Nacht vor dem Brand im Hennigsdorfer Asyl zugebracht und ihn dann am Brandabend zum Reichstag begleitet. Er ist auch identisch mit jenem

Mann, der dem Polizeileutnant Lateit die erste Brandmeldung überbrachte

Der mysteriöse Helfershelfer van der Lubbes ist nach Schulze-Wilde also jener junge Mann in Schaftstiefeln, der sich vor dem Reichstag plötzlich zu Oberwachtmeister Buwert gesellte, von Buwert aber für den Studenten Flöter gehalten und mit der Brandmeldung zur Polizeiwache am Brandenburger Tor geschickt wurde

Schulze-Wilde erläutert nicht, warum ausgerechnet Paul Waschinsky die erste Meldung über den von ihm selbst inszenierten Brand zur Polizei brachte, statt sich so schnell wie möglich aus dem Staube zu machen. Denn wenn Waschinsky wirklich Lubbes Helfershelfer war, dann konnte er ja kein Interesse an einem raschen Eintreffen der Feuerwehr haben und riskierte außerdem mit seiner prompten Meldung die Entlarvung seiner Hintermänner. Daß die Polizei ihn - einen wichtigen Zeugen - entgegen den Vorschriften nicht nach

Namen und Ausweis fragen würde, das hatte er bei aller guten Regie wohl kaum vermuten können.

In dem Forschungsbericht Dr. Wolffs kann man lesen, wie die Waschinsky-Legende, ein wichtiger Pfeiler für die NS -Schuld-These, zustande gekommen ist:

»Schulze-Wilde«, so erzählt Dr. Wolff, »hatte in Paris unmittelbar nach dem 30. Juni 1934 vor dem Eingang zu einem jüdischen Wohlfahrtsbüro einen jungen Mann gesehen, der zweifellos Nicht-Jude war. Er sei mit ihm ins Gespräch gekommen und habe von ihm erfahren, daß er ein aus Deutschland geflüchteter SA-Mann sei. Die beiden Männer kamen dann noch öfter zusammen, und schließlich erzählte der SA-Mann, daß die SA den Reichstag angezündet habe, erzählte ihm alle die genannten Einzelheiten über die enge Zusammenarbeit des nationalsozialistischen Agenten Waschinsky mit van der Lubbe.«

Schulze-Wilde, berichtet Dr. Wolff weiter, habe dann den SA-Mann aus den Augen verloren und könne sich unglücklicherweise auch nicht mehr auf dessen Namen besinnen.

Obwohl der eifrige Materialsammler Schulze-Wilde den zutraulichen SA-Mann in Paris wieder aus den Augen verloren und zudem auch noch dessen Namen vergessen hat, erscheint ihm die Sache mit Paul Waschinsky doch so gehaltvoll, daß er sie auch noch selbst - im Juni -Heft 1957 der »Frankfurter Hefte« - publiziert. Seine Studie heißt »Zur Geschichte der Technik der nationalsozialistischen Machtergreifung« und ist ein Vorabdruck aus dem 1958 erschienenen Band »Die Machtergreifung, für den Hans Otto Meißner, der Sohn des verstorbenen Chefs der Präsidialkanzlei, als Mitverfasser zeichnet*.

Die Redaktion der »Frankfurter Hefte« wirbt dafür mit den Worten: »Für Leser, die jene Monate von 1933 miterlebt haben, wird die Wiedergabe eine Gedächtnisauffrischung sein, für Jüngere, so hoffen wir, ein Anreiz, ihre Kenntnisse der jüngsten deutschen Vergangenheit zu vervollständigen, damit sie keiner Verschweigens- oder Verharmlosungstaktik zum Opfer fallen können.«

Paul Waschinsky, der Mann in Schaftstiefeln, ist auch in der neuen, jugendbildenden Schrift der eigentliche Held des Reichstagsbrands. Schreibt Harry Schulze -Wilde in den »Frankfurter Heften":

»Einer der ungezählten V-Männer, die es zu dieser Zeit in Berlin gibt und die ihr Brot durch Zusammentragen von mehr oder weniger richtigen Nachrichten verdienen, ist der Dauererwerbslose Paul Waschinsky, noch keine fünfundzwanzig Jahre alt. Er arbeitet sozusagen hauptberuflich für Graf Helldorf und nebenberuflich noch für andere, darunter für den 'Hellseher Erik Jan Hanussen ... Für Hanussen war Waschinsky früher einmal als 'Medium' und 'Mann aus dem Saale' tätig gewesen. Auf der Suche nach einem geeigneten 'Attentäter' hatte sich Dr. Goebbels Anfang Februar an Graf Helldorf gewandt und dieser hatte ihm Waschinsky empfohlen. Aber Dr. Goebbels lehnte ihn ab: Der Mann war ihm einerseits zu wach, anderseits nicht fest genug.«

Schulze-Wilde weiß nicht nur Bescheid über das, was Dr. Goebbels und der nach dem 20. Juli 1944 von den Nazis hingerichtete Graf Heildorf dachten und taten; er kennt sich auch in den Gedankengängen Waschinskys aus:

»Waschinsky überlegt: Warum ließ ihn Goebbels zu sich kommen? Warum stellt Graf Helldorf Listen von Kommunisten Juden und Katholiken zusammen, die verhaftet werden sollen? Warum wird immer wieder verlangt, nach 'terroristischen Kommunisten' Ausschau zu halten, und warum ist man so enttäuscht, wenn er nichts zu melden hat?«

Der »wache« Waschinsky »kombiniert aus dem, was er erfährt, ziemlich mühelos einen Attentatsplan und spricht mit Hanussen ... Dem paßt das für seine Seancen sehr in den Kram, ein Propaganda-Genie ist auch er, und so äußert er die Idee, bei etwas Derartigem müßten, wenn man es schon starte, Tausende zusehen können - wie bei einem Großfeuer, zum Beispiel im Rathaus oder im Schloß, oder gar im Reichstag.«

Nicht Goebbels wäre damit also der Erfinder der Idee, den Reichstag anzustecken, sondern der jüdische Hellseher Erik Jan Hanussen, der sich - nach Schulze-Wilde »als Sproß eines uralten dänischen Adelsgeschlechts vorgestellt hatte, in Wahrheit

Herrschel Steinschneider hieß und in Wien geboren wurde«.

Es gibt zahlreiche Varianten darüber, wie Hanussens geniale Idee dann zu Goebbels gelangte. Eine davon hat Schulze -Wilde als »H. S. Hegner« in der »Frankfurter Illustrierten« vom 17. Januar 1959 mit dem entsprechenden Lokalkolorit beschrieben:

Waschinsky bestellt Helldorf, was ihm Hanussen aufgetragen hat. Dann setzt er zu einer kleinen Rede an:

»Gruppenführer, ick hab' mir det übalecht. Da muß wat brennen, det Rathaus, oda det Schloß, ooch der Reichstach wär jut. So'n Großfeuer sieht janz Berlin, det macht ooch die Leute wild.«

»Helldorf lacht laut auf. 'Du bist wohl verrückt, Reichstag anzünden ...«

»Der Graf spielt mit dem Federmesser. Überlegt. Verzieht den Mund. Starrt auf den Schreibtisch. Springt auf. 'Ein toller, ein verwegener Gedanke!'

»'Melde dich morgen früh wieder', befiehlt er und eilt aus dem Zimmer. Seine Sekretärin blickt erschreckt auf. Rufen Sie gleich bei Goebbels an, daß ich auf dem Wege zu ihm bin', ruft er ihr zu. Ganz dringende Sache.«

»Der Gauleiter ist mitten im Diktat, aber er schickt seine Stenotypistin auf Helldorfs Wunsch hinaus.«

Soweit »H.S. Hegner«. In den »Frankfurter Heften« spinnt Schulze-Wilde diesen Fäden so weiter: »Über Waschinsky und Helldorf kommt das Stichwort zu Goebbels, der es sofort aufgreift. Unwahrscheinliche Möglichkeiten, die in dem Gedanken stecken, den Reichstag anzuzünden ... Hunderttausende, ja Millionen, die in den Wochenschauen der Kinos den Brand zu sehen bekommen, werden entsetzt sein...

»Noch an den Nachwirkungen einer Grippe leidend, beauftragt Goebbels um den 12. Februar Graf Helldorf, der Reichstagsabgeordneter ist wie er, das Gebäude auf die Möglichkeit (der Brandstiftung) hin zu inspizieren. Der Graf meldet sich alsbald im Palais des Reichstagspräsidenten Göring, ohne diesen selbst jedoch getreu der Anweisung von Goebbels in die Überlegung einzuweihen. Daß allerdings für den 27. Februar etwas geplant ist, weiß auch Göring; darüber wurde im Führergremium ja bereits ganz offen gesprochen. Und Göring selbst bereitet für den Tag X Verhaftungslisten vor.«

Einigermaßen unverständlich ist die Geheimnistuerei gegenüber Göring. Bei Waschinsky war Helldorf nicht so zurückhaltend; ihm erzählte er sogar, daß »Kommunisten, Juden und Katholiken« verhaftet werden sollten.

Schulze-Wilde fährt fort: »Das Reichstagsgebäude wird von einer Stabswache der SA beschützt. Die Leute unterstehen dem direkten Kommando von Oberführer Ernst*, einem Untergebenen des Grafen Helldorf.«

Dieses Beschützen muß sehr heimlich vor sich gegangen sein. Denn das Reichstagsgebäude war nach wie vor den altbewährten Pförtner und Amtsgehilfen aus der Zeit der Weimarer Republik anvertraut. Auch im Reichstagspräsidentenpalais - falls Schulze-Wilde dieses meint - gab es keine Stabswache, denn Göring wohnte damals ja noch in seiner Wohnung am Kaiserdamm.

Im weiteren Ablauf ähnelt die Handlung der Waschinsky-Legende stark der Darstellung, die der, frühere Assessor der Staatspolizei Hans Bernd Gisevius 1946

in seinem Buch »Bis zum bittern Ende"* dargeboten hat.

Was Gisevius über die Vorgeschichte der Brandstiftung berichtet, ist zum klassischen Bestandteil aller Varianten der Reichstagsbrandlegende geworden: Der Berliner »SA-Brigadeführer« Ernst empfängt Ende Februar zehn Mann: »Karl Ernst hatte sie vorerst einmal tüchtig angebrüllt. Das war so üblich in der braunen Soldateska. Wer den Brülljargon gut beherrschte, galt 'ganz groß' ... Dann aber war der Brigadeführer plötzlich nett geworden, sehr menschlich. Er hatte gemeint, man würde jetzt ein 'Ding drehen'. In den nächsten Tagen wolle man zum vernichtenden Schlag gegen die Marxisten ausholen. Alles sei vorbereitet. Was fehle, sei der Anlaß. Den müßten sie jetzt schaffen. Wie sie wußten, wollten die Kommunisten ganz Deutschland in Schutt und Asche legen. Sie, die Nazis, würden bloß den Reichstag, diese elende Quasselbude, anzünden. Hinterher würden sie behaupten, die Kommune hätte das Feuer gelegt. »Polizei? Um die brauchten sie sich keine Sorge

zu machen. Notfalls werde man die Untersuchung in die gewünschte Bahn lenken. In dieser Hinsicht habe der 'Doktor' - das war Goebbels - alles mit Göring durchgesprochen.

»Der Befehlsempfang hatte damit geendet, daß sie so etwas wie einen Räuberhauptmann erhielten. Karl Ernst wollte nur das Oberkommando führen; den Stoßtrupp sollte ein anderer befehligen: dafür fühlte sich der Brigadeführer zu prominent. Und so wurde dem Sturmbannführer Heini Gewehr die hohe Ehre zuteil, in historischer Stunde seine Gefolgschaftstreue und seine pyrotechnischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.«

Die Brandstiftung selbst spielte sich nach Gisevius dann so ab: »Gegen sechs Uhr fuhren sie vor dem Palais des Reichstagspräsidenten vor, das gegenüber dem Hauptgebäude lag und durch einen unterirdischen Gang mit diesem verbunden war. Es standen dort so viele Autos herum, daß ihre Ankunft überhaupt nicht auffiel ...

»Sofort gingen sie in den Keller hinunter. Dort mußten sie eine ziemliche Weile warten ... Aber plötzlich kam mit lautem Gepolter Karl Ernst herunter. Heini Gewehr - schon den Namen finde ich köstlich, ich beneide Goebbels um seine Improvisation - meldete, alles sei in Ordnung, und von da an ging alles wie der Wind. Sie jagten durch den vielberedeten unterirdischen Gang. Natürlich vermieden sie es, unnötigen Lärm zu machen. Anderseits hatten sie weder ihre klobigen SA -Schuhe ausgezogen, noch liefen sie auf Gummisohlen, noch hatten sie sonstige Vorkehrungen getroffen, etwa ihre SA -Kluft mit Räuberzivil vertauscht oder wenigstens ihre Ausweise weggesteckt«

Trotz der mangelnden Umsicht der SA -Männer läuft bei Gisevius alles »wie am Schnürchen« ab: Die SA verschwindet, nachdem sie die Brandmittel verteilt hat. Schulze-Wilde hat diese Version in den »Frankfurter Heften« noch weiter ausgesponnen. Bei ihm führt nicht Heini Gewehr, sondern Oberführer Karl Ernst den brandstiftenden SA-Trupp an. Er weiß auch, wie der Brennstoff der Brandstifter beschaffen war: Benzol, Phosphor und »eine Mischung aus Sangajol«, ein Brandstoff, der »sich selbst entzündet« und »genau auf 20 Minuten eingestellt« war.

Der Einfall mit dem geheimnisvollen Brandstoff, »der sich selbst entzündet«, war nicht eben originell. Das »Sangajol« ist nämlich nichts anderes als Terpentin -Ersatz und spielte im Prozeß vor dem Reichsgericht - nur als Bestandteil eines Möbel-Putzmittels für das Gestühl im Plenarsaal - eine absolut harmlose Rolle. Durch eine anonyme Postkarte war nämlich die Behauptung aufgestellt worden, daß durch die ständige Anwendung des mit »Sangajol« verdünnten Putzmittels die Brennbarkeit der Möbel erhöht worden sei.

Nach Schulze-Wilde hatte die SA also ganze Arbeit geleistet. Alles war glatt gegangen. Und: »Zum gerade noch geeigneten Zeitpunkt fand sich auch noch ein unmittelbar greifbarer 'kommunistischer Attentäter!'« Waschinsky hatte ihn beschafft: Marinus van der Lubbe.

»Wie van der Lubbe mit Waschinsky in Verbindung kam, ist nicht sicher bekannt.« Das hatte Schulze-Wilde noch am 25. Februar 1956 in einer Zuschrift an die »Süddeutsche Zeitung« geschrieben. Obwohl er seinen geheimnisvollen Informanten aus Paris doch niemals wiedergetroffen hat,

weiß Schulze-Wilde sechzehn Monate später genau Bescheid. Da schreibt er nämlich in den »Frankfurter Heften":

»Am 18. Februar taucht er (Lubbe) in Berlin auf, im Männerheim in der Alexandrinenstraße. Die Gäste: Erwerbslose, Exmittierte, die ihre Miete nicht bezahlen konnten, Tippelbrüder, verkrachte Existenzen, hören dem Mann aus den Niederlanden amüsiert zu ... Unter den Zuhörern sitzt ein Bursche mit schwarzem Mantel und schwarzen Schaftstiefeln: Paul Waschinsky. Er hat den Auftrag, 'kommunistische Aufrührer' beizubringen . . . Schnell schließt er mit van der Lubbe Freundschaft. Am nächsten Morgen machen sie sich zusammen auf den Weg in die Stadt.«

Eine eigene Fassung hat Schulze-Wildes Ko-Autor Meißner über das Bündnis des »Mephisto« Paul Waschinsky mit dem holländischen »Faust« van der Lubbe gegeben. In seinem »Tatsachenbericht« im »Weltbild« Nr. 2/1958 »Ein Toter spricht« wurde »Paul - ein heller Berliner Junge aus Neukölln« - Nachrichtenmann der SA und avancierte bereits im Frühjahr 1932 zu einem der persönlichen Agenten und Begleiter des SA-Führers Karl Ernst. Dann suchte Hanussen einen zuverlässigen jungen Mann für sein Vorzimmer. Die Wahl fiel auf Paul Waschinsky.

Diese Stellung scheint dem hellen Jungen aber nichts eingebracht zu haben, denn er findet sich freitags in der Stempelbaracke in Neukölln ein, um sein Geld abzuholen. Er wird Zeuge, wie am 24. Februar 1933 »ein merkwürdiger Kauz ... mit beiden Fäusten in der Luft herumfuchtelte und schrie: 'Protest! Protest! Deutsche Arbeiter ... Steckt die Bude an!' Dazu rollte er die Augen in seinem gutmütigen Kindergesicht.«

Laut Meißner lernt Waschinsky den Holländer also erst am 24. Februar - und nicht am 18., wie bei Schulze-Wilde - kennen. Er begleitet van der Lubbe, wenn der Holländer einkaufen geht, um sich für die Brandstiftungen mit Kohlenanzündern einzudecken, und später sogar bei den Brandstiftungen selbst.

Da sich Meißners Version mit der Darstellung Schulze-Wildes nicht deckt, muß der Leser annehmen, Meißner habe die Einzelheiten selbst recherchiert. Überraschend ist dann freilich Meißners Erklärung: »Die Geschichte von Paul Waschinsky, wie sie hier in großen Zügen berichtet worden ist, wurde ... Harry Wilde um 1935 herum von einem Mann aus Karl Ernsts Gefolge in Paris erzählt.«

Bei H. S. Hegner in der »Frankfurter Illustrierten« (der ja mit Harry Schulze -Wilde identisch ist) treffen Lubbe und Paul Waschinsky noch anders - nämlich an einer Tankstelle in Glindow - zusammen. Lubbe bittet einen Freund Waschinskys, der Chauffeur ist, ihn mit nach Berlin zu nehmen. Als Beifahrer sitzt bereits Waschinsky im Wagen. Lubbe hält revolutionäre Reden, spricht von Häuseranstecken, und »Paule« spitzt die Ohren. Das muß er Helldorf melden. Womit denn auch in dieser Version der Kreis geschlossen wäre: Der Brandstifter und die Nazis haben sich gefunden.

In dem Bericht Schulze-Wildes, bei dem Lubbe und Waschinsky sich also bereits seit dem 18. Februar kennen, hat Lubbe am 25. Februar nicht übel Lust, nach Holland zurückzukehren, denn für eine Revolution sieht er keine Chance mehr. »Da erzählt ihm Waschinsky, eine kommunistische Gruppe werde in den nächsten Taden 'das Signal zum Aufstand' geben. Wenn er, van der Lubbe, der erfahrene Revolutionär, dabeisein wolle, dann könne er mitmachen. Nur: Die Gefahr, verraten zu werden, sei groß, die Gruppe verlange eine Art Mutprobe.

»Infolgedessen kauft Marinus in mehreren Geschäften Kohlenanzünder, einige Pakete, und wirft sie, angezündet, am Mittelweg in eine Baracke, es qualmt, und die Feuerwehr wird alarmiert - anschließend in der belebten Königstraße in ein offenes Kellerfenster des Rathauses, wo der Maschinenmeister Kiekbusch den Brand bemerkt und mit ein paar Eimern Wasser löscht -, schließlich auf dem Dach des kaiserlichen Schlosses in eine Bauhütte -, dorthin wird ebenfalls die Feuerwehr geholt.«

Die Sache mit der Mutprobe ist zweifellos ein gelungener Einfall. Nur wurde die

städtische Feuerwehr tatsächlich in keinem der drei Fälle bemüht.

Am Sonnabendabend gegen 21 Uhr - zwei Tage vor dem Brand - »kommen Waschinsky und van der Lubbe ins Männerheim Alexandrinenstraße ... Van der Lubbe legt sich sofort schlafen. Waschinsky geht noch einmal weg; er informiert seine Auftraggeber. Der Propagandameister der NSDAP hält das Ganze für zwar recht mager, aber mangels jeglicher, sonstiger 'kommunistischer Terrorversuche' gibt er der Redaktion des 'Angriff' die Anweisung durch, die beiden Brandstiftungsversuche, die durch die Alarmierung der Feuerwehr aufgefallen sind, 'ganz groß' aufzumachen.« Besonders solle herausgestellt werden, »daß im Schloß eine Menge Brandmaterial gefunden worden sei«.

In Wirklichkeit war keine der Brandstiftungen durch das Eingreifen der Feuerwehr aufgefallen. Auch hatte man die Pressemeldungen durchaus nicht groß aufgemacht. Sie beschränkten sich zudem auf den Brand im Schloß; denn von den Bränden im Wohlfahrtsamt und im Rathaus erfuhr die Polizei erst durch Lubbes Geständnis, einen Tag nach dem Reichstagsbrand. Auch stand weder im »Angriff« noch in sonst irgendeinem Blatt, daß im Schloß »eine Menge Brandmaterial« gefunden worden sei.

Schulze-Wildes Story geht dann so weiter: »Am Sonntag-Morgen erklärte Paul Waschinsky ... seinem Freund Marinus, wie begeistert die Mitglieder der Terrorgruppe über die gestern erfolgten Aktionen gewesen seien; sie würden sich freuen, wenn er am Montag bei einer geplanten Großunternehmung mitmache; einer der Führer wolle ihn heute in Spandau kennenlernen.« Denn: »In der Tat hat Waschinsky von Helldorf den Befehl erhalten, den Holländer im Bahnhofswartesaal von Spandau einmal dem Oberführer Ernst vorzuführen.«

Unverständlich bleibt, warum die Nazis wegen des trampenden Holländers, der nicht einmal Mitglied der Kommunistischen Partei war, soviel Aufhebens machten und warum es ihnen nicht gelang, einen einzigen abtrünnigen echten Kommunisten zu finden.

»Gegen halbelf Uhr vormittags«, so erzählt Schulze-Wilde, »treffen die beiden am Ziel ein. Waschinsky bestellt sich ein Bier, van der Lubbe will 'Melk' haben. Der Kellner glaubt nicht recht gehört zu haben; Milch steht nicht auf seiner Getränkekarte. Schließlich entscheidet sich der Revolutionär für Schokolade, - das nährt, sättigt und schmeckt gut. Pünktlich stiefelt Ernst mit seinem Adjutanten, der aber an der Theke stehen bleibt, in den Wartesaal. Er trägt keine Mütze und hat sich einen Zivilmantel übergezogen.

»Er nimmt am Tisch der beiden Burschen Platz und ist beim Anblick sowohl des Holländers wie der Schokolade entsetzt; kurzsichtig scheint der Kerl auch noch zu sein.«

Als van der Lubbe dann gewohnheitsgemäß gar »zu einer Rede ansetzt«, verliert Karl Ernst die Geduld. Er gießt seinen Zorn mit einem Korn hinunter und sagt zu Waschinsky die klassischen Worte: »Dein Heini hat wohl nicht alle Tassen in't Schrank? Der ruft ja nach der Mama, wenn's mulmig wird! Nich in die Tüte, det mach'n wa alleene.' Und weg ist er!«

Die Redaktion der »Frankfurter Hefte« hat wohl diesen Passus gemeint, als sie in einer Vorbemerkung schrieb: »Der Typus des Berichts paßt sich der Eigenart der Ereignisse und der handelnden Personen an.« Merkwürdigerweise fehlt die dokumentarisch bedeutsame Aussage in der später erschienenen Buchfassung »Die Machtergreifung«.

Paul Waschinsky ist freilich durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Zwar hatte ihn schon Dr. Goebbels abgelehnt, dem er »einerseits zu wach, anderseits nicht fest genug« war, - trotzdem machte Waschinsky weiter mit. Aber auch nachdem der SA -Führer Karl Ernst im Spandauer Wartesaal erklärt hat: »Det mach'n wa alleene«, gibt »Paule« nicht auf:

»Van der Lubbe ist zwar enttäuscht, aber er entschuldigt selbst seinen Freund Paul, als dieser erklärt, 'Karl' habe so schnell gehen müssen, weil ein Polizist am Eingang des Wartesaals aufgetaucht sei...

»Sie marschieren durch den Spandauer Forst bis zum Arbeitervorort Hennigsdorf. Dort sehen sie sich eine SA-Demonstration an, dann beschließt Waschinsky, in die Stadt zurückzufahren, 'um die Sache einzurenken'.« Er läßt van der Lubbe also allein. Schulze-Wilde: »Van der Lubbe meldet sich bei der Polizei, um ins Hennigsdorfer Asyl eingewiesen zu werden. Er ist der einzige Gast.«

Das »Einrenken« in der Nacht zum Sonntag - der letzten vor dem Brand - geht unerwartet einfach vonstatten: »Mit Erstaunen stellt der V-Mann bei Gruppenführer Helldorf fest, daß Oberführer Ernst einen gewaltigen 'Anpfiff' wegbekommen hat. Der Holländer sei sofort zu veranlassen, morgen abend Punkt neun Uhr in den Reichstag einzusteigen und dort Feuer zu legen!«

Aber der bisher so aktive und gewissenlose Paul Waschinsky bekommt es plötzlich mit der Angst zu tun, so daß der gräfliche Gruppenführer ihn ermuntern muß: »Seine (Waschinskys) Aufgabe sei lediglich, den Holländer zu überreden, in den Reichstag einzusteigen, und zwar Punkt neun Uhr abends, dann zur Wache am Brandenburger Tor zu laufen und dort Meldung zu erstatten. Anschließend habe er sich unverzüglich im Gaubüro einzufinden ...«

Helldorf will Waschinsky gleich im Wagen des Oberführers Ernst nach Hennigsdorf zurückbringen lassen. »'Ich kann doch aber vor dem Asyl nicht mit einem Horch vorfahren!' wehrt sich Waschinsky gequält. Helldorf und Ernst lachen laut auf; die Vorstellung ist prachtvoll, daß ein Obdachloser mit einem 'pfundigen Wagen' vor der Polizeiwache ankommt und um ein kostenloses Obdach bittet.«

Man einigt sich also nach Schulze-Wilde darauf, Waschinsky nur bis zum Stettiner Bahnhof zu bringen; von dort aus soll er die Vorortbahn nehmen. Waschinsky fährt nach Hennigsdorf und erteilt dort seinem Schlafgenossen van der Lubbe letzte Instruktionen.

Am Montagabend tritt gleichzeitig mit van der Lubbe und Waschinsky das Sonderkommando des SA-Führers Ernst in Aktion: »Gegen acht Uhr sammelt sich die Gruppe z. b. V., insgesamt zehn Mann, auf dem Bahnhof Friedrichstraße. Von da schlendern sie zwei und zwei nach dem Reichstagsufer. Vom Garten des Präsidentenpalais führt ein eisernes Tor nach dieser Straße. Man hat sich Schlüssel beschafft und braucht deshalb die Portierloge nicht zu passieren; zwar sitzt dort die Stabswache von Oberführer Ernst, die nicht zu fürchten ist, aber je weniger Mitwisser, um so besser.«

Die »Stabswache« in der Portierloge? Dort saß doch, wie sich im Prozeß einwandfrei ergab, allein der Nachtpförtner Paul Adermann!

»Die zehn Mann überqueren lautlos - es liegt Schnee - den Garten und verschwinden in den Heizungsraum.« Dann beginnen sie ihren Marsch durch den unterirdischen Gang, der zum Reichstag führt.

Die Phantasie und der Hang zum Geheimnisvollen fanden im »geheimen Gang« ihr kriminalistisches Gruselstück. Dieser ganz prosaische Röhrentunnel, der von den Kelleranlagen des Reichstagsgebäudes unter der Friedrich-Ebert-Straße und unter dem Palais des Reichstagspräsidenten hindurch zum Kessel- oder Maschinenhaus führte, wo die acht Riesenkessel für die Heizung standen, ist neben der »Mephisto«-Figur Waschinsky ein Kernstück der Legende vom Reichstagsbrand geworden.

Als der Baumeister Paul Wallot 1894 - nach zehnjähriger Bauzeit - das Reichstagsgebäude aus feuerfestem Sandstein fertiggestellt hatte, verlegte er dennoch die Heizungsanlagen in das 120 Meter entfernte Kessel- oder Maschinenhaus jenseits der späteren Friedrich-Ebert-Straße, um jedwede Feuergefahr nach menschlichem Ermessen auszuschalten.

Ein Verbindungsgang nahm die Rohre für Heizung und Lüftung sowie die Kabel für Strom und Telephon auf. Im Keller des Reichstags befand sich die »Heizungszentrale«, eine Verteilerstelle, von der aus Heizung und Belüftung im Reichstagsgebäude gesteuert wurden.

Der Gang hatte einen Durchmesser von etwa zwei Metern. Die dicken Heizungsrohre ruhten übereinander auf Sockeln an der Wand. Der Gang wurde vom technischen Personal des Reichstags, den Heizern und den Handwerkern häufig benutzt.

In der Anklageschrift heißt es daher auch: »Der Gang wird auf beiden Seiten durch eiserne Türen, und zwar nach dem Maschinenhaus durch eine rote und nach der Reichstagsseite durch eine schwarze Tür, abgeschlossen. Diese beiden Türen stehen am Tage offen, da der Gang häufig, besonders vom Kesselhaus aus, dienstlich betreten werden muß. Nach Dienstschluß werden die Türen aber regelmäßig verschlossen.«

Das Braunbuch und die Darstellungen von Gisevius, Dr. Wolff und Schulze-Wilde haben sich die Sache einfach gemacht: Mit »Nachschlüsseln« konnten die zehn SA - Männer ohne weiteres in den »Heizraum« gelangen. Gemeint ist offenbar das Maschinenhaus. Das geht nach Schulze-Wilde aufregend genug vor sich: »Doch bevor die Gruppe losgehen kann, muß erst noch das Signal aus dem Reichstag kommen, daß alle Abgeordneten das Haus verlassen haben und der einzige Nachtwächter, der zurückblieb, seinen obligaten Rundgang gemacht hat.«

Schulze-Wilde verschweigt leider, wie und von wem dieses »Signal« gegeben wurde. Eine Telephonverbindung zu den Kellerräumen existierte jedenfalls nicht. Oder waren die SA-Männer gar mit Funkgeräten ausgerüstet?

Um 20 Uhr 40 ist es dann soweit: »Alle stehen startbereit, die Uhr zeigt acht Uhr vierzig. Wer keine Schuhe mit Gummisohlen hat, muß auf Socken gehen.« Schulze-Wilde weiß offenbar nicht, daß zwischen 20 Uhr 45 und 20 Uhr 55 der Postbote Willy Otto durch die Gänge des Reichstags zu den Postkästen ging. Wären Ernst und seine Männer um 20 Uhr 40 losmarschiert - der Marsch auf Socken dauerte »keine fünf Minuten« -, dann hätten sie dem Postboten eigentlich begegnen müssen.

Doch der Postbote störte sie nicht. Bei Schulze-Wilde gibt es ihn gar nicht. »Nachdem sie ungesehen die Portierloge im Reichstag passiert haben ...«

Welche? Es gab fünf, und nur eine davon, am Portal V, war mit einem Pförtner besetzt; gerade diese aber lag vom Zugang zum Keller weit entfernt.

Nachdem die SA-Männer also die Portierloge passiert haben, »stürzen sie die teppichbelegten Treppen nach oben in den Plenarsaal. Erst als sich die dicke Eichentür hinter ihnen geschlossen hat, zündet der Oberführer seine Pechfackel an. Im Schein des gespenstischen Lichts laufen die Männer die Bankreihen entlang und gießen ihre Flaschen aus ...

»Alles hat bis jetzt geklappt, aber dann gibt es auch hier den unvermeidlichen Zwischenfall. Einer der Männer läßt beim Rückmarsch in dem unterirdischen Gang seine Jacke, die er dort deponiert hat, hängen.«

Die hängengebliebene Jacke stammt aus dem Braunbuch II, hier hängt sie allerdings an der Tür zum unterirdischen Gang; sie ist von einem »vorbeikommenden« Feuerwehrmann gefunden worden - an einer Stelle tief unten im Keller-Labyrinth des Reichstags, wo kein Feuerwehrmann etwas zu suchen hatte.

»Bereits wenige Minuten nach neun Uhr«, so geht es bei Schulze-Wilde weiter, »verläßt der erste der Z.b.V.-Gruppe den Heizungsgang und verschwindet durch das eiserne Tor zum Reichstagsufer hin ... Ohne Aufenthalt fährt Ernst ins Gaubüro in der Hedemannstraße; den jackenlosen Mann setzt er im SA-Heim ab.«

Jetzt braucht nur der tumbe »Faust« aus Holland nach den Befehlen seines »Mephisto« Waschinsky zu handeln und sich mit seinem Kommunistenausweis erwischen zu lassen. Schreibt Schulze-Wilde: »Vorne an der Auffahrt-Seite des Reichstages hat van der Lubbe seine Rolle gespielt. 'Los!' hatte Waschinsky gerufen, als es schon fünf Minuten nach neun Uhr war und van der Lubbe sich noch einmal erstaunt umsah, weil sonst niemand erschien. 'Die Anderen sind schon eingestiegen - an der andern Seite!' Er wird etwa zehn Minuten später, als er keuchend durch die Gänge des brennenden Gebäudes rennt, von einem Wachtmeister namens Poeschel und dem Hausinspektor Scranowitz verhaftet*: auf frischer Tat im Reichstag gestellt!«

Gefaßt, weil sein Verführer Waschinsky die Polizeiwache am Brandenburger Tor alarmierte. Die Regie hat geklappt: Der Reichstag steht in lodernden Flammen, und ein Kommunist ist als Brandstifter verhaftet.

Der Illustrierten-Geschichtsschreiber Peter Brandes, alias Curt Riess, läßt den Verführer Waschinsky genauso geheimnisvoll verschwinden, wie er aufgetaucht war: »Der Name taucht nur noch einmal auf - im Sommer 1934, Wenige Tage nach dem 30. Juni ... Einem von der SA ist es gelungen, sich über die Grenze zu flüchten, er macht seinen Weg nach Paris, er trifft dort ein paar ehemalige deutsche Journalisten, denen er alles erzählt, was er weiß, und er weiß eine Menge.« Damit ist auch Peter Brandes

wieder bei dem Kolporteur der Waschinsky -Legende, Harry Schulze-Wilde, angelangt.

Die Wahrheit über den zweiten Gast im Hennigsdorfer Asyl und über den Brandmelder in Schaftstiefeln sieht nun allerdings anders aus. Aus den Akten des Leipziger Reichsgerichts, aus Zeugenaussagen und aus dem Übernachtungsbuch der Hennigsdorfer Polizei ergibt sich nämlich folgendes:

Am Sonntag, dem 26. Februar 1933, befindet Marinus van der Lubbe sich in Hennigsdorf und geht gegen Abend gewohnheitsgemäß zur nächsten Polizeiwache, um seine Unterkunft für die Nacht sicherzustellen. Auf der Wache empfängt ihn als Diensthabender ein 35jähriger Polizeihauptwachtmeister mit dem ostpreußischen Namen Karl Adomeit, nimmt ihm den Paß ab und vermerkt in der Übernachtungskladde zunächst die genaue Uhrzeit der Ankunft van der Lubbes: 18 Uhr 20. Dann stutzt er: Ein Ausländer. Er fragt mit beruflichem Mißtrauen, was Lubbe denn in Deutschland wolle. Van der Lubbe: »Arbeit suchen.« Darauf hält ihm Adomeit griesgrämig vor, daß es in Deutschland doch wahrlich schon genug Arbeitslose gebe, die keine Aussicht hätten, Beschäftigung zu finden.

Dann führt er den nicht sehr willkommenen Gast ins Asyl, einen kleinen Raum im Hause der Polizeiwache. Er schließt auf, läßt van der Lubbe hinein und - schließt hinter ihm wieder ab.

Van der Lubbe aber ist nicht allein. Von den vier Betten im Asyl ist eins bereits belegt. Von einem Gast, der nicht noch ihm, sondern etwas früher, nämlich um 17 Uhr 43, von dem Polizeiwachtmeister Schmidt in Empfang genommen und ins Asyl eingeschlossen worden war. So steht es in der Polizeikladde.

Auch der erste Gast war Arbeitsloser. Er kam aus Rottenbuch in Oberbayern und hieß Watschinski. Seine Eltern hatten ihn allerdings, wie seinem Ausweis zu entnehmen war, nicht Paul, sondern Franz genannt. Franz Watschinski und der Holländer Marinus van der Lubbe aus Leiden verbrachten gemeinsam die Nacht vom 26. auf den 27. Februar 1933 im Polizeiasyl in Hennigsdorf, wo sie - den Vorschriften entsprechend - für die Dauer der Nacht eingeschlossen worden waren.

Am 27. Februar, morgens um 7 Uhr 45, ließen die Hennigsdorfer Polizisten die beiden wieder hinaus. Nachdem Lubbe und Watschinski im Lokal der Frau Wolter in der Hennigsdorfer Hauptstraße, gegenüber dem Polizeirevier, Kaffee getrunken hatten, machten sie sich gemeinsam auf den Weg nach Berlin; sie trennten sich jedoch vor der Stadt.

Franz Watschinski ging seiner Wege. Sein Name jedoch, besser gesagt sein mißverstandener Nachname, wurde zum Inbegriff einer Legendenfigur. Unter Beifügung eines passenden Vornamens, Paul - »zwanglos Paule genannt« -, und unter Verwendung der Tatsache, daß der von Oberwachtmeister Buwert im Dunkel des Brandabends nur verschwommen wahrgenommene »Zivilist im dunklen Mantel« später scheinbar spurlos verschwand, sah man hier die Möglichkeit, den fehlenden »Mephisto« des Reichstagsbrands hervorzuzaubern. Als der Reichstag schon brennt, alarmiert dieser Bursche noch die Polizei und verschwindet dann für immer. Jammert Peter Brandes in Anlehnung an das Braunbuch noch Ende 1957: »Der Mann ... scheint wie vom Erdboden verschwunden zu sein.«

In Wirklichkeit war der junge Mann, der die Polizeiwache am Brandenburger Tor alarmierte, keineswegs verschwunden. Er tauchte später während des Reichstagsbrandprozesses wieder auf. Denn der Mann, der am Brandabend den Auftrag des Oberwachtmeisters Buwert so gehorsam ausführte, die Polizei alarmierte und dann auch noch mit den Beamten zum Reichstag zurückfuhr, hieß nicht Waschinsky, sondern Neumann. Er war es, der sich zu Buwert gesellte, als der Student Flöter nach Hause gegangen war. Er war es, der neben Buwert herlief. Er war es, der mit Leutnant Lateit ins Auto stieg, und zum brennenden Reichstag fuhr. Als dann die Polizei beim Eintreffen der Feuerwehr mit der Absperrung begann, wurde er mit anderen Schaulustigen zurückgedrängt und ging schließlich nach Hause.

Am nächsten Morgen kam es ihm nicht in den Sinn, noch einmal zur Polizei zu gehen, um sich dort wegen seiner Rolle als Brandmelder wichtig zu tun. Denn schließlich hatte er ja das Einsteigen van der Lubbes gar nicht gesehen, sondern war lediglich dazugekommen, als Buwert zur Einstiegstelle rannte.

Als Neumann dann nach Prozeßbeginn den Presseberichten entnahm, daß man sein Verschwinden und ihn selbst als »geheimnisvoll« bezeichnete und rügte, daß seine Personalien in der Aufregung nicht aufgenommen worden waren, meldete er sich unverzüglich bei der Polizei. Er wurde an den Oberreichsanwalt verwiesen. Man verhörte ihn, nahm auch seine Personalien auf, widmete ihm aber kein sonderliches Interesse, da ja seine Aussage zur Aufklärung des Falles nichts beitragen konnte. Immerhin - so sagte man ihm - wäre es möglich, daß man seiner noch bedürfe.

So wurde er vorsorglich geladen, als am 10. Oktober 1933 die Beweisaufnahme in Berlin begann. Bei dieser Gelegenheit wurde der Zeuge Nr. 1, Hans Flöter, heute Dozent in Bremen, mit ihm bekannt, und die beiden unterhielten sich im Zeugenzimmer und später in einem Charlottenburger Lokal über den Prozeß. Neumann berichtete Flöter über seine Eigenschaft als »Reservezeuge«.

Er wurde tatsächlich nicht gebraucht, denn damals ahnte ja niemand, daß viele Jahre später die ausschweifende Phantasie eines Journalisten aus Neumanns Kurzstreckenlauf zur Polizei am Brandenburger Tor eine neue Reichstagsbrand-Legende und aus ihm selbst »einen Mann namens Waschinsky« machen würde.

Unerläßlich für die kommunistische Waschinsky-Legende war die Existenz des unterirdischen Ganges. Das Stichwort freilich, van der Lubbes Helfershelfer könnten diesen Gang benutzt haben, kam nicht von den Kommunisten, sondern von dem Reichstagspräsidenten Hermann Göring.

Schon im September 1932, also vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten, war die Polizei durch die Falschmeldung alarmiert worden, es sei ein Sprengstoffattentat auf den Reichstag geplant. Die Sprengladung sei irgendwo im Keller des Gebäudes versteckt. Offenbar hätten die Attentäter den unterirdischen Gang benutzt.

Die politische Polizei untersuchte den Gang mit großer Sorgfalt. Wenige Jahre zuvor nämlich, am 1. September 1929, war tatsächlich ein Sprengkörper im Reichstag explodiert: Rechtsradikalisten hatten eine Bombe in den Luftschacht eines Kellerfensters manövriert. Der Schaden war zwar gering gewesen, dennoch erinnerten sich die Angestellten des Reichstags noch an das Attentat. Der Gang mußte seitdem von den Nachtpförtnern mehrmals kontrolliert werden.

Am Abend des 27. Februar 1933 kam Göring gegen 21 Uhr 35 am brennenden Reichstag an, wenige Minuten nachdem Pförtner Paul Adermann vom Reichstagspräsidenten-Palais aus Görings Sekretärin, Fräulein Grundtmann, alarmiert hatte. Nach den ersten Meldungen der Polizeioffiziere und des Berliner Oberbranddirektors Gempp war es für Göring ausgemacht, daß Kommunisten den Brand gelegt hatten. Da sich aber außer van der Lubbe kein weiterer Täter fand, obwohl das Reichstagsgebäude abgesperrt und jeder Winkel eifrig abgesucht worden war, stand Göring vor einem Rätsel. Wo waren die anderen Brandstifter geblieben? Im Hause waren sie nicht Herausgekommen waren sie auch nicht.

In diesem Augenblick muß Göring der Heizungsgang eingefallen sein. Schon 1932

hatte man ja doch die Kommunisten im Verdacht gehabt und - entgegen parlamentarischem Brauch - sogar ihre Fraktionsräume durchsucht. In seiner Vernehmung vor dem Reichsgericht am 4. November 1933 schilderte Göring seine Gedankengänge am Brandabend so:

»Ich hatte vor, van der Lubbe in der Nacht sofort aufzuhängen. Wenn ich es nicht getan habe, so nur aus dem Grund, weil ich mir sagte: Wir haben nur den einen, aber es muß eine ganze Schar gewesen sein. Vielleicht brauche ich den Mann noch als Zeugen.«

In der Tat wäre es von Göring ja sehr unklug gewesen, van der Lubbe sofort hinrichten zu lassen, denn dann hätte ihm jedermann vorwerfen können, er habe einen unbequemen Mitwisser aus dem Wege geschafft.

Görings Vermutung, kommunistische Brandstifter hätten den unterirdischen Gang benutzt, wurde zur Gewißheit, als der Garderobier Robert Kohls die Kommunisten Torgler und Koenen als die Personen bezeichnete, die das Haus als letzte verlassen hatten Göring vor dem Reichsgericht: »Der Ausländer (van der Lubbe) hat den Ausgang nicht gekannt. Er ist umhergelaufen wie ein wilder Igel. Die anderen sind längst entschlüpft. Meiner Überzeugung nach haben sie den unterirdischen Gang benutzt. Der führt hinten zum Maschinenhaus hinaus. Es ist eine Leichtigkeit, von dort über die Mauer zum Spree-Ufer zu kommen.«

Noch in der Brandnacht ordnete Göring die Durchsuchung des unterirdischen Gangs an. Er gab den Befehl an seinen Adjutanten, Hauptmann Jakoby, der wiederum Görings SS-Leibwächter und Kraftfahrer Walter Weber mit der Durchsuchung beauftragte. Mit einer Bedeckung von drei wahllos beorderten Schutzpolizisten begab sich Weber zum Präsidenten-Palais. Die Schupo-Begleitung beruhigte die Portiersfrau, die - ohne weiter zu fragen - die Schlüssel zum Gang aushändigte.

Die vier betraten den ominösen Gang. Weber wandte sich in Richtung Reichstagskeller. Er fand dort die Tür ordnungsgemäß verschlossen und traf auf dem Rückweg mit den Polizisten zusammen, die den Teil des Ganges in Richtung Maschinenhaus durchforscht hatten. Sie hatten auch am dortigen Ausgang die Tür verschlossen vorgefunden. Nach sieben bis acht Minuten trafen sie wieder beim Pförtner im Präsidenten-Palais ein.

Wenn Göring den Reichstag tatsächlich angesteckt hatte und andererseits die Kommunisten verdächtigen wollte, durch den einzig möglichen Weg gekommen und entwischt zu sein, hätten er oder seine Helfershelfer doch wenigstens die Türen offengelassen, statt sie wieder sorgfältig zu verschließen. Was man aber aufgrund seiner Anweisung feststellte, war praktisch die Widerlegung seiner eigenen These.

In der Anklageschrift hieß es denn auch: »Jedenfalls steht durch die Aussagen des Zeugen Adermann sowie der beiden anderen Pförtner des Präsidentenhauses, Müller und Wutstrack, völlig einwandfrei fest, daß vom Präsidentenhaus aus irgendwelche Mittäter des Angeschuldigten van der Lubbe auf keinen Fall durch den unterirdischen Gang in das Reichstagsgebäude hinein oder auf diesem Wege nach der Tat

wieder hinausgelangt sein können. Ebenso erscheint es außerordentlich unwahrscheinlich, daß von dem Kesselhaus, also dem Grundstück Reichstagsufer 5, am Brandtage jemand unbefugt in das Reichstagsgebäude eingedrungen sein könnte. Denn von keiner Seite ist in dieser Beziehung irgendwie etwas Auffälliges wahrgenommen worden.

»Daß es einem Mittäter des Angeschuldigten van der Lubbe am Abend des Brandtages gelungen sein sollte, auf diese Weise durch den unterirdischen Gang aus dem Reichstagsgebäude ungesehen zu entkommen, ist gleichfalls nicht anzunehmen. Denn wie festgestellt ist, waren zur Zeit des Brandes sämtliche Türen des Ganges fest verschlossen. Unmittelbar nach der Brandstiftung ist der Gang von dem Zeugen Weber zusammen mit drei Schutzpolizeibeamten kontrolliert worden.

»Auch bei dieser Kontrolle sind die Türen, die den unterirdischen Gang nach dem Reichstagsgebäude und dem Präsidentenhaus abschließen, fest verschlossen vorgefunden worden. Die Reichstagsbrandstifter hätten also, abgesehen davon, daß sie in diesem Fall über ganz genaue Ortskenntnisse hätten verfügen müssen, sämtliche Türen aufschließen und hinter sich wieder ordnungsgemäß abschließen müssen. Dies muß aber nach den ganzen Umständen als ausgeschlossen angesehen werden.

»Nach alledem wäre also an sich die Schlußfolgerung berechtigt, daß das Entkommen eines Mittäters aus dem Reichstagsgebäude nach neun Uhr abends weder durch eines der fünf Portale noch durch den unterirdischen Verbindungsgang möglich gewesen ist.«

Dieser Gedankengang war logisch, richtete sich aber gegen die These Görings, dem nach der Expedition Webers und der drei Polizisten nur die Lösung offenblieb: Die Brandstifter müssen über Schlüssel verfügt haben, um den vierfach verschlossenen Gang benutzen zu können.

Die Täter konnten sich Nachschlüssel verschafft oder sogar die normalen Schlüssel benutzt haben. Auf jeden Fall mußten sie von Angehörigen des Reichstagspersonals unterstützt worden sein. Das allein blieb als Ausweg übrig, wenn die Nazi-These von den kommunistischen Mittätern Lubbes aufrechterhalten werden sollte.

Um diesem auch in den Vernehmungsprotokollen ausgesprochenen Verdacht zu begegnen, jemand von ihnen habe den kommunistischen Brandstiftern geholfen, waren die Angestellten des Reichstags eifrig bemüht, zur Aufklärung der Tat etwas beizutragen. Nicht ein einziger von ihnen war ja seit der Machtübernahme Hitlers entlassen oder ausgewechselt worden. Kein Wunder, daß die mißtrauischen neuen Herren sie in den Personenkreis der Verdächtigen einbezogen. Ein halbes Dutzend der im Maschinenhaus und in der Heizzentrale Beschäftigten wurde denn auch wegen »marxistischer Einstellung« am 1. März vom Dienst abgelöst.

Douglas Reed, der Korrespondent der Londoner »Times«, schreibt in seinem Buch »The Burning of the Reichstag« über die Reichstagsangestellten: Der Durchschnitts-Laie malt sich vielleicht das Reichstagsgebäude als eine große Halle aus, die zwischen den Sitzungstagen menschenleer, frostig und düster ist. Er hat jedoch keine Vorstellung von der Kompliziertheit eines solchen Gebäudes mit seiner riesigen Maschinerie für Heizung, Beleuchtung und Entlüftung und keine Ahnung vom Umfang des menschlichen Gemeinwesens, das darin ständige Beschäftigung findet. Er weiß nichts von den kleinen Reibereien, den Nebenbuhlerschaften und Streitigkeiten, die darin eine Rolle spielen.

»Mehr als einmal während des Prozesses konnten Beobachter dieses menschliche Element beim Studium der vielen Reichstagsbediensteten, die ihre Aussagen machten, wahrnehmen. Es gab schweigsame Zeugen, die mehr gewußt haben mögen, als sie sagten. Es gab zungenfertige Zeugen, deren Art erkennen ließ, daß sie mehr sagten, als sie in Wirklichkeit wußten.«

Ein solcher zungenfertiger Zeuge war Paul Adermann, der Nachtpförtner im Reichstagspräsidenten-Palais. Er war es nämlich, der durch seine Angaben vor dem Untersuchungsrichter und später vor Gericht Kopfschütteln bei seinen Kollegen, bei den Kommunisten im Ausland aber lärmenden Triumph hervorrief, denn er sagte aus, er habe vor dem Brand mehrfach Schritte in dem unterirdischen Gang gehört.

Zwischen dem Senatspräsidenten Bünger und Adermann entspann sich in der Verhandlung am 18. Oktober 1933 folgender Dialog:

BÜNGER: Sie haben früher einmal nachts Schritte im Gang gehört?

ADERMANN: Ja, das war mehrmals zwischen elf und ein Uhr nachts, das letzte Mal etwa zehn Tage vor dem Brand. Das war eine Person, und ich nahm an, daß jemand kontrollieren wollte, ob wir nicht etwa schlafen. (Tatsächlich war ein Nachtpförtner entlassen worden, weil er im Dienst geschlafen hatte.)

BÜNGER: An sich würden Sie - wenn der Brand nicht gewesen wäre - dabei nichts gefunden haben?

ADERMANN: Nein, gar nichts.

Adermann begründete diese Auffassung auch recht einleuchtend, indem er anführte, daß etwaige Bösewichter ja sicherlich nicht so deutlich hörbar und herzhaft, aufgetreten, sondern vermutlich leise geschlichen wären.

Immerhin hatte Adermann vor dem Brand seinem Vorgesetzten, dem Hausinspektor Scranowitz, von den »Schritten im unterirdischen Gang« berichtet. Der wies ihn an, gut aufzupassen, wenn er wieder etwas hören sollte. Das Aufpassen betrieb Adermann auf recht komplizierte Weise: Er klebte auf die rote Tür zum Maschinenhaus einen roten, auf die schwarze zum Reichstag einen schwarzen Papierstreifen. Außerdem spannte er Fäden über die Türspalten und legte Klötzchen unter die Laufplatten.

Einige seiner so aufschlußreichen Erlebnisse hatte Paul Adermann bereits bei der Kriminalpolizei zum besten gegeben. Am 3. März hatte er ausgesagt: »Ungefähr drei bis vier Wochen vor dem Brande wurde in der Nacht so zwischen 21.30 Uhr bis ein Uhr hinten im Beamtenhaus stark geklopft. Es hörte sich mitunter so an, als wenn jemand mit einer Ramme auf das Pflaster schlägt.«

Wurde da etwa ein unterirdischer Stollen vorgetrieben? Der Obermaschinenmeister Eugen Mutzka gab der Polizei am nächsten Tage, am 4. März, die folgende Aufklärung: »Die Erzählungen über die starken Klopfgeräusche sind stark aufgebauscht. Die Klopfgeräusche stammen aus der Wohnung des Botenmeisters Prodöhl. Prodöhl besitzt einen erwachsenen Sohn, der geistig etwas beschränkt sein soll, welcher in den Abendstunden wiederholt mit Händen und Füßen auf den Tisch in seiner Stube getrommelt hat.«

Die Kriminalpolizei tat daraufhin Adermanns Bekundungen in ihrem Protokoll mit den Sätzen ab: »Die ganze Klopftonangelegenheit wird diesseits als erledigt betrachtet, da sie nach Lage der Sache mit dem Brand im Reichstagsgebäude in keinen verständlichen Zusammenhang gebracht werden kann. Es hat sich bei den Ermittlungen auch kein Anhalt dafür ergeben, daß die angeblichen Beobachtungen mit einer anderen, etwa geplanten strafbaren Handlung Zusammenhang gehabt haben.«

Es war nämlich ein offenes Geheimnis

- und Adermann selbst mußte es vor Gericht zugeben -, daß der Gang »aus Bequemlichkeitsgründen sehr oft von technischen Reichstagsangestellten benutzt worden ist«. Das sollten sie zwar nicht. Aber sie taten es. Allein aus dieser Tatsache erklärt sich die Sherlock-Holmes -Rolle Adermanns vor Gericht. Er wußte genau, daß da keine gefährlichen Leute herumgeisterten; deshalb machte er seine Mätzchen, um Material für seine Wichtigtuerei zu haben.

Der Obermaschinenmeister Eugen Mutzka bestätigte auf Befragen des Oberreichsanwalts in seiner Vernehmung vom 16. Oktober 1933, daß »die Heizungsleute unten frei verkehren konnten«.

OBERREICHSANWALT: »Auch durch den unterirdischen Gang?«

MUTZKA: »Ja, auch durch den unterirdischen Gang!«

So erklärten sich die nächtlichen Schritte recht einfach: Einer der Heizungsleute benutzte hin und wieder den Gang aus Gründen der Bequemlichkeit.

Douglas Reed von der »Times« traut dem »üblen Schwätzer« Paul Adermann durchaus zu, von den Brandstiftern bestochen gewesen zu sein. Denn es war zwar möglich, mit Hilfe von Nachschlüsseln durch das unbewachte Maschinenhaus in den unterirdischen Gang zu gelangen; dann aber

mußten die Brandstifter den Gang direkt unter der Pförtnerloge des Präsidentenpalais passieren. Und der Tunnel war mit losen Metallplatten ausgelegt, die - wie Douglas Reed selber wahrnehmen konnte - »ein Getöse verursachten, das vom Pförtner gehört werden mußte«.

Douglas Reed hatte Gelegenheit gehabt, den Gang bei einer vom Reichsgericht angeordneten Besichtigung genau zu untersuchen; er schilderte die Besichtigung wie folgt: »Die Richter, der Oberreichsanwalt und seine Mitarbeiter, die Verteidiger - sie alle legten ihre Roben ab und machten sich auf den Weg in den Keller. Die fünf Angeklagten, die entsprechenden Zeugen und die Vertreter der internationalen Presse folgten ... Der Gang bestand aus Ziegeln, der Boden aus losen Metallplatten, und es gab ein furchtbares Geklapper, als etwa sechzig Zeitungsleute hindurchmarschierten.«

Die Kommunisten hatten von diesen Metallplatten zu ihrem Leidwesen keine Ahnung gehabt und sie im Braunbuch überhaupt nicht erwähnt. Sie versuchten später, die Sache gutzumachen, und erfanden nach dem 30. Juni 1934 den sogenannten »Brief des SA-Gruppenführers Karl Ernst an SA-Obergruppenführer Edmund Heines«, der vom Pariser Münzenberg-Verlag im »Weißbuch über die Erschießungen vom 30. Juni 1934« veröffentlicht wurde.

In diesem plump fingierten Brief gesteht Karl Ernst, der nach dem Röhm-Putsch erschossen wurde, er sei der »Hauptbrandstifter«

gewesen. Ernst. »Ich habe mit Helldorf den unterirdischen Gang dreimal begangen, um mich genau zu orientieren. Außerdem hat mir Göring den Grundriß gegeben, sowie die Diensteinteilung der Beamten...«

Die mittlerweile aus den Prozeßberichten bekanntgewordene Geräuschkulisse der tückischen Platten wird in dem Bericht Ernsts geschickt neutralisiert: »Wir hatten Gummischuhe über die Schuhe gezogen, so daß wir uns fast unhörbar bewegen konnten.«

Weiter wird in den »Ernst-Brief« folgende aufregende Geschichte eingeblendet: »Bei einem Besuch im unterirdischen Gang wären wir beinahe erwischt worden. Der Wächter, der vielleicht unsere Schritte gehört hatte, machte einen außerordentlichen Kontrollgang.«

In Ernsts angeblichem Brief an Heines heißt es weiter: »Wir verbargen uns in einer toten Abzweigung, die der Wächter zu seinem Glück nicht untersuchte. Sonst wäre er heute nicht mehr am Leben.«

Das klingt zweifellos ganz SA-mäßig. Nur hat sich zum Unglück für die Fälscher ein peinlicher Fehler eingeschlichen: Die »tote Abzweigung«, von der es an anderer Stelle sogar heißt, daß »zwei Tage vor der Tat in diesem Nebengang das Brandmaterial deponiert« wurde, bestand nur in der Phantasie. Es gab keine »tote Abzweigung«.

Wie die Waschinsky-Legende, so geistert auch dieser so miserabel gefälschte »Ernst -Brief« durch nahezu alle Reichstagsbrand -Publikationen der letzten Jahre. Er wird unbekümmert als »zeitgeschichtliches Dokument« bemüht, obgleich selbst der sonst so leichtgläubige Dr. Wolff - der den Brief im Anhang zu seinem Forschungsbericht veröffentlicht - empfiehlt, ihn »nur mit äußerster Vorsicht zu benutzen«.

* Der Name wird in den verschiedenen Publikationen bald mit i, bald mit y geschrieben.

* Hans Otto Meißner und Harry Wilde: »Die Machtergreifung«; J. G. Cotta'sche Buchandlung Nachf., Stuttgart; 1958

* Karl Ernst wurde im März 1933 SA-Gruppenführer. Er wird in den verschiedenen Darstellungen abwechselnd als Brigadeführer, Oberführer oder Gruppenführer bezeichnet.

* Hans Bernd Gisevius: »Bis zum bittern Ende«; Fretz & Wasmuth Verlag A. G., Zürich; 1946.

* In Wirklichkeit waren inzwischen 25 Minuten vergangen.

Dimitroff vor Gericht: »Wo ist der Mephisto?«

Reichstagsbrand-Spezialist Gisevius

Ein SA-Mann in Paris...

Reichstagsbrand-Spezialist Schulze-Wilde

... plauderte aus der Schule

SA-Führer Ernst, Braut (1934)**: »Nich in die Tüte...

SA.-Führer Helldorf

... det mach'n wa alleene!«

Angeklagter Torgler (3. v. r.), Mithäftlinge*: Durch den Tunnel an die Spree?

Polizeichef Göring

Auf welchem Weg entkamen ...

Propagandachef Goebbels

... die Helfershelfer?

Hellseher Hanussen, Freundinnen: Steckt die Bude an!

SPD-Innenminister Severing (1932)

Die Verhaftungslisten ...

... lagen bereit: Der Reichstag nach dem Brand

Besichtigung des unterirdischen Gangs zum Reichstag: Die schwarze Tür war abgeschlossen

** Hinter dem Brautpaar: Luftfahrtminister Göring und SA-Stabschef Röhm.

* Rechts neben Torgler der spätere Friedensnobelpreisträger Carl v. Ossietzky und der Schriftsteller Ludwig Renn. Die drei Häftlinge wurden der ausländischen Presse von Gestapo -Chef Diels (3. v. l.) vorgeführt.

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